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Der gute Deutsche ist ein alter Bekannter

Hilfsbereitschaft mit Tradition Der gute Deutsche ist ein alter Bekannter

Die enorme Hilfsbereitschaft der Deutschen gegenüber Flüchtlingen hat Erstaunen hervorgerufen – am meisten im eigenen Land. Warum nur? Tatsächlich sind Offenherzigkeit und Sinn für die Not anderer keine Erfindung von heute. Die vietnamesischen Boatpeople haben das schon vor 40 Jahren erfahren.

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Die Deutschen helfen gerne – mit Geld, aber auch mit Zeit. Eine neue Entwicklung ist das jedoch nicht.

Quelle: dpa

Wenn man Kindern erklären möchte, wie man auch als kleines Wesen Gutes tun kann, dann erzählt man ihnen in manchen Gegenden der Erde die Geschichte vom mächtigen Löwen und der winzigen Maus. Wenn man alle Ausschmückungen weglässt, geht sie ganz einfach:

Der Löwe tritt beim Spazierengehen mit seiner Pranke auf eine Maus. Er lässt sie am Leben, obwohl er sie natürlich fressen könnte. Bevor sie im Loch verschwindet, piepst sie dem König der Savanne zu, sie werde ihm seine gute Tat eines Tages vergelten. Der Löwe denkt: Na ja.

Und dann passiert es. Der Löwe wird von Jägern in einem Netz gefangen. Er hat schon mit dem Leben in Freiheit abgeschlossen, da kommt die Maus und nagt die Maschen des Netzes durch.

Viele opfern ihre Zeit

Wir wissen nicht, was Löwe und Maus am Ende dieser Fabel denken, aber so viel bleibt doch hängen: Es ist die klassische Geschichte von Hilfe und Dankbarkeit, bei der am Ende beide gewinnen. Der, der hilft, und jener, dem geholfen wurde. Die Geschichte könnte auch als Gleichnis erzählt werden für eine Entwicklung, die wir als Zeitgenossen in diesen Tagen und Monaten in unserem Land erleben.

Erstaunt registrieren die Medien, dass die Deutschen offenbar eine neue Seite an sich entdeckt haben: die tätige Hilfe. Gute Spender waren wir schon immer. Nach Naturkatastrophen und bei Hungersnöten und Seuchen in aller Welt kommen in Deutschland oft Millionen an Spendengeldern zusammen. Doch nun, angesichts der Flüchtlinge, die im eigenen Land um Aufnahme bitten, kommt etwas hinzu: Überraschend viele opfern nicht nur Geld, sondern auch Zeit.

Bis hin zur Adoption

In Deutschland gibt es einen erstaunlich wachen karitativen Sinn. Die Menschen haben ein offenes Herz. Sie geben gern, wenn sie sich angesprochen, wenn sie sich innerlich berührt fühlen. Vor fast 40 Jahren erwärmte, auch das zufällig in der Vorweihnachtszeit, eine Welle der Hilfsbereitschaft die (alte) Bundesrepublik.

Damals waren es die sogenannten Boatpeople, die Flüchtlinge aus dem kriegsgebeutelten Vietnam, die hier offene Herzen fanden – und das bedeutete damals schon tatsächlich mehr als nur finanzielle Zuwendungen: Sie fanden Aufnahme und Betreuung bis hin zur Adoption der Waisenkinder. Da schon offenbarte sich eine Haltung, die wir jetzt als neu empfinden – wie man sieht, zu Unrecht.

Spontanes Engagement

In all dem organisatorischen, gedanklichen und gefühlsmäßigen Tohuwabohu, das die Ankunft der Flüchtlinge in unseren Städten und Gemeinden ausgelöst hat, sind es die Freiwilligen gewesen, die kühlen Kopf bewahrt haben. Zuerst jene, die schon vorher bei den Johannitern, den Maltesern, beim Roten Kreuz und in Stadtteilvereinen zusammengearbeitet hatten, dann aber auch die vielen Spontanhelfer, die nicht lange gefackelt, sondern angepackt haben.

Sie haben vorausschauend schon mal Wintersachen gesammelt, als die Aufnahmelager die Leute noch in der spätsommerlichen Sonne haben warten lassen, sie sind als Clowns durch die Unterkünfte gezogen, damit die traumatisierten Flüchtlingskinder mal wieder lachen konnten, sie haben Hunderte, nein Tausende "wilde" Deutschkurse auf die Beine gestellt, ganz ohne behördlichen Segen, aber mit Engagement und Erfolg.

