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Die stille Sehnsucht nach Berührung

Massageland Deutschland Die stille Sehnsucht nach Berührung

Kneten, klopfen, kneifen: Deutschland ist Massageland. Eine medizinische Methode wird zum Trend, eine Therapie zum Lifestyle. Auch, weil immer mehr Menschen Streicheleinheiten in ihrem Alltag vermissen. Zu Besuch in einer Branche, die von heilsamer Nähe lebt.

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Eine Hot-Stone-Massage bringt Entspannung in die Muskulatur rund um die Wirbelsäule.

Quelle: dpa

Hannover. Jasper ist eher der schmächtige Typ. Müsste da jetzt nicht so ein muskelbepackter Bär stehen, mit kräftigen Händen und üppigen Bizepsen? Der junge Physiotherapeut dimmt das Licht, drückt am CD-Spieler auf „Play“, und ein wohltuender Mix aus Harfenklängen, Walgesängen und Panflötenspiel erfüllt den Raum. Es riecht nach frisch gewaschenem Handtuch, Vanille-Duftkerzen und Mandelöl. Durch das Gesichtsloch der Massagebank sind sauber geschrubbte Fliesen zu sehen – und Jaspers abgenutzte Birkenstock-Sandalen.

Auf dem Programm steht der Klassiker: eine halbe Stunde Rückenmassage, die am häufigsten gebuchte Wellnessanwendung der Welt. Dann geht es los: Jaspers Handflächen streichen in großen Kreisen über den Rücken. Seine Daumen fahren an den Schulterblättern entlang. Die Fäuste arbeiten sich an der Wirbelsäule hoch und wieder hinunter. Jasper greift und gräbt, er rubbelt und reibt, er modelliert – mit erstaunlich viel Kraft, aber zugleich auch Feinfühligkeit. Während Jasper schweigt, entfährt seinem Patienten öfter mal ein Stöhnen, mal vor Wohlbehagen, mal vor Schmerz. Und Jasper ist ganz Ohr: „Alles okay?“, fragt er. Dabei haben seine Hände längst alles erspürt.

Auf der Wellnesswelle ist die Massage sozusagen die Schaumkrone. Sie ist beliebter denn je, jeder zweite Deutsche hat sich schon einmal eine gegönnt, fast 10 Prozent buchen sie regelmäßig. Dabei ist die Methode jahrtausendealt: Schon die Gladiatoren im alten Rom kannten das Wort Regeneration. Hauen, Stechen, Ringen, Beißen, im Kampf auf Leben und Tod ging es nicht eben zimperlich zu. Wer die Arena lebend verlassen wollte, musste vollen Körpereinsatz fahren, Beulen, Brüche, Blutergüsse inklusive. Aber für den Sieger gab es nicht bloß Geld und Ruhm, sondern auch das, was heute der Inbegriff von Wellness ist: eine Massage.

Ob Schokolade oder heiße Steine, wenn Wärme ins Spiel kommt, wird die Massage zur wohligen Wellnessbehandlung.

Quelle: iStockphoto

Inzwischen kämpfen wir nicht mehr ums nackte Überleben, aber die Gefechte des Alltags fordern auch ihren Tribut. Hektik, Druck, Überlastung und Verdruss sind an der Tagesordnung, dröhnende Kopfschmerzen, steinharte Schulter-Nacken-Partien, blockierte Wirbel sind nicht selten die Folge. Massagen sollen Abhilfe schaffen. In erster Linie durch Entspannung.

„Viele unserer gestressten Mitbürger buchen eine Massage, um abzuschalten, um sich runterzufahren, weg vom Handy, weg von Terminnöten, weg von Alltagsängsten“, erklärt Frank Quast vom Verband Physikalische Therapie (VPT) in Hamburg. „Die Massage ist ein Zufluchtsort.“ Allerdings eher in psychischer als in physischer Hinsicht – das haben auch die Krankenkassen längst erkannt. „Massagen bekämpfen Symptome, keine Ursachen“, räumt Quast ein. Daher ist diese Therapieform bei Ärzten und Kassen in Ungnade gefallen. Ausgerechnet das, was die Patienten am meisten an ihr schätzen – man muss nichts tun, wird aber mit gesteigertem Wohlbefinden belohnt – wurde ihr zum Verhängnis. „Die Massage ist eine passive Maßnahme und deshalb für viele Ärzte nicht mehr die Therapie der Wahl“, erklärt Quast. Heute schwöre man auf Prävention, und das sei immer etwas Aktives. Faul daliegen und sich durchkneten lassen, entspricht da nicht gerade dem Ideal. Folglich hagelt es Rezepte für Krankengymnastik, die Verordnungszahl für Massagen hingegen sinkt.

