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Top-Thema Endlich spielt Europa!
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20:06 10.06.2016
Von Imre Grimm
Endlich Teamgeist und klare Spielregeln: Warum die fröhliche Auszeit der Fußball-EM für Europa genau zum richtigen Zeitpunkt kommt. Quelle: RND / Fotos: iStock, Privat
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"Beim Fußball", hat Bill Shankley mal gesagt, der legendäre Manager des FC Liverpool, "geht es nicht um Leben und Tod – die Sache ist viel ernster." Britische Ironie, gewiss. Aber mit einem Funken Wahrheit. Fußball ist größer als die Summe seiner Teile. Seine Macht ragt weit über den Sport hinaus. Das kann ein Fluch sein. Oder ein Segen.

Europa ist politisch zerstritten. Argwöhnisch beäugen sich die Völker, gefangen in nationalen Egoismen. Ein Kontinent in der Vertrauenskrise. Unklare Lage, politisches Gezerre, Finanz- und Flüchtlingskrise. Überforderung. Da kommt der Fußball. Ein Wettstreit, das schon, aber mit klaren Regeln und gleichen Rechten für alle, seit 1863.

Es gibt Schiedsrichter. Es gibt Tabellen. Es gibt Torlinientechnologie und Videobeweis. Es gibt das Gebot der Fairness. Es gibt Gegner statt Feinde, Waffengleichheit statt Willkür, klare Gewinner und klare Verlierer. Es geht um Sieg, nicht um Vernichtung.

Keine Rote Karte in Brüssel

Das Kraftfeld der Politik ist ungleich komplexer. Auf EU-Gipfeln gibt es kein Freistoßspray. Kein "Bis hierher und nicht weiter!", keine Rote Karte gegen Viktor Orbán oder Recep Erdogan für eine Blutgrätsche von hinten. Und oft auch: kein Ergebnis. "Können wir das All nicht bewegen, bewegen wir doch den Ball", schrieb Vergil. Wenn es in Brüssel nicht geht, geht es vielleicht auf dem Platz. Das zermürbte Europa kann ein paar Wochen fröhlichen, spielerischen Ausnahmezustands gut gebrauchen.

Gerade jetzt, wo sich zeigt, dass die gegenseitigen Solidaritätsversprechen in der EU in der Krise nur als Schönwetterlyrik taugen, zeigt sich schmerzhaft das Fehlen einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit. Stattdessen: nationale Filterblasen. Ein mediales Manko, dass die Ausbildung einer europäischen Identität erschwert.

Nur internationale Sportereignisse wie die Champions League oder die Europameisterschaft schlagen emotionale Brücken quer durch den Kontinent. Sie erweitern die nationale Nabelschau um einen europäischen Blickwinkel. Albanien? Island? Die gibt"s? Und die können Fußball?

Spiegel der Gesellschaft

Das Sinnsystem Fußball, vielschichtig verwoben mit Politik, Medien, Kultur und Wirtschaft, spiegelt seit jeher den Zustand der Gesellschaft. Die aktuellen Mechanismen des Fußballs übertragen sich quasi osmotisch auf die unsportliche Wirklichkeit und umgekehrt. Die Welt als Pille und Vorstellung – regional, national, global.

Der Partyotismus der WM 2006 in Deutschland ist hierzulande das populärste Beispiel für die entkrampfende Wirkung des Sports. Deutschland? Plötzlich entspannt, zivilisiert, kosmopolitisch. Und nach dem WM-Sieg 2014 titelte der belgische "Standard" in Abwandlung des alten Spruchs, wonach am Ende immer Deutschland gewinnt, plötzlich: "Am Ende gewinnt Europa!"

Fußball und Politik unterliegen Wechselwirkungen. Das galt lange nur national. Die putzigen Analogien zwischen den jeweiligen deutschen Bundeskanzlern und Nationaltrainern sind augenfällig: der autoritäre "Alte" Konrad Adenauer und sein Bruder im Geiste, Sepp Herberger. Die liberalen Kompagnons Willy Brandt und Helmut Schön. Das spießige Trio aus Helmut Kohl, Jupp Derwall und dann später Berti Vogts. Die beiden medienbewussten Performer Gerhard Schröder und Erich Ribbeck, dann der Strahlemann der Nullerjahre, Jürgen Klinsmann. Und aktuell die Pragmatiker Angela Merkel und Joachim Löw.

Realität formt den Fußball

Auch in der Nachbarschaft formte die Realität den Fußball: Als die Holländer mit Johan Cruyff dem Klopperfußball abschworen und die Viererkette erfanden, statt dem Gegner einfach bloß brachial die Beine wegzusensen, da übertrugen sie auf den Platz, was sie mit ihrem dem Meer abgerungenen Land seit Ewigkeiten getan hatten: Sie definierten die Räume neu.

Jahrhundertelang hatten sie systematisch die Felder geflutet, wenn Feinde eindrangen. Sie machten "die Räume eng". Das übertrug Cruyff auf den Platz, spielte mit Einkreisung, Überzahl und Spielfeldverkleinerung (was Holland in der Qualifikation zur EM 2016 freilich wenig nützte).

Helmut Schön war dann in Deutschland der erste Trainer, der nicht mehr im Kasernenhofton herumbrüllte und zum Siegsaufen lud. "Fußball ist, auf seine Weise, ein spielerisches Modell unserer gesellschaftlichen Verhältnisse", sagte Schön. Spieler erhielten Freiräume, die Gesellschaft liberalisierte sich. Individualisten wie Franz Beckenbauer, Günter Netzer, Paul Breitner, Gerd Müller ragten aus dem Kollektiv heraus.

Bachelor statt Bierholen

Vierzig Jahre später erlebt das deutsche Kollektiv ein Comeback: Jogi Löws aktueller Kader besteht überwiegend aus braven Teamplayern, die sich dem gemeinsamen Ziel unterordnen. "Die Mannschaft". Das entspricht der modernen Arbeitswelt mit ihren früh professionalisierten Lebensplanerfüllern. Bachelor statt Bierholen. Die Motzköppe und Männerbündler sind Vergangenheit.

Auf Europa übertragen hat Fußball noch immer eine zivilisatorische Wirkung als Aggressionsventil. Er ist organisierter Kampf. "Glücklicherweise hat es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Frieden zwischen den größeren europäischen Mächten gegeben", schreibt der US-Schriftsteller Paul Auster. "Das heißt nicht, dass sie sich mögen, aber zum ersten Mal sieht es so aus, als ob die überwiegende Mehrheit der Europäer einen Weg gefunden hätte, einander zu hassen, ohne einander in Stücke zu reißen. Dieses Wunder trägt den Namen Fußball."

In die alte Militärmetaphorik muss man aber nicht mehr verfallen. Selbst Englands Boulevard verzichtet inzwischen auf "Blitzkriegs"- und Panzer-Schlagzeilen bei Deutschlandspielen. Natürlich haben die "deutschen Tugenden" ihren Ursprung im militärischen Preußentum. Die Nazis nutzten den Sport ganz bewusst zur inneren Militarisierung. Ausdrücke wie Balleroberung, Zweikampf, "Bomber der Nation" und Wirkungstreffer künden davon.

Chancen für Außenseiter

Aber der Fan von heute ist weit entfernt vom entfesselten Wilden mit Kriegsbemalung, der seinen Atavismus im Stadion auslebt. Die regelmäßigen Innenstadtverbrüderungen rivalisierender Fangruppen zeugen davon. Historische Rivalitäten kann der Fußball geradezu "durchspielen", wie etwa im Fall Holland gegen Deutschland.

Anders als in der Politik, wo die Großen permanent ihren Machtbereich sichern, können die Kleinen im Fußball die Großen schlagen (anders als Holland im WM-Finale 1974). Nichts täte dem geschundenen Selbstbewusstsein Griechenlands besser als ein EM-Sieg gegen das pädagogisierende Deutschland, das den kretischen Bauern so gern von den Vorzügen seiner Bausparer-Mentalität überzeugen würde.

Nichts würde Russland mehr foppen als eine Niederlage gegen die Ukraine. Solche Überraschungssiege können Druck aus dem Kessel lassen, vermeintlich ewig gültige Wahrheiten ins Wanken bringen – und ernste Konflikte im Spiel auflösen.

Alleine geht es nicht

"Fußball ist das System, in dem Leute, die sonst in ihren getrennten Systemen stecken, am ehesten ihre Käfige verlassen", schreibt Klaus Theweleit in seinem fußballphilosophischen Klassiker "Tor zur Welt". Das heißt: Ausgerechnet ein Spiel, das eine fast anachronistische (Rück-)Besinnung auf Heimat und Nation einfordert, trägt etwas Ausgleichendes und Harmonisierendes in sich, das Klischees und Foppereien befeuert und gleichzeitig infrage stellt (Was macht der Holländer nach dem WM-Sieg? Die Playstation aus).

Wettkampfsport und Friedensappell – wie passt das zusammen? Gehören nicht auch Rassismus, Gewalt, Hooliganismus zum Fußballalltag? Keine Frage. Im Kern aber schärft Fußball den Blick dafür, dass es alleine nicht geht. Dass die anderen auch gut sind. Dass Zuwanderung Mannschaften und Gesellschaften bereichert. Dass Jérôme Boateng ein guter Nachbar wäre. Dass Mesut Özils Foto aus Mekka in seiner Beiläufigkeit ein starkes Signal der Normalisierung ist.

Gleiche Regeln für alle

Selbst die Milliardendeals mit Scheichs und Sponsoren, selbst die korrupte und diktatorische Fifa, selbst der bestechliche Schwätzer Michel Platini und Sepp Blatters hohle Phrasen vom Weltfrieden konnten die wirkmächtige Integrationskraft des Fußballs nicht zerstören. Sie funktioniert, seit französische, deutsche und britische Soldaten 1914 im Ersten Weltkrieg zwischen den Schützengräben der Westfront miteinander Weihnachten feierten – und Fußball spielten.

Fußball, das Spiel ohne Grenzen, wird in den kommenden Wochen die Politik überlagern. Und es wird Qualitäten zeigen, die auch für das politische Europa heilsam wären: gleiche Regeln für alle. Und eine gesunde Mischung aus individueller Klasse und Teamgeist.

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