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"Neues Land - neues Glück?"

Liebe, Arbeit, Abenteuerlust "Neues Land - neues Glück?"

Alle reden von Einwanderung. Dabei wandern jedes Jahr Zehntausende Deutsche aus. Heute kaum noch aus nackter Not, sondern aus Abenteuerlust, der Liebe wegen oder weil ein attraktiver Job lockt. Ein Neuanfang in der Fremde ist schwer. Gespräche mit Menschen, die auszogen, um das Glück zu finden.

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Ob der Arbeit oder der Liebe wegen: 140.000 Menschen wandern jedes Jahr aus Deutschland aus – auf der Suche nach dem Glück in einem neuen Land.

Quelle: Wendy Cope / CC BY 2.0

Dann saßen sie in diesem Restaurant am Meer, letzter Abend, und Robert fragte tatsächlich: "Willst du mich heiraten?" Sonst wäre wahrscheinlich alles ganz anders gekommen. Seit drei Wochen war Verena Wyglenda da bei Robert in Südafrika, am nächsten Tag wollte sie zurück nach Deutschland.

Das ganze Land hatten sie sich angesehen, mit dem Auto und von oben, aus seinem Hubschrauber, Strände, Städte, die Nationalparks. Sie hatte sich in dieses Land verliebt, aber sie hatte es mit den Augen einer Besucherin gesehen, einer Urlauberin. Und jetzt: Heiraten? Bleiben? Südafrika oder doch wieder Nürnberg?

"Ich hatte zu Hause eine Haftpflichtversicherung, einen Telekomvertrag, eine feste Stelle, ich war absolut gebunden", sagt Verena Wyglenda. "Familie, Freunde, alles super." Sie hatte nie das Bedürfnis, Deutschland den Rücken zu kehren. Sie war mal auf den Malediven gewesen, Thailand, aber wirklich, ganz und gar wegzugehen, das war nie ihre Idee. Nichts zog sie in die Ferne. Bis zu diesem milden Sommerabend auf der Terrasse eines Restaurants in der Bucht von Port Elizabeth, Südafrika.

Der Arbeit und der Liebe wegen

Wenn Deutsche ins Ausland ziehen, dann hat das meist zwei große Gründe. Einer ist die Arbeit. Der andere ist die Liebe. Bei Robert und Verena Wyglenda kam beides zusammen. Acht Jahre liegt jener Abend in Port Elizabeth nun zurück. Heute leben sie mit ihrer dreijährigen Tochter Amelia in einem Haus am Rand von Kapstadt.

Ein halbes Jahr brauchte sie damals, bis sie sich entschied, Robert zu folgen. Sechs Monate, in denen sie ständig mit sich rang. Hier die Stadt, aus der sie stammte, die Eltern, Freunde. Dort der Mann, mit dem sie seit sieben Jahren zusammen war. "Das war die absolut richtige Entscheidung", sagt die 34-Jährige am Telefon, lachend, im Hintergrund ruft ihre Tochter. Leicht war es dennoch nie.

Zielstaaten deutscher Auswanderer

Deutschland, man vergisst das in diesen Tagen leicht, ist ja nicht nur ein Einwanderungsland, ein Sehnsuchtsort für Flüchtlinge. Es ist auch ein Auswanderungsland. Rund 140 000 Deutsche verlassen jedes Jahr ihre Heimat.

Rund 3,4 Millionen leben laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung irgendwo im Ausland, deutlich mehr als noch zur Jahrtausendwende. Während Deutschland immer nervöser und rüder über diejenigen streitet, die hierher kommen, packen Zehntausende still ihre Sachen und ziehen fort. Sie suchen ihr Glück. Oder einfach erst mal nur einen Job.

Robert Wyglenda hatte nicht gedacht, dass das so schwer werden würde. Hubschrauberpilot, das war immer sein Traum. Nur dass es in Deutschland keine Stellen gab für Anfänger wie ihn. Stellen gab es nur für Piloten, die Tausende Flugstunden vorweisen konnten. Und wie soll man die absolvieren, ohne Job? Es war eine dieser Absurditäten, die ihn an Deutschland schon immer genervt haben. Da las er im Frühjahr 2008 von diesem Angebot: Fluglehrer gesucht. In Südafrika.

