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Top-Thema Einmal Pflege und zurück
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20:16 02.03.2018
Haushaltshilfen, Pflegerinnen, Bauarbeiter, Geschäftsmänner: Jede Nacht reisen Hunderte Arbeitspendler in Bussen von Polen nach Deutschland. Quelle: Agnieszka Krus
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Mragowo

Mittwoch, 12.20 Uhr: “Die Rückbank“, sagt Danuta Scibek, 48, entzückt, “da, wo sonst die Coolen sitzen.“ Dann lässt sie sich auf ihren Sitzplatz plumpsen, als sei dieser für die nächsten 18 Stunden ihr kleiner Thron.

Ihre rote Reisetasche, darin akkurat verpackt Äpfel, O-Saft, Cabanossi, Trauben, Halsbonbons, Mandarinen, ein Becher und zwei Küchentücher, verstaut sie zwischen den Beinen. Der Proviant für die Busfahrt von Mragowo, Polen, nach Paderborn, Deutschland. In Paderborn wird Danuta arbeiten, drei Monate durchgehend, 24 Stunden am Tag. Sie wird Ursula Scharfen pflegen. “Solchen“ nennt Danuta sie. Solchen, mein Solchen, mit kurzem o.

Auf dem Weg zu Solchen wird der Bus Nummer 211 immer mehr Pflegerinnen wie Danuta einsammeln. Wie viele es von ihnen gibt, ist unbekannt, denn viele arbeiten schwarz oder selbstständig. 150 000 kursiert als Zahl durch Experteninterviews. Doch keine der offiziellen Stellen weiß, woher sie stammt. Auch Bauarbeiter steigen in den Bus. Menschen, die ihre Familie in Deutschland besuchen, und Geschäftsmänner.

Ohne Deutsch, ohne Vorbereitung

Seit 2006 arbeitet Danuta als pflegende Haushaltshilfe. Warum? Da war so eine Geschichte mit ihrem Ex-Freund, äußerst unschön. Danuta druckst, es ist ihr unangenehm. Die Vergangenheit ist ein Geheimnis, über das sie nicht spricht, aber von dem doch klar wird, dass es kein schönes Geheimnis ist. Jedenfalls, danach ist sie abgehauen, so schnell und so weit weg sie konnte.

Sie wusste, dass die Deutschen Pflegerinnen suchen – und Deutschland lag weit weg von Mragowo, das passte also. Auch wenn Danuta Deutschland nie viel abgewinnen konnte. Sie liebte Italien und England. Aber Deutschland? Eine kalte, unschöne Sprache sprach man dort.

Hürden, um in Deutschland als 24-Stunden-Pflege arbeiten zu können, gibt es kaum. Es bedarf weder einer Ausbildung noch irgendwelcher Deutschkenntnisse. Also brauchte es nicht lange, bis Danuta das erste Mal im Bus von Mragowo nach Deutschland saß. Ohne Deutsch und ohne Vorbereitung. Sie hatte ein Profil des Pflegefalls gelesen, mehr Informationen hatte sie nicht. Doch die Profile sind unzuverlässig. Denn verfasst werden sie von den Angehörigen derer, die Pflege brauchen. Nur erleben die ihre geliebten Verwandten meistens nur für einige Stunden am Stück – nicht 24 Stunden täglich, wie Danuta es tun wird.

18 Stunden Arbeitsweg: Einen halben Tag und die ganze Nacht ist Danuta Scibek im Bus unterwegs. Quelle: Agnieszka Krus

Danuta hatte Glück: Ihre erste Familie, damals in Rostock, kümmerte sich um sie, wenn sie sich nicht um den Pflegebedürftigen der Familie kümmerte. Durch Radio und Naturfilme versuchte Danuta damals, sich selbst Deutsch beizubringen. Ihre Familie nahm sie mit ins Kino, in Museen und Kirchen und sprach mit ihr, egal, ob sie etwas verstand oder nicht.

Fließend Deutsch sprechen lernte Danuta erst später, von einer Frau, die nicht mehr sprach. Eine Dame in Delmenhorst bei Bremen, geistig fit, aber wegen der Nervenerkrankung ALS bettlägerig und ohne Stimme. Weil sie nicht sprechen konnte, schrieb sie Danuta ihre Wünsche auf ein Stück Papier. Nur konnte Danuta diese damals noch nicht lesen. Also brachte es die Dame ihr bei. Jeden Abend schrieb sie Verben auf das Blatt. Danuta musste sie lesen und verstehen. Kochen. Essen. Wechseln. Schütteln. Dann Nomen. Kaffee. Mittagessen. Bettdecke. “Und gelacht hat sie, die Dame, gelacht ohne Ende, wenn ich etwas falsch aussprach“, sagt Danuta.

