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Top-Thema Digitale Demenz? Im Gegenteil!
Sonntag Top-Thema
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20:05 03.06.2016
Von Susanne Iden
Navigieren, Fremdsprachen lernen, Telefonnummern merken: Internet und Smartphones nehmen uns viele Aufgaben ab. Müssen wir uns deshalb Sorgen machen, dass die Gesellschaft immer dümmer wird? Quelle: iStock
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Ganz entspannter Freitagabend, ganz entspanntes Treffen mit Freunden. Das Essen kommt auf den Tisch, wir wollen anfangen, einer fehlt und eine sagt: "Hat mal jemand die Telefonnummer von Jörg?" Fünf Freunde haben die Nummer, aber keiner weiß sie auswendig. Es muss ja auch keiner wissen. Wer Jörg sprechen will, tippt auf seinen Namen in "Kontakte",  das Handy ruft bei ihm an. Eigentlich kein Thema. Trotzdem wird ein Streit daraus.

Auf einmal geht es nur noch um das, was wir alles nicht mehr können, was unsere Kinder oder Kindeskinder womöglich nie lernen werden. Weil es aus unseren Köpfen gefallen ist. Vergessen, verschüttet, verloren. Vergraben in Handy, Navi, Tablet. Verblödet die Nation?

Mit der Hand einen weitgehend fehlerfreien Brief schreiben; eine Landkarte lesen; mittels einer mündlichen Beschreibung den Weg zu einer Adresse in einer fremden Stadt finden; im Kopf überschlagen, ob der Kassenzettel so ungefähr stimmt; bei der ersten Frankreich-Reise nach Jahrzehnten Vokabeln abrufen – wir schaffen es nicht mehr.

Verdummung oder Lebenserleichterung?

Oder: Wir belasten unser eigenes Hirn nicht mehr damit. Wir haben das alltägliche Mitdenken abgegeben an elektronische Besserwisser mit grenzenloser Bildung, (fast) unbegrenzten Speicherkapazitäten, mit Kompetenz in allen Lebenslagen, rund um die Uhr. Sie machen das Leben leichter. Der Navigator bringt an den richtigen Ort, das Telefon erinnert an den Arzttermin, das Tablet liefert eine Übersetzung für "ich habe das vergessen" in allen Sprachen Babylons. Ist doch toll.

Trotzdem fliegen Worte wie "Kulturverlust", "Volksverdummung", und "Schrumpfhirn" um den Tisch. Der "Spiegel" warnt vorm digitalen Burn-out, bei "Hart aber fair" fragt sich eine besorgte Talkrunde, ob Smartphones dumm und krank machen. Ein Mitdiskutant, der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer, hat den Ängsten des Bildungsbürgertums schon vor vier Jahren einen Namen gegeben, als er seine These von der "digitalen Demenz" in einem locker geschriebenen Bestseller unters Volk brachte.

Kernaussage und Gruselvorstellung: Digitale Medien lassen das Hirn schrumpfen, legen Synapsen lahm, schalten Netzwerke aus. Die Menschheit verdummt. Kollektiv, als Spezies. Stimmt das? Hat die Allgegenwärtigkeit elektronischer Hirne das menschliche Gehirn tatsächlich schon kleiner, schwächer, ärmer werden lassen?

Kein wissenschaftlicher Hinweis

"Es gibt nicht den geringsten wissenschaftlich nachvollziehbaren Hinweis", sagt der Hirnforscher Gerhard Roth von der Universität Bremen. "Es gibt auch keinerlei empirische oder experimentelle Beweise dafür, dass zum Beispiel die Kinder durch den Einsatz digitaler Medien in der Schule verdummen. Eher ist das Gegenteil der Fall."

Das Gegenteil ist dies: Die Menschen werden immer noch immer schlauer, Digitalisierung hin oder her. Vor einem Jahr erst haben Forscher der Universität Wien die seit den Achtzigerjahren vermutete These bestätigen können, dass der Intelligenzquotient seit einem Jahrhundert weltweit angestiegen ist. Um satte 30 Punkte – ziemlich gleichmäßig verteilt um gut drei Punkte pro Dekade. Ein Deutscher, der vor 100 Jahren mit einem IQ von 130 als hochbegabt galt, wäre heute nur noch Durchschnitt.

Vieles spielt dabei eine Rolle, bessere Ernährung, bessere medizinische Versorgung, bessere Bildungschancen. Einer der wichtigsten Faktoren des sogenannten Flynn-Effekts aber ist dieser: Die Intelligenz in einer Gesellschaft steigt, wenn sie von dieser Gesellschaft gebraucht und belohnt wird. Menschen schauen voneinander ab, lernen voneinander, wachsen an Vorbildern. Was der eine kann, ist dem anderen womöglich auch nützlich und wird kopiert. Dank digitaler Medien sind die Möglichkeiten dieses "Selbstverstärkungseffekts" heute größer denn je.

