Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Die Supermütter

Frauen unter Perfektionszwang Die Supermütter

Die Mütter von heute wollen alles: Erfolg in der Erziehung und im Beruf. Doch irgendwo zwischen Kind und Karriere, Yogastunde und Partnerschaft scheitern sie an überhöhten Idealen. Viele von ihnen sind nur noch erschöpft. Muss das alles sein? Ein Plädoyer für ein entspannteres Rollenverständnis.

Voriger Artikel
Abitur ist Pflicht
Nächster Artikel
Schöner wohnen in der Krise

Liebevoll, ambitioniert und immer gut gestylt, egal ob beim Kuchenbacken, auf dem Elternabend oder im Meeting: Mütter von heute wollen – und sollen – alles sein.

Quelle: iStock

Es nicht leicht, eine entspannte Mutter zu sein. Den eigenen Ansprüchen und denen der Gesellschaft zu genügen – und das, obwohl nun schon seit mehreren Jahrzehnten ausgehandelt wird, was Mutterschaft eigentlich ausmacht und unter welchen Voraussetzungen Mütter am Berufsleben teilnehmen können. Die Debatte hatte durchaus positive Ergebnisse: Sie hat uns das Elterngeld beschert, den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz sowie das Recht auf Teilzeit.

Am Sonntag ist Muttertag, und in vielen Familien bedanken sich Jungen und Mädchen bei den Frauen, die sie großziehen. Auch die Väter laufen in den Blumenladen, um vielleicht mit einem Arm voller Rosen nach Hause zu kommen. Viele Mütter werden sich freuen und vielleicht wirklich mal einen Tag ausspannen. Aber manche von ihnen wird sich seufzend fragen: "Könnte nicht alle Tage Muttertag sein?"

Denn an den grundsätzlichen Problemen hat sich trotz aller Debatten in der jüngsten Vergangenheit herzlich wenig geändert. Immer noch ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie schwierig, immer noch ducken sich die meisten Männer vor der Arbeit im Haushalt weg. Da können auch die Vollbart tragenden Väter, die den Kinderwagen durch Berlin-Prenzlauer Berg schieben, nicht drüber hinwegtäuschen.

Jonglieren mit Job, Kind und Haushalt

Bei einer Studie der Ruhr-Uni Bochum gaben die meisten Frauen an, wesentlich häufiger Hausarbeit zu erledigen als ihre Männer. Einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach zufolge übernehmen lediglich 27 Prozent der Männer etwa die Hälfte der Familienarbeit.

Selbst in Partnerschaften, in denen beide Partner Vollzeit arbeiten, leisten die Frauen das Gros der Haushaltsarbeit. Und so jonglieren viele Mütter täglich mit den drei Aufgabenfeldern Job, Kind und Haushalt. Ist es da ein Wunder, dass die Zahl der beim Müttergenesungswerk nachgefragten Kuren stetig steigt?

Dennoch ist es ein Tabuthema darüber zu sprechen, dass Mutterschaft nicht automatisch nur Glück und Zufriedenheit bedeutet. Das Buch "Regretting Motherhood" der israelischen Soziologin Orna Donath wurde in keinem Land so heftig diskutiert wie in Deutschland. Dass es Frauen gibt, die ihre Mutterschaft explizit bereuen, die sagen "Ich würde das nicht noch einmal machen", schien einfach zu ungeheuerlich.

Leiden unter dem Muttermythos

Doch die deutsche Soziologin Christina Mundlos fand auch hierzulande Frauen, die nicht noch einmal Kinder in die Welt setzen würden. Darunter sind Frauen, die sich durch die Gesellschaft gedrängt gefühlt hatten, Mutter zu werden, und auch Frauen, die unter der gesellschaftlichen Idealvorstellung der Supermutter leiden. Mundlos schreibt: „Beide Gruppen leiden unter diesem Muttermythos, der sich hartnäckig hält: dass alle Frauen Mütter werden sollen und wollen – und dass Mutter werden glücklich macht.“

Paradox: Es sind die Frauen selbst, die den Mythos der Supermutter nähren. In Blogbeiträgen und Büchern erklären sie sich gegenseitig, was eine gute Mutter ausmacht. Auf Elternabenden oder in der Supermarktschlange belauern sie einander. Ums Stillen wird beispielsweise ein regelrechter Kult veranstaltet. Und manche Frau, die die empfohlene Stillzeit von sechs Monaten nicht durchhält oder vielleicht gar nicht stillen kann, sitzt dann schon mal heulend zu Hause.

Aber die größten Probleme fangen dann an, wenn Mütter sich entscheiden, wieder ins Berufsleben einzusteigen. In vielen westdeutschen Bundesländern ist es immer noch schwierig, einen Krippen- oder Kindergartenplatz zu finden. Zudem sind die Öffnungszeiten auf den klassischen Halbtagsjob ausgerichtet.

