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Eine Stadt wächst nach unten

Londons Unterwelten Eine Stadt wächst nach unten

Unter London liegt eine ganze Stadt aus Tunneln, Bunkern und U-Bahn-Stationen – die meisten seit Jahrzehnten nicht mehr genutzt. Doch weil die Metropole sich kaum mehr nach oben oder in die Breite ausdehnen kann, wächst das Interesse am Leben im Untergrund: in Bars, Galerien – und Gewächshäusern.

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Neues Leben unter der Erde: Steven Dring und Richard Ballard von Growing Underground bauen in London unter der Erde Kräuter und Gemüse an.

Quelle: Growing Underground

Es gibt nicht viele Londoner, die das Wachsfigurenkabinett Madame Tussauds von innen kennen. Der Parlamentsturm mit Big Ben, das Riesenrad London Eye – schon mal gehört, vielleicht auch gesehen; aber im Alltag spielt beides für die Einwohner der Metropole keine große Rolle. Das wahre London spielt sich für viele ganz woanders ab: im Untergrund.

Tagtäglich steigen die Londoner hinab, um eine der dicht getakteten U-Bahn-Linien für den Weg zur Arbeit oder in die Schule zu nutzen. Das älteste Metrosystem der Welt ist gewissermaßen der Kreislauf der britischen Hauptstadt – 1,3 Milliarden Menschen  nutzen es Jahr für Jahr. Ohne die "Tube", wie die U-Bahn hier wegen ihrer röhrenförmigen Tunnel genannt wird, wäre die Stadt nicht lebensfähig. Das ist schon lange so. Aber erst jetzt entdecken die Londoner den ganzen Charme der Unterwelt. Und das Potenzial eines ungenutzten Lebensraums.

Übervölkert, schmutzig, teuer

Die Acht-Millionen-Menschen-Metropole London ist übervölkert, schmutzig, laut, eng und exzessiv teuer. Wer nicht mehr mithalten kann oder will bei den horrenden Immobilienpreisen, wer des Treibens in den Malls und den Straßen müde ist, der steigt nicht mehr aus – sondern ab. Der Trend geht unter die Erde. In eine zweite Welt, dorthin, wo Gänge und Tunnel und Schächte und verlassene Hallen nur darauf warten, mit Leben gefüllt zu werden.   

Alles ist hier möglich. Kunst, Kultur und Kräutergärten. 33 Meter unter der Clapham High Street etwa, in einem früheren Kriegsbunker, betreiben Steven Dring und Richard Ballard eine unterirdische Farm. "Growing Underground" lautet ihr Markenname, und der ist gewissermaßen Programm: Das ganze Jahr über bauen Dring und Ballard Kräuter und Salate an, Brunnenkresse, Koriander, Rauke. In ihrer Tunnelfarm aus Hydrokulturen leuchten die LED-Lichter 18 Stunden am Tag und die Temperatur liegt dauerhaft zwischen 21 und 23 Grad – ideale Bedingungen für ihre Produkte. Alle sechs bis 28 Tage – je nach Saatgut – können die Untergrundfarmer ernten und anschließend gleich wieder neu aussäen. Denn Jahreszeiten spielen unter der Erde keine Rolle.

"Es ist die perfekte Umgebung für alles, was wir hier anbauen wollen", sagt Ballard. Das Verkaufsargument ist aber weniger die Herkunft als vielmehr die Frische: "Wir können unsere Produkte nach der Ernte abgepackt innerhalb von vier Stunden zum Markt von Covent Garden bringen", schwärmt Ballard. Das schafft kein Bauer aus dem Umland Londons. Pestizide gibt es bei ihnen nicht, Schadstoffe aus der Umwelt gelangen auch nicht in ihren Bunker. Das Wichtigste für Kunden in einer hippen Stadt wie London ist aber: Die Produkte von "Growing Underground" sind anders als andere – und schon deswegen ein Renner.

Broccoli aus dem Untergrund

Broccoli aus dem Untergrund: Die Macher von Growing Underground können ihre Ernte unschlagbar frisch auf den Londoner Markt bringen.