Mit sanftem Druck: Auch die Massage mit heißen Stempeln ist ein Highlight im Wellnessgeschäft.

Quelle: Deutscher Wellnessverband

Im Gegenzug steigt die Zahl der privat bezahlten Massagen rasant. „In erster Linie liegt das am allgemein immer größer werdenden Wunsch, sich verwöhnen zu lassen“, erklärt Diplompsychologe Lutz Hertel. Für den Vorsitzenden des Deutschen Wellness Verbandes ist die Motivlage der Massagekunden klar erkennbar: Die Menschen träumten davon, ohne Mühe ihr Wohlbefinden zu steigern. „Vor allem aber bietet eine Massage das, wonach sich das Gros unserer Gesellschaft meist vergeblich sehnt: Streicheleinheiten.“ Jeder Mensch, so sagt Hertel, habe das Bedürfnis, berührt zu werden, Aufmerksamkeit geschenkt zu bekommen, im Mittelpunkt zu stehen. Doch diese Sehnsucht nach Berührung und Zuwendung werde heutzutage viel zu wenig befriedigt. „Unser Alltag ist so sehr geprägt vom Beschäftigtsein, dass das vertraute Miteinander, das Liebhaben und Liebkosen keinen Platz mehr finden“, sagt der Experte. Weitgehend ungeübt seien viele Bewohner der westlichen Welt in der Fähigkeit, jemanden ohne erotische Absichten zu streicheln und zu massieren, ihm einfach etwas Gutes zu tun und sein Wohlbefinden zu steigern. „Berührung“, resümiert Hertel, „ist kein Teil unserer Lebenskultur.“

Dabei wäre es beinahe anders gekommen. Schon vor fast 5000 Jahren zählten Massagen zum Repertoire von Heilern: Die alten Ägypter, Chinesen und Inder wussten lange vor Christi Geburt um die positive Wirkung der mechanischen Beeinflussung von Haut, Gewebe und Muskulatur. Der griechische Arzt Hippokrates (etwa 460 bis 370 v. Chr.) machte die Massage in Europa populär – und zwar nicht nur unter den Gladiatoren des Römischen Reiches. Spätestens im Mittelalter allerdings sank das Faible für Massagen in unseren Breitengraden deutlich, von einzelnen Verfechtern wie dem Alchemisten Paracelsus mal abgesehen.

Erst im 19. Jahrhundert kam die Massage hierzulande wieder in Mode – und dieser Trend kam nicht mehr aus dem Süden, sondern vom Norden. Der Schwede Pehr Henrik Ling, ursprünglich Dichter und Fechtlehrer, gründete 1813 in Stockholm sein „Zentralinstitut für Heilgymnastik und Massage“. „Ling war der Erste, der die Gewebetechniken systematisierte“, sagt Physiotherapeut Quast. Und Ling war es auch, der den einzelnen Handgriffen Namen gab: Reiben, Drücken, Walken, Hacken und Kneifen. Wer einmal auf einer Massagebank lag, wird wissen, was gemeint ist. 

Eine zupackende Persönlichkeit: Wo Thai-Masseurin Goy hinlangt, haben Verspannungen keine Chance mehr.

Quelle: Agnieszka Krus

Heutzutage wird die Dienstleistung an jeder Ecke feilgeboten. In Fußgängerzonen, Messehallen, an Bahnhöfen, Flughäfen, Strandpromenaden und Rastplätzen, in Unternehmenszentralen, Privatwohnungen sowie Sportvereinen lassen sich zahlungswillige Entspannungshungrige durchkneten. Jede Woche sprießt irgendwo in Deutschland ein neuer Massageladen aus dem Boden, 200 000 bis 300 000 sollen es inzwischen sein. Aber die Dunkelziffer ist hoch. „Ich vermute, es sind schon mehr als 500 000“, schätzt Quast. Regelmäßige Massagebesuche – sie gehören wie Maniküre, Putzfrau, Fitnessstudio-Mitgliedschaft und Autoinnenraumreinigung zum modernen Lifestyle dazu. Von der neuen Rolle als Statussymbol profitieren viele Anbieter, nicht aber die, die man als Erstes mit dem „Handwerk der goldenen Hände“ assoziiert: Masseure und medizinische Bademeister. „Ein aussterbender Beruf“, sagt Masseur Jasper knapp. Man komme kaum über die Runden. 2000 Euro brutto könne man verdienen, wenn es gut läuft – mit einer eigenen Massagepraxis oder angestellt in einer Klinik, ergänzt Frank Quast.

