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Ganz erpicht auf Verzicht

Fastenzeit Ganz erpicht auf Verzicht

Millionen Deutsche wollen von Aschermittwoch an wieder 40 Tage lang fasten – und bevorzugt Alkohol und Süßigkeiten entsagen. Einige tun’s für Gott, die meisten für die Figur. Dabei kann der vorösterliche Brauch viel mehr sein als ein Wellnessprogramm. Ein Plädoyer fürs Runterkommen und Innehalten.

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Quelle: Ken Kullik

Hannover. Intervallfasten könnte das nächste große Ding auf dem Wellnessmarkt werden. Das Konzept klingt vielversprechend – erst recht für jene, die nicht ganz so sehr mit eiserner Disziplin und einem marathonmäßigen Durchhaltevermögen gesegnet sind. Intervallfasten, neuerdings auch 5:2-Diät genannt, meint, salopp ausgedrückt, Folgendes: An fünf Tagen in der Woche gelten ernährungstechnisch keinerlei Tabus, an den zwei verbleibenden versucht man, mit maximal 600 – gesunden – Kalorien auszukommen: möglichst wenige Kohlenhydrate, dafür Wasser, Tee, Gemüse, etwas Obst und ein wenig eiweißhaltige Kost.

Der Vorteil der Methode – so zumindest sind die Anhänger überzeugt – liegt darin, dass dem Organismus innerhalb von 24 Stunden zwar hinreichend Zeit zum Entschlacken gegeben wird, negative Fastenfolgen wie der berüchtigte Jo-Jo-Effekt aber ausbleiben. Das liegt angeblich daran, dass der Körper in der kurzen Diätpause noch nicht auf den genügsamen Hungerstoffwechsel umschaltet. Auf diese Weise sollen die Pfunde purzeln, ohne dass es sich hinterher rächt. Der Prozess des Abnehmens vollzieht sich zwar langsamer als bei jeder Crashdiät, dafür aber ohne allzu große Selbstkasteiung. Abnehmen im Schongang also.

Es wäre also keine Überraschung, wenn das Intervallfasten von Aschermittwoch an noch an Beliebtheit gewinnt. Der Tag markiert das Ende der Karnevalssaison und den Beginn des introvertiertesten Abschnittes des Kirchenjahres, der Passionszeit. Während für Christen die 40 Tage zwischen Aschermittwoch und Karsamstag (die Sonntage nicht eingerechnet) eine Zeit des Innehaltens und der Bewusstmachung von Jesu Leiden, Sterben und Auferstehung sind, betrachten viele religiös Ungebundene die Fastenzeit neuerdings als eine Art zweite Chance: als einen zweiten Anlauf, die zum Jahreswechsel gefassten Vorsätze nun endlich, wenn auch arg verspätet, in die Tat umzusetzen. Denn Neujahrs- wie Fastenvorsätze verfolgen zumeist dasselbe Ziel: In beiden Fällen geht es darum, ein besserer Mensch zu werden. Oder zumindest jemand, der ein wenig mehr in sich ruht. Jemand, der stressärmer und achtsamer lebt. Der ein paar Kilogramm leichter ist, besser Maß halten kann und gesundheitsbewusster ist.

Entscheidend ist maximaler Erfolg bei minimalem Einsatz

Weil Attraktivität und Gesundheit in der Rangliste erstrebenswerter Eigenschaften gegenwärtig ganz weit oben stehen, ist der Verzicht auf Alkohol und/oder Süßigkeiten auch in diesem Jahr wieder der beliebteste Fastenvorsatz. Wenn wir schon verzichten, dann vor allem, um uns etwas Gutes zu tun: Ein bis zwei Kleidergrößen weniger sollten dabei schon für uns herauskommen. Fasten für die Bikinifigur – oder gegen den Bluthochdruck: Es geht um unser eigenes Wohl, verständlicherweise. Jeder ist sich selbst der Nächste – und quält sich deshalb nur ungern. Deshalb ist das Intervallfasten so beliebt. Oder der zurzeit ebenfalls heftig gehypte Verzicht auf Kohlenhydrate, Low Carb genannt. Derartige Diäten versprechen maximalen Erfolg bei minimalem Einsatz – und passen damit perfekt in unsere effizienzvernarrte Zeit. Was zählt, sind schnelle Ergebnisse.