Quelle: Growing Underground

Die Tunnelfarmer sind kein Einzelfall. Der ehemalige Banker Ajit Chambers etwa hat im Jahr 2009 das Startup "The Old London Underground Company" gegründet, nachdem er zufällig auf eine antike Karte des Netzes gestoßen war und das Potenzial stillgelegter U-Bahn-Strecken und  Bahnhöfe als Veranstaltungsorte entdeckt zu haben glaubte. Der 42-Jährige möchte aus ehemaligen Haltestellen Bars, Kunstgalerien, Clubs und ein Museum machen. Vier Großinvestoren haben bereits die Hand gehoben, auch Bürgermeister Boris Johnson zeigt sich von dem Konzept begeistert. Nicht ganz uneigennützig. Er kann Geld damit verdienen.

Als erstes Projekt steht die Neugestaltung des geschichtsträchtigen Bahnhofs Down Street an, der 1907 eröffnet und bereits 1932 wieder stillgelegt wurde. Während des Zweiten Weltkrieges nutzte der damalige Premierminister Winston Churchill die Station als Luftschutzbunker. Chambers will die heruntergekommene Haltestelle wieder in früherer Pracht erstrahlen lassen. Ein Museum? Restaurants? Geschäfte? Kürzlich hat die städtische Nahverkehrsgesellschaft Transport for London (TfL) einige Unternehmen eingeladen, um ihre Ideen für die Transformation der Station zu präsentieren.

Geisterbahnhöfe als Goldgrube

Chambers schätzt, TfL könnte Erlöse in Höhe von umgerechnet etwa 4,8 Milliarden Euro erzielen, die wiederum in das kostenintensive U-Bahn-System reinvestiert werden sollen. Karten aus den Dreißigerjahren zeigen viele Stationen des U-Bahn-Netzes und ehemalige Luftschutzbunker, die verlassen vor sich hin dösen. Die Gleise sind verrostet, die Kacheln vom Gewölbe gefallen, die Graffiti an den Wänden verblasst. Etwa 40 der 270 U-Bahnhöfe entlang der insgesamt 408 Kilometer langen Strecke sind im Laufe der Jahre zu Geisterstationen geworden – neue Streckenführungen haben sie irgendwann obsolet gemacht.

Der bekannteste heißt Aldwych und befindet sich mitten im Zentrum Londons an der viel befahrenen Straße Strand. Im Jahr 1907 war die Station unter dem Namen "Strand Station" als Ableger der Piccadilly Line eröffnet worden, mit dem Hintergedanken, die Strecke später weiter unter der Themse hindurch auf die Südseite der Stadt zu verlängern. Dazu kam es allerdings nie: Ald­wych wurde über Jahrzehnte lediglich von einem Pendelzug angefahren und kaum genutzt – abends stiegen immer mal ein paar Besucher der nahegelegenen Musiktheater ein und aus, das war‘s.

Der stillgelegte U-Bahnhof Aldwych

Im stillgelegten U-Bahnhof Aldwych werden immer wieder Filme und Fernsehserien gedreht – auch Sherlock Holmes und Dr. Watson ermittelten hier für die BBC-Serie „Sherlock“.

Quelle: Pohl

Während des Zweiten Weltkrieges diente Aldwych wie andere Stationen auch als Schutzkeller vor den Bombenangriffen der Deutschen. Die Schwarz-Weiß-Fotos der auf den stillgelegten Gleisen ausharrenden Londoner gelten heute noch als Synonym für den "Blitz", die Bombenangriffe der Luftwaffe.

1994 legte London Underground Aldwych komplett still. Seitdem dient der Bahnhof unter anderem als Teststation für neue Designs – was an einem bunten Mischmasch von Wandfliesen erkennbar ist. Film- und Fernsehproduzenten geben sich hier die Klinke in die Hand. Die alte Schalterhalle, Bahnsteige und Tunnel selbst wirken, als seien sie gestern erst verlassen worden. Benedict Cumberbatch und Martin Freeman etwa ermittelten hier in der BBC-Serie "Sherlock". Auch Szenen aus Filmen wie "Abbitte", "Superman IV" und "Creep" entstanden in Ald­wych.  

Hywel Williams ist fasziniert von dieser versteckten Welt und ihrer Geschichte. Er hat die Website "Underground History" gegründet, um zu dokumentieren, welche Abschnitte und Haltestellen verlassen oder umgezogen sind: "Manche sind einfach ohne Spuren verschwunden, wohingegen andere fast intakt sind, schmutzige Zeitkapseln der Ära, in der sie stillgelegt wurden."