Über die Jahre lernte Danuta Deutschland lieben. Sie lebte auf dem Land, wo die Wäsche nach Gülle stank, wenn man sie draußen aufhängte, und in Städten, in denen sie sich jede Sehenswürdigkeit ansah. “Manchmal“, sagt sie, “fühle ich mich mittlerweile in meinen Familien eher zu Hause als bei mir in Mragowo. Einfach, weil ich dort so wenig Zeit verbringe. Manchmal komme ich wieder und weiß nicht mehr, wo ich was verstaut habe. Bei Solchen zu Hause finde ich alles, sofort.“

“Warum arbeitest du nicht in unserem Land?“

So deutschlandaffin wie Danuta mittlerweile sind indes nicht alle Polen. Der Ton gegenüber der Bundesrepublik ist seit dem Sieg der nationalkonservativen PiS rauer geworden. “Warum arbeitest du nicht in unserem Land – wir haben auch gute Arbeit?“, fragen manche Danuta. “Im Zweiten Weltkrieg haben uns die Deutschen die Männer genommen, jetzt nehmen sie uns die Frauen“, sagen andere.

Die Reisebegleitung kommt vorbei und bietet Getränke an. Kaffee und Wasser für 2 Złoty, 50 Cent. “Wuäh, das ist so ein Instantzeugs“, sagt Danuta, “das trinke ich nicht.“ Heute sowieso nicht. Wegen der Bus-Toiletten, da mag sie nicht pinkeln gehen, also trinkt sie heute nur ganz wenig. Einen halben Liter in 18 Stunden.

Der Mann vor ihr skypt bereits das zweite Mal mit seiner Frau. “Sind jetzt gleich in Allstein“, sagt er. “Scheiße ist das, 18 Stunden und kein Auge kann man zumachen.“ Seine Frau am Küchentisch, irgendwo in Polen, tröstet ihn: “Die sollen dich verwöhnen, wenn du da bist.“

Gelegentlich hält der Bus für eine kurze Zigarettenpause im Schneeregen Quelle: Agnieszka Krus

Die übrigen Fahrgäste versuchen vor sich hin zu dösen, lesen oder schreiben Whatsapp-Nachrichten. Geredet wird in den Raucherpausen, auf der Fahrt herrscht Stille. Auch Danuta schweigt. Dann sagt sie: “Irgendwann ist sie abgeholt worden, die stumme Dame. Es würde nicht mehr lange dauern, ehe sie stirbt. Also wurde sie in ein Hospiz gebracht. Sie wusste das. Aber sie mochte es geregelt, also war das Letzte, was sie auf das Papier schrieb: Kaffee. Nur bringen konnte ich ihr den nicht. Der Krankenwagen kam ja gleich.“

Wieder schweigt sie. “Das ist schwer. Wenn irgendwann der Zeitpunkt kommt, dass du in das Zimmer gehst, und da könnte dann jemand Totes drin sein. Da wummert dein Herz, dass es dir die Luft nimmt. Davor habe ich Angst, ja. Wobei nein, das ist keine Angst. Aber es ist ein ungutes Gefühl.“

“Einmal habe ich es nicht mehr ausgehalten“

14.10 Uhr. Pause. Der Bus hält in Allstein. Fast alle strömen nach draußen, Zigaretten brennen in wenigen Zügen hinunter. Zwei, die sich die 2,50-Złoty-Gebühr sparen wollen, pinkeln an die Bushaltestelle, geschützt vor den Augen der Sicherheitskräfte. In Gruppen stehen die meisten zum Small Talk zusammen.

“Fahre schon das zweite Mal diesen Monat.“

“Ja, ich bin immer froh, wenn ich lange dableiben kann.“

Die Haltestelle, gänzlich aus Beton und Stahl, enthält ein paar kleine Läden, deren Auslagen Zigaretten, Magazine, silberne Heiligenbilder, belegte Brötchen und Kaffeebecher präsentieren. Auf der Toilette schnarcht ein Mann aus einer der Kabinen.