Jasper ist deshalb nicht der Einzige, der sich für die Ausbildung zum Physiotherapeuten entschieden hat. Ansehen, Vergütung, Berufschancen sind hier deutlich höher. „Das führt dazu, dass wir pro Jahr bundesweit nur noch 600 Masseure und medizinische Bademeister ausbilden“, sagt Quast. Auch dazu, dass viele, wie der Experte selbst, zum „Doppelgänger“ wurden, indem sie auf die zweieinhalbjährige Ausbildung zum Masseur eine auf 18 Monate verkürzte Physiotherapieausbildung setzten.

Die Zahl der angehenden Physiotherapeuten liegt jährlich bei 22 000. Auch sie können massieren – aber Masseure können es besser, behauptet Quast. „In der Masseursausbildung spielt Gewebetechnik eine dreimal größere Rolle“, erklärt der 53-Jährige. Für einen gelernten Masseur sei es ein Leichtes, mit der Muskulatur seines Kunden zu spielen. Auch das sogenannte Palpieren, das Erfühlen und Ertasten von Verhärtungen und Verspannungen, beherrsche er. Effleurage, Friktion, Petrissage, Tapotement und Vibration: Es hört sich an wie Ballettfiguren, aber es handelt sich um die Prüfungsfächer für einen Masseur beim Staatsexamen. Denn Streichen (Effleurage), Reiben (Friktion), Kneten (Petrissage), Klopfen (Tapotement) und Erschüttern (Vibration) bilden die Basis einer jeden Massage. „Die Kunst besteht darin, aus diesen fünf Griffgruppen etwas Fließendes zu machen“, erläutert Quast.

Auf den Griff kommt es an: Ausgebildete Masseure wissen aus Erfahrung, wo sie Druck ausüben müssen – und wo es eher schädlich wäre.

Quelle: Agnieszka Krus

Eine Kunst, die man nicht an einem verlängerten Wochenende, im Fernlehrgang oder in einem Zwei-Wochen-Crashkursus lernen kann, da sind sich Profis einig. Trotzdem steigt die Zahl der privaten Seminaranbieter, die aus Laien in Windeseile wahre Wunderheiler machen wollen. „Allein in Deutschland gibt es einige Hundert solcher Massageschulen“, sagt Wellness-Verbandschef Hertel. Sieben Tage, sieben Techniken, ein Zertifikat und eine Rechnung über 179 Euro – Massieren lernen kann heute anscheinend jeder. Mit Massieren Geld verdienen ebenso, im Durchschnitt werden 1 bis 1,50 Euro pro Minute verlangt. „Die Tätigkeit ist nicht geschützt“, sagt Frank Quast. „Wir beobachten, dass viele Leute Massagen anbieten, die es nicht dürften, weil sie von Anatomie und Pathologie des Menschen keine oder zu wenig Ahnung haben“, ergänzt Experte Hertel. Dennoch steigt die Zahl der selbst ernannten Masseure, während die der staatlich anerkannten sinkt. Im ganzen Bundesgebiet gibt es gerade noch 2260 abrechnende medizinische Massagepraxen.

Aber wenn es nur exotisch genug klingt, fragen die Kunden offenbar nicht lange nach Zertifikaten und Kenntnissen. Und das Angebot ist vielfältiger denn je: Hot Stone, Schoko, Shiatsu, Business-Break-Massagen für die Mittagspause, Sportlermassagen in der Spielpause, Mutterglück-Massagen, After-Work-Massagen, Partnermassagen, mobile Massagen – für jede Lebenslage findet sich flugs ein Konzept. Es gibt Abstruses wie die Schlangenmassage, Teures wie die Lomi-Lomi-Massage, Kompliziertes wie die Fußreflexzonenmassage oder Berüchtigtes wie die Tantra-Massage.

Zu etwas zweifelhafter Berühmtheit hat es die Thai-Massage gebracht. Lange war das ein verkappter Ausdruck für sexuelle Dienstleistungen im Rotlichtmilieu. Inzwischen hat sich die 2500 Jahre alte Massagemethode aber rehabilitiert. Heute gelten die kleinen, illuster geschmückten Läden als seriöse Anlaufstelle. „Hier keine Erotikmassagen“, steht nicht selten draußen angeschlagen, um jedwedes Missverständnis zu vermeiden. „In den letzten zwei, drei Jahren ist die Zahl der Thai-Massage-Salons regelrecht explodiert“, sagt Lutz Hertel.

