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“Jeder braucht ein passendes Leben“

Remo H. Largo im Interview “Jeder braucht ein passendes Leben“

Glücklich ist, wer in Einklang mit seinen Fähigkeiten lebt. Weil der Leistungsdruck wächst und immer früher einsetzt, beginnt die Selbstentfremdung schon im Kindesalter, meint Remo H. Largo, millionenfach gelesener Autor von Erziehungsbüchern. Ein Gespräch über ehrgeizige Eltern, kindlichen Burn-out und den Mut zur Vielfalt.

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Wie können wir glücklich werden? Die Grundlagen für ein erfülltes Leben werden schon im Kindesalter gelegt.

Quelle: Unsplash/Mike Wilson

Hannover.  

Herr Largo, Sie sind 73 Jahre alt, blicken auf eine lange Karriere als Professor für Kinderheilkunde und Entwicklungswissenschaftler zurück. An Ihren Bestsellern “Babyjahre“ oder “Kinderjahre“ haben sich Generationen von Eltern orientiert. Was würden Sie sagen: Haben Sie ein Leben geführt, das Ihren Begabungen entspricht, das gut zu Ihnen passt?

Wenn ich mein ganzes Leben überblicke, sicher nein. Ich war ständig auf der Suche, wie eigentlich alle Menschen. Ich verstehe das Fit-Prinzip, das ich in meinem neuen Buch als Möglichkeit darstelle, ein erfülltes Leben zu führen, auch nicht als Ziel, sondern als Weg. Auf diesem Weg lernt man sich immer besser kennen. Die Lebenssituationen, in die man gerät, sind aber immer wieder anders. Man muss sich immer wieder neu anpassen.

Für einen erfolgreichen Menschen wie Sie ist “Nein“ eine erstaunliche Antwort. Warum schätzen Sie Ihre Vergangenheit so ein?

Mein Leben war ein ständiges Auf und Ab. Mal hat’s gepasst, mal weniger. Was mich vermutlich am Stärksten zu Anpassungen gezwungen hat, war meine oft massiv beeinträchtigte Gesundheit. Ich musste mein Leben immer wieder umstellen.

Nennen Sie mal ein Beispiel?

Nach meinem Medizinstudium wollte ich Kinderchirurg werden. Dann bekam ich ein schweres gesundheitliches Problem mit Schwindel, Hörverlust auf dem rechten Ohr, Lähmungen. Ich konnte nicht mehr normal klinisch arbeiten, hatte ein Liegebett in der Abteilung, weil ich nicht in der Lage war, den ganzen Tag zu stehen. Nachtdienste waren unmöglich. Kinderchirurg zu werden war undenkbar. Ich musste total umdenken.

Wohin hat Sie das geführt?

In die Abteilung Wachstum und Entwicklung am Kinderspital Zürich, 1974, zufällig. Da hatte nie jemand hingewollt. Es hat sich aber für mich als sehr gut herausgestellt. Ich durfte Hunderte von Kindern durch ihre Kindheit begleiten. Das hat mich sehr glücklich gemacht.

In Ihrem Buch geht es auch darum, wie man solche krisenhaften Situationen bewältigt. Was hat Ihnen damals geholfen?

Ich war gezwungen, auf Interessen zurückzugehen, die ich schon früher hatte. Mich hat immer beschäftigt, was den Menschen ausmacht. Von meinem Medizinstudium hatte ich mir Antworten erhofft. Das war aber nicht der Fall.

Wieso?

Das Studium war eine Ansammlung von Einzelwissen, etwa über Niere, Herz oder Gehirn. Es gab keine ganzheitliche Sicht des Menschen. Als Kinderarzt hat mich das Kind im umfassenden Sinn beschäftigt. Ich lernte, wie sich die Bedürfnisse, etwa nach sozialer Anerkennung und Fähigkeiten wie Sprache, im Verlauf der Kindheit entwickeln. Aus dieser Perspektive habe ich auch mein Buch geschrieben. Ich versuche den Erwachsenen aus seiner Entwicklung heraus zu verstehen.

Sie haben dieses Buch der Suche nach einem “passenden Leben“ gewidmet. Warum?

Ein passendes Leben zu führen ist ein Grundprinzip der Evolution. Das will jedes Lebewesen, sei es ein Bakterium, eine Pflanze, ein Tier oder ein Mensch. Wir sind ständig bemüht, uns anzupassen oder eine Umwelt zu finden, die unseren Bedürfnissen entspricht. In Übereinstimmung mit der Umwelt zu leben ist auch das Grundelement des Fit-Prinzips aus meinem Buch.

Eine Ihrer Hauptaussagen ist: Ein passendes Leben zu führen überfordert immer mehr Menschen. Warum?

Wir verändern unsere Umgebung seit etwa 150 Jahren massiv. Das hat vor allem mit der Vermassung der Gesellschaft, der Globalisierung zu tun. Das Hauptproblem ist: Wir sind gemacht für eine Lebensgemeinschaft von 50 bis 300 Menschen, die miteinander vertraut sind. Der moderne Mensch hat in den vergangenen 200 000 Jahren nur unter vertrauten Menschen gelebt. Da kam gelegentlich mal ein Fremder vorbei. Jetzt leben wir in einer anonymen Massengesellschaft, für die wir nicht gemacht sind.

Sind auch Kinder überforderter als früher?

Ein Grundbedürfnis von Kindern ist, dass sie sich geborgen fühlen. Das ist heute nur noch bedingt der Fall. Heute sind nur die Eltern für sie da. Früher gab es mehr Bezugspersonen: die erweiterte Familie, Nachbarschaft, Menschen, mit denen Kinder das Leben geteilt haben. Ein altes afrikanisches Sprichwort besagt: Um ein Kind großzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf. Viele Eltern und vor allem alleinstehende Mütter und Väter sind heute überfordert damit.

Kann eine Kita das kompensieren?

Es kommt extrem darauf an, wie gut die Kita ist: Wie gut sind die Erzieherinnen ausgebildet? Ist die Kontinuität der Betreuung gewährleistet? Ein ganz wichtiger Punkt: Kinder brauchen, damit sie sich gut entwickeln, andere Kinder. Eine gute Kita kann Kindern Erfahrungsräume erschließen, die es in der Familie nicht oder zu wenig gibt. Kitas sind weit mehr als ein Ort für Betreuung. Sie ermöglichen Kindern Entwicklungserfahrungen, die sie sonst kaum mehr machen können.

Warum nicht?

Wir haben in Deutschland einfach zu wenig Kinder, etwa 1,4 pro Familie. Den meisten Kindern fehlen Geschwister, Kinder in der Nachbarschaft, mit denen sie jeden Tag zusammen sein können.

Was ist heute noch schwieriger als früher?

Kinder können sich immer weniger selbstbestimmt entwickeln. In der Schule wird ihnen ständig gesagt, was sie zu tun haben. Die Wirtschaft beklagt, dass die Jungen heute so passiv sind. Dass sie nur darauf warten, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Das ist eine Folge heutiger Erziehung und Schule. Beides verläuft so fremdbestimmt, dass die Kinder nicht mehr daran glauben, ihre Individualität zum Ausdruck zu bringen.

Sie sprechen sogar von Burn-outs von Kindern ...

Ursprünglich war das Burn-out-Syndrom eine Erkrankung von Erwachsenen. Seit zehn Jahren beobachten wir es bei Jugendlichen, jetzt sogar bei Kindern. Es ist die Folge eines extremen “Misfit“, eines unpassenden Lebens. Bei einem “Misfit“ gibt es eine Kluft zwischen den Bedürfnissen des Kindes und den Erwartungen der Schule und der Eltern. Sie ist bei einem Burn-out so groß, dass die Kinder förmlich still stehen. Sie wollen nicht mehr.

Woran fehlt es?

Die Beziehung zwischen Lehrer und Kind ist, das zeigen viele Studien, für den Lernerfolg extrem wichtig. Kinder wollen das Gefühl haben: Der Lehrer akzeptiert mich so, wie ich bin. Die Kinder sind aber ganz unterschiedlich in ihrer Begabung. Wenn der Lehrer an alle die gleichen Anforderungen stellt, werden manche Kinder unter-, andere überfordert. Das beeinträchtigt ihre Entwicklung und untergräbt ihr Selbstwertgefühl.

Können Sie das genauer beschreiben?

In einer ersten Schulklasse unterscheiden sich Kinder entwicklungsmäßig um mindestens drei Jahre. So gibt es Kinder, die schon lesen können. Andere werden erst in zwei Jahren einigermaßen lesen können. Oder noch später. Nicht wenige werden es nie richtig lernen. In Deutschland leben mindestens acht Millionen normal intelligente Erwachsene, die kaum lesen können. Das sollten wir endlich akzeptieren und diesen Menschen Verständnis entgegenbringen.

Sie fordern als Konsequenz aus diesem Dilemma eine Pädagogik der Vielfalt. Warum?

Man kann das Drama der jetzigen Pädagogik auch an den Pisa-Studien über die Entwicklung des Lesens in der Schweiz oder Deutschland ablesen. Im neunten Schuljahr ist jeder sechste Jugendliche im Lesen auf dem Stand eines Viertklässlers. Man muss sich vorstellen, was diese Kinder für einen Leidensweg durchmachen. Jedes Mal, wenn Deutsch auf dem Stundenplan steht, bekommen sie Panik: Sie wissen, sie haben keine Chance. Das ist doch schrecklich. Ich würde mir sehr wünschen, dass sich die Pädagogik endlich auf die Vielfalt unter den Kindern einstellt.

Auch Eltern fällt es Ihnen zufolge häufig schwer, die Grenzen ihrer Kinder zu akzeptieren.

Viele Eltern wollen ihre Kinder ins Gymnasium geben. Das setzt die Kinder massiv unter Druck. Die Eltern wollen eine gute Schulkarriere für ihre Kinder, weil sie selbst Existenzängste haben und diese auf die Kinder übertragen. Bei Kindern führt das zu einer massiven Verunsicherung. Wir beobachten Schlafstörungen massenweise, motorische Unruhe, Essensverweigerung. Sie machen neun Jahre lang die Erfahrung: Ich kann die Erwartungen von Eltern und Schule nicht erfüllen. Versagergefühle sind eine katastrophale Voraussetzung, um in Gesellschaft und Wirtschaft zu bestehen.

Wie konnten Sie als Kinderarzt helfen?

Eine große Hilfe in der Poliklinik war, dass bei den Untersuchungen immer mindestens ein Elternteil dabei war. So konnten die Eltern selbst erleben, was die Stärken und Schwächen ihres Kindes sind. Wir haben ihnen hinterher also nicht einfach gesagt: Ihr Kind hat einen IQ von 90 oder ist legasthenisch. Wir haben über seinen Entwicklungsstand gesprochen.

Was ist der Vorteil?

Die Eltern liegen mit ihrer Einschätzung bezüglich ihres eigenen Kindes fast immer richtig. Das war oft sehr berührend für mich. Wenn Sie einen Neunjährigen haben, der kaum lesen kann, und Sie fragen die Eltern: Was glauben Sie, in welchem Alter kann ein Kind durchschnittlich so lesen wie Ihres, dann sagen sie: mit etwa sieben Jahren. Die Eltern wissen genau, wo ihr Kind entwicklungsmäßig steht. Die Frage ist, was machen wir jetzt? Wir können den Jungen ja nicht zurück in die erste Klasse stecken. In anderen Bereichen ist er altersentsprechend entwickelt.

Und?

Er muss Lesestoff bekommen, der nicht dem Lehrplan für Drittklässler, sondern ihm entspricht. Damit tut sich das Bildungssystem sehr schwer.

Sie halten gerade für ehrgeizige Eltern eine bittere Einsicht parat: Je begabter sie sind, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Kinder weniger begabt sind. Warum ist das so?

Das ist eine biologische Gesetzmäßigkeit, die für alle Lebewesen gilt. Regression to the mean heißt sie. Kurz gefasst bedeutet sie, die Kinder neigen in ihren Eigenschaften wie Wachstum oder IQ zur Mitte hin. Die Konsequenz: Die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern mit einem IQ von 130 Kinder haben werden, deren IQ unter ihrem liegt, beträgt mehr als 80 Prozent. Allerdings: Bei Eltern mit einem IQ unter 70 liegt die Wahrscheinlichkeit, dass der IQ ihrer Kinder höher ist als der eigene, bei ebenfalls mehr als 80 Prozent.

Was raten Sie also Eltern?

Sie sollten ihre Kinder so annehmen, wie sie sind. Sie sollten akzeptieren, dass auch ein schulischer Abstieg sinnvoll sein kann. Er schützt Kinder vor ständiger Überforderung und Erwachsene vor unausweichlichem Scheitern. Kinder sollten eine Schulkarriere machen dürfen, die ihnen entspricht. Lieber ein zufriedener Automechaniker als ein unglücklicher Akademiker.

Wie war das bei Ihnen? Sie stammen nicht aus einer Akademikerfamilie, sondern waren das erste Kind, das studiert hat.

Meine Familiengeschichte geht in Kürze so: Da kommen die Großeltern mit neun Kindern aus Norditalien in die Schweiz, während des Ersten Weltkriegs. 1915 kommt mein Vater auf die Welt. Dann sterben die Eltern an Tuberkulose und spanischer Grippe. Die zehn Kinder sind allein in einem fremden Land, die ältesten 18 und 19 Jahre alt. Alle müssen sofort arbeiten. Mein Vater war der einzige, der eine Lehre machen konnte. Die Geschwister haben sich alle selbst durchgebracht. Das hat meinen Vater geprägt, wahrscheinlich auch noch mich.

Ihr Vater wurde Mechaniker, leitete eine Werkstatt. Wie reagierte er, als sein Sohn aufs Gymnasium konnte?

Er wollte das nicht, hatte Angst, ich würde seine Werkstatt nicht übernehmen. So bin ich erst mal zur Sekundarschule gegangen. Erst als mein jüngerer Bruder sich entschied, Mechaniker zu werden, war ich frei. Es ist nicht einfach für Kinder, wenn beide Eltern Akademiker sind und sie deren Status nicht mehr erreichen. Wenn man, wie ich, von unten kommt, ist es leichter.

Sie fordern eine Gesellschaft für alle Begabungen. Das ist eine, die auch die Grenzen der Begabungen von Menschen ernst nimmt, statt von allen „Höher, Schneller, Weiter!“ zu fordern. Was raten Sie Eltern, die auf die Grenzen ihrer Kinder stoßen?

Wichtig ist zu schauen, wo das Kind steht. Dann braucht es Herausforderungen, die mit Erfolg verbunden sind, sodass es motiviert ist weiterzumachen. Dann kommt noch ein ganz elementarer Punkt.

Und?

Auch mit der besten Nachhilfe kann man ein Kind nicht dazu bringen, seine individuellen Begabungen zu übersteigen. Alle Studien zeigen das. Auswendiglernen bringt allenfalls bessere Noten, macht die Kinder aber nicht klüger. Auf die Dauer gesehen vergessen die Kinder das Gelernte weitgehend. Richtiges Lernen hat mit eigenständigen Lernerfahrungen zu tun. Das ist für manche Eltern schwer zu akzeptieren. Sie werden ihrem Kind aber nur gerecht, wenn es auf seine Weise und in seinem Tempo lernen kann.

Ein Kämpfer für den befreiten Menschen

Ein Kämpfer für den befreiten Menschen: Remo H. Largo.

Quelle: Stefan Gelberg

Einfach man selbst sein: Das Werk Remo H. Largos

Wie entwickelt sich mein Baby? Muss es mit zwölf Monaten nicht endlich die ersten Wörter sprechen? Muss es nicht mit eineinhalb Jahren längst laufen, statt wie bisher vergnügt durch die Gegend zu robben? Und: Ab wann schläft so ein Säugling eigentlich durch?

16 438 Treffer bekommt man, wenn man die Stichworte “Ratgeber“ und “Eltern“ im Onlineportal des Versandriesen Amazon eingibt. Allein diese enorme Zahl zeigt, wie groß das Interesse und auch die Verunsicherung bei Eltern heute in Bezug auf die Entwicklung ihrer Kinder sind. Dass Verunsicherung häufig in Konkurrenz, ja sogar Leistungsdruck schon unter Babys ausartet, verraten die Titel mancher Ratgeber wie “Jedes Kind kann schlafen“, “Kinder gezielt fördern“ oder “Die Kunst der Elternliebe“. Erziehungsratgeber versprechen Rezepte, die aus dem eigenen Schützling ein stets rundum glückliches und zugleich immer perfekt entwickeltes Kind machen, Rezepte, die – Eltern wissen das – ausgerechnet beim eigenen Kind – dann allzu häufig doch nicht anschlagen.

Was fehlende Gelassenheit in Bezug auf die Entwicklung und Förderung des eigenen Kindes anzurichten vermag, kann man überdies heute immer öfter in Eltern-Kind-Gruppen, bei PEKiP-Kursen oder beim Babyschwimmen erleben, bei einer Generation von Eltern, die oft selbst nie eine Windel gewechselt oder einen Brei angerührt haben, bevor sie ihr erstes eigenes Kind bekamen: einfach, weil es kaum Geschwister, Nichten und Neffen zum Üben gab. Der Konkurrenzdruck, die Angst, nicht perfekt zu sein, ist in solchen Eltern-Kind-Kursen heute manchmal so stark, dass Leiter sich entscheiden, keine altersgleichen, sondern nur noch altersgemischte Gruppen anzubieten, um vor allem sorgenvolle Mütter vom zwanghaften Vergleich ihres Kindes mit anderen zu entlasten.

Mittlerweile ein Klassiker

Mittlerweile ein Klassiker: “Babyjahre“ hat sich laut Verlag 1,1 Millionen mal verkauft.

Quelle: Piper Verlag

Es ist vor diesem Hintergrund kein Wunder, dass auch heute noch so viele Eltern Bücher des emeritierten Schweizer Professors für Kinderheilkunde, Remo Largo, in ihrem Bücherregal stehen haben. „Babyjahre“ oder “Kinderjahre“ heißen die Werke des am 24. November 1943 in Winterthur geborenen Mannes schlicht. Sie sind heute Klassiker, Standardwerke in der Literatur über die Entwicklung von Kindern – und haben eine beeindruckende Erfolgsgeschichte hinter sich. “Babyjahre“, 1993 erstmals veröffentlicht und 2010 neu überarbeitet wieder aufgelegt, hat sich nach Angaben des Piper-Verlages bis heute 1,1 Millionen Mal verkauft und wurde sogar ins Chinesische übersetzt. Auch der Folgeband “Kinderjahre“ verkaufte sich bis heute 370 000-mal.

Der Grund für die Popularität Largos ist nicht nur in der klaren, übersichtlichen Struktur seiner Bücher zu suchen. In den “Babyjahren“ beispielsweise findet man zu allen wichtigen Entwicklungsaspekten von Kindern Kapitel, angefangen vom Beziehungsverhalten über die Motorik, das Schlafverhalten, die Sprachentwicklung bis hin zum Wachstum. Viel wichtiger ist, dass der Kinderarzt vehement davon abrät, Kinder zu vergleichen. „Jedes Kind ist anders“, lautet sein Eltern auch heute noch ungemein entlastendes Credo.

Große Vielfalt in der Entwicklung

Immer wieder zeigt er auf, wie groß die Vielfalt in der Entwicklung von Kindern ist: Wann ein Kind zu laufen beginnt, wann es erste Wörter sprechen, durchschlafen oder wann es trocken sein muss, kann man eben nicht mit Bestimmtheit sagen. Bemerkenswert ist auch: Largo argumentiert auf der Grundlage eines besonderen, wissenschaftlichen Faktenmaterials: Er selbst hat am Kinderspital in Zürich seit 1974 Langzeitstudien mit mehr als 700 Kindern durchgeführt und dabei auch wissenschaftlich zu zeigen versucht, dass das Spektrum innerhalb der Entwicklung von Kindern weit größer ist als bisher angenommen.

Largo trat 2005 aus gesundheitlichen Gründen als Leiter der Abteilung Wachstum und Entwicklung in dem Zürcher Kinderspital zurück. Sein 480 Seiten starkes, neues Buch “Das passende Leben. Was unsere Individualität ausmacht und wie wir sie leben können“ ist im S. Fischer Verlag erschienen und kostet 24 Euro.

Von Jutta Rinas

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