“Einmal“, sagt Danuta, wieder im Bus, „habe ich es in einer Familie nicht mehr ausgehalten. Da war eine Dame, die mich ständig nur kritisiert hat. Du hast so komische Schuhe, hat sie gesagt, so komische Haare, so hässliche Kleidung. Und sie hat mir einfach eine Tasse frisch aufgebrühten Tee über den Kopf gekippt. Da war es mir zu viel. Da habe ich dann bei der Vermittlung angerufen und gesagt: So geht das nicht. Wie ein Püppchen lasse ich mich nicht behandeln. Und schon nach drei Tagen haben sie eine neue Pflegerin geschickt. Die Vermittlung ist gut zu mir. Wenn ich in eine schwierige Familie muss, rufen sie mich an und fragen, ob es für mich so okay ist.“ Meistens ist es okay.

Der Rolls-Royce unter den Pflegeangeboten

Das liegt auch daran, dass sich viele eine 24-Stunden-Hilfe gar nicht erst leisten können. Sie ist so etwas wie der Rolls-Royce unter den verfügbaren Pflegeangeboten. Zwischen 2000 und 3000 Euro monatlich kostet sie. Um legal zu sein, müssen Pflegekräfte mindestens den deutschen Mindestlohn verdienen und in einem polnischen Entsendeunternehmen angestellt sein.

Zu den Kosten der 24-Stunden-Pflege kommen oft noch die für zusätzliche, ambulante Pflegeleistungen obendrauf. Leisten können sich das nicht viele. Die, die es können, kommen in der Regel aus eher wohlhabendem Hause. Trotzdem hat Danuta Glück gehabt. Das weiß sie von Busfahrten wie dieser. Hier tauschen sich die Pflegerinnen aus, schimpfen auf oder schwärmen von ihren Familien und Vermittlungen. “Letztens saß ich neben einer, die war bei einer reichen Frau untergebracht. Aber die war so geizig, dass sie sich nachmittags von ihrer Pflegerin in die Küche fahren ließ, um die Brotscheiben zu zählen. Und wehe, es war eine zu wenig in der Packung.“

Morgens gegen 7 Uhr begrüßt Danuta in Paderborn ihre Patientin Ursula Scharfen Quelle: Agnieszka Krus

Das ist bei Ursula Scharfen ganz anders. Deren Tochter Ulrike Schenk und ihr Mann lassen Danuta die Freiräume, die die Vermittlung von ihnen fordert: viermal die Woche zwei Stunden Pause, am Sonntag möglichst den ganzen Tag.

Seit dreieinhalb Jahren liegt Ursula Scharfen im Bett. Die Demenz ließ sie das Laufen vergessen. Auch das Sprechen gelingt ihr heute nicht mehr. Nur Ja und Nein kann sie noch sagen. Und Kähekuchen, Käsekuchen. Das ist ihr Leibgericht. Den macht Danuta so gern für sie – und wenn die alte Dame ihn sieht, wandelt sich ihr eingefallenes Gesicht in ein einziges Strahlen.

Ursula Scharfen war eine Frau, der Äußerlichkeiten wichtig waren. Blitzeblank war die Wohnung immer. Wenn Gäste kamen, zeigte sie ihnen das ganze Haus. Sie machte alle Schränke auf, um zu demons-trieren, wie ordentlich es ist. Sogar die Rollläden putzte sie von außen. Selbst heute, dement und bettlägerig, bekommt sie das Lachen, wenn sie ihre Tochter mit einem Regenhut sieht, der ihr nicht gefällt.

Zwölf Pflegerinnen kamen und gingen

Momente wie diese erinnern Ulrike Schenk an die Mutter, die sie kannte. Über Jahre hatte sie die Krankheit nicht wahrhaben wollen. Zwar gab es Zeichen, das Verwechseln von Rosen mit Menschen etwa, doch die Zahl der Ausreden stieg mit der Zahl der Symptome. Bis sich die Situation nach einer Herz-OP dramatisch verschlechterte. Es folgten Zeiten der Aggression, der Depression, in der geschlossenen Anstalt, die keinem etwas brachten, aber die Tochter an ihr Äußerstes führten. In ein Heim sollte die Mutter. Aber für Ulrike Schenk kam das wie für so viele nicht infrage.