"Das Wichtigste ist, dass wir zusammen sind"

"Es war klar, dass wir etwas investieren müssen", sagt Verena Wyglenda. So hat sie das gesehen. Er ging vor, sie kam Ende desselben Jahres nach. Zusammen machten sie ein Geschäft auf: Er flog mit den Menschen über das Land, sie, die gelernte Industriekauffrau, verkaufte am Boden die Flüge. "Ich lief die ganze Zeit auf 150", sagt sie. Verena Wyglenda dachte, wenn er erst seine 1000 Flugstunden voll hat, dann wären sie frei, dann könnten sie gehen, wohin sie wollen, zurück nach Deutschland oder wenigstens nach Europa. So hat sie sich das gedacht.

Sie haben ihre Arbeitsteilung, wie im Geschäft, so in der Beziehung. Robert ist der Hochfahrende, der Abenteurer. Sie ist die Geerdete. Diejenige, die auf die Regeln achtet, und darauf, dass immer alle Papiere beisammen sind. Also müssen die folgenden Jahre für sie eine Zumutung gewesen sein. 2010 verliert er seine Stelle in Südafrika. Gemeinsam gehen sie zurück nach Deutschland. Als sie 2011 schwanger ist, bekommt er einen Job in Afghanistan. Was er dort gemacht hat, darf er bis heute nicht sagen, sein Auftraggeber war die US-Armee.

2012, ihre Tochter ist ein halbes Jahr alt, sprengt ein Selbstmordattentäter in Afghanistan mehrere von Robert Wyglendas Kollegen in die Luft. Seine Firma verliert den Auftrag, er seine Stelle. Er findet rasch neue Arbeit. In Südafrika. Als Rettungsflieger. Und jetzt? "Ich habe seine Arbeit oft genug verflucht", sagt Verena Wyglenda. "Aber mir wurde da auch endgültig klar, dass das Wichtigste ist, dass wir zusammen sind."

"Hauptsache, wir sind zusammen": Verena und Robert Wyglenda und ihre dreijährige Tochter Amelia leben glücklich in Kapstadt.

"Hauptsache, wir sind zusammen": Verena und Robert Wyglenda und ihre dreijährige Tochter Amelia leben glücklich in Kapstadt.

Quelle: privat

Ihr Haus in Kapstadt steht in einem bewachten Viertel, der Sicherheit wegen. Einmal hat ein Mann sie auf der Straße unvermittelt angesprochen, ihre Tochter sei ja noch so klein, auf die müsse sie gut aufpassen. "Es gibt unheimliche Momente", sagt sie. Aber sonst? Amelia, die Tochter, geht in den Kindergarten, sie spricht Deutsch, Englisch, sogar Afrikaans. Verena Wyglenda arbeitet aus der Ferne für ihren alten Arbeitgeber in Deutschland, Faber-Castell.

Eigentlich, sagt sie, habe sich immer alles zum Besseren entwickelt. Und doch hat ihr Leben in Südafrika noch immer etwas Vorläufiges. Ihr Haus ist gemietet, samt den Möbeln. "Das Erste, was wir uns kaufen, wenn wir uns mal irgendwo selbst einrichten, ist eine eigene Couch", sagt sie.

Die Luxusvariante des Auswanderns

Manche Auswanderer gehen, weil sie einen Job in der Ferne suchen. Viele gehen aber auch, weil sie einen Job in der Heimat haben und ihr Arbeitgeber sie für eine bestimmte Zeit in die Ferne schickt. Es sind die besten, die komfortabelsten Bedingungen, um ins Ausland zu gehen. Man weiß, man kehrt nach einer bestimmten Zeit zurück, die Firma zahlt den Umzug. Es ist die Luxusvariante des Auswanderns. Aber wird dadurch alles leichter?

Alexandra und Lars Zimmer kamen ganz beiläufig auf das Thema, beim Frühstück. "Ich hätte schon Lust auf Ausland", sagte sie, eine vage Idee. Sie konnte ja nicht wissen, dass sein Chef ihn zwei Tage vorher gefragt hatte, ob er denn nicht mal ein wenig raus wolle. Kanada, 20 Monate.

Lars Zimmer hatte seiner Frau noch nichts davon erzählt, es war eine unverbindliche Frage, er war sich selbst noch nicht klar, wie er dazu stand. Aber so konnte er nun zu ihr sagen: Du, da gäbe es wohl eine Möglichkeit. "Im Grunde", sagt er heute, "passte das natürlich alles wunderbar."

