Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Die verlorene Revolution

Fünf Jahre Arabischer Frühling Die verlorene Revolution

Freiheit, Demokratie, Gerechtigkeit – vor fünf Jahren schien für Millionen unterdrückter Menschen in der arabischen Welt mit einem Mal alles möglich. Was ist geblieben von der Arabellion, vom großen Traum der Freiheit? Besuch auf dem tunesischen Marktplatz, wo alles begann – und alles zerfällt.

Voriger Artikel
Ohne Russland geht es nicht
Nächster Artikel
Machen Kinder unglücklich?

Von Sidi Bouzid breitete sich 2011 der Aufstand gegen den Despoten Zine el-Abidine Ben Ali bis in die Hauptstadt Tunis aus. Doch die unter Opfern errungene Freiheit für die Tunesier ist bedroht.

Quelle: dpa

Der Boulevard Mohamed Bouazizi führt schnurgerade durch Sidi Bouzid und teilt die tunesische Kleinstadt in zwei Hälften. Links liegen Cafés und Geschäfte, rechts Regierungsgebäude und die örtliche Polizeistation. In der Mitte des Boulevards, auf einer länglichen Verkehrsinsel, lehnt Yassin Abassi an seinem Verkaufswagen und wartet auf Kundschaft. "Da drüben", sagt Abassi, "da drüben ist es passiert."

"Es", das ist der Tod des erschöpften, hoffnungslosen Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, "es" ist aber auch das Gift der Unterdrückung und der Armut und der Korruption, und "es" ist schließlich auch der Beginn des größten Umsturzes des 21. Jahrhunderts.

Verzweiflung als Auslöser

Yassin Abassi zeigt mit ausgestrecktem Arm auf die andere Straßenseite, auf den Bürgersteig vor der großen Moschee. Genau da kam es am 17. Dezember 2010 zum Streit zwischen Mohamed Bouazizi und Fadir Hamdi, einer Frau vom Ordnungsamt. Die Frau forderte Schmiergeld, fürs Weggucken, denn Bouazizi hatte keine Genehmigung für seinen mobilen Gemüsestand. Der 26-Jährige aber konnte nicht zahlen. Also konfiszierte die Frau vom Ordnungsamt Bouazizis elektronische Waage und einen Teil seiner Ware.

Der Gemüsehändler wehrte sich. Möglicherweise griff er die Frau an, möglicherweise schlug sie ihm daraufhin ins Gesicht. So erzählen es sich jedenfalls die Menschen in Sidi Bouzid, aber hundertprozentig nachprüfen lässt sich das heute nicht mehr. "Die Leute haben damals viel behauptet", sagt der Kleiderhändler Abassi. "Man darf das nicht alles glauben."

Fakt ist: Bouazizi ging noch am gleichen Tag zum Ordnungsamt, 200 Meter den Boulevard hinauf, und verlangte seine Waage zurück. Vergeblich. Der junge Mann zog weiter zur Regionalverwaltung, um sich zu beschweren. Auch dort wollte ihn keiner hören. Da marschierte er zur Tankstelle, kaufte sich eine Flasche Lösungsmittel und kehrte samt Gemüsewagen zurück zum Sitz der Regionalverwaltung.

Denkmal in Sidi Bouzid

"Für jene, die sich nach Freiheit sehnen" – so stand es auf dem Mahnmal für den verzweifelten Gemüsehändler von Sidi Bouzid, dessen Selbstmord die arabische Rebellion auslöste.

Quelle: afp

Mohamed Bouazizi stellte sich mitten auf den Vorplatz, schüttete das Lösungsmittel über seinen Körper und zündete sich an. Was Bouazizi nicht wissen konnte: Er setzte in jenem Moment eine ganze Region in Brand.

Passanten eilten herbei, um dem jungen Mann zu helfen, unter ihnen Bouazizis Vetter. Als der Krankenwagen eintraf, zückte der Vetter sein Mobiltelefon und filmte, wie der verbrannte Körper auf einer Trage in den Wagen gezogen wurde. Er veröffentlichte die Aufnahmen bei Facebook. Innerhalb von wenigen Stunden wurde das Video tausendfach im Internet geteilt.