Also wandte sie sich an CareWork für eine 24-Stunden-Pflege. Zwölf Pflegerinnen kamen und gingen. Denn die Pflegerinnen wechseln sich ab. Hört die eine auf oder macht eine Pause, rückt jemand Neues nach. Während Danuta jetzt zu Hause in Polen war, hat sich für drei Wochen Luzilla um die alte Dame gekümmert. Keiner, sagen die Schenks, war bisher so gut wie Danuta. Gar nicht mehr gehen lassen wollen sie sie. Deswegen weichen die Schenks nur noch dann auf andere aus, wenn Danuta ihre Pausenwochen macht.

Lebenslichter: Immer, wenn sie heile ankommt, zündet Danuta in der Kirche eine Kerze an. Quelle: Agnieszka Krus

16.05 Uhr. Die beiden Bildschirme des Busses beginnen zu leuchten, Zeit fürs Reisekino. Bis 22 Uhr werden nun Filme gezeigt. Danuta verdreht die Augen, als der erste beginnt. “Kenne ich schon, den habe ich bestimmt achtmal gesehen, bis jetzt.“ Während sich der Bus an einem Auto nach dem anderen vorbeischiebt, kämpft Adam Sandler mit Liebesproblemen. Er, wie alle anderen Darsteller, wird von ein und derselben polnischen Synchronstimme gesprochen. Sie variiert weder in Tempo noch Tonalität. Adam Sandler klingt daher genauso wie die Frau, die er wohl liebt, und die Kinder, die es ihm schwermachen.

“Hast du mal einen Heiligen getroffen?“, fragt Danuta plötzlich nach langem Schweigen und so beiläufig, als frage sie nach dem Wetter. “Nein, nie.“ “Ich schon. Der hatte so eine Ausstrahlung, das hat man gleich gemerkt. Er hat viel gearbeitet und viel verdient, aber ganz viel davon gespendet, nach Afrika und Deutschland. Und einmal, da waren wir auf dem Friedhof, da hat er einfach seine Jacke geöffnet, ein Grablicht rausgeholt und gesagt, hier, für dich. Ein Heiliger!“ Dann wendet sie sich wieder ab und schweigt.

Der Glaube ist ihr wichtig, wie so vielen Polen. Immer, wenn sie heile in Deutschland ankommt, zündet Danuta in der Kirche eine Kerze an. Sonntags, an ihrem freien Tag, besucht sie den Gottesdienst. Früher meist den polnischen, heute eher den deutschen.

Fallschirmspringen, Jakobsweg, Nordpol

Doch anders als die meisten gläubigen Polen lebt Danuta nicht das Leben, das die Kirche ihr predigt. Danuta ist unverheiratet und kinderlos. Das ist ungewöhnlich in ihrem Alter. Entsprechend oft muss sie sich rechtfertigen. Die meisten ihrer Kolleginnen pflegen in Deutschland, weil das Geld für die Familie nicht reicht. “Andere suchen sich einen reichen Spender, der ihnen das Leben finanziert. Aber das will ich nicht. Ich habe eigene Pläne.“

Im Oktober war sie Fallschirmspringen, das erste Mal. Das war großartig. So frei war sie, jetzt weiß sie, warum die Vögel immer singen. Das will Danuta wieder machen. Und den Jakobsweg will sie mal gehen, solange sie das noch kann. Und nach Peru will sie mal. Oh, und an den Nordpol. Danuta hat viele Träume. Die Pflege von Solchen in Paderborn ist ihre Eintrittskarte in die Verwirklichung.

Danuta ist nicht die Einzige, die ihre Träume nun leben will. Polen befindet sich im Aufschwung. Die Strecke, die Danuta heute fährt, ist eine einzige Baustelle. Der Lebensstandard steigt, die junge Generation, zumindest Teile von ihr, beginnt auszubrechen aus dem starren Regelwerk der Alten. Freizeit und Entfaltung werden wichtiger als Geld um jeden Preis.

