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Wir unsichtbaren Christen

Kirche in der Krise Wir unsichtbaren Christen

Am Heiligabend ist sie vergessen, die Krise der Kirchen. Die Gotteshäuser sind voll, Kerzenlicht, Krippenspiel und frohe Botschaft berühren Gläubige wie Gelegenheitsbesucher. Aber dann gibt es noch die anderen Christen. Die, die nie da sind. Und doch der Kirche die Treue halten. Für alle Fälle?

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Die Deutschen sind Event-Christen, doch viele gehen auch zu Weihnachten nicht in die Kirche. Und treten trotzdem nicht aus. Warum?

Quelle: Shutterstock

Man kann es getrost Fließbandarbeit nennen, was Priester und Pastoren in diesen Tagen leisten: Drei-, viermal steigen sie allein am Heiligen Abend auf die Kanzel. Nicht zu vergessen Andachten, Krippenspielproben und Weihnachtsfeiern, die die Geistlichen seit Wochen auf Trab halten. Es ist ein adventliches Crescendo, für Pastoren wie fürs Kirchenvolk bis zum großen Finale am Heiligabend. Und bei jeder Andacht, jeder Messe, jeder Mette ist die Kirche rappelvoll. Ein kleines Wunder, alle Jahre wieder.

Es gibt da einen scheinbaren Widerspruch zwischen den vollen Gotteshäusern an Weihnachten und der Schwindsucht bei den Mitgliederzahlen der großen christlichen Kirchen in Deutschland. Nur: Der Andrang am Festtag und die hohe Zahl derer, die sich abwenden, das ist ja nicht wirklich ein Widerspruch.

Erbauliches für die Laufkundschaft

Die Laufkundschaft findet hier, was sie sonst vergeblich sucht: Weihnachten in der Kirche ist schön besinnlich, der Chor singt, die Kerzen leuchten und der freundliche Priester oder die nette Pastorin erzählen erbauliche Dinge und schöne alte Legenden, die einen an die Kindheit erinnern.

An diesem Tag schimpft auch kaum jemand, weil die besonderen Besucher gerade heute und sonst nie da sind – es sei denn, bei einer Hochzeit (auch schön, mit Orgelgebrause) oder einer Beerdigung (sicher ist sicher). An Weihnachten kann man sogar hingehen, wenn man schon aus dem Verein ausgetreten ist, Eintritt kostet es nicht.

Die Evangelische Kirche in Deutschland etwa mobilisiert an Heiligabenden rund ein Drittel ihrer gut 23 Millionen Mitglieder – das Zehnfache der Gottesdienstbesucher an "unauffälligen" Sonntagen. Theologisch mindestens ebenso bedeutende Feiertage haben nicht ansatzweise die Anziehungskraft des Weihnachtsfests. Dessen düsteres Pendant, der Karfreitag, der in maximal schmucklosen Gottesdiensten zelebriert wird, lockt gerade einmal 4,2 Prozent aller Protestanten in die Kirchen.

Teilzeitgläubige und Unsichtbare

Die Deutschen sind eben Weihnachtschristen. Man könnte sie auch Event-Christen nennen. Für diese "Standby-Christen" gibt es unter Geistlichen ein kleines, boshaftes Bonmot: Diese Leute leisten sich für den Weihnachtsgottesdienst die teuersten Opernkarten des Jahres.

Diese Teilzeitgläubigen sind freilich nicht das große Rätsel unserer abendländischen Gesellschaft, auch nicht jene, die sich gänzlich von den Kirchen abgestoßen fühlen. Sehr viel spannender und bedeutsamer sind die unsichtbaren Christen. Die, die nie dabei sind. Und doch immer dabeibleiben.

Sie denken nicht daran, am Gemeindeleben teilzunehmen, sie hadern sogar mit den Institutionen der Kirche, aber sie bezeichnen sich gleichwohl als Christen und treten eben nicht aus. Sie lassen sich brav ihr Leben lang 8 oder 9 Prozent, je nach Bundesland, ihrer Einkommensteuer abziehen, obwohl sie, mal wirtschaftlich ausgedrückt, die angebotenen Dienstleistungen der Kirche so gut wie nie in Anspruch nehmen. Nicht einmal zum Weihnachtsfest.

Jenseits des Materialismus

Statistisch sieht das so aus: 47 von knapp 82 Millionen Deutschen gehören der katholischen oder der evangelischen Kirche an, grob gerechnet 10 Prozent nutzen Gottesdienst, Seelsorge, Frauenfrühstück, Bibelkreis. Rechnet man die Weihnachtsbesucher hinzu, kommen noch rund 30 Prozent wenigstens einmal im Jahr zum Tempel des Herrn. Weshalb, so kann man doch fragen, bleiben die restlichen 70 Prozent bei der Stange, obwohl es ihnen bis auf ein Heilsversprechen für das Jenseits nichts bringt?

