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Drogen gegen den Druck im Alltag?

Gesellschaft im Rausch Drogen gegen den Druck im Alltag?

Irgendwann geht nichts mehr. Dann sind Arbeit, Zeitmangel, Leistungsdruck nicht mehr auszuhalten – und der Griff zur Droge scheint der einzige Ausweg zu sein. Ein Problem nicht nur auf Bahnhofsvorplätzen, sondern auch in Chefetagen und in Stadien. Und offensichtlich auch in der Politik.

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Doping ist zum Breitensport geworden: Auch in Chefetagen, an Universitäten und in der Politik wird dem Leistungsdruck immer häufiger mit Drogenkosum begegnet.

Quelle: iStock

Zuletzt erwischte es Volker Beck. 0,6 Gramm einer "verdächtigen Substanz" fand die Polizei bei dem Grünen-Politiker bei einer Kontrolle in Berlin-Schöneberg. Medienberichten zufolge handelte es sich um Crystal Meth. Beck, Bundestagsabgeordneter seit 22 Jahren, war erst jüngst mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet worden – jetzt steht er vor den Trümmern seiner bürgerlichen Existenz.

Bei Rauschgift, so der Tenor der wütenden Leitartikel, höre der Spaß auf. Die Staatsanwaltschaft beantragte, seine Immunität aufzuheben. Der Grünen-Politiker trat von allen Fraktionsämtern zurück. Bis zur Bundestagswahl im kommenden Jahr wird er auf der Hinterbank des Parlaments Platz nehmen.

Der Stab über Beck war schnell gebrochen, dabei haben Drogen längst ihren festen Platz im Alltag der Deutschen. Ein Viertel der Bundesbürger hat Erfahrungen mit illegalen Rauschmitteln. Eine Studie der Krankenkasse DAK kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass knapp drei Millionen Menschen in Deutschland bereits zu verschreibungspflichtigen Pillen gegriffen haben, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen.

Gesellschaft im Dauerstress

Wir leben in einer Gesellschaft auf Droge. Längst findet man den Stoff nicht nur auf den Bahnhofsvorplätzen und in den Clubs, sondern auch in den Chefetagen, den Eckbüros und den Businesslounges. Wirtschaft, Politik, Showgeschäft, Sport: Überall spielen Aufputschmittel eine Rolle – teils zur Steigerung der eigenen Leistung, teils als Ventil für den alltäglichen Stress. Die Deutschen stehen unter Dauerdruck – das gilt auch für die Spitzen der Gesellschaft.

"Die Eliten nutzen Drogen vor allem zur schnellen Entspannung oder zum schnellen Aufputschen in Stressphasen", sagt der Medienpsychologe Jo Groebel. Sie bieten scheinbar den Ausweg, wenn am Ende des 16-Stunden-Tags noch ein Meeting angesetzt wird, wenn die Präsentation eine Woche früher fertig werden muss oder das entscheidende Spiel ansteht.

"Etwa 5 Prozent der Bevölkerung konsumieren Drogen exzessiv. Hinzu kommen 10 bis 15 Prozent, die gelegentlich zu Rauschmitteln greifen. Diese Verteilung dürfte in den Eliten nicht viel anders aussehen", erklärt Psychologe Groebel. Die DAK-Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen. Ein echtes Massenphänomen ist die gedopte Führungskraft also nicht, jedoch auch bei Weitem keine Seltenheit.

Durchhalten um jeden Preis

Wohin die Druckspirale führen kann, zeigte im Herbst 2013 der Fall Michael Hartmann. Der damalige innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion konnte nicht mehr. Wahlkampf, Snowden-Affäre, schließlich Koalitionsverhandlungen. Endlose Kungelrunden, Sitzungen, Besprechungen.

"Morgens war ich meist der Erste, in Wirklichkeit war ich tot", erklärt er ein Jahr später. Schließlich kommt er an den Punkt, an dem er nicht mehr weiterweiß. In einer Gartenlaubensiedlung besorgt sich Hartmann Crystal Meth – der gleiche Stoff, der mutmaßlich auch bei Volker Beck gefunden wurde. Wach sei er gewesen, beschreibt Hartmann seine Erfahrung mit der Droge. Nicht im Vollrausch, sondern klar.

