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Auch der längste Krieg geht zu Ende

Kolumbien als Vorbild Auch der längste Krieg geht zu Ende

Kaum ein anderes Land ist so eng mit Gewalt verbunden wie Kolumbien. Die Exzesse der Drogenbosse sind ein Klischee für Lateinamerika-Krimis, der blutige Kampf um die Macht dauert länger als irgendwo sonst auf der Welt. Jetzt ist nach 51 Jahren Bürgerkrieg Frieden in Sicht.

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Nach 51 Jahren Bürgerkrieg ist Frieden in Sicht: Ausgerechnet Kolumbien kann zum Vorbild werden – und zum neuen Boomstaat in Lateinamerika.

Quelle: Roberto Contrer / CC BY 2.0

Europa blickt gebannt auf den Krieg in Syrien und die Konflikte in Nahost. Die wenigsten wissen: Die wahren Todeszonen dieser Welt liegen in Lateinamerika und der Karibik. 33 Prozent aller Morde weltweit geschehen dort, obwohl nur 8 Prozent der Weltbevölkerung in der Region leben. Für das ganz alltägliche Morden braucht es keine Kriegserklärung – Venezuela oder El Salvador gehören zu den gefährlichsten Ländern der Welt, obwohl dort offiziell Frieden herrscht.

Aber die Gewalt der Mafiabosse, der Jugendbanden und Paramilitärs bestimmt den Alltag. Die Weltgesundheitsorganisation spricht im Fall von El Salvador sogar von einer "Gewaltepidemie" – eine Einordnung, mit der schon mancher Nachbar leben musste.

Umso erstaunlicher ist die Entwicklung in Kolumbien: Der längste Krieg, den der amerikanische Kontinent je erlebt hat, steht vor dem Ende. Kolumbien rüstet sich nach 51 Jahren erbittertem Kampf zwischen Rebellen, Paramilitärs und Regierung für den Frieden. Ende März wollen Präsident Juan Manuel Santos und die linksgerichtete Guerilla Farc einen Friedensvertrag unterzeichnen. Der Kontinent wäre dann erstmals frei von Krieg.

Mehr als 250.000 Tote

Es war einer der vergessenen Kriege der Welt – mit dramatischen Folgen für das Land. Mehr als 250 000 Menschen starben, gut sechs Millionen Kolumbianer mussten innerhalb des Landes fliehen. Das hat das Land verändert: Rund um die großen Städte Bogota und Medellin sind riesige Elendssiedlungen entstanden, in den einfachen Häusern schlagen sich jene Kolumbianer irgendwie durch, deren Leben auf dem Land nicht mehr sicher war.

Als Präsident Santos in der letzten Januarwoche zu Gast in Berlin war, trug er einen Anstecker mit Friedenstauben am Revers, seine Mitarbeiter twitterten, worum es jetzt geht. "La hora de la paz" – es schlägt die Stunde des Friedens. "Wir wollen einen nachhaltigen und dauerhaften Frieden", verspricht Santos. Im eigenen Land aber hat er durchaus mit Gegenwind zu kämpfen. Längst nicht alle Kolumbianer vertrauen der Farc. Sie glauben, dass die Rebellen nur ein Spiel spielen, um ihre Machtposition im Drogenhandel auszubauen.

Die katholische Kirche sieht das anders. Kardinal Ruben Salazar, zugleich Erzbischof von Bogota und einer der einflussreichsten Kirchenführer in Lateinamerika, ist von der Ernsthaftigkeit der Guerilla überzeugt: "Sie haben eindeutige Gesten des guten Willens gezeigt. Ich glaube, dass die Farc den Frieden wirklich will." Beide Seiten haben sich im Herbst auf einen Waffenstillstand geeinigt, seitdem gibt es nur sehr vereinzelt Scharmützel. Der Start ins neue Jahr war so friedlich wie seit Jahrzehnten nicht.

In Kolumbien sind verschiedene links- und rechtsgerichte Milizen am Bürgerkrieg beteiligt.

Vor dem Waffenstillstand: In Kolumbien sind verschiedene links- und rechtsgerichte Milizen am Bürgerkrieg beteiligt.

Quelle: afp

Seit mehr als drei Jahren verhandeln die Regierung und die Rebellen, zunächst in Oslo, danach und bis heute in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Im vergangenen Herbst reichten die Konfliktparteien einander erstmals die Hand, der Durchbruch war geschafft. Die Delegationen arbeiten eine Agenda ab, an deren Ende der Friedensvertrag stehen soll. Besonders bemerkenswert: Auch die geschundenen Zivilisten kommen zu Wort.