Die Contra-Spalte blieb leer

Die Umstände jedenfalls waren günstig, als Alexandra und Lars Zimmer beschlossen, dass sie es in Nordamerika versuchen könnten. Er arbeitete bei einer großen Versicherung in München, Kanada gehörte zu den Regionen, um die er sich kümmerte. Sie hatte einen Job bei BMW, aber der war ohnehin befristet. Sie ist in Serbien geboren, hat Russisch und Französisch studiert, unter anderem in Russland, das Weltläufige liegt ihr. Sie haben noch keine Kinder. Die Firma übernahm den Umzug.

"Viel komfortabler ging es ja nicht", sagt sie. Zusammen schrieben sie dann noch eine Pro-und-Contra-Liste. Sie wollten alles genau überlegen. Aber im Grunde war es von Anfang an klar. Die Contra-Spalte blieb leer. Im Sommer sind die beiden nach Toronto gezogen.

Einfacher als in ihrem Fall kann es wohl nicht sein, das Land zu wechseln. Lars Zimmer hatte eine Arbeitsstelle, sie konnten die Sprache. Kleine Hürden? Behördenstreit? Die Firma kümmerte sich. Aber auch wenn sich alles ganz einfach anhört, heißt das beim Auswandern nicht, dass am Ende auch alles ganz einfach wird.

Alexandra und Lars Zimmer haben schnell in Toronto Fuß gefasst – auch weil sein Arbeitgeber sie bei allen Formalitäten unterstützte.

Alexandra und Lars Zimmer haben schnell in Toronto Fuß gefasst – auch weil sein Arbeitgeber sie bei allen Formalitäten unterstützte.

Quelle: privat

Es ist zumeist nur der eine Partner, für den es eine klare Perspektive im neuen Land gibt. Der andere kommt mit. Für Lars Zimmer ist Kanada auch ein Karriereschritt. Eine Zeile im Lebenslauf, ein Pluspunkt für die nächste Bewerbung. Und für seine Frau? "Ich wollte nie in der Pampa sitzen und Blumen gießen", sagt Alexandra Zimmer. Untätigkeit passt nicht in ihr Lebenskonzept. Also begann sie, sich zu bewerben. Übersetzerdienste, Assistenzposten, Unterrichten, all solche Stellen.

Doch die Reaktion war lange immer ähnlich. "Wenn du keine Kanada-Erfahrung  hast, bekommst du auch den Job nicht", sagt sie. Man soll also schon mal in Kanada gearbeitet haben, das ist die Voraussetzung. Was ihr ja auch noch einleuchtet. Es gibt nur etwas, das sie aufregt: "Wie soll man denn bitte Kanada-Experience haben, wenn es niemanden gibt, der sie einen sammeln lässt?"

Man könnte trotzdem sagen: Die Zimmers haben es sehr gut getroffen. Wunderbares Land, tolle Stadt, eine Wohnung unweit vom Zentrum. Alexandra Zimmer hatte Zeit, um Schauspielunterricht zu nehmen, als Statistin in Filmen mitzuspielen und im Chor zu singen. Es könnte kaum besser laufen, einerseits.

Plötzlich heimatverbunden

Andererseits gab es diese unsichtbare Mauer. Eine Grenze, an die sie stießen, wenn sie versuchten, sich dem Land und seinen Menschen noch weiter zu nähern. Sicher, die Kanadier sind auf eine entspannte Art freundlich. Entschuldigen sich, sobald sie jemanden in der U-Bahn versehentlich berühren, und sind in jeder Situation bereit für einen Plausch. Aber hinter diese Fassade zu gelangen, ist schwierig.

Es dauerte fast bis zur Halbzeit ihres Aufenthaltes, bis Alexandra einen Job bei einem Dokumentarfilmfestival fand, als Veranstaltungsorganisatorin, und sie die ersten echten Kontakte zu Kanadiern knüpften. Die Kanadier, sagt Lars Zimmer, sind doch Einwanderer gewohnt. "Aber sie müssten doch einen Unterschied machen zwischen Chinesen oder Russen, die schon mit der Sprache große Probleme haben, und uns."