Mit Ulrike Schenk, Tochter ihrer Patientin Ursula Scharfen, verbinden Danuta Vertrauen und Zuneigung. Quelle: Agnieszka Krus

Für Vermittlungsunternehmen wie das, das Danuta entsendet, erschwert das die Rekrutierung von Pflegerinnen. “Früher hatten wir kein Problem damit, für jedermann jederzeit eine passende 24-Stunden-Hilfe zu beschaffen“, sagt der Mitgründer von CareWork, Danutas Vermittlung. Werner Tigges heißt er. “Heute wollen viele an Weihnachten, Ostern und in den Sommerferien lieber bei ihren Familien sein, als weiter Geld zu verdienen.“

Auch die Sonderwünsche der deutschen Auftraggeber erschweren die Vermittlung. “Eine Familie beispielsweise wollte explizit eine deutschsprachige Pflegerin mit dunklen Haaren über 1,90 Meter – damit die Pflegerin den Töchtern des Pflegefalls ähnlich sieht“, sagt Tigges. Dabei ist es bereits schwierig, Pflegerinnen zu finden, die überhaupt solide Deutschkenntnisse haben.

17.39 Uhr. Draußen weht leise Schnee gegen die Scheibe des Reisebusses.

Drinnen nimmt Danuta ihre dritte Halstablette gegen ihren trockenen Rachen. Der Mann vor ihr skypt das sechste Mal mit seiner Frau und gibt den neuen Standort durch. Die Frau sitzt immer noch am Küchentisch.

Busse, die in alle Städte Deutschlands fahren

Draußen ziehen Felder und Baustellen vorbei. Eine neonbeleuchtete Bar, mitten im Nirgendwo. Siedlungen, die nicht mehr als drei, vier, fünf Häuser zählen. Haltestellen aus einer Spanholz-Hütte und einem Sofa der Achtzigerjahre.

19.21 Uhr. Drinnen sitzt Danuta und schaut auf das dunkle Nichts draußen. Das Nichts gibt ihr nichts dafür zurück. Danuta schließt die Augen.

Die Stunden vergehen, Danutas Halstablettenvorrat wird kleiner.

22.15 Uhr. Die ersten Köpfe kippen kraftlos zur Seite. Leises Schnarchen durchzieht den Bus.

23.02 Uhr. Ankunft in Słubice, dem Grenzübergang von Polen nach Deutschland, früher ein Teil von Frankfurt an der Oder. Hier kommen Busse aus allen Städten Polens zusammen. Die Passagiere steigen aus und wechseln in Busse, die in alle Städte Deutschlands fahren. Hunderte Fahrgäste wuseln durcheinander. Die Herren meist im bequemen Jogginganzug, die Damen adrett bis ausgehfein. Kinder hängen müde quengelnd an den Händen ihrer Eltern. Mama, wann sind wir da? Lange Schlangen vor den Toiletten, Bankautomaten und Zigarettenausgaben – in Deutschland werden Zigaretten wieder das Doppelte kosten. Die meisten sind gereizt. Es ist zu spät, um es nicht zu sein.

Kurz vor Mitternacht erreicht der Bus den Bahnhof von Slubice (oben rechts), wo sich die Pendler aus allen Teilen Polens treffen und auf neue Busse verteilen, die fast alle deutschen Städte ansteuern. Quelle: Agnieszka Krus

Eine Frau darf nicht weiter mit. Sie ist zu betrunken. Es werden Flüche ausgetauscht, die Tür schließt sich und der Bus setzt sich ohne sie in Bewegung. Sie ist nicht die Einzige, deren Reise in Słubice wegen Alkoholkonsums endet.

23.51 Uhr. Polizeikontrolle, zwei Kilometer vor der deutschen Grenze. Zwei Polizisten marschieren durch den Bus und scannen die Passagiere. Vier Ausweise nehmen sie mit. Einer davon gehört einem Weißrussen, er ist ohne Visum auf dem Weg nach Dortmund. Die Papiere werden geprüft, dann muss der Weißrusse den Bus verlassen. Die Tür schließt sich, die Fahrt geht ohne ihn weiter.

Donnerstag, 3 Uhr. Braunschweig. Der erste Halt in Deutschland. Die erste Szene, die sich fortan an jeder Station wiederholen wird: Polinnen und ihre Pflegefamilien treffen aufeinander. Einige fallen sich in die Arme, als träfen sich zwei Freunde nach viel zu langer Zeit. Andere geben einander förmlich die Hand. Wieder andere steigen ohne Begrüßung in das Auto der Familie und fahren ab. So verschieden wie die Pflegerinnen sind, so verschieden sind auch die Familien, in die sie kommen, und so verschieden die Beziehungen, die sie zueinander entwickeln.