Konservative Lebensmodelle sind en vogue

Im Osten der Republik ist die Versorgung besser und auch die Haltung, sein Kind in die Krippe zu geben, entspannter. Dies ist auch 25 Jahre nach der Wende ein Erbe der DDR, in der die Teilhabe von Frauen am Berufsleben wirtschaftlich gewollt war. Auffällig auch: Während in Westdeutschland jede dritte Frau lediglich bis zu 20 Stunden arbeitet, trifft dies nur auf jede sechste Frau in den neuen Bundesländern zu.

Deutschlandweit ist die Zahl der erwerbstätigen Frauen stetig gestiegen, prozentual arbeiten heutzutage jedoch mehr Frauen in Teilzeit als noch vor 15 Jahren. Dies liegt zwar häufig daran, dass viele Männer immer noch besser bezahlte Jobs ausüben. Doch manches Teilzeitmodell wurde von Müttern ganz bewusst und freiwillig gewählt. Vollzeit arbeitende Mütter gelten als Exotinnen. Hinzu kommt, dass konservative Lebensmodelle wieder en vogue zu sein scheinen.

Im "Spiegel" bekannten jüngst Frauen, die zuvor gut bezahlte Jobs hatten, dass sie sich nach der Geburt ihrer Kinder voll und ganz auf diese konzentrieren wollen. Die Schriftstellerin und vierfache Mutter Alina Bronsky behauptet gar, "sich Hausfrau zu nennen, hat etwas Revolutionäres". Für Frauen, die schon aus finanziellen Gründen arbeiten gehen müssen, oder Alleinerziehende, die kaum noch Zeit für sich haben, muss das wie Hohn klingen.

Streben nach dem Idealbild

Ob nun aber berufstätige Mutter oder Hausfrau: Beide wollen Idealbildern entsprechen. So möchte die "Nur-Mutter" keinesfalls in den Verdacht geraten, sie würde nur Latte Macchiato trinkend am Sandkasten sitzen.

Sie kocht den Babybrei selbst, überschlägt sich bei der Organisation des Kindergeburtstages mit dreifach geschichteter Torte und komplizierter Schatzsuche. Sie steht in der Schule selbstverständlich als Elternsprecherin zur Verfügung, organisiert mehrstündige Klassenfeste und postet Fotos von der immer aufgeräumten Altbauwohnung auf Instagram.

Die berufstätige Mutter wiederum will aus der knapper bemessenen Zeit, die sie mit ihrem Kind verbringt, das Maximale herausholen, versucht noch schnell nach der Arbeit zum Eltern-Kind-Turnen zu hetzen, Vokabeln abzuhören oder mit dem Kind ins Theater zu eilen.

Ehrgeiz und zu viel Druck

Nach der Geburt wieder gertenschlank, trendy gekleidet und schon morgens um 8.30 Uhr geschminkt sind selbstverständlich beide Typen von Mutter. Ein kürzlich erschienener "Mama-Styleguide" erklärt den Hut zum unverzichtbaren Accessoire, auch Zeitschriften wie "Nido" lassen Mütter gern lässig und modisch erscheinen, auch wenn die Haare fürs Foto verzottelt worden sind.

Unsere Großmütter, Urgroß- und Ururgroßmütter würden über all das nur den Kopf schütteln. Niemals standen Kinder so sehr im Mittelpunkt wie heute. In reicheren Familien war es in früheren Generationen üblich, Kindermädchen zu beschäftigen – und bei ärmeren Familien mussten Mütter stets mit anfassen, ob auf dem Hof oder im familieneigenen Betrieb.

Von Rabenmüttern aber war nicht die Rede und in einer Zeit ohne Waschmaschine erst recht nicht von einem zu bejubelnden Dasein als Hausfrau. Erst seitdem Frauen frei entscheiden können, ob und wie viele Kinder sie bekommen können, ist ein ehrgeiziges Modell von Mutterschaft entstanden, eines durch das sich viele Frauen unnötig unter Druck setzen.

Nicht nur die Politik ist schuld

An der derzeitigen Gemengelage ist also nicht nur die Politik schuld – auch wenn sie selbstverständlich noch mehr tun muss, um Vätern eine größere Beteiligung an Familie und Haushalt zu ermöglichen. Bis es so weit ist, sollten Mütter auch mal loslassen, einen Gang runterschalten, Kinder und schmutzige Wäsche einfach mal dem Vater in die Hand drücken. Es ist auch nicht schlimm, wenn die Wohnung nicht wie im Werbespot blitzt und blinkt.

Jüngst rief die Familienbloggerin Janina Hilkert dazu auf, reale Bilder von Küchen zu posten. Herrlich viele vollgekleckerte und zugekramte Küchen sind darauf zu sehen! Auch in der Erziehung ist weniger manchmal mehr. Es ist schon in Ordnung, mit seinem Kind einfach mal nur ein Eis essen zu gehen statt ins klassische Konzert. Gern auch ohne Hut.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema
Von Redakteur Christiane Eickmann