Und so machen die Zimmers eine paradoxe Erfahrung: Sie sind froh, in Kanada zu sein. Und fühlen sich zugleich ausgerechnet in der Fremde der Heimat verbundener denn je. "Wir gehören eben nach Deutschland", sagt Alexandra Zimmer. Das ist ihnen klar geworden. Ganz so, wie sich viele Türken oder Italiener zum Beispiel in Deutschland ganz besonders türkisch oder italienisch fühlen, vielleicht stärker, als wenn sie ihre Heimatländer nie verlassen hätten.

Die erste Ehe hielt der Belastungsprobe nicht stand: Lars Jürgens mit seiner zweiten Frau Maria, die er auf den Falklands kennenlernte.

Die erste Ehe hielt der Belastungsprobe nicht stand: Lars Jürgens mit seiner zweiten Frau Maria, die er auf den Falklands kennenlernte.

Quelle: privat

Nur kann dieses Gefühl auch trügen. Weil sich die Heimatländer ja auch verändern. Und so tragen die Auswanderer oft ein Bild mit sich, in dem umso mehr Facetten fehlen, je länger sie weg waren. Rund 115 000 Auswanderer kehren pro Jahr nach Deutschland zurück. Für manche ist das dann erneut wie eine Begegnung mit einem fremden Land.

Als Lars Jürgens Deutschland vor acht Jahren verließ gab es das noch nicht, dass Menschen in der U-Bahn, an der Supermarktkasse und in Cafés ständig in diese kleinen Geräte starrten. "Smartphones waren da noch die große Ausnahme", sagt er. Jetzt, so kommt es ihm vor, beherrschen sie den Alltag.

Jürgens ging nicht freiwillig. Der heute 39-Jährige hatte Biologie studiert, dann hatte er eine Stelle am Fischereimuseum in Stralsund. Als der Projektvertrag auslief, fand er nichts Neues. Er sah sich um, suchte, "aber es gab nichts", sagt er. Da kamen die Falklandinseln gerade recht.

"Es war nicht mein Traum"

Einen Fischereiaufseher suchten sie dort, das hatte Jürgens über Bekannte erfahren, zufällig. Die Falklands, das ist die Inselgruppe im Südatlantik, um die Großbritannien mal mit Argentinien gekämpft hat. 3000 Einwohner, Durchschnittstemperatur fünf Grad, Regen. "Es war nicht mein Traum", sagt Jürgens. Aber was sollte er tun. Er hatte zu Hause eine Frau und ein Baby und keinen Job. "Ich musste ja irgendwie Geld verdienen." Als Lars Jürgens Deutschland verließ, glaubte er, keine andere Wahl zu haben.

Obst und Gemüse sind auf den Falklands selten und teuer, "eine Wassermelone kostet gern mal 20 Pfund", und wenn das Versorgungsschiff aus Chile nicht kam, gab es halt zwei Wochen keine Kartoffeln. Internetverbindungen waren teuer und begrenzt, eine halbe Stunde Skypen fraß das Datenvolumen eines ganzen Monats.

Als Fischereiaufseher fuhr Jürgens viel auf Trawlern mit. Es gibt Fotos von ihm, die ihn an Bord mit gewaltigen Arten zeigen. Für den Fisch­experten Jürgens ist es eine erfüllende Arbeit. Für seine Frau ist es ein Graus. Zwei Wochen an Bord, zwei Wochen an Land, das ist Jürgens' Rhythmus. "Und natürlich sind das Auto und das Dach immer dann kaputt gegangen, wenn ich weg war." Nach einem Jahr ist seine Ehe am Ende. Frau und Tochter verlassen die Inseln. Lars Jürgens bleibt allein zurück.

Rückkehr ohne Reue

Es dauert vier Jahre, bis er im Supermarkt von Stanley seine neue Freundin kennenlernt, seine heutige Frau: Maria, eine Chilenin, Gastarbeiterin wie er. Dass er im Dezember 2015, nach acht Jahren auf den Falklandinseln, nach Deutschland zurückkehrt, liegt daran, dass ihr gemeinsames Kind in Deutschland zur Welt kommen soll. Dem kleinen Krankenhaus auf den fernen Inseln traut Lars Jürgens nicht. Seine Frau ist hochschwanger.