Sie waren schon lange bei der Sache, als Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem Appell an die Behörden meinte, sie sollten mal das allzu preußische Denken sein und sich helfen lassen.

Hungrig nach Informationen

Wer anpacken möchte und nicht gleich weiß, wo helfende Hände gebraucht werden, der muss nur ins Internet schauen. Dort gibt es im Dutzend Internetportale über Hilfsprojekte wie das von Birte Vogel. Als die Flüchtlingszahlen auch in ihrer norddeutschen Umgebung anstiegen, so erzählt sie, habe sie mitbekommen, dass sich gerade einmal drei Behördenmitarbeiter um die Ankommenden kümmern konnten und sich spontan die Frage gestellt: "Wie soll das gehen?"

Einen Blog hat sie eingerichtet, dort geht es um ganz praktische Dinge: Was wird gebraucht und was ist nicht sinnvoll? Der Informationshunger der Helfer ist ungebrochen, die Klickzahlen sind ungebrochen hoch, jeden Tag im fünfstelligen Bereich.

Was Nächstenliebe bedeutet

Gründlich, wie wir nun einmal sind, haben wir unsere tätige Hilfsbereitschaft durchleuchten lassen. Im Auftrag der Robert Bosch Stiftung hat das Institut für Demoskopie Allensbach herausgefunden, dass 42 Prozent der Befragten es "spannend" fänden, "Asylbewerber näher kennenzulernen".

Tatsächlich hätten jedoch nur 5 Prozent einen engen privaten Kontakt zu Flüchtlingen, während knapp die Hälfte (45 Prozent) im Alltag überhaupt keine Berührungspunkte habe. Letzteres kritisierte denn auch die Geschäftsführerin der Stiftung, Ingrid Hamm – und meinte, dass da noch deutlich Luft nach oben wäre.

Das mag sein, aber bevor man den Mund zu sehr spitzt, sollte man auch sehen: Wenn die Demoskopen ihre Daten korrekt erhoben haben, dann sind es immerhin vier Millionen Deutsche, die in einem wahrhaft christlichen Sinne ihren Apostel Paulus richtig verstanden haben: Es komme in der (Nächsten-)Liebe nicht auf die Worte an, sondern auf die Taten.

Wer sich stark fühlt, hilft eher

Es sind nicht die Christen, die die Barmherzigkeit allein gepachtet haben: Es lassen sich auch weltliche Gründe für die Hilfsbereitschaft vieler Menschen in diesem Land finden. Es gibt, auch wenn etliche das bezweifeln mögen, eine Erinnerungskultur in diesem Land.

Viele der heute Erwachsenen sind in Zeiten geboren, in denen Flucht und Vertreibung in der eigenen Familiengeschichte noch präsent waren. Die Großeltern haben noch erzählt von Flüchtlingstrecks, von Hunger und Krankheit und von der wenig herzlichen Aufnahme. Die Einheimischen wollten oft nichts mit den Flüchtlingsfamilien zu tun haben. Die Erinnerung an eigenes oder geerbtes Leid kann Mitgefühl befördern.

Zudem: das Selbstbewusstsein der Deutschen als starke Nation ist gewachsen. Wer sich stark fühlt, dem fällt es leichter, großzügig zu sein. Hunderttausende Flüchtlinge, die ihr Leben riskieren, um ausgerechnet nach Deutschland zu kommen, werden – vielleicht unbewusst – wie eine Bestätigung unserer eigenen Leistung angesehen.

Neuer Spendenrekord

Das ist ein Phänomen, das Soziologen bisweilen mit spitzen Fingern anfassen, das aber zweifelsohne eine starke Triebfeder sein kann: Es ist der Umstand, dass Freiwillige beim Helfen nicht zuletzt auch sich selbst etwas Gutes tun.

Bevor jemand auf den Gedanken verfällt, von einer neuen "Helfen-statt-Spenden"-Kultur zu sprechen, nur so viel: die Spendenbereitschaft lässt keinesfalls nach. Vor Kurzem hat der Deutsche Spendenrat einen neuen Rekord für das Jahr 2015 vorausgesagt, ausgehend vom Spendenaufkommen in den ersten neun Monaten.

2014 haben Privatpersonen 5 Milliarden Euro gespendet, weit überwiegend für humanitäre Zwecke. In diesem Jahr werden es wohl um die 5,6 Milliarden Euro sein. Wenn vom angeblich so egoistischen Verhalten unserer Wohlstandsgesellschaft die Rede ist, dann müssen andere Leute gemeint sein.

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