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Vorsicht! Hier kommt die Generation "Kopf runter"

Evolution durch Technik Vorsicht! Hier kommt die Generation "Kopf runter"

Technik ist der Motor menschlicher Evolution: Das Smartphone hat uns zu notorischen Nach-unten-Guckern gemacht – und zu Erfindern von Ampeln auf Bordsteinhöhe. Und das ist erst der Anfang. Denn kommende Technologien werden uns und unsere Umwelt noch tiefgreifender verändern. Was macht das mit unserer Gesellschaft?

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Das Smartphone ist für Millionen Menschen nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken – und die technische Entwicklung wird in Zukunft immer stärkeren Einfluss auf unser Leben haben.

Quelle: afp

In Augsburg gehen sie mit der Zeit. Seit April blinken die Ampeln in der bayerischen Stadt an zwei Fußgängerübergängen nicht mehr nur auf Augenhöhe. In die Bordsteine eingelassene rote LED-Leuchten warnen dort die Passanten, wenn eine Straßenbahn vorbeifährt oder die Fußgängerampel umspringt.

Der Grund ist einfach: Immer mehr Fußgänger heben auch an einer befahrenen Kreuzung den Kopf nur noch ungern. Gerade junge Menschen kleben mit ihrem Blick am Display ihres Smartphones. Eine schnelle Nachricht, kurz noch ein paar Likes verteilen, mal eben E-Mails checken: All das ist im Straßenverkehr längst keine Seltenheit mehr.

Das zeigt eine Studie des Deutschen Kraftfahrzeug-Überwachungs-Vereins (Dekra). Sie kam jüngst zu dem Ergebnis, dass fast 17 Prozent der Fußgänger in sechs europäischen Hauptstädten im Straßenverkehr ihr Handy nutzen. Von einer "riskanten Ablenkung" spricht ein Vorstandsmitglied des Vereins. "Viele Fußgänger unterschätzen offenbar die Gefahren, denen sie sich selbst aussetzen." Er empfiehlt: Handy weg im Straßenverkehr.

Die kritische Masse ist erreicht

Das Anliegen des Dekra mag nachvollziehbar sein – den Kampf gegen das Smartphone kann sie jedoch nur verlieren. Zu groß ist die Bedeutung, die das Handy mittlerweile im Leben von Millionen von Menschen eingenommen hat. Die Erfahrung zeigt: Nicht der Fußgänger wird sich anpassen müssen, sondern der Straßenverkehr.

Die Integration neuer Produkte und Erfindungen in den Alltag ist so alt wie die Menschheit. Und noch jedes Mal sorgten neue Technologien für größere oder kleinere Umwälzungen in Umwelt und Infrastruktur – spätestens dann, wenn sie sich in der Mehrheitsgesellschaft durchgesetzt haben.

Bei der Smartphone-Nutzung ist die kritische Masse längst erreicht: 80 Prozent der Deutschen sind mittlerweile online, 55 Prozent von ihnen nutzen das Netz auch unterwegs – das sind fast
31 Millionen Menschen. Darauf muss das Land sich einstellen. Der Augsburger Ampelversuch ist da nur ein erster Schritt. Zumal das Smartphone ja nicht das Ende der Geschichte sein wird, wenn es um potenziell ablenkende Technologien geht, mit denen sich Menschen künftig auf die Straße trauen werden.

"Die Zukunft gehört VR und AR"

Peter Wippermann ist Trendforscher in Hamburg. Seit Jahren versucht er sich ein Bild darüber zu machen, wo die Reise für die Menschheit hingehen wird. Dass wir in den kommenden Jahren noch ein Smartphone in der Hand halten werden, hält Wippermann für unwahrscheinlich. "Die Zukunft gehört der Virtual Reality und der Augmented Reality", sagt er.

Diesen Unterschied muss man erklären: Setzt man eine Virtual-Reality-Brille auf, sieht man eine rein künstliche Welt, ein von Computern geschaffenes dreidimensionales digitales Gebilde, das der Realität möglichst nahe kommen soll. Augmented Reality ist etwas anderes. Hier sieht der Nutzer die reale Welt – allerdings erweitert um digitale Informationen.

Mit einer Augmented-Reality-Brille kann man durch eine Straße laufen und sich beispielsweise direkt anzeigen lassen, welche Wohnungen zu vermieten sind oder wann die Häuser gebaut wurden. Es erweitert den Blick auf die echte Welt. Und anders als bei einem Smartphone muss man dafür nicht einmal mehr den Blick senken.

Hilfestellung für Smartphone-Nutzer: Die Bodenampel, kurz Bompel.

Risikofaktor Smartphone-Nutzer: Bordsteinampeln, kurz Bompeln, wie hier in Augsburg sollen Verkehrsunfälle verhindern.