Die Sache mit dem Druckpunkt: Fußreflexzonenmassagen entfalten, wenn sie gut gemacht sind, eine erstaunliche Wirkung.

Quelle: Deutscher Wellnessverband

Wer einmal vor Goy in die Knie gegangen ist, ahnt den Grund. Goy ist eine drahtige kleine Thailänderin, wiegt nur 52 Kilogramm, verfügt aber über beeindruckende Kräfte. Bei der Nuad Phaen Boran, wie die Thai-Massage mit Originalnamen heißt, krabbelt sie auf ihrem „Opfer“ herum, sie kippt und wuchtet seinen Körper, knetet seine Muskeln, sie knubbelt, klopft, klatscht und kneift. Goy nimmt alles zu Hilfe, was sie hat: Hände, Füße, Ellbogen, Knie, Kopf. Als Thailänderin habe man das Massieren im Blut, erklärt Lynn Sakda, Goys Chefin. „Es wird uns von Generation zu Generation weitergegeben.“ Schon die Kinder massieren dort ihre verspannten Eltern, wenn sie abends von der Arbeit nach Hause kommen. Im Tempel lernen die Masseurinnen später die richtige Technik.

Seit acht Jahren führt Lynn das „Lanna“, einen Thai-Massage-Laden in Hannover. Ihre Kundschaft wachse, sagt die Geschäftsfrau. „Beruf, Wetter, Autos, Computer – die Deutschen wirken sehr gestresst.“ Wer die „thailändische Muskeltortur“ einmal überstanden hat, komme wieder, davon ist die Masseurin überzeugt. Wer zum ersten Mal in Goys Fänge geraten ist, kann sich das allerdings kaum vorstellen. Sie ist unermüdlich, sie ist erbarmungslos, und sie hört und hört nicht auf mit der Tortur. „Tut weh?“, fragt sie im Minutentakt und gluckst zufrieden, wenn ein gepresstes „Ja“ als Antwort kommt. Manchmal schmerzt es so sehr, dass man davonkrabbeln will, um endlich Goys spitzen Fingern zu entkommen.

Doch der Geist ist willig – und das Fleisch im Anschluss gelockert wie nie.

Das Massage-ABC

Lomi Lomi

Auch Lomi Lomi Nui genannt. Eine Ganzkörpermassage aus Hawaii, bei der sich lange, fließende Massagestriche mit sanfter Gelenklockerung abwechseln. Südseeurlaub für die Seele, eher teuer.

Shiatsu

Eine Massageform aus Japan, bei der die Energiebahnen mit Akupressur zum Fließen gebracht werden. Gut bei Burn-out, Schlafstörungen und Verdauungsproblemen.

Schokoladen-Massage

Hier bekommt der „Schokoguss“ eine ganz neue Bedeutung: Warme Schokolade und sanfte Massagen verführen Haut und Sinne. Riecht lecker, aber die Dusche danach ist unumgänglich.

Ayurveda-Massage

Traditionelle Heilkunst aus Indien, bei der mit warmen Ölen massiert wird – sowohl am ganzen Körper als auch einzelne Partien wie Gesicht, Rücken oder Fuß. Gilt als entgiftend.

Thai-Massage

Die Nuad Phaen Boran, thailändisch für „uralte heilsame Berührung“, kombiniert Druckpunktmassage mit Dehnungen, Streckungen und Yogaelementen. Ist härter, als es klingt.

Zupfmassage

Bei dieser Massageform werden Schlacke und Verklebungen aus der Haut gezupft. Oft ist auch Honig im Spiel. Beliebt bei werdenden Müttern, da sie Schwangerschaftsstreifen vorbeugt.

Hot-Stone-Massage

Der Name ist Programm: Bei der Hot-Stone-Massage werden heiße Lavasteine entlang der Energiezentren auf die Wirbelsäule, in die Hände und zwischen die Zehen gelegt.

Fruchtstempelmassage

Massiert wird mit kleinen Baumwollsäckchen, die aussehen wie Stempel: Sie werden mit frischen Zitrusfrüchten, Gewürzen oder Kräutern gefüllt, in Öl gebadet und erwärmt. Exotik aus Ostasien.

Fußreflexzonenmassage

Beruht auf der Erkenntnis, dass sich über die Reflexzonen in der Fußsohle jeder Organbereich des Körpers steuern lässt. Aktiviert die Selbstheilungskräfte. Nur beim Profi empfohlen.

Partnermassage

Schließt sowohl die Massage vom Partner für den Partner als auch die vierhändige Massage von Profis für beide Partner ein. Ersteres will gelernt sein, Letzteres nur gebucht.

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