Unter solchen Voraussetzungen hat es das Fasten in seiner ursprünglichen, spirituellen Form schwer. Gewiss, Fasten kann durchaus eine (durchaus umstrittene) Heilmethode sein, eine Diät, ein Wellnessprogramm. Doch vor allem ist es eine Übung des Geistes, verschwistert mit (Selbst-)Erkenntnistechniken wie der Meditation.

Für Muslime und Katholiken ist beim Fasten der Gedanke der Demut und der Buße vor Gott zentral. Weil Martin Luther das Fasten aus Gottgefälligkeit ablehnte, betonen Protestanten dagegen den Aspekt der Einkehr und Neuorientierung: Fasten soll aufwecken, den Blick weiten und den Geist öffnen. Der Verzicht auf Gewohnheiten soll die nötige Distanz zum täglichen Einerlei schaffen, um das eigene Lebenskonzept kritisch zu betrachten und womöglich neu zu justieren.

Fasten soll auch dankbar machen gegenüber dem, was uns sonst wie selbstverständlich – und nicht selten im Übermaß – zur Verfügung steht. Die Fastenzeit ist ein Lern- und Erkenntnisprozess. Sich nach eigenem Maß und Tempo auf den Weg zu machen ist dabei wichtiger als ein fulminanter Zieleinlauf. In etwa das will vermutlich auch das diesjährige Motto der evangelischen Fastenaktion „7 Wochen ohne“ sagen. Es lautet: „Augenblick mal! – Sieben Wochen ohne Sofort.“

Ruhig werden. Die Füße still halten und einfach mal beobachten, was das Verzichten mit uns macht: Allein das ist schon Herausforderung genug. Etwa, wenn das Triebtier in uns nach Wein, Kartoffelchips und Schokolade lechzt. Wenn der bequemere Teil unserer Persönlichkeit doch wieder ins Auto anstatt auf den Fahrradsattel steigen will. Oder wenn unsere Hand nervös zuckt, weil sie sieben Wochen lang nicht nach dem Smartphone greifen darf.

Den inneren Schweinehund vom Hof jagen

Doch gerade in jenen Momenten, in denen der innere Schweinehund gegen den Verzicht rebelliert, wird das Fasten interessant. Nicht so sehr, weil wir in diesen Momenten heldenhafte Selbstbeherrschung beweisen können. Sondern vor allem, weil wir erfahren, wie sehr wir von unseren Angewohnheiten regiert werden. Wie unfrei wir letztlich sind. Diese Erkenntnis tut weh, kann aber auch heilsam sein. Denn nur, wer sich dem Schweinehund stellt, kann ihn vom Hof jagen. Nicht für ein so mickriges Ziel wie die Bikinifigur. Sondern um ein Stück unabhängiger von Routinen und Zwängen zu werden – vor allem in gewichtigeren Lebensfragen.

Schon die Gelehrten von einst wussten um die klärende Kraft des Fastens. Es heißt, Siddhartha Gautama, Begründer des Buddhismus, habe vor wichtigen Entscheidungen gefastet. Womöglich, um blindem Aktionismus vorzubeugen, der am Ende womöglich doch nur zur Verschlimmbesserung führt. Fasten heißt, offenen Fragen nachzuspüren und Antworten genug Raum und Zeit zum Wachsen zu geben. Gut Ding braucht Weile.

Vielleicht sollten wir es öfter wie Buddha machen: Immer wenn es ernst wird im Leben, wenn sich Handlungsdruck aufbaut, weil die Beziehung auf der Kippe steht, der Job keine Freude mehr bringt, oder ein neuer Lebensabschnitt bevorsteht, immer dann sollten wir vielleicht erst mal ein paar Tage innehalten, anstatt mit der Brechstange draufloszustürmen. Denn der nächstliegende Schritt ist nicht immer der beste.

Von Daniel Behrendt

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