Es ist genau dieser Effekt, auf den viele Leistungsträger hoffen. Durchhalten. Keine Schwäche zeigen. Die nächste Aufgabe noch schaffen, den nächsten Berg noch überwinden.
Es sind bei Weitem nicht nur Politiker, die zu den aufputschenden Hilfsmitteln greifen. Auch in der Wirtschaft steigen Anforderung und Druck mit jeder Karrierestufe weiter an.

Die Kunst des Aufputschens

"Sie kommen neu in ein Büro, Ihre drei Kollegen glänzen mit ihren Leistungen, können am Telefon schlicht alles verkaufen und sehen dabei auch noch super aus. So kann bei Ihnen der Eindruck entstehen, wenn Sie dazugehören wollen, müssen Sie auch was nehmen, sonst, glauben Sie, schaffen Sie es nicht an die Spitze", beschreibt der Pharmakologe Wolf Kemper die Anziehungskraft der Droge.

Im Sport wiederum hat sich eine ganze Industrie um die Kunst des Aufputschens gebildet. Bis heute brodeln hinter den Kulissen die Dopingküchen – allen Beteuerungen zum Trotz, man wolle den Spitzensport "sauber" bekommen. Erst in der vergangenen Woche musste die russische Tennisspielerin Maria Scharapowa zugeben, positiv getestet worden zu sein. In ihrer Karriere gewann sie fünf Grand-Slam-Titel, steht in der Weltrangliste auf Platz sieben.

Dabei wollte man gerade im Sport alles besser machen. Als sich Hannover-96-Torwart Robert Enke 2009 vor einen Zug warf, weil er mit dem Druck der Branche nicht mehr zurechtkam, war das Entsetzen groß. Der deutsche Fußball gelobte Besserung und tatsächlich erlaubten sich seitdem einige Trainer eine Auszeit, wenn ihnen der Burn-out drohte – zuletzt Sascha Lewandowski von Union Berlin.

Doping wird zum Breitensport

Doch das sind Ausnahmen. Im Sport wird der Leistung nach wie vor alles untergeordnet. Kein Wunder, dass Doping längst zum Breitensport geworden ist – von der olympischen Leichtathletik bis zur Muckibude an der Ecke. Wie die Wurst gemacht wird, wollen hingegen die wenigsten wissen.

Der Druck, der auf den Eliten lastet, hängt eng mit den Erwartungen zusammen, die an sie gestellt werden. Der Sportler soll auch beim dritten Spiel in sieben Tagen noch kraftvoll die Seitenlinie hoch- und runtersprinten, der Manager schön für seinen Bonus schuften. Und auch vom Politiker wird erwartet, noch an der letzten Gremiensitzung teilzunehmen, sich die Abende beim Vereinsfest um die Ohren zu schlagen und morgens beim politischen Frühschoppen im Wahlkreis auf der Matte zu stehen.

Dieses Bild von Leistung hat sich mittlerweile in unseren Köpfen festgesetzt. Die nachwachsende Elite bereitet sich bereits darauf vor. Jeder fünfte Student greife hin und wieder zu aufputschenden Mitteln, um besser lernen zu können. So das Ergebnis einer Untersuchung der Universität Mainz. Die Öffentlichkeit erwartet Disziplin von ihren Eliten. Für Eskapaden ist da kein Platz.

Die Öffentlichkeit vergibt nicht

So entsteht ein ungesundes Gemisch. Der Druck auf dem Kessel nimmt zu, die Möglichkeiten zum Ausgleich nehmen ab. Da bietet die Droge scheinbar einen Ausweg. "Paradoxerweise erhöhen sich mit dem Stoff Stress und Anspannung sogar noch", so Psychologe Groebel. Denn das Risiko, erwischt zu werden, steigt mit jedem Trip – und die Öffentlichkeit vergibt nur ungern. Gerade wenn es um vermeintliche Vorbilder in Politik oder Sport geht. Ein Teufelskreis.

Vielleicht erwartet die Gesellschaft zu viel von ihren Eliten. Es ist unrealistisch, dass Menschen rund um die Uhr funktionieren, zu jeder Zeit Spitzenleistungen abrufen und immer hoch belastbar sind, egal, wie weit sie in der Welt aufsteigen.

Dass mancher sich an falscher Stelle Hilfe holt, um diesen Anforderungen gerecht zu werden, scheint da in Kauf genommen zu werden – denn die Anforderungen werden immer höher. Wenn das so ist, sollte der nächste öffentliche Aufschrei vielleicht ein paar Dezibel leiser ausfallen, wenn mal wieder ein Politiker mit Drogen erwischt wird.

Von Julian Heißler

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