Tunnel für Radfahrer

Auf die Spur wollen die Planer einer der witzigsten – und praktischsten – Neunutzungsideen auch kommen: Das Architekturbüro Gensler entwickelte Pläne, um stillgelegte U-Bahn-Strecken zu Schnellwegen für Radfahrer umzufunktionieren. Diese "London Underline" würde mit einem speziellem Bodenbelag ausgestattet, der die Reibung von Reifen und Schuhsohlen in elektrische Energie umwandelt – die wiederum ökologisch vernünftig das Tunnelsystem beleuchten kann. Die Strecke könnte zwischen Holborn im Osten via Aldwych bis nach Green Park im Westen des Londoner Zentrums verlaufen. 3,2 Radelkilometer ohne Stau, ohne Abgase, ohne Regen.

Gensler kam mit der Idee in diesem Jahr bei den London Planning Awards auf den ersten Platz für das beste konzeptionelle Projekt. Ian Mulcahey, Ko-Chef von Gensler London, betont die Notwendigkeit solcher Visionen: "Jetzt, wo London mehr Einwohner hat als je zuvor in seiner Geschichte, müssen wir kreativ werden, um das Maximum unserer Infrastruktur zu erreichen."

Freie Bahn für Radfahrer

Das Architekturbüro Gensler hat eine Studie zu einem unterirdischen Radnetz vorgelegt - geschützt vor Stau, Regen und Abgasen.

Quelle: Gensler

Auch die US-Architekturfirma NBBJ hat sich Gedanken in diese Richtung gemacht: Die Circle Line der Londoner U-Bahn könnte ihrer Studie zufolge durch Laufbänder ersetzt werden, ähnlich denen an Flughäfen. Zwei parallele Bänder würden demnach in unterschiedlichen Geschwindigkeiten angetrieben – je nach Entfernung könnten Benutzer dann zwischen dem schnelleren und langsameren wechseln. Derzeit dauert eine Fahrt mit der Circle Line über die komplette Strecke rund eine Stunde. Die "Travelator" genannten Bänder würden diese Zeit sogar noch um einige Minuten verringern.

Experten sehen dies jedoch skeptisch: Die Bänder sollen mit einer Geschwindigkeit von bis zu 24 Kilometer pro Stunde laufen – ein ähnliches System an der Pariser U-Bahn-Station Montparnasse-Bienvenüe war 2009 auf lediglich 2,9 Kilometer pro Stunde reduziert worden, weil Passanten massenweise gestürzt waren.

Alice im Untergrund

So verrückt manches klingt, so begeistert wird es doch angenommen. Das "Wunderland" unterm Bahnhof Waterloo zum Beispiel. In der Show "Alice’s Adventures Underground" waren die Zuschauer vor einigen Monaten nicht nur Beobachter eines Theaterstücks, sie wurden als Protagonisten Teil davon. Sie verirrten sich in den zahllosen Röhren, wurden durch ein Labyrinth gescheucht und stürzten wie Alice durch das Kaninchenloch. "Die Gewölbe sind perfekt für unsere Version des Wunderlands", sagt Oliver Lansley, Produzent der ungewöhnlichen Inszenierung des Kinderbuchklassikers von Lewis Carroll. "Man hört die U-Bahnen über sich fahren, und es gibt diese verrückten Tunnel und Labyrinthe – wunderbar."

Die Inszenierung war so erfolgreich, dass es eine Fortsetzung geben soll. Schon in diesem Monat hat ebenfalls unter den Gleisen der Waterloo-Station der Underground Film Club geöffnet. Fünfmal pro Woche werden hier Filmklassiker in einem improvisierten Kino gezeigt. Die Nachfrage ist enorm, die Vorstellungen sind schon lange im Voraus ausverkauft. Ähnlich erfolgreich war ein Testlauf im Frühjahr, damals in der nicht mehr genutzten U-Bahn-Station Charing Cross.

Auch weniger romantische unterirdische Orte haben übrigens längst eine neue Nutzung erfahren: öffentliche Toiletten. Mehrere im 19. Jahrhundert unter den Straßen erbaute Anlagen sind in jüngerer Zeit zu Cafés und Bars umfunktioniert worden. Eine der beliebtesten ist das ­"Attendant" in der Foley Street. Für umgerechnet rund 140 000 Euro wurde das einst so stille Örtchen grundlegend saniert. Heute steigen hier Geschäftsleute aus der Umgebung hinab, um ihren Caffè Latte und ein Sandwich zum Mitnehmen zu kaufen. Wer Zeit hat, kann sich auch einen Moment am Tresen niederlassen – der schlicht um die stilvollen früheren Urinale herum gebaut wurde.

Von Michael Pohl und Katrin Pribyl

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