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Machen Kinder unglücklich?

Wenn Kinder belasten Machen Kinder unglücklich?

Kinder machen glücklich, heißt es. Doch viele Eltern sehen das anders. Unter dem Stichwort "Regretting motherhood" klagten Mütter, die ihre Rolle bereuen, erstmals offen ihr Leid. Damit brachen sie ein Tabu. Ziehen jetzt die Väter nach? Vieles spricht dafür.

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Kinder machen glücklich? Dieser Mythos wird gepflegt, trifft aber noch lange nicht auf jede Mutter – oder jeden Vater – zu.

Quelle: iStock

Das Geständnis fällt ihm nicht leicht. Seinen Namen? Würde er nie nennen. Aber wenn er denn mal ganz ehrlich sein soll, dann fällt sein Fazit nach knapp fünf Jahren Vaterschaft äußerst eindeutig aus. "Ganz egal für wie gut vorbereitet ich mich hielt", schreibt der Mann, der hier Thomas heißen soll, "ich war ganz sicher nicht vorbereitet auf die gewaltige Menge an Veränderungen in meinem Leben."

Der Karrieretyp zu sein, der jederzeit spontan drei Tage auf Dienstreise geht? Vorbei. Abends nebenbei für den Masterabschluss lernen? Vorbei. Basketball spielen? Für den Marathon trainieren? Vorbei. In einer picobello aufgeräumten Dachgeschosswohnung mitten in der Stadt Cocktailpartys feiern? Auch vorbei. Stattdessen wohnt er jetzt in einem Haus auf dem Land und pendelt jeden Morgen eine Dreiviertelstunde zur Arbeit.

Thomas hat zwei Kinder, das größere vier, das kleinere ein Jahr alt. Schon klar, schreibt er, dass das alles sehr egoistische Gründe sind. "Aber wenn ich früher gewusst hätte, was ich heute weiß, dann hätte ich höchstens ein Kind. Oder gar keins."

Dürfen Eltern so etwas zugeben?

So, da ist es raus. Aber ist das erlaubt? Zugeben, dass man die eigenen Kinder vielleicht lieber nie bekommen hätte? Sagen, dass man das Leben mit ungestörtem Ausschlafen, Ausgehen und dem Allzeit-bereit-Dasein bei der Arbeit vielleicht am Ende doch besser fand als die Existenz zwischen Spielplatz und Wickeltisch? Dürfen Eltern so etwas zugeben? Und dürfen Väter das eher als Mütter?

Es war die israelische Soziologin Orna Dornath, die vor einigen Monaten den Anfang machte. Sie veröffentlichte Interviews mit 23 Frauen, die allesamt sagten: Also, wenn wir noch mal die Wahl hätten, dann würden wir es lieber lassen. Sie liebten ihre Kinder, so sagen sie, wundervolle kleine Wesen. Nur der Preis scheint ihnen zu hoch, der Druck zu groß und ihre eigene Eignung zweifelhaft.  Ein Tabu war gebrochen, die Debatte ging um die Welt, Stichwort: "Regretting Motherhood", die Mutterschaft bedauern.

Der Muttermythos wird gepflegt

Jetzt hat die Soziologin Christina Mundlos die Debatte auch nach Deutschland geholt. In ihrem Buch "Wenn Muttersein nicht glücklich macht" lässt sie Frauen zu Wort kommen, die die Uhr gern noch mal zurückdrehen – und sich dann anders entscheiden würden. Kaltherzige Wesen? Rabenmütter? Durchaus nicht.

Mutter sein macht per se glücklich? Ein Irrtum, der als Muttermythos gut gepflegt und hochgehalten wird. "Das ist schon mal die Grundvoraussetzung dafür, dass Frauen Kinder bekommen und danach unglücklich sind", sagt Mundlos. Letztlich seien es die eigenen Ansprüche, die Mütter zermürbten. Und jetzt also die Väter? Regretting fatherhood? Es wäre nur logisch.

Die Zeiten sind ja definitiv vorbei, in denen Väter sich damit begnügen konnten, sonnabends mit den Kleinen einmal alibimäßig gelangweilt durch den Zoo zu schlendern und ansonsten den Feierabend möglichst so weit nach hinten zu schieben, dass die Kleinen beim Nachhausekommen auch garantiert schon im Bett sind. Ach, der Kleine kann schon wieder drei Wörter mehr? Sehr schön. Aber es reicht ja vielleicht, wenn die Mutter es einem abends im Video auf dem Smartphone zeigt.

Väter wollen alles gleichzeitig

Nein, so geht das heute nicht mehr. Nicht in Zeiten, in denen selbst Minister ihre Kinder aus der Krippe abholen und Kollegen besorgt nachfragen, wenn man nicht wenigstens die zwei Minimalmonate Elternzeit nehmen will. Und so wollen viele Väter heute eben auch mehr. Sie wollen nicht mehr die abwesenden Väter sein, die ihre Väter waren. Und damit beginnen dann die Probleme.