Der Mediziner, Kabarettist und Christ Eckhart von Hirschhausen erklärt die erstaunliche Gleichzeitigkeit von Kirchenferne und Anhänglichkeit an dieselbe damit, dass unsere angeblich so atheistisch geprägte Gesellschaft noch immer Werte verkörpere, die ursprünglich christlich sind.

Demnach brauchen wir die Kirche nach wie vor als Instanz, die nicht primär nach materiellen Dingen schaut. Die dafür sorgt, dass von der Gesellschaft Ausgeschlossene Halt finden. Die, ohne um den Zeitgeist zu buhlen, Jesus in den Mittelpunkt stellt, der Mitmenschen aller Schichten vorurteilsfrei und barmherzig begegnete.

Kirche als soziale Einrichtung

Vater, Sohn und Heiliger Geist mögen den Gottesdienstschwänzern fremd geworden sein, doch handfeste Angebote wie Bahnhofsmissionen, Sozialstationen, Schulen, Kitas, Flüchtlingscafés und andere Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft halten sie für unverzichtbar. Eine Einstellung, die sogar die meisten Konfessionslosen teilen.

Einer Studie im Auftrag der evangelischen Nordkirche zufolge erachten mehr als zwei Drittel von ihnen die Kirche als einen "wichtigen Anwalt der Schwachen und Hilfsbedürftigen" und als tragende Säule der Wertevermittlung. Vor allem also wird die Kirche als soziale Einrichtung und moralische Instanz wahrgenommen. Am Glauben um des Glaubens willen, wie er sich gerade in der "Christenpflicht" des Gottesdienstes manifestiert, scheint es indes zu hapern.

Die Vertreter beider großer Kirchen sind anscheinend pragmatisch genug, diesen Imagewandel anzuerkennen: Abweisen, sagt etwa Karl Jüsten, Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischofskonferenz in Berlin, dürfe die Kirche die "Auswahlchristen" auf keinen Fall: "Im Gegenteil, wir müssen die Gelegenheiten nutzen, die Leute anzusprechen." Andere Gelegenheit dazu besteht nach seiner Erfahrung in den Kindergärten und Schulen: "Es kann ja nicht sein, dass die Oma die Letzte ist, die den Glauben an die Enkel weitergeben kann."

Sorge ums Seelenheil

Margot Käßmann, die frühere Ratsvorsitzende der EKD und heutige Beauftragte für das Lutherjahr 2017, urteilt ähnlich nüchtern: "Wir leben in einer individualisierten Konsumgesellschaft. Viele Menschen haben daher Mühe, sich in eine Gemeinschaft einzufinden, die Lebensplanung an gesetzten und tradierten Zeiten und Ritualen ausrichtet. Sie stellen sich ihre Religion oder auch ihre Religiosität passend zum Leben zusammen. Der Gottesdienst ist schon lange nicht mehr Zentrum des sozialen Austausches."

Dennoch: Der Kirche ganz den Rücken zu kehren, bereitet vielen Unbehagen. In Süddeutschland gibt es die schöne Formulierung: Wer in der Kirche ist (oder bleibt), der hat am Ende des Lebens "noch was hintenraus: das ewige Leben". Prälat Jüsten glaubt, dass es tatsächlich so etwas gibt wie "eine Heilsangst": "Das heißt, die Leute machen sich Sorgen um ihr Seelenheil, wenn sie einen kompletten Schlussstrich ziehen."

Darin steckt dann wohl doch so etwas wie eine Rückversicherung: Man wird den bohrenden Verdacht nicht los, dass der Glaube irgendwann, spätestens im Jenseits, doch noch für etwas gut sein könnte.

Kein "Winterwohlfühlfest"

Womöglich also geht es auch den am Heiligen Abend kurzfristig auftauchenden Standby-Christen um mehr als bloße Besinnlichkeitsfolklore. Margot Käßmann jedenfalls ist fest davon überzeugt: "Ich finde es gut, dass viele wissen, dass Weihnachten kein Winterwohlfühlfest ist, sondern die Grundlagen in der Bibel zu finden sind. Da blitzt noch etwas davon auf, dass es auch um Gemeinschaft, Tradition und kulturelles Erbe geht, ja um gemeinsamen Glauben, der Halt und Haltung gibt."

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