Mehr als 60 Opfer des bewaffneten Konfliktes haben in Havanna mit den Delegationen gesprochen, haben ihren Peinigern von Angesicht zu Angesicht ihre zum Teil unfassbar grausamen Leidensgeschichten erzählt. Ausgesucht wurden diese "Zeitzeugen des Terrors" von der Nationalen Universität und der katholischen Kirche. Sie gaben den Verhandlungen die menschliche Note, die alle am Konflikt beteiligten Gruppen an ihre moralische Verantwortung erinnert.

Geeinigt haben sich beide Seiten bereits über zahlreiche wichtige Punkte: eine gerechtere Verteilung von Land, die Umwandlung der Farc von einer illegalen Terrororganisation in eine politische Partei, die auch an Wahlen teilnimmt. Die Opfer sollen entschädigt werden, der Drogenhandel beendet und die Drogenbande zerschlagen. Eine Übergangsjustiz soll nicht nur die Verbrechen gegen die Menschlichkeit bestrafen, sondern gleichzeitig den Rebellen eine Integration in die Gesellschaft ermöglicht.

Ungeklärte Punkte

Noch ungeklärt ist ein Punkt, der für die Farc von zentraler Bedeutung ist: die Niederlegung der Waffen. Die Rebellen wollen nicht, dass der öffentliche Eindruck entsteht, dass sie sich unterwerfen oder gar kapitulieren. Deswegen wollen sie ihre Waffen nicht dem Staat übergeben.

Wird auch dieser Punkt geklärt, dürfte einer Unterschrift im März nichts mehr im Wege stehen. Danach soll das kolumbianische Volk in einer Art Referendum seinen Segen zu dem Abkommen geben. Gelingt auch das, wäre einer der ältesten bewaffneten Konflikte der Erde befriedet.

Nicht alle großen Probleme wären damit auf einen Schlag aus dem Weg geräumt. Der rechtsgerichtete Paramilitarismus und die soziale Ungerechtigkeit sind tickende Zeitbomben. Mit der zweitgrößten Rebellengruppe des Landes, der marxistischen ELN, gibt es noch keinen Friedensplan. Sowohl die ELN als auch die Paramilitärs könnten in das Machtvakuum stoßen, wenn die Farc sich aus von ihr kontrollierten Gebieten zurückzieht, warnen Menschenrechtler. Die dort lebenden Menschen kämen dann vom Regen in die Traufe.

Friedensvertrag als Neuanfang

Trotzdem wäre ein solider Friedensvertrag für Kolumbien ein echter Neuanfang. Das Land, das ohnehin zu den Wirtschaftslokomotiven Lateinamerikas zählt, könnte dann einen noch weiteren Sprung nach vorne machen, die schon jetzt zweistelligen Wachstumsraten um zusätzliche 2 bis 3 Prozent steigen lassen. Kolumbien kann zu einer sicheren Insel in einer von Gewalt und Verelendung geprägten Region werden.

Nach den Politikern sind jetzt die Menschen in den Städten, Dörfern, in den Slums und in den feinen Vierteln gefragt: Wie schaffen wir den Frieden? Die ersten Antworten geben die Frauen des Landes – fünf von ihnen stehen für viele andere.

Shakira, Barranquilla: Bildung an den Rändern
Engagiert sich mit ihrer Stiftung vor allem für Bildung in den Armenvierteln Kolumbiens: Shakira

Engagiert sich mit ihrer Stiftung schon seit zehn Jahren vor allem für Bildung in den Armenvierteln Kolumbiens: Shakira.

Quelle: afp

Zugegeben, der blonde Superstar aus Barranquilla war zuletzt nicht mehr ganz so häufig in Kolumbien. Shakira ist an der Seite ihres Mannes, des Fußballprofis Gerard Piqué, eher in Barcelona zu sehen. Doch was die Frau aus der brütend heißen Küstenstadt im Norden Kolumbiens für ihr Land leistet, ist bemerkenswert. Seit gut einem Jahrzehnt steckt Shakira viel Geld in soziale Projekte. Stets geht sie dabei "an die Ränder der Gesellschaft", wie Papst Franziskus es ausdrückt.

Dort, wo der Staat versagt, stellt sie hochmoderne Schulkomplexe in die Elendsquartiere. Beim jüngsten Projekt in Cartagena hat Shakiras Stiftung zudem zusammen mit den lokalen Behörden Zufahrtswege und andere Infrastruktur, die fehlte, aufgebaut. Die Schulen sollen nicht nur den bettelarmen Kindern dienen, sondern auch Treffpunkt für deren Eltern und für Jugendliche sein. Mittlerweile sind es mehr als 8000 Schüler, die in den Armenvierteln Kolumbiens eine erstklassige Ausbildung genießen. "Pies Descalzos", "Barfuß", heißt ihre Stiftung. Wenn Shakira Werbeverträge abschließt, achtet sie darauf, dass die Einnahmen nicht auf ihr Privatkonto, sondern direkt in die Stiftung eingezahlt werden.