Denn natürlich wollen auch sie bitte möglichst alles gleichzeitig. Stets bereit sein, wenn abends noch die Präsentation für den nächsten Tag vorbereitet werden muss – aber natürlich die Kleinen auch mit allen acht Strophen von „Der Mond ist aufgegangen“ ins Bett begleiten. Im Job mit den hyperflexiblen Singles aus der anderen Abteilung mithalten – aber natürlich auch bei der Vierjährigen bleiben, die mit ihrem Magen-Darm-Virus nicht in den Kindergarten kann.

Morgens um sechs den Obstsalat fürs Krippenfrühstück schneiden, damit die Erzieher nicht die Nase rümpfen, wenn wieder nur das Discounter-Milchbrötchen in der Tupperdose liegt – aber gleichzeitig natürlich auch bestens präpariert zum Frühmeeting erscheinen.

Die überforderte Generation

Und so machen auch die Väter allmählich die Erfahrung, die Mütter schon bestens kennen: Alles zusammen wird schwierig. Sämtliche Ansprüche zu erfüllen, nie der Letzte zu sein, der sein Kind vom Kindergarten abholt, stets den perfekten selbstgebackenen Kuchen beim Kleiderbasar im Kindergarten zu spenden – und dennoch Karriere zu machen: unmöglich. Willkommen, liebe Väter, in der wunderbaren Welt der Überforderung. Regretting fatherhood? Zumindest ab und zu mal? Die überforderte Generation – so nennt der Soziologe Hans Bertram die heutigen Eltern.

Es ist ja ohnehin ein Irrtum zu glauben, dass Elternsein aus sich heraus glücklich macht. Viele Studien belegen das genaue Gegenteil. Wenn es gut läuft, pendelt sich der Glückslevel irgendwann wieder auf Vor-Geburt-Niveau ein. Ziemlich legendär ist zum Beispiel eine Studie des Nobelpreisträgers Daniel Kahneman. Kahneman beobachtete 909 arbeitende Frauen aus Texas und fand heraus, dass die Beschäftigung mit den Kindern auf Platz 16 von 19 Aktivitäten landete – hinter so attraktiven Tätigkeiten wie Kochen, Einkaufen, Telefonieren oder Bügeln.

Erhellend ist auch eine Erhebung des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung in Rostock. Dass Eltern durch die Geburt ihres ersten Kindes zumindest zunächst unglücklicher werden, werde selten öffentlich thematisiert, kritisieren die Forscher.

Schlimmer als Scheidung

Dabei fanden sie Fälle, "in denen die Unzufriedenheit im Jahr nach der ersten Geburt sogar stärker ausfällt als etwa bei Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Tod des Partners". Nach den Gründen fragten die Forscher übrigens gar nicht erst. Sie schienen ihnen wohl zu offenkundig. Schlafmangel, Verlust an Freiheit – und wie war das gleich noch mit dem Sex?

Doch, die Forscher haben auch Tröstliches zu berichten. Späte Eltern sind glücklicher als frühe – mit 24 leidet man offenbar mehr unter dem ständigen Zuhausebleiben als mit 40. Auf lange Sicht erhöhen Kinder die Lebenszufriedenheit offenbar doch etwas. Und wenn Eltern und Wissenschaftler lernen würden, etwas stärker zwischen momentaner Stimmung und grundsätzlicher Erfüllung zu unterscheiden, wäre die Datenlage vielleicht auch noch etwas freundlicher.

Wenn der Kleine gerade zum dritten Mal hintereinander seinen Apfelsaft aufs Parkett gekippt hat, hat das Glück vielleicht gerade einen schweren Stand – während das Kind das Leben grundsätzlich vielleicht doch etwas heller gemacht hat.

10 Prozent bereuen ihr Elternsein

Es bleibt jedoch dabei, dass nach Schätzungen von Christina Mundlos rund 10 Prozent ihr Elternsein grundsätzlich bereuen. Und es spricht viel dafür, dass es Mütter wie Väter gleichermaßen trifft. "Väter spüren den Druck genauso", sagt Mundlos. Sie hatten nur bislang einige gesellschaftlich hochgeschätzte Strategien, ihr Vatersein ein wenig hintanzustellen.

Tatsächlich zeigen Studien, dass Väter nach der Geburt ihres ersten Kindes ganz plötzlich mehr arbeiten und mehr Zeit mit Hobbys verbringen. Nur funktioniert das eben nicht mehr so gut. Wer nach der Geburt eine Überstunde nach der anderen anhäuft, der gilt leichter schon mal als schlecht organisierter Sonderling denn als bewunderter Karriererist. Pech gehabt.

Jener Vater namens Thomas übrigens schreibt noch, dass er in den letzten sechs Nächten jeweils gerade mal drei bis vier Stunden geschlafen habe. Der letzte Urlaub allein mit seiner Partnerin liegt fünf Jahre zurück. Wir wollen Thomas' Bedauern nicht bagatellisieren. Gut möglich allerdings, dass gründliches Ausschlafen und eine Reise mit ordentlicher Kinderbetreuung seine Weltsicht ein wenig relativieren könnte.

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