Quelle: dpa

"Durch diese Technologie werden wir Teil beider Welten werden", erklärt Wippermann. Brillen hält er nur für eine Übergangslösung – die Zukunft gehöre Implantaten, die womöglich direkt im Gehirn eingesetzt die jeweiligen Informationen abrufen können, die wir in einer bestimmten Situation brauchen werden. Schon heute arbeiten die Technologieriesen im Silicon Valley an solchen "hologrammähnliche Welten", wie der Trendforscher sie nennt. Er halte es nicht für ausgeschlossen, dass es in den kommenden 40 Jahren soweit sein könnte, sagt Wippermann.

Das wäre zwar keine Evolution im darwinistisch-biologischem Sinn, doch die Umwälzungen, die ein solcher technologischer Fortschritt mit sich bringen würde, sind kaum zu überschätzen. Sämtliche denkbaren Erfahrungen könnten jederzeit vollkommen realitätsnah virtuell erlebt werden. Roadtrip durch Australien? Simuliert der Chip. Tauchen mit dem Weißen Hai? Simuliert der Chip. Erkundungsflug ins Weltall? Simuliert der Chip.

Werden unsere Nachfahren also nur noch auf der Couch sitzen und sich von virtuellen Erfahrungen berieseln lassen? Unwahrscheinlich, glaubt Trendforscher Wippermann. Es gebe schon heute eine "lustvolle Suche nach Realität", sagt er. Wer es sich leisten kann, der greift eben nicht zum industriell hergestellten Analogkäse, sondern zum handgemachten Rohmilchstinker aus Frankreich.

Realität als Luxusgut?

Dieses Prinzip auf die Wahrnehmung der Welt zu übertragen ist problematisch. Im schlimmsten Fall könnte es bedeuten, dass Erfahrungen in der vermeintlich realen Welt zunehmend einer kleinen, wohlhabenden Kaste vorbehalten bleiben, während die große Mehrheit der Gesellschaft sich mit vorgefertigten virtuellen Massenerfahrungen zufriedengeben muss. Die Realität wird zum Luxusgut. Ein erschreckender Gedanke.

Davon sind wir jedoch noch weit entfernt – und natürlich ist längst nicht klar, ob es so kommen wird. Heute dienen die Innovationsschübe der modernen Technologie vor allem dem Ziel, das Leben für uns Menschen angenehmer zu gestalten. Auch unsere Umwelt passt sich immer mehr unseren Bedürfnissen an. Längst analysieren Städteplaner anhand von Geo- und Bewegungsdaten sinnvollere Straßenführungen. Doch bald könnte der Straßenverkehr eine richtiggehende Kulturrevolution erleben: die Einführung des selbstfahrenden Autos.

Platz für Menschen statt für Autos

"Blech aus den Städten zu verbannen bedeutet: Mehr Platz zum Sitzen, mehr Platz zum Spielen. Kurz: mehr Lebensqualität", sagt Philipp Krass. Er arbeitet als Städteplaner in Karlsruhe, entwirft Leitbilder für die Städte der Zukunft. Parkende Autos, glaubt Krass, könnten in den nächsten Jahrzehnten weitgehend aus den dichten Stadtgebieten verbannt werden. Ein selbstfahrendes Auto könnte seinen Besitzer morgens zu Hause abholen, ihn auf der Arbeit absetzen und abends den Rückweg organisieren. Zwischendurch könnte es von anderen Personen genutzt werden.

Den Rest der Zeit verbringt es in einer Parkgarage am Rande der Wohnquartiere – es fährt sich ja allein hin und wieder zurück. Wo sich heute noch Parkplatz an Parkplatz reiht, könnten künftig Gemeinschaftsflächen entstehen. Auch das Problem mit den Smartphones wäre damit gelöst, denn eine Welt voller selbstfahrender Autos braucht keine Ampeln mehr.

Wer sich nicht anpasst, verliert

Implantierte Augmented-Reality-Chips und Autos ohne Fahrer sind nur zwei von unzähligen technischen Veränderungen, die den menschlichen Alltag und das Zusammenleben in gar nicht allzu ferner Zukunft auf den Kopf stellen dürften. Es gehört nicht zu den allerneuesten Erkenntnissen, dass Widerstand gegen solche Umwälzungen zwecklos ist.

Schon Marx und Nietzsche hatten dieses Prinzip erkannt, auf den Punkt brachte es jedoch der Ökonom Joseph Schumpeter. In den Vierzigerjahren formulierte er das Prinzip der "schöpferischen Zerstörung". Es besagt, dass innovative und erfolgreiche Technologien hergebrachte Strukturen verdrängen und an ihre Stelle treten. Darwinistisch gesprochen: Wer sich nicht anpasst, bleibt auf der Strecke.

Das klingt zunächst hart, doch trotzdem gibt es keinen Grund zur Verzweiflung. Am Ende des schöpferischen Zerstörungsvorgangs stand bislang schließlich noch immer eine bessere, erfolgreichere Welt mit einer höheren Lebensqualität für die Menschheit. Die LED-Leuchten in den Augsburger Bordsteinkanten sind nur der Anfang. Daran gibt es keinen Zweifel.

Von Julian Heissler

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