Immer mehr Menschen aus Sidi Bouzid versammelten sich vor dem Verwaltungsgebäude und protestierten gegen die Regierung. Die Polizei beobachtete das Geschehen, gab aber keinen einzigen Schuss ab. Es war das erste Zeichen, dass eine neue Zeit angebrochen war.

Blütezeit einer Revolution

"Nach und nach kamen die Medien in unsere kleine Stadt", erinnert sich Abassi. Gleichzeitig organisierten die Menschen übers Internet landesweit Demonstrationen. Die Protestwelle schwappte von Ort zu Ort. Im Januar erreichte sie die Hauptstadt Tunis. Fast 100 Menschen starben auf den Straßen der tunesischen Metropole, ehe Diktator Zine el-Abidine Ben Ali am 14. Januar 2011 Hals über Kopf nach Saudi-Arabien floh – nach 23 Jahren an der Macht.

Inspiriert von der erfolgreichen Jasminrevolution wagten sich die Menschen nun auch in anderen arabischen Ländern auf die Straßen und jagten die Despoten aus ihren Ämtern: Hosni Mubarak in Ägypten, Muammar al-Gaddafi in Libyen, Ali Abdullah Salih im Jemen. Der Arabische Frühling erlebte seine Blütezeit.

"Die Revolution war ein Fehler", sagt Yassin Abassi heute. "Nichts ist besser geworden, im Gegenteil. Den Menschen geht es schlechter als früher." Fünf Jahre nach der großen Befreiung ist Tristesse eingekehrt. Ägypten ist in eine Militärdiktatur zurückgefallen. Syrien, Libyen und der Jemen versinken im Bürgerkrieg. Und in Tunesien, dem vermeintlichen Musterland des Arabischen Frühlings, steigt die Unzufriedenheit der Menschen.

Die Hoffnungslosigkeit ist zurück

Gewiss, es gibt inzwischen eine moderne, verhältnismäßig liberale Verfassung. Und die Parlamentswahlen im Oktober 2014 entsprachen westlichen Standards. Aber die Menschen sind heute wieder so hoffnungslos wie der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi vor fünf Jahren.

Der Tourismus liegt nach mehreren Anschlägen durch Terroristen des "Islamischen Staats" (IS) im vergangenen Jahr am Boden und mit ihm die gesamte Wirtschaft. Die Lebensmittelpreise steigen deutlich schneller als die Löhne. Der Aufschwung, auf den alle setzten, ist ausgeblieben. "Gucken Sie doch nur mal auf mich", sagt Abassi und blickt auf seinen Standwagen.

Vor der Revolution besaß er einen kleinen Elektronikladen. Abassi verkaufte Fernsehgeräte und Mobiltelefone. Reich habe ihn das nicht gemacht, sagt er, aber immerhin konnte er seine Familie ernähren. Seit der Revolution gibt es den Laden nicht mehr. "Ich habe alles verloren", klagt Abassi. Nach dem Sturz Ben Alis nutzten Gauner die Gunst der Stunde und raubten im allgemeinen Chaos Banken und Geschäfte aus.

Der frühere Elektrohändler Yassin Abassi (rechts) versucht, mit Billigklamotten auf dem Markt Geld zu verdienen.

Der frühere Elektrohändler Yassin Abassi (rechts) versucht, mit Billigklamotten auf dem Markt Geld zu verdienen.

Quelle: Hoffmann

"Meine gesamte Ware wurde gestohlen", sagt Abassi. Eine Versicherung, die für den Schaden aufkommt, hatte er nicht. "Ich musste den Laden schließen, weil ich die Miete nicht mehr zahlen konnte." Jetzt verkauft er gefälschte Fußballtrikots und billige Jeanshosen aus Asien, das Stück für eine Handvoll Dinar. "Das habe ich nun von der Revolution", sagt Abassi verbittert. "Ich bin frei – und arbeite auf der Straße."

Anderen geht es noch schlechter. Sidi Bouzid liegt im Hinterland Tunesiens, etwa 200 Kilometer südwestlich von Tunis und weit abgeschieden vom wohlhabenderen Küstenstreifen. Die Infrastruktur ist katastrophal. Eine Autobahn Richtung Küste gibt es nicht, die Wasserversorgung ist mangelhaft. Industrie wurde nie angesiedelt.

