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Habt ihr etwa immer noch kein Haus?

Irrsinn Immobilienmarkt Habt ihr etwa immer noch kein Haus?

Wer heute 40 ist und kein Haus hat, macht etwas falsch. Bei den Zinsen! Aber was tun, wenn der Markt nicht das passende hergibt? Und die Zahl der Mitbewerber zu groß ist? Und es zur Innenstadt mehr als zehn Kilometer sind? Geschichten von der Suche nach einem Glück, das nicht jeder braucht.

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Für viele Familien wird es immer schwieriger, ein geeignetes Haus zu finden. Nur allzu oft klaffen Wunsch und Wirklichkeit weit auseinander.

Quelle: dpa

Ein alter Freund, C., hatte es geschafft, endlich hatte er etwas gefunden. Vier Jahre Suche lagen hinter ihm, vier Jahre mit Maklertreffen, Abenden in basisdemokratischen Baugruppen und Spaziergängen durch zugige Rohbauten, nach denen er sich den Matsch von den Schuhen putzte. "Ging alles schnell, Vorvertrag auf dem Tisch", schrieb C. Aber glücklich: Nein, glücklich klang C. nicht.

C. war nie ein Vorstadttyp. Eine Zeit lang wohnte er in Köln, hatte aber noch ein Zimmer in Berlin, arbeitete oft in Hamburg oder Wien. Und wenn man ihn anrief, hörte man im Hintergrund irgendwelche Flughafendurchsagen. C. kam vom Land. Danach hat er nie woanders als mitten in der Stadt gewohnt. Und jetzt? "Reihenmittelhaus im Neubaugebiet, alles zusammen 450.000 Euro, acht Kilometer bis zur Innenstadt", schrieb C.

Er wusste, dass das nicht wirklich passend klang. Aber er und seine Frau hatten sich schon etwas überlegt: "Mentale Hilfe: Wohnen dort, bis die Tochter aus dem Haus, dann Wohnung im Zentrum." C. und seine Frau waren noch nicht mal umgezogen, das Haus war noch nicht mal fertig, da überlegten sie schon, wann sie wieder ausziehen könnten. Aber Hauptsache, sie hatten etwas gekauft.

Mythenumrankte Kostbarkeit

Man muss dies als Akt der Verzweiflung verstehen. Freie, bezahlbare, gar familientaugliche Wohnungen sind in den großen Städten ja nicht nur Mangelware, sie sind eine mythenumrankte Kostbarkeit, so selten wie eine Königsrose auf dem Supermarktparkplatz. Und genau in dieser Zeit brüllt es von überall her: Kauft, ihr müsst kaufen! Bedenkt doch die Zinsen! Bedenkt das Alter!

Es ist, als habe Rilke seinen Vers nicht vor mehr als 100 Jahren in ein Gedicht, sondern grad gestern für die Webseite der Bausparkasse geschrieben: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Und wir, verunsichert von Finanz- und anderen Krisen, machen uns auf die Suche. Vergessen, dass es eigentlich nie unser Ideal war, unsere Reisepläne den Sondertilgungsoptionen der Kreditbank unterzuordnen, und finden 30 Jahre Abzahlen auf einmal sehr in Ordnung. Ein Haus oder eine Wohnung kaufen, Hauptsache, kaufen, das ist so etwas wie der Zwang der Stunde.

Dem Sog kann sich keiner entziehen

"Wenn ich groß bin, will ich auch ein Spießer sein", so warb vor ein paar Jahren die LBS für ihre Bausparverträge. Wir haben verstanden. Kaum jemand, der sich diesem Sog entziehen kann. "Schon mal das Neubaugebiet hinten bei der Autobahn angeschaut?": Mit diesem Gesprächseinstieg macht man auf keiner Party in keiner Stadt etwas falsch.

Nun kann es, keine Frage, sehr schlau sein, sich eine Wohnung oder ein Haus zu kaufen. Vieles spricht dafür. Die, ja, noch immer sehr niedrigen Zinsen zum Beispiel. Oder das Gefühl, in den eigenen vier Wänden zu wohnen – jedenfalls irgendwann mal. Wer kauft, finanziert nicht seinem Vermieter den Zweiturlaub auf den Malediven, sondern zahlt sozusagen auf das eigene Konto ein. Immobilienbesitzer, das zeigen viele Untersuchungen, stehen im Rentenalter fast immer besser da als Menschen, die ihr Leben lang zur Miete gewohnt haben.

Unglück ist ein zu hoher Preis

Es ist also unter Umständen ein sehr guter Plan, sich ein Haus oder eine Wohnung zuzulegen – dann, wenn es gelingt, ein Objekt zu einem halbwegs vernünftigen Preis zu finden. Dann, wenn man weiß, dass man eine ganze Weile an einem Ort leben wird. Und dann, wenn das Zuhause da liegt, wo man wirklich leben will. Was dann doch drei wichtige Einschränkungen wären. Unglücklichsein, so viel ist sicher, ist ein deutlich zu hoher Preis für eine Immobilie.

Es gibt nämlich mindestens genauso viele gute Gründe gegen einen Kauf – zum Beispiel die Preise. In Kiel etwa sind die Kaufpreise in den vergangenen acht Jahren um fast 50 Prozent gestiegen, in Potsdam um 37, in Hannover um 44 und in Berlin gar um 68. Ist das noch vernünftig? Ist die Hauptstadt in den vergangenen acht Jahren vielleicht um 68 Prozent schöner geworden? Eher nicht. Nein, die Preise steigen auch, weil es Menschen gibt, die darauf setzen, dass die Preise steigen. Die Wohnungen kaufen, weil sie davon überzeugt sind, dass sie diese mit Gewinn wieder verkaufen können. Es gebe keine Immobilienblase, beteuerte die Bundesbank bislang noch stets. Ach nein? In den Städten jedenfalls erscheint auch Experten dieser Markt immer fremder.

Dutzende Anfragen binnen Minuten

"Da ist vieles nicht mehr rational", sagt zum Beispiel der Makler Oliver Krull. Hat er eine attraktive Wohnung annonciert, ist schon klar, was passiert: Dutzende Anfragen binnen Minuten. "Da sind Leute dabei, die schon am Telefon sagen: Kaufe ich, kaufe ich", sagt Krull. Andere bieten ihm gleich bei der Besichtigung 3 Prozent mehr Provision, wenn er ihnen den Zuschlag erteilt. Krull weist ihnen dann freundlich die Tür.

Tolle Zeiten für Makler? Krull versichert: Nein. Wenn Spekulanten und Frustrierte um die Wohnungen konkurrieren, dann stimmt für ihn etwas nicht. "In einigen Bereichen der Städte gibt es sicher bereits Blasen", sagt Krull. Schöne Zeiten sind das vor allem für die Skrupelloseren. "Die Party geht weiter", notierte zuletzt die Deutsche Hypo euphorisch – einer der führenden deutschen Immobilienfinanzierer. Es ist eine Party, bei der die Suchenden nicht eingeladen sind.

Am Lebenstraum verzweifeln

Und auf diesem tendenziell leicht irren Markt bewegen sich Menschen, die nun ihren "Lebenstraum Immobilie" verwirklichen und "die wichtigste Entscheidung ihres Lebens" treffen sollen – und daran verzweifeln. Die Städte sind längst voll von einem Heer der Genervten und Zermürbten.

Dort hat fast jeder seine eigene Geschichte vergeblichen Suchens. Cordula und Stephan zum Beispiel suchen seit drei Jahren, anfangs auch zur Miete. Aber alles, was sie in der Zeit fanden, waren Hausverwalter, die sagten: "Ach, Sie haben zwei Kinder? Dann passen Sie hier leider nicht rein." Oder Makler, die dann doch lieber verschwiegen, dass das Parkett nur bis vor die Möbel verlegt war, aber dennoch 300.000 Euro für das baufällige Haus am Stadtrand wollten. Und in all der Zeit stiegen die Preise fröhlich weiter. "Wenn wir schon nichts finden, zwei Lehrer", fragt Cordula, "wer denn dann?"

Kaufen ist nicht alles

Oder Tim und Jörg, IT-Berater, die seit zweieinhalb Jahren Ausschau halten. Was sie in dieser Zeit erlebt haben: Massenbesichtigungen mit Dutzenden von möglichen Käufern, Verkäufer, die regelrechte Bewerbungen verlangten, Wohnungen, deren Preis noch während der Besichtigung gleich mal um 10.000 Euro stieg. Was sie nicht fanden: 100 Quadratmeter zum Kauf mit Balkon und nicht zu engem Bad. Also vielleicht doch mal raus aufs Land? Dorthin, wo alles noch ein wenig günstiger ist? Sich ein E-Bike kaufen und damit trösten, dass man damit auch in 20 Minuten auf dem Markt in seinem Lieblingsviertel steht? Jörg winkt ab. "So weit", sagt er, "sind wir noch nicht."

Also ist es vielleicht ein ganz guter Zeitpunkt, um daran zu erinnern, dass Kaufen nicht alles ist. Dass nicht das gesamte Lebensglück an der Mitgliedschaft im Hausbesitzerverein liegt, dass Immobilienpreise auch mal fallen können und dass der Vermieter im Zweifel die kaputte Wanne günstiger repariert als der Handwerker, den man selbst ruft. Auch schön. C. schickte vor ein paar Tagen ein Bild, der unterschriebene Vertrag und eine Flasche Sekt, "Gruß von zwei Hochverschuldeten", stand darunter. Sie haben ein Haus gefunden und das gefeiert. Nur schlafen, sagt er, würden sie jetzt schlechter.

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