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Kalkül statt Gefühl

Helfen nach dem Effizienzprinzip Kalkül statt Gefühl

Weltweit breitet sich die Bewegung des Effektiven Altruismus aus. Ihre Anhänger wollen das Leid in der Welt lindern – mithilfe kühler Kosten-Nutzen-Erwägungen. Demnach ist ein Euro in Mückennetze besser angelegt als in die Ausbildung eines Blindenhundes. Ist so viel Berechnung zynisch?

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Die Anhänger des Effektiven Altruismus wollen Gutes tun – aber nur dort, wo sich ihre Investition auch rechnet.

Quelle: Fotolia

Rastlos hämmert es von oben. Ein scheinbar endloser Zug walzt über die Schweißnähte der Gleise. Der Mann unten, im Bogen der S-Bahn-Brücke, scheint den Lärm gewohnt zu sein. Er kauert auf einer fleckigen Matratze, die Arme um die Knie geschlungen, wartet darauf, dass ein Passant ein, zwei Münzen in seinen Pappbecher fallen lässt.

Soll man etwas geben? Der Mann würde hier nicht sitzen, wenn seine Not nicht groß wäre. Oder lieber nichts geben? Schließlich kann man in Berlin davon ausgehen, dass auch an der nächsten Ecke ein Bettler wartet, und wer weiß, ob dessen Not nicht noch größer ist.

Wobei die Bedürftigen der Hauptstadt wohl immer noch besser dran sind als die Menschen in den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens oder auch Afrikas. Andererseits aber könnten Spenden auf dem Weg zu denen ja versickern. Und überhaupt: Was können ein, zwei Euro schon ausrichten gegen das Leid auf dieser Welt?

Ethische Fragen des Alltags

Gewissensfragen des Alltags sind das. Ethische Prüfsteine auf dem Weg zu einer Verabredung mit Tobias Pulver, 25, der aus solchen moralischen Dilemmata einen Ausweg gefunden zu haben scheint. "Auch ich empfinde es jedes Mal als Zerreißprobe, wenn ich Menschen sehe, die offensichtlich Hilfe brauchen, und bin geneigt, ihnen Geld zu geben. Aber dann denke ich: Moment! Ich kann meine begrenzten Ressourcen viel besser nutzen, wenn ich möglichst effektiv helfe."

Tobias Pulver hat in ein Café gebeten, dessen Tische aus einstigen Frachtkisten gefertigt sind. An der Wand empfiehlt ein gerahmtes Plakat: "Sei nett zur Welt". Tobias Pulver nimmt einen Schluck vom Kaffee mit Sojamilch. Er sagt: "Ich weiß, dass es Hilfswerke gibt, deren exzellente Wirkung nachgewiesen wurde. Die Hilfsempfänger sind zwar nicht direkt vor meinen Augen. Aber nur weil sie geografisch weiter weg sind, ist ihr Leid ethisch nicht weniger wichtig."

Tobias Pulver arbeitet für die Stiftung "Effektiver Altruismus". Der Schweizer ist vor Kurzem aus Bern nach Berlin gezogen, um die Idee des Effektiven Altruismus – kurz: EA – in Deutschland zu verbreiten. Er hilft mit beim Aufbau all der lokalen EA-Gruppen, die sich jetzt in vielen deutschen Städten zusammenfinden.

Vernunft statt Mitleid

Tue Gutes noch besser – das ist die Idee hinter der weltweiten Bewegung. Hirn statt Herz. Vernunft statt Empathie. Kalkül statt Gefühl. Daten und Informationen sollen über Wohltaten entscheiden, nicht Mitleid.

"Gerade warmherzige Menschen sollten unbedingt auch berechnend sein, damit sie mit ihren Ressourcen möglichst viel bewirken", sagt Tobias Pulver, ein schlanker junger Mann mit schwarzen Locken und funkelndem Blick. Gefühlen misstraut er. "Viele Emotionen und Intuitionen sind trügerisch. Sie sind in einem evolutionsbiologischen Umfeld entstanden, das es längst nicht mehr gibt."

Auf der Suche nach unterstützenswerten Hilfsorganisationen legen die Effektiven unter den Wohltätern vor allem Wert auf Transparenz. Jede seriöse karitative Institution legt ihre Ziele und ihre Mittel offen. Aber Effektive Altruisten wollen mehr wissen als den Verwendungszweck, wie er auf der Spendenquittung notiert ist. Sie erwarten ganz genaue Auskünfte darüber, wer wo wie und wie viel für wen ausgibt und vor allem: was die Spende tatsächlich bewirkt.