In der 60 000-Einwohner-Stadt gibt es kein Kino, kein Theater, nur ein einfaches Hotel. "Vor allem aber gibt es hier keine Jobs", sagt Abassi – und erst recht keine für junge Leute. Die Arbeitslosenquote der unter 25-Jährigen liegt in Sidi Bouzid bei 30 Prozent, unter jungen Akademikern sogar bei mehr als 60 Prozent.

Kaum Perspektiven für junge Menschen

"Der Staat tut viel zu wenig, um etwas zu verbessern", klagt Ghabri Adla. "Wer die Möglichkeit hat, verlässt Sidi Bouzid Richtung Norden." Ghabri Adla gehört zu den wenigen jungen Menschen, die geblieben sind und trotzdem einen Job gefunden haben. Die 32-Jährige macht derzeit eine Ausbildung in einer Tischlerei.

Sie verarbeitet Olivenholz zu Küchenutensilien, Schalen oder Salatbesteck. Dabei hat sie eigentlich Geologie an der Universität in Gafsa studiert. "Aber in dem Bereich werde ich hier in Sidi Bouzid nie im Leben einen Job finden", sagt sie. Irgendwann, in den nächsten Jahren, will Adla eine eigene Tischlerei gründen. Sie will dann vor allem junge Leute einstellen und ihnen eine Perspektive bieten. Denn genau das, sagt Adla, ist das größte Problem in der Region: Perspektivlosigkeit.

"Früher ging es den Leuten schlecht, aber sie hatten wenigstens die Hoffnung, dass eines Tages alles besser werden würde. Heute geht es ihnen immer noch schlecht, und den Glauben an eine bessere Zukunft haben sie auch verloren." So wie ihr Bruder, sagt Ghabri Adla: "Der ist arbeitslos und sitzt den ganzen Tag im Café." Er sitzt dort nicht alleine. Die Cafés in Sidi Bouzid sind gut besucht, und das jeden Tag.

Ghabri Adla arbeitet heute in einer Tischlerei.

"Die Menschen haben den Glauben an eine bessere Zukunft verloren": Die Geologin Ghabri Adla arbeitet heute in einer Tischlerei.

Quelle: Hoffmann

Die jahrzehntelange Vernachlässigung rächt sich nun. "Die Radikalen haben hier einen großen Zulauf", sagt Yassin Abassi. Die Radikalen, das sind vor allem Anhänger des IS, die sich in den Bergen rund um Sidi Bouzid verstecken. Sie sind verantwortlich für die Anschläge auf Touristen in Tunis und Sousse sowie auf einen Bus der Präsidentengarde im vergangenen Jahr.

Auch in Sidi Bouzid verbreiten sie Angst und Schrecken. Mitte November haben Terroristen des IS einem 16 Jahre alten Hirten aus einem nahe gelegenen Dorf den Kopf abgeschlagen, weil er nicht mit ihnen zusammenarbeiten wollte. Den Kopf haben sie in eine Tüte gesteckt und dem zwölf Jahre alten Bruder gegeben. Er sollte ihn im Dorf herumzeigen.

Die Tat hat ihre Wirkung nicht verfehlt. "Die Menschen haben Angst", sagt Abassi. "Früher konnten hier Frauen mitten in der Nacht sicher nach Hause laufen. Heute fahren die Menschen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mal mehr mit dem Auto in die nächste Stadt. Und was macht die Polizei? Die kümmert sich lieber darum, ob ich hier mit einer gültigen Lizenz stehe oder nicht. So wie damals bei Mohamed Bouazizi."

Sehnsucht nach den alten Zeiten

Yassin Abassi guckt hinüber zum alten Postamt. Gleich nebenan steht eine sandfarbene Steinskulptur, die einen Holzkarren darstellen soll. Sie ist zu Ehren von Mohamed Bouazizi aufgestellt worden. "Für jene, die sich nach Freiheit sehnen", hatten jugendliche Aktivisten gleich nach der Enthüllung des Denkmals auf den Sockel gesprüht.

Inzwischen ist der Sockel wieder mit weißer Farbe überstrichen. Das passt ganz gut zur Stimmung in Sidi Bouzid. Denn nach Freiheit sehnt sich hier kaum noch einer. Eher schon nach den alten Zeiten unter Diktator Zine el-Abidine Ben Ali.

Von Patrick Hoffmann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema