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Fack ju Göthe?

Pflichtlektüre und Lesefrust Fack ju Göthe?

Goethe, Schiller, Brecht und die "Deutschstunde" in der Deutschstunde: Es gibt Bücher, die man unbedingt gelesen haben muss. Die Pflichtlektüre in der Schule gaukelt es vor. Sie orientiert sich bis heute an einem bildungsbürgerlichen Kanon. Ist der aber nicht längst aus der Zeit gefallen?

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Pflichtlektüre oder Lesevergnügen: Warum brauchen wir heute noch einen Literaturkanon?

Quelle: Fotolia / Public Domain

Wie gut, dass es Reclam gibt! Die kleinen gelben Heftchen bringen nicht nur die Weltliteratur zum erschwinglichen Preis und im handlichen Format heraus. Viele Deutschschüler sind vor allem dankbar für die Lektürehilfen des Verlags, die – dann im blauen Umschlag – die wichtigsten Informationen zu Figurenkonstellation und Motivwahl mitliefern.

Zu allen Zeiten haben sich auf Effizienz bedachte Schüler mithilfe dieses Rettungsankers gleich ganz die Lektüre des Originals erspart, welche der Lehrer in strenger Taktung vorgibt: Schillers "Räuber" bis zum Ende der Woche, Gerhart Hauptmanns "Bahnwärter Thiel" bis übermorgen. Manch einer hätte sich selbst gern in einen Käfer verwandelt, bloß um Kafkas "Verwandlung" zu entkommen.

Die aufgezwungene Lektüre in der Schule – anregend, abschreckend oder gar absurd? Der erste Satz von Siegfried Lenz' berühmtem Roman "Die Deutschstunde" aus dem Jahr 1968 spielt auf den bisweilen zwanghaften Charakter des Unterrichts an: "Sie haben mir eine Strafarbeit gegeben."

Der "heimliche Kanon"

Im "Spiegel"-Nachruf auf den 2014 gestorbenen großen Schriftsteller heißt es: "Für viele Generationen bundesrepublikanischer Schüler war die 'Deutschstunde' Schullektüre. Doch nicht mal die Aufnahme in die Lehrpläne hat der Popularität des Schriftstellers Lenz geschadet." Was so viel heißt wie: Die Schullektüre von heute vergrault die Leser von morgen.

Zwar gibt es seit rund zehn Jahren keine allgemein verbindliche Pflichtlektüre an Schulen mehr, die Lektüreempfehlungen variieren von Bundesland zu Bundesland. Die Hintertür zur Standardisierung ist jedoch das Zentralabitur, für das explizite Literaturvorgaben gemacht werden. Professor Roland Berbig vom Literaturinstitut der Humboldt-Universität spricht deshalb von einem "heimlichen Kanon".

Ganz pragmatische Gründe wie das Vorhandensein von Unterrichtsmaterial oder eines Lektüreklassensatzes in der Schulbibliothek führten dazu, dass bestimmte Titel häufiger gelesen würden als andere. Berbig ist gar nicht einmal unglücklich darüber: "Der Kanon ist nichts Bedrohliches. Er hilft, Lesen zu schulen, es in Bezugsräume zu stellen, die einmal gültig waren und ihre Gültigkeit noch nicht verloren haben."

Teil der kulturellen Identität

Das bloße Abschütteln trüge nicht, vor allem trüge es nicht weit. "Mich fasziniert, dass bei nicht wenigen unserer Studierenden kanonisierte Dichter wie Goethe, Fontane oder Kafka selten ihre Wirkung verfehlen."

Die Deutschlehrerin Monika Matthes, die an einem Gymnasium in Nienburg an der Weser unterrichtet, findet das System flexibel genug: "Gewisse Vorschriften, etwa klassisches Drama in Jahrgangsstufe 9 mit einer Reihe von Auswahllektüren, finde ich sinnvoll, weil sich sonst zu viele Lehrer um das vermeintlich schwere Thema herumdrücken würden. Dann hätten die Schüler in der Oberstufe noch nie etwas vom klassischen Dramenaufbau gehört, sollten aber erkennen lernen, inwiefern Goethe im 'Faust' davon abweicht."

Wann, wenn nicht in der Schule, sollten Kinder aus lesemüden Familien an die Autoren herangeführt werden, die zu unserer kulturellen Identität gehören? Es ist dem Deutschunterricht zu verdanken, dass nicht nur Geisteswissenschaftler sich mit dem berühmten Monolog aus dem Faust "Da steh ich nun, ich armer Thor" und den "Leiden des jungen Werther" identifizieren können.

Was ist wirklich unverzichtbar?

Doch ist es sinnvoll, mit Goethe, Schiller und Knittelvers gleich in den Stabhochsprung der Dichtkunst einzusteigen, statt sich der Literatur zunächst durch einen Bocksprung in Form jugendkompatibler Werke, etwa Benjamin von Stuckrad-Barres Roman "Soloalbum", zu nähern? Neue Literatur hat es ohnehin schwer, in den Kanon aufgenommen zu werden. Zuletzt ist es Patrick Süskinds Roman "Das Parfum" und Bernhards Schlinks "Der Vorleser" gelungen.

Natürlich hat Bertolt Brechts episches Theater die deutsche Dramatik revolutioniert – aber hat sich das Erbe eines Christoph Schlingensief nicht ebenso in die aktuelle Bühnenlandschaft eingebrannt? Und prägt Tolkiens "Herr der Ringe" unsere Literatur- und Filmwelt heute nicht mindestens ebenso wie Thomas Manns "Zauberberg"?

Hinter dem mehr oder weniger vorgegebenen Schulstoff verbirgt sich die alte bildungsbürgerliche Forderung nach einem Kanon, der ein Nukleus der Literaturgeschichte sein soll. Im Zuge der Aufweichung allgemein gültiger Normen aber hat der Kanon an Bedeutung und auch an Verbindlichkeit verloren. Die Auswahl der unverzichtbaren Werke ist höchst subjektiv und steht schon allein deshalb in der Kritik.

"Bestseller" als Gütesiegel

Es passt, dass einer der letzten öffentlichen Fürsprecher eines Literaturkanons von Berufs wegen eine radikal subjektive Sicht auf die Güte von Literatur hatte: Der Kritiker und Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki brachte unter dem selbstbewussten Titel "Der Kanon" ab 2001 eine fünfbändige Anthologie der deutschen Literatur heraus.

Dabei hat das – zweifelhafte – Prädikat "Bestseller" heute den Kanon weitgehend als Gütesiegel abgelöst. Die Sehnsucht nach einer Rangordnung lebt fort in Votingsendungen wie "Unsere Besten" oder Literatursammlungen etwa der "Süddeutschen Zeitung" und der "Zeit"-Bibliothek, ähnlich auch im Ausland von "Le Monde" bis zur BBC.

Offenbar gibt es ein Bedürfnis der Leser nach Einordnung. Wenn man schon nicht alle Bücher der Welt zu lesen imstande ist, dann kann man mithilfe eines Kanons zumindest hinter die wichtigsten Werke einen Haken setzen. Und sei es nur im Deutschunterricht.

Kultur ist mehr als Pflichtaufgabe

Aber lässt sich Kultur überhaupt in Bestenlisten erfassen, wie es etwa die Unesco mit ihren Welterbetiteln tut? Siegfried Lenz hätte diese Frage wohl verneint. Das Kanonische war seine Sache nicht. Vielmehr stellte er sich immer wieder quer zur geltenden Norm, ganz wie seine Figuren, etwa der Kapitän des Feuerschiffs. In der "Deutschstunde" ließ er die Deutschen nachsitzen und führte ihnen vor Augen, dass ein System wie die NS-Herrschaft nur funktioniert, wenn der Einzelne mitmacht.

Nun erscheint am 10. März mit dem bislang unbekannten Roman "Der Überläufer" abermals ein Lenz-Werk, das uns nachdenken lässt über unsere Identität. Der Antikriegsroman entstand schon in den Fünfzigerjahren und wurde aus politischen Gründen nie gedruckt. Und noch einmal, posthum, schickt er uns wie ein Lehrer zurück in die Deutschstunde. Deutsche Kultur, lernen wir da, ist mehr als eine Pflichtaufgabe. Und nicht immer das, was unter diesem Label propagiert wird.

Von Nina May

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