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Heimat ist mehr als Schweinebraten

Angst vor dem Fremden Heimat ist mehr als Schweinebraten

Keine Extrawurst für Muslime: Soll Schweinefleisch wirklich zur Kantinenpflicht werden? Was wie ein Affront klingt, ist Ausdruck diffuser Sorge, dass die Rücksichtnahme auf andere Sitten hierzulande höher im Kurs steht als die Bewahrung der eigenen. Was hilft gegen die Angst vor dem Fremden?

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Forderungen wie eine Schweinebratenpflicht in Kantinen ziehen zu Recht Spott auf sich, sind aber nur eine hilflose Reaktion auf die Urangst, Gewohntes zu verlieren.

Quelle: iStock

Wir diskutieren seit Jahrzehnten, wie viel Zuwanderung Deutschland verträgt. Wir diskutieren, wie viele Flüchtlinge noch kommen dürfen. Wir streiten über Kopftücher und Schweinefleisch. Wir argumentieren. Dabei geht es in Wirklichkeit um Gefühle.

Das Gebräu heißt "Oleum animale foetidum crudum" und stinkt zum Gotterbarmen. Es wird aus Tierkadavern gewonnen und dient zum Vertreiben von Schädlingen. Ältere Semester wissen noch, dass man es früher "Franzosenöl" nannte. Noch ältere Semester erzählten, so wie dieses Öl würden die Franzosen stinken. Frankreich war Deutschlands Erbfeind. So hieß das.

Schüleraustausch gegen Vorurteile

Damit war erst nach dem Zweiten Weltkrieg Schluss, und daran hatte vor allem eines einen wesentlichen Anteil – der Schüleraustausch. Junge Menschen aus dem einen Land schlossen mit jungen Menschen aus dem anderen Land Bekanntschaft. Das war aus einem einfachen Grund bedeutsam: Man kann nicht so leicht auf jemanden schießen, den man kennt.

Deutsche Jünglinge, die mit einer hübschen Französin in den Dünen rumgeknutscht hatten, haben ihren Großvätern einfach nicht mehr geglaubt, dass alle Franzosen stinken wie tote Tiere. Menschen, die mit Syrern oder Senegalesen oder Amerikanern oder Grönländern gegessen und getrunken und gesungen und sich Geschichten erzählt haben, haben nicht das Bedürfnis, sich von diesen Menschen abzugrenzen.

Nun aber hat der Flüchtlingszustrom der Abgrenzungsdebatte in Deutschland, die im Grunde seit Jahrzehnten läuft, sehr viel neue Nahrung gegeben. Welche Rücksichten wollen wir auf Minderheiten nehmen? Wann sind wir selbst Minderheit? Müssen wir mehr tun, um unsere Wurzeln, unsere christlich-abendländische Kultur zu verteidigen? Haben wir überhaupt noch was zu verteidigen?

Schenkelklopfer Schweinebraten

Es ist eine notwendige Debatte. Wir müssen darüber reden, wie viele Flüchtlinge ein Land verkraften kann. Ob es möglich und vielleicht sogar besser ist, den Menschen in ihrer Heimat zu einer Perspektive zu verhelfen. Wir müssen offen darüber reden, ob es Grenzen der Toleranz gibt, ab wann man Leute aus dem Land wirft und wie Integration gelingt.

Wir reden ja auch dauernd darüber. Dummerweise machen wir aber oft den zweiten Schritt vor dem ersten. Der erste Schritt wäre, zu schauen, was die Grundlage unserer jeweiligen Argumentation ist.

Eines der vordergründig amüsanteren Beispiele für eine schiefgegangene Debatte war die Forderung der schleswig-holsteinischen CDU nach regelmäßigem Schweinefleischverzehr in öffentlichen Kantinen. Ein Schenkelklopfer. Deutsche Essleitkultur. Eine Welle von Häme brach über die Christdemokraten von der Küste herein.

Sorge um das gewohnte Leben

Was man bei allem Spott leicht übersieht: Aus der Schweinefleischforderung spricht nicht Dummheit. Sondern Sorge. Und wenn man den Politikern so viel Einfühlungsvermögen nicht unterstellen mag, dann gibt es zumindest in der Bevölkerung zunehmend Sorge, dass bei den allgegenwärtigen Bemühungen, religiöse Gefühle muslimischer Mitbürger nicht zu verletzen, das eigene gewohnte Leben und Selbstverständnis auf der Strecke bleibt.

An der Oberfläche kann man mit so einem Thema rational umgehen. Man kann alles nüchtern betrachten und sagen: Ja, es gibt Probleme, wenn massenweise Menschen aus anderen Ländern oder Kulturkreisen einwandern. Man kann auch sagen: Das ist zu bewältigen. Das halbe Ruhrgebiet besteht aus den Nachkommen von aus Polen zugewanderten Menschen. Deutschland ist einer der reichsten Staaten auf dieser Erde – wir sollten solche Schwierigkeiten nicht bewältigen können? Wir können noch ganz anderes.