Die Beziehung zwischen Danuta und den Schenks ist längst eine Freundschaft geworden. Quelle: Agnieszka Krus

6.12 Uhr. Die Beziehung zwischen Danuta und den Schenks ist längst eine Freundschaft geworden. Als der Bus an einer Autobahnhaltestelle bei Paderborn hält, umarmen sie sich fest. So lange nicht gesehen. Drei Wochen insgesamt. Beide Seiten haben Kleinigkeiten besorgt, die sie sich schenken. Knabberkram für Danuta, Schinken und ein Ofenhandschuh für Hans und Ulrike. “Schön, dass du da bist, Dana.“ “Ja, ich freue mich.“ “Ich wünschte, du könntest immer hierbleiben“, sagt Hans Schenk.

Das wird sie nicht. Wenn Solchen stirbt, wird Danuta weiterziehen, zur nächsten Familie. Sonst wird das nie was mit dem Nordpol.

“Auch Helfer brauchen Pausen“

Bettina Sauer Quelle: privat

Die Stiftung Warentest hat Entsende-Unternehmen aus Osteuropa getestet. Im Interview mit Julius Heinrichs erklärt Test-Redakteurin Bettina Sauer, worauf es bei der Entscheidung für eine Hilfe ankommt.

Ich habe Interesse an einer 24-Stunden-Hilfe aus Osteuropa. Worauf muss ich achten?

Da gibt es natürlich Diverses – angefangen bei der grundsätzlichen Frage, ob man sich vorstellen kann, dass jemand von außen bei einem zu Hause wohnt und sehr viel Persönliches mitbekommt. Meistens sind die Hilfen Frauen aus Osteuropa, vermittelt über Agenturen, die sich um alles Organisatorische kümmern. Das klappt laut unserem Test im vergangenen Jahr auch in der Regel ganz gut.

Wie kann ich wissen, dass meine Vermittlung legal agiert?

Grundsätzlich ist es rechtlich in Ordnung, eine Vermittlungsagentur zu nutzen. Die meisten kooperieren mit Partnerfirmen im Ausland, etwa in Polen, Bulgarien oder Rumänien, die die Betreuerinnen rekrutieren und nach Deutschland schicken. Ob da alles mit rechten Dingen zugeht, etwa was den Lohn betrifft, können die Kunden über die Grenzen hinweg schwer überprüfen.

Mit welchen Kosten muss ich rechnen?

Letztes Jahr haben wir in einem großen Test 13 bundesweit tätige Agenturen geprüft. Demnach müssen Kunden mit Kosten von 1700 bis 3400 Euro im Monat rechnen. Ein Teil – aber längst nicht alles – lässt sich von der Steuer absetzen oder im Fall einer bestätigten Pflegebedürftigkeit über das Pflegegeld finanzieren.

Wie oft wechseln die Pflegerinnen?

In der Regel alle paar Wochen. Das kann belastend sein, weil man sich ja immer wieder auf eine neue Person einstellen muss. Manchmal pendelt sich ein fester Rhythmus ein, sodass sich beispielsweise stets dieselben beiden Betreuerinnen abwechseln.

Welche Pflichten habe ich?

Bemühen Sie sich, gute Bedingungen für Ihre Hilfe zu schaffen. Ein Konzept wie das der Rund-um-die-Uhr-Betreuung hört sich ja stark danach an, dass die Helferin immer zur Verfügung steht – aber das ist unzumutbar und arbeitsrechtlich nicht erlaubt. Möglichst ruhige Nächte sollten drin sein, ausreichend Pausenzeit und mindestens ein freier Tag die Woche. Das geht etwa, wenn man über gewisse Strecken des Tages allein zurechtkommt oder Angehörige regelmäßig einspringen. Auch die Hilfsangebote der gesetzlichen Pflegeversicherung sind zur Entlastung Gold wert.

Muss die Wohnung besondere Bedingungen erfüllen?

Wichtig ist ein eigenes Zimmer für die Helferin, idealerweise auch ein eigenes Bad. Und sie sollte Telefon und Internet nutzen können, um Kontakt nach Hause zu halten. Ach ja – das ganze Konzept läuft natürlich als Kost und Logis, also inklusive Verpflegung. Meistens kocht die Hilfe ja ohnehin, man isst dann mit ihr zusammen. Grundsätzlich übernehmen die Helferinnen vor allem Hausarbeiten und allgemeine Pflegeaufgaben. Sie leisten Gesellschaft und haben ein Auge darauf, dass zu Hause alles so weit in Ordnung ist.

Von Julius Heinrichs

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