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In Trauer und Trümmern

Das Jahr der Tragödien In Trauer und Trümmern

Es gibt Bilder, die noch lange nachklingen: Die Bilder der schweigenden Menschen zum Beispiel, die in der Kleinstadt Haltern für 18 weiße Leichenwagen Spalier stehen. Der Absturz von Germanwings-Flug 9525 zählt zu den großen Katastrophen dieses Jahres.

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Eine menschengemachte Tragödie, wie so viele im Jahr 2015: Der Absturz von Germanwings-Flug 9525.

Quelle: dpa

Es hat nicht lange gedauert. Etwa eine Stunde nachdem der französische Staatsanwalt Brice Robin am Mittag des 26. März den Nachnamen des Ko-Piloten von Germanwingsflug 9525 in einer live übertragenen Pressekonferenz buchstabiert hatte, baute das erste Fernsehteam vor einem unscheinbaren Einfamilienhaus in dem Westerwald-Städtchen Montabaur sein Stativ auf.

Binnen Minuten folgen ihnen so viele nach, dass die Polizei die Straße für den Verkehr sperrt. Bis weit in die Nacht stehen Journalisten aus ganz Europa mit ihren Übertragungswagen vor dem Haus mit den heruntergelassenen Jalousien, in dem nichts geschieht. "Keine Ahnung, was wir hier noch sollen", raunt ein Kameramann spät am Abend vor sich hin. "Egal", antwortet sein Kollege.

Suche nach Antworten

Was klar ist: Dort, im ersten Stock des Hauses, ist er aufgewachsen – Andreas L., der allein am Steuer des Airbus A 320 saß, als dieser zwei Tage zuvor auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf mit 150 Menschen an Bord an einer Bergwand der französischen Alpen zerschellte. Laut Staatsanwaltschaft hat sich der 27-jährige Copilot im Cockpit eingeschlossen und das Flugzeug dann absichtlich abstürzen lassen.

Warum? Das war die Frage, die an diesem Tag Hunderte Journalisten nach Montabaur trieb. Dort trafen sie dann auf Bürger, die darauf genauso wenige Antworten hatten wie sie selbst – zumal L. ohnehin schon seit Jahren nur noch gelegentlich zu Besuch war und die meisten ihn kaum kannten.

Wer in jenen Tagen als Journalist in Montabaur unterwegs war, bekam offene Ablehnung zu spüren. "Journalisten?", fragte die Mitarbeiterin in L.s Fitnessstudio. "Raus!" Montabaur war im Belagerungszustand – und die Montabaurer fühlten sich bedrängt.

"Übelste Erfahrungen" mit Journalisten

Zu den wenigen, die geduldig Fragen beantworteten, gehörten die Mitglieder des Segelflugvereins. Ein engagierter, ruhiger Schüler sei er gewesen, sagten sie immer wieder. Dafür strömten Reporter aus aller Welt bis in die Nacht zu dem Flugplatz am Stadtrand. Wie viele Interviews er gegeben hat, weiß der zweite Vorsitzende Herbert Höhn nicht mehr. Aber "übelste Erfahrungen" hätten sie gemacht. Genauer erklären mag er das nicht mehr. Er klingt noch immer genervt.

So wurde Montabaur zum Symbol für das gestörte Verhältnis gegenüber "den Medien". Durfte der Name des Ko-Piloten genannt werden? Durfte er als "Amokpilot" bezeichnet werden? Das Unwohlsein war greifbar in Montabaur. Auch gegenüber jenen, die einfach taten, was Journalisten tun sollen: Fragen stellen.

Andreas L. war psychisch krank

Antworten jedoch gab es erst später, woanders. Andreas L. war psychisch krank. Er fürchtete um den Verlust seiner Sehkraft. Er war bei Dutzenden Ärzten in Behandlung und für den Flugtag krankgeschrieben. "Er war nicht mehr in der Lage, ein Flugzeug zu fliegen", erklärte Robin.

Die Angehörigen der Opfer streiten mit der Lufthansa bis heute um eine angemessene Entschädigung. In Montabaur ist wieder Ruhe eingekehrt. Die Eltern von Andreas L. wohnen wieder in ihrem Haus. Äußerlich ist in Montabaur vieles wieder wie früher.

Das hat uns 2015 bewegt
Erdbeben in Nepal

Am 25. April um 11.56 Uhr bebte die Erde im Himalaya so stark wie seit 80 Jahren nicht mehr. In den Sekunden darauf krachten in Nepals Hauptstadt Kathmandu so viele Häuser in sich zusammen, dass eine gewaltige Staubwolke über der Stadt aufstieg. In der Nähe des höchsten Berges der Welt lösten sich Lawinen und fegten über das Basislager des Mount Everest hinweg. Selbst in Indien, Tibet und Bangladesch begruben einstürzende Mauern Menschen unter sich. Die traurige Bilanz des Bebens der Stärke 7,8: mindestens 9000 Tote, mehr als 22 000 Verletzte und unwiederbringlich verlorene Tempel, die zum Unesco-Welterbe gehörten.

Quelle: afp
Explosion in Tianjin

Was nach den Folgen einer Atomkatastrophe aussieht, sind die Überreste des Hafenviertels von Tianjin, der sechstgrößten Stadt Chinas. Eine Serie von Explosionen in einem Komplex von Lagerhäusern kostete am 12. August mindestens 165 Menschen das Leben. Ein Feuer hatte Tausende Tonnen hemikalien in Brand gesetzt und die Umgebung mit hochgiftigen Substanzen verseucht. Die stärkste der Explosionen riss einen Krater mit einem Durchmesser von rund 100 Metern und hatte etwa die doppelte Wucht der stärksten konventionellen Sprengkörper. Die Schadenshöhe belief sich auf rund 1,5 Milliarden US-Dollar.

Quelle: afp
Unglücke in Mekka

Immer wieder kommt es beim Hadsch, der alljährlichen Wallfahrt nach Mekka, zu Unglücken. Eine Massenpanik am 24. September, die 717 Menschen das Leben kostete, wird als eines der schwersten in die Geschichte der Pilgerstätte eingehen. Wenige Tage zuvor hatte ein Kranunfall vor der Heiligen Moschee 107 Todesopfer gefordert. Alljährlich ziehen rund zwei Millionen Muslime zum Geburtsort des Propheten Mohammed. Nach einem Zwischenfall mit 350 zu Tode getrampelten Menschen im Jahr 2006 hatte es an der Stätte Umbauten gegeben, die für einen reibungslosen Strom der Pilger sorgen und Massenpaniken verhindern sollten. Es ist trotzdem wieder passiert.

Quelle: afp
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Es sollte eine effektvolle Bühnenshow werden – doch die Pyrotechnik setzte den gesamten Club in Brand. Rund 400 Gäste befanden sich am 30. Oktober im Bukarester Club Colectiv, zugelassen waren maximal 80 Besucher. 32 Menschen starben, rund 180 wurden verletzt.

Quelle: dpa
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Nur zwölf von rund 450 Passagieren überlebten am 1. Juni den Untergang eines Passagierschiffs auf dem Jangtse-Strom. Die Behörden machten einen Zyklon für das Unglück verantwortlich. Allerdings waren bei dem Schiff seit Jahren erhebliche Sicherheitsmängel bekannt.

Quelle: afp
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Von Redakteur Thorsten Fuchs