Dass dieses Engagement für die Kolumbianerin mehr ist als nur ein Marketinginstrument, wird für jeden ersichtlich, der sie einmal in Quibdo oder in Barranquilla erlebt hat. Da sperrt sie Reporter und Fotografen rigoros aus, weil sie nicht möchte, dass ihre Tränen fotografiert werden, wenn sie die Leidensgeschichten der von ihrem Land vertriebenen Familien anhört. Von Shakira stammt der Satz: "Wenn ich in diese Augen blicke, dann sehe ich ein unglaubliches Potenzial." 8000 Kinder mehr, die mit einer echten Perspektive ins Leben gehen, sind 8000 potenzielle Guerillakämpfer, Paramilitärs, Drogendealer weniger.

Claudia Palacio, Quibdo: Der Marsch der tausend Frauen

Sie sei optimistisch, sagt Claudia Palacio. Ihre Zuversicht schöpft sie aus einer ganzen "Armee" an Friedensaktivistinnen, die ein neues, ein verändertes Kolumbien wollen. Vor ein paar Tagen, so berichtet es die Frau aus Quibdo, der Hauptstadt der bettelarmen und vorwiegend von Afrokolumbianern bewohnten Provinz Choco, habe ihre Organisation zu einer Demo gegen Gewalt aufgerufen.

Auf ein paar Hundert Teilnehmerinnen hat sie gehofft, am Ende waren es laut Website der Organisation mehr als 5000 Frauen, die für das demonstrierten, was Kolumbien wirklich braucht: mehr soziale Gerechtigkeit, eine faire Verteilung von Land, einflussreiche Gewerkschaften sowie eine Abkehr von der Gewalt. Die Aktivistinnen der "Ruta Pacifica de las Mujeres", die sich für einen pazifistischen Ausweg aus dem Bürgerkrieg einsetzen, sind inzwischen international anerkannt. Vor einem Jahr erhielten sie den Nationalen Friedenspreis. Ihre Worte finden in den kolumbianischen Medien Gehör, weil sie authentisch sind und so ganz anders klingen, als die martialische Sprache der Krieg führenden Männer.

Wenn Claudia Palacio über den Krieg spricht, wird ihre Stimme lauter und energischer, denn sie weiß, dass es vor allem Frauen sind, die den Preis bezahlen: "Als Ehefrauen, Mütter, Großmütter, Töchter oder Enkelinnen." Zehntausende von Frauen sind von den Kämpfern sexuell missbraucht und ermordet worden. Einen ersten großen Erfolg haben Claudia Palacio und ihre Mitstreiterinnen im Juli 2015 errungen. Da erklärte das Oberste Gericht den Femizid, die Ermordung von Frauen wegen ihres Geschlechts, zum eigenen Straftatbestand.

Angela Giraldo, Cali: Sie lernte, wie man Mördern vergibt
Angela Giraldos Bruder, ein Abgeordneter, wurde von der Farc ermordet. Sie hat den Mördern öffentlich vergeben.

Angela Giraldos Bruder, ein Abgeordneter, wurde von der Farc ermordet. Sie hat den Mördern öffentlich vergeben.

Quelle: afp

Entführt, vorgeführt, hingerichtet: Der Schmerz der Familie Giraldo aus der Millionenmetropole Cali ist auch gut acht Jahre nach dem grausamen Mord an Francisco Javier Giraldo nicht weniger geworden. Doch Angela Giraldo, Schwester des ehemaligen Abgeordneten, will das Trauma überwinden. "Vergeben heißt nicht vergessen", lautet ihr Motto, das sie als Status in ihr Whatsapp-Profil stellt. Unvergessen ist, dass der Bürgerkrieg mehr als 220 000 Menschen das Leben gekostet hat; viele kamen bei fürchterlichen Massakern um.

Mal mähten Paramilitärs 45 Parkbesucher mit Maschinengewehren nieder, mal tötete das Heer 17 Dorfbewohner, mal ermordete die Farc im La-Gabarra-Massaker 43 Menschen. Wie schwer müssen Versöhnung und Vergebung da sein? Angela Giraldo gehörte zu der ersten Gruppe von ausgewählten Opfern, die zu den Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und der Farc in der kubanischen Hauptstadt Havanna reiste. Dort stand sie Auge in Auge den geistigen Auftraggebern des Mordes an ihrem Bruder gegenüber. Und sie gab ihnen die Hand.