Und so wohnen sie nun in Hamburg, in einer kleinen Wohnung. Lars Jürgens ist wieder auf Arbeitssuche. Im Grunde ist die Situation ganz ähnlich wie vor acht Jahren, nur dass er jetzt nicht noch mal in die Ferne gehen würde. Lars Jürgens hadert nicht. Nicht mit den unbequemen Jahren auf den Falklands, und nicht mit seiner Heimat, deren Behörden wegen einer nicht beglaubigten Kopie seine zweite Ehe nicht anerkennen wollten.

Vielleicht hat sich Lars Jürgens einfach daran gewöhnt, dass ein Länderwechsel nicht die Antwort auf alles ist. Dass Auswandern oft Probleme löst und zugleich neue schafft. Die Romantik des Aufbruchs war ihm, dem Norddeutschen, schon immer eher fremd. "Im Grunde", sagt er, "hatte ich nie das Bedürfnis, irgendwo anders hinzugehen."

Für ein besseres Auskommen in die Neue Welt

Den letzten Ausschlag gibt das Feuer. Wenn Justina Tubbe bis dahin noch geglaubt hatte, vielleicht doch in ihrem Haus im brandenburgischen Städtchen Oderberg bleiben zu können, dann macht der Brand ihrer Scheune diese Hoffnung endgültig zunichte. Die gesamten Heuvorräte verbrennen, und es ist nicht der erste Schicksalsschlag, den sie erleidet.

Zehn Jahre zuvor war ihr Mann an einer Lungenentzündung gestorben, und immer wieder hatten Trockenheit, Hagelschauer und die berüchtigte Kartoffelseuche sie um die Ernte gebracht. Doch als von der Scheune nur noch verkohlte Reste übrig sind, ist sie endgültig bereit, ihre Heimat zu verlassen. Am 6. Oktober 1855 besteigt die 60-jährige Justina Tubbe in Bremerhaven die Bark "Tuisko" – das Schiff, das sie in die Vereinigten Staaten von Amerika bringt, in ihre neue Heimat.

Wirtschaftsflüchtlinge aus Deutschland

Im heutigen Vokabular würde man wohl von Familiennachzug sprechen: Justina Tubbe folgte ihren Kindern Carl und Charlotta, die bereits drei Jahre zuvor der Armut in ihrer Heimat entflohen waren. Und man würde wohl auch nicht zögern, die Brandenburgerin mit jenem Begriff zu bezeichnen, der heute meist als Schimpfwort gemeint ist: Sie war ganz zweifellos ein Wirtschaftsflüchtling.

Und sie war wahrlich nicht der  Einzige. Im 19. Jahrhundert waren die Deutschen ein Volk von potenziellen Auswanderern, die es allein eines besseren Auskommens wegen in die Ferne zog. Mehr als fünf Millionen Männer und Frauen gingen von hier aus in dieser Zeit in die Neue Welt. Ihnen ging es durchaus ums Überleben. Aber es ging auch um Geld und Wohlstand.

Trotz mancher Parallelen warnt die Direktorin des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven davor, die Analogien zwischen damals und heute überzustrapazieren. "Flüchtlinge müssen schlagartig gehen", betont Simone Eick, also ohne große Vorbereitung. Die Auswanderer damals hingegen haben ihre Reise – so gut es ging – vorbereitet. Auch fehlte lange Zeit die Kontroverse um die Grenzen der Zuwanderung. Die deutschen Siedler waren in den USA hochwillkommen. Menschen, die das weite Land erschlossen, waren gefragt.

Eine deutsch-amerikanische Familie:  Die Tubbes Anfang  des 20. Jahrhunderts.

Eine deutsch-amerikanische Familie: Die Tubbes Anfang des 20. Jahrhunderts.

Quelle:

So standen die Jüngeren gerade in den ländlichen Regionen Deutschlands vor einer wichtigen Entscheidung: Suche ich mein Glück in der Industrialisierung – oder gehe ich als Farmer in die USA? Bereut haben die meisten Auswanderer ihre Entscheidung nicht. Die meisten, erklärt Eick, hätten fünf Jahre nach ihrer Ankunft zwischen 30 und 60 Hektar Land besessen – während sich der Großteil der deutschen Bauern im 19. Jahrhundert mit weniger als fünf Hektar bescheiden musste.