Das Gehirn ist bequem

Das Netz eröffnet über alle Grenzen hinweg eine unermessliche Fülle an Anregungen. Intellektuelle, unterhaltsame, praktische, faszinierende. Nach acht Jahren berufsbedingter Beschäftigung mit Hochbegabten, die "unglaublich darauf abfahren", ist Neurophysiologe Roth überzeugt: "Intelligenter Umgang mit digitalen Medien hat einen enorm belebenden Effekt auf das Gehirn." Die Betonung liegt auf intelligent. Und da wird's wieder kompliziert.

Denn das Gehirn ist ein sehr bequemes Organ. Es freut sich über jede Aufgabe, die es nicht ausführen muss. Räumliche Orientierung zum Beispiel erfordert sehr viel Energie. "Wenn wir unser System durch die Nutzung eines Navigators ständig davon entlasten, dann gehen Netzwerke, die früher dafür zuständig waren, in Ruhestellung", sagt Roth. Also doch, digitale Demenz? Entwarnung: "Für den Moment vielleicht, aber das ist kein langfristiger Effekt. Diese Netzwerke können jederzeit wieder aktiviert werden."

Das gilt auch für Kinder und Jugendliche. Das Handy mit GPS im Schulranzen kann dem Elfjährigen die gruselige Erfahrung ersparen, sich zu verlaufen. Aber wenn der Akku leer ist, muss das Kind wie zu allen Zeiten andere Menschen nach dem Weg fragen. Dann ist es, wie zu allen Zeiten, abhängig von grundlegenden sozialen Fähigkeiten: Kontakt zu Fremden aufnehmen, sich verständlich machen, mündliche Informationen nachvollziehen und "zweimal rechts, dann links und über die Ampel" in eine räumliche Vorstellung übersetzen können.

Vernachlässigung gab es immer

Wenn es das nicht gelernt hat, ist das Smartphone schuld. "Natürlich nicht", sagt Prof. Roth, was soviel heißen soll wie: Es liegt an den Erwachsenen, Eltern und Lehrern, die das Kind erziehen. "Es kommt ganz auf die frühe emotionale Förderung des Kindes in der Familie an." Lange Beobachtung zeige: Eltern, die ihr Kleinkind allein vor den Fernseher setzen oder ihm ein Tablet in die Hand drücken, kümmern sich gleichzeitig emotional sehr wenig um ihr Kind.

Sie zeigen ihm nicht die Welt, wie sie wirklich ist, draußen vor der Haustür, sie üben nicht mit ihm, sich darin zurechtzufinden, sie ordnen das, was ihr Kind da an seinem Computer erfährt, nicht mit ihm zusammen ein. Wenn dann in der Schule noch ein Lehrer hinzukommt, der digitale Medien vor allem als Entlastung einsetzt, um sich selbst weniger mit den Schülern zu beschäftigen, dann wird das Gehirn dieses Kindes in der Tat bestimmte Verknüpfungen gar nicht erst herstellen.

Nur: Vernachlässigung hat es zu allen Zeiten gegeben. Sie ist keine Erfindung des digitalen Zeitalters. Smartphone und Tablet machen sie aber womöglich immer leichter. Wenn sie falsch genutzt werden. So wie jedes schlecht oder falsch eingesetzte Werkzeug Schaden anrichten kann.

Menschen sind kreative Problemlöser

Und als nichts anderes als ein "fantastisches Werkzeug" will der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther die digitalen Medien verstehen. "Wie zu anderen Zeiten Hammer und Meißel oder der Rechenschieber bietet uns jetzt die Digitalisierung Möglichkeiten, von denen die Menschen vor ein paar Jahren nur geträumt haben."

Da sieht der Hirnforscher die Menschheit "in einer außerordentlich spannenden Entwicklungsphase" – und vor einer zwingenden Frage: "Was bleibt noch von uns Menschen, wenn wir zuerst körperliche und jetzt auch jede Menge geistige Tätigkeiten auf Maschinen verlagern?"

Zwei Eigenschaften hat Hüther ausgemacht, die sich nicht digitalisieren, nicht auslagern lassen: das Wollen und die Fähigkeit, Mittel und Wege zu finden, dieses Wollen umzusetzen. "Es wäre das Schönste, was passieren könnte: Statt Steine zu schleppen oder Geschichtsdaten auswendig zu lernen, besinnen sich die Menschen darauf zurück, dass sie kreative Gestalter sind, die einzigen auf diesem Planeten, die immer wieder neue Probleme lösen können."

Wissen entdecken statt nur verwalten

Das kann nur gelingen, wenn die Erfahrung der Älteren sich mit dem Gestaltungsdrang der Jungen verbündet. Wenn bewährte Kulturtechniken wie die Zulassung von Intimität, die Verknüpfung von Fakten zu komplexen Zusammenhängen, die Fähigkeit, zwischen Information und Wissen zu unterschieden, weiter vermittelt werden. Und wenn gleichzeitig der Drang, nur noch Vertrautes als Bewahrer zu verwalten, zugunsten der Entdeckerfreude ein bisschen eingedämmt wird.

Diese Art des Mitdenkens in einer sich verändernden Welt kann übrigens auch das eigene Gehirn ganz gut fit halten. Genauso fit wie Kopfrechnen und Gedichte aufsagen. Und das erspart es unseren Kindern vielleicht, eines Tages die Memory-App für Menschen mit Demenz auf unser iPad herunterladen zu müssen.

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