Das Bild vom Handschlag und von einer Frau, die den Peinigern ihrer Familie sogar mit einem höflichen Lächeln entgegentrat, sorgte für Schlagzeilen und Verwirrung in Kolumbien. Doch die mutige Frau aus Cali sieht den Dialog als große Chance und zieht einen historischen Vergleich, der ihrem Land Mut machen soll: "Schauen Sie nach Europa. Vor vielen Jahrzehnten hätte doch niemand gedacht, dass aus den Erzfeinden Frankreich und Deutschland einmal Freunde werden würden. Warum soll uns das nicht auch gelingen?"

Claudia Erazo, Bogotá: Die Anwältin der Rechtlosen

Claudia Erazo gibt nicht so schnell auf. Mit dem von Misereor unterstützten Menschenrechtszentrum "Yira Castro" vertritt sie Opferfamilien in Kolumbien, die von ihrem Land vertrieben wurden. Und davon gibt es Millionen. Es sind vor allem paramilitärische Gruppen, die im Auftrag von Konzernen oder von lokalen Großgrundbesitzern ganze Landstriche gewaltsam entvölkern.

Der legale und illegale Bergbau, der Drogenhandel, die aggressive Landwirtschaft von Agrar-Unternehmern: All das fordert Platz. Und für den sorgen die Paramilitärs. Kolumbien steht seit Jahren an der Spitze der Staaten mit der größten Zahl von Binnenvertriebenen. Derzeit sind es laut Amnesty International sechs Millionen Menschen, die mit Gewalt zum Verlassen ihres Zuhauses gezwungen worden sind. Erazo geht nur mit Bodyguards in die besonders sensiblen Regionen des Landes, immer wieder erhält sie Morddrohungen. Meist sind die Absender paramilitärische Gruppen, die nun "kriminelle Banden" heißen, weil es Paramilitarismus in Kolumbien offiziell nicht mehr gibt.

"Wir sind gerade einmal ein paar Schritte auf einem sehr langen Weg gegangen", sagt Erazo. Es ist ihr gelungen, auf juristischem Wege Land zurückzugewinnen, das seinen Besitzern gewaltsam abgenommen wurde. Dafür bezahlt sie einen hohen Preis. Sie lebt mit der Gefahr, jederzeit von den dunklen Mächten dieses Landraubzugs selbst aus dem Weg geräumt zu werden.

Lucia Gonzalez Duque, Medellín: Sie steckt den Krieg ins Museum
Lucia Gonzalez Duque leitet ein Museum in Medellin.

Lucia Gonzalez Duque leitet ein Museum in Medellin, dass sich mit der Aufarbeitung des Bürgerkriegs beschäftigt.

Quelle: afp

Der Terror ist digitalisiert, erfasst und per Touchscreen abrufbar. Im "Haus der Erinnerung" in Medellin, der ehemaligen Welthauptstadt des Drogenhandels, gibt es keine Ausreden mehr. Nicht für die linksgerichteten Guerillas der Farc oder der ELN, nicht für die ultrarechten Paramilitärs und auch nicht für den kolumbianischen Staat. Alle Akteure, die sich in diesem blutigen Krieg die Hände schmutzig gemacht haben, finden hier sorgsam aufgelistet ihre Massaker, Bombenanschläge und Grausamkeiten wieder.

Die Managerin, die das alles beaufsichtigt, heißt Lucia Gonzalez Duque. Lucia ist eine resolute Frau mit rot gefärbten Haaren, die so höflich wie bestimmt all jene Dinge beim Namen nennt, die zum Blutvergießen in Kolumbien geführt haben: "Wir müssen uns dieser Realität stellen und die richtigen Konsequenzen ziehen." Bei der Errichtung dieses bemerkenswerten Monuments der Erinnerungen hat die kirchliche Hilfsorganisation ­Misereor aus Deutschland mitgeholfen. Über zwei Stockwerke erstreckt sich die Ausstellung. Freiwillige führen, erklären, stiften zur Auseinandersetzung an. Videos, Interviews, Fotos machen die Geschichten der Menschen, die diesen langen Krieg erleiden mussten, unmittelbar erfahrbar.

Um die Direktorin herum herrscht ein buntes Treiben von Schulkindern, die sich mithilfe moderner Technologie über all die Gewalt informieren, die so viele Menschen das Leben oder doch zumindest die Heimat gekostet hat. "Dieser Krieg hat viele Väter", sagt Lucia Gonzalez Duque. Ein dicker, orangefarbener Aufkleber macht schon einmal auf das magische Datum aufmerksam: 26. März 2016. An diesem Tag soll – wenn alles gut geht – der Friedensvertrag zwischen der Regierung und der Farc unterschrieben werden. Dann soll der Krieg nur noch auf einem Schauplatz toben: als Geschichtsstunde im hochmodernen Museum von Lucia Gonzalez Duque in Medellin.

Von Tobias Käufer

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