"Die Briefe der Auswanderer haben in ihren Heimatorten oft regelrechte Auswanderungswellen ausgelöst", sagt Eick. So kam es, dass aus manchen Orten ganze Gruppen gen Westen gezogen. Angesichts solcher Dimension scheinen überlieferte Dialoge wie dieser durchaus plausibel: "Gehe ich nun lieber nach Hamburg oder nach New York?", fragt sich demnach ein junger Mann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Entscheidung fällt schließlich für die Ferne: "In Hamburg kenne ich ja niemanden."

So ganz vermag allerdings der wirtschaftliche Erfolg in der neuen Welt die deutschen Auswanderer nicht über jeden Verlust des Vertrauten hinwegzutrösten. Justina Tubbe jedenfalls, deren Geschichte im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven dokumentiert ist, formuliert 1868, ein Jahr vor ihrem Tod, ihre innere Zerrissenheit: "Dies ist ein Land, das alles hat", schreibt sie aus Texas ihrem daheimgebliebenen Bruder. "Aber gleichzeitig wird es mir doch sehr einsam, und dann sehne ich mich zurück in unser liebes kleines Städtchen."

Interview mit Uta Koch, Beraterin für Auswanderer
Uta Koch

Uta Koch berät für das katholische Raphaelswerk Menschen, die eine Zeitlang im Ausland leben wollen, aber auch Deutsche, die ausgewandert sind und wieder nach Hause zurückkehren möchten. Beratungsstellen gibt es unter anderem in Hamburg, Hannover und Kassel (www.raphaelswerk.de).

Quelle: privat

Frau Koch, wie oft müssen Sie und Ihre Kolleginnen die Träume von einem besseren Leben in einem neuen Land schon im Keim beenden?
Ziemlich selten.

Der ahnungslose Spontanauswanderer auf der Suche nach südlicher Sonne ist ein Wesen der Vergangenheit?
Das kommt jedenfalls nicht häufig vor. Diese Naivität haben die meisten Auswanderungswilligen inzwischen abgelegt. Das Thema wurde eine Zeitlang durch klischeehafte TV-Dokumentationen sehr befeuert. Das ist aber deutlich zurückgegangen. Die meisten kommen wieder mit sehr realistischen Erwartungen zu uns.

Was zieht denn die Menschen in die Ferne?
Die meisten, die zu uns kommen, wollen wegen persönlicher Bindungen auswandern. Familiäre oder persönliche Gründe sind der häufigste Anlass.

Also durchaus auch romantische Motive?
Absolut.

Was ist der wichtigste Punkt, auf den Auswanderungswillige achten sollten?
Das Wichtigste sind die Sprachkenntnisse. Man muss sich einfach darüber im Klaren sein, dass man diese vom ersten Tag an braucht, schon für Behördengänge. Es ist nicht nötig, die Landessprache vom ersten Tag an perfekt zu sprechen. Aber dann muss man zumindest wissen, ob man einen Dolmetscher zurate ziehen kann, oder wo man selbst die Sprache weiter lernt.

Die meisten zieht es in ein anderes EU-Land. Da ist doch das Auswandern inzwischen eine ziemlich einfache Angelegenheit?
Das ist deutlich leichter als etwa in die USA oder nach Thailand auszuwandern. Aber auch innerhalb der EU gibt es noch immer Unterschiede in den Bestimmungen. Bei den Krankenversicherungen zum Beispiel sind die Leistungen längst nicht immer gleich: In Frankreich ist jeder verpflichtet, zunächst zum Hausarzt zu gehen. Sonst wird die Behandlung beim Facharzt teurer. In Österreich richtet sich die Krankenkassenzugehörigkeit nach Wohnort und beruflicher Tätigkeit, die Kasse kann nicht frei gewählt werden. Solche Feinheiten sollte man frühzeitig kennen.

Sind Deutsche als Zuwanderer in den meisten Ländern willkommen?
Prinzipiell ja, aber das hängt von der Qualifikation ab. Als Handwerker hat man fast überall sehr gute Chancen. Auch medizinisches Personal und Pflegekräfte sind in vielen Ländern gefragt, sie müssen ihre deutschen Abschlüsse jedoch in jedem Fall zunächst anerkennen lassen. Und dann gibt es auch immer wieder Spezialbedarf: In Kanada etwa waren zeitweise Lkw-Fahrer sehr gefragt.

Wird man in der Ferne leichter reich?
Die Verdienstmöglichkeiten sind sehr unterschiedlich. Generell raten wir, unbedingt eine eiserne Reserve zu behalten