Man kann sogar versuchen, die Wünsche der Zuwanderer nachzuvollziehen: Wenn wir in einem Kriegsgebiet im arabischen Raum oder in einer Dürrezone in Afrika leben würden, die Kinder ständig hungrig und heulend, die Perspektiven gleich null, und jemand würde uns auf dem Smartphone Bilder von dem vor lauter Wohlstand blitzenden Deutschland zeigen – wo würden wir hinwollen?

Emotion schlägt Verstand

Aber, wie gesagt, das ist die Oberfläche. Darunter liegen unsere ureigensten Emotionen. Und die haben – das unterschreibt jeder Psychologe – tausendfach mehr Kraft als der Verstand.
Menschen möchten, dass alles gut wird, und wenn es gut ist, soll es gut bleiben. Wenn irgendetwas passiert, das die Welt so aussehen lässt, als könnte es anders kommen, stellt sich ein Gefühl von Bangigkeit ein. Evolutionsgeschichtlich war das lebensnotwendig.

In den Anfängen der Menschheit konnte jederzeit ein Bär um die Felsecke kommen, da musste man ständig auf der Hut und bereit sein zu fliehen oder zu kämpfen. Davon steckt noch sehr viel in uns. Wir reagieren reflexhaft auf alles, was wir als potenzielle Bedrohung einschätzen. Hier auch: Da kommen Leute, die wir nicht kennen. Sind sie uns wohlgesonnen? Machen sie uns unsere Arbeitsplätze streitig? Nehmen sie uns die Frauen weg?

Eigentlich haben wir keine Angst, dass sie uns was wegnehmen. Sondern dass wir selbst nicht gut genug sind. Dass der Chef sagt: Sehen Sie, der Neue ist intelligenter. Dass die Frau müde konstatiert: Früher warst du attraktiver. Und dass sie sich dann abwendet.

Unerfüllte Bedürfnisse schüren Wut

Wir haben Angst, nicht zu bestehen. Und diese Angst projizieren wir auf alles Fremde. Darauf, dass die Zuwanderer irgendwas essen, das wir nicht essen, Insekten oder Schlimmeres. Vor 40 Jahren reichte schon Knoblauch. Oder dass sie etwas nicht essen, das wir essen. Schweinefleisch eben. Dass alles anders wird. Dass wir uns zu Hause nicht mehr zuhause fühlen.

Quatsch, es ist nicht Angst, die uns umtreibt, sagen die zornigen Bürger, es ist Wut. Wut auf das Geldausgeben für andere, wo es schon für uns nicht reicht. Richtig. Deswegen hat es ja auch bereits Demonstrationen von Zuwanderern gegen neue Zuwanderer gegeben.

Der Psychologe und Kommunikationsforscher Marshall B. Rosenberg hat vor Jahrzehnten rausgefunden, dass hinter Wut meist ein unerfülltes Bedürfnis steckt. Also die Angst, etwas nicht zu bekommen. Es ist kein Zufall, dass die Fremdenfeindlichkeit in Deutschland nachgewiesenermaßen dort am höchsten ist, wo die wenigsten Fremden leben. Es gibt keine Fremden. Es gibt auch keine Erbfeinde. Es gibt eigentlich nicht mal Fremdenfeinde. Bloß Menschen.

Zuwendung erzeugt Zuwendung

Wie löst man das Problem? Nicht durch Argumentation. Der einzige Weg, Angst zu überwinden, ist Verständnis. Man muss sich nicht gemeinmachen mit den Zornigen. Aber man kann ihnen zuhören. Man kann ihnen helfen, das sogenannte Fremde und die sogenannten Fremden – Leute, die ihrerseits Angst haben – kennenzulernen.

Man kann in den Köpfen von Pegida-Schreiern oder Wutbürgern oder Schweinefleischforderern nichts bewirken, indem man sie verurteilt, sie verspottet oder beschimpft. Wer das tut, erhebt sich über sie, macht sie vor sich selbst noch kleiner und noch ängstlicher und noch wütender. Angst ist keine Frage des Verstandes.

Dies ist kein Plädoyer fürs Kuscheln mit Nazis. Die haben auch Angst, wahrscheinlich mehr als alle anderen. Aber wenn die Angst in konkrete Menschenverachtung abkippt, ist Feierabend. Was sich auch auf Moslems bezieht, die Frauen antatschen oder Messer zücken oder Bomben werfen. Ansonsten gilt, fast immer: Abwehr erzeugt Abwehr. Zuwendung erzeugt Zuwendung.

Von Bert Strebe

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