Effizient Leben retten

Das Internetportal Givewell.org bietet ihnen Orientierung. Die von Hedgefonds-Analysten gegründete Organisation durchleuchtet die Leistungen von Hilfsorganisationen und filtert, wie es in kühlem BWL-Sprech heißt, "evidenzbasiert" Anbieter mit besonders "effizientem Kosten-Nutzen-Verhältnis". "Wir ermitteln Daten wie beispielsweise die Kosten pro gerettetem Leben", heißt es auf der Internetseite der Organisation aus San Francisco.

Kein Leistungsvergleich ohne Ranking. In der Givewell-Liste der effizientesten Organisationen finden sich jedoch keine weltbekannten Institutionen wie Unicef, Rotes Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen. Im bürokratischen Geflecht der Großorganisation sind Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge offenbar nicht so klar zu ermitteln wie zum Beispiel bei der "Against Malaria Foundation". Sie belegt im Ranking Platz eins. Die Stiftung verteilt in afrikanischen Ländern Moskitonetze, die mit Insektiziden behandelt sind und fünf bis sieben Dollar kosten.

Die robusten Netze senken laut Givewell die Anzahl der Malariainfektionen und die Kindersterblichkeit. Zu dem Schluss kamen die Analysten, nachdem sie Anzahl, Kosten und Lebenszeit der Netze mit der Wirkung der Insektizide unter Berücksichtigung der Bevölkerungsstruktur und Kindersterblichkeitsrate in den Einsatzländern verrechnet haben. Ihr Fazit: Die "Against Malaria Foundation" rette mit 2838 Dollar ein Menschenleben und sei damit so effizient wie kaum eine andere Organisation. Günstiger ließe sich Leid nicht aus der Welt schaffen.

Share the Meal

Schnell, unkompliziert, effektiv: Vor dem Essen schnell noch mit der App "Share The Meal" fürs Welternährungsprogramm spenden.

Quelle: WFP

"Die effizientesten Projekte sind oft jene, die nicht unbedingt sexy klingen", sagt Tobias Pulver. Ein Euro hat aus Sicht der Effektiven Altruisten nicht überall den gleichen Wert. Es gilt, jene Investition ausfindig zu machen, mit der ein Euro besonders viel Leid lindern kann. So ist es nach EA-Lehre effektiver, einen Euro für ein Moskitonetz zu spenden, als damit zur sehr viel teureren Ausbildung eines Blindenhundes beizutragen.

Ist dieses kaufmännische Denken nicht zynisch? "Nein", sagt Tobias Pulver, "denn leider können wir mit unseren beschränkten Mitteln nicht alle Probleme gleichzeitig lösen. Indem wir die Wirksamkeit verschiedener Optionen vergleichen, machen wir lediglich eine unvermeidbare Entscheidung transparent." Die kosteneffektivste Option ermögliche es, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Man weiß schließlich, wie unendlich viele Menschen Hilfe brauchen.

Ignoranz ist keine Option – zumindest nicht für jene, denen Zugewandtheit, Empathie, humanistische Werte etwas bedeuten. Die ständige Konfrontation mit der Not rüttelt am Gewissen der Menschen, an ihrem Gerechtigkeitsempfinden: Was kann man tun? Und muss es, um wirksam zu sein, immer die ganze große Geste sein?

Beim Spenden genau hinschauen

Nein. Ein Klick auf dem Smartphone genügt manchmal schon. Minimaler Aufwand, maximale Wirkung. Wer sich zum Beispiel die App "Share the meal" aufs Smartphone lädt, kann, bevor er selbst zur Gabel greift, mit einem Fingertippen 40 Cent spenden und so einem Kind in Afrika eine Mahlzeit verschaffen. Das Welternährungsprogramm der UN verteilt das Essen. Hinter solchen Apps stecken zwar nicht die Effektiven Altruisten. Doch auch sie zeigen, wie tief die ökonomische Verwertungslogik ins idealistische Denken der Weltverbesserer vorgedrungen ist.

Noch ist das ungewohnt. Hilfsbereitschaft hatte bisher frei zu sein von schnöden Kosten-Nutzen-Erwägungen. In einer Zeit jedoch, in der Gesundheit, Bildung und selbst Partnerschaften permanentem Effizienzstreben unterworfen sind, wird auch der Uneigennutz auf seinen Nutzwert überprüft.

Entwertet es die gute Tat, wenn sie mit Kalkül erfolgt? Nein. Vielleicht ist es klüger, sich die Zeit zu nehmen und beim Spenden genauer hinzuschauen. Vielleicht ist es sogar weniger egoistisch, als sich mit dem diffusen Wohlgefühl zufriedenzugeben, irgend etwas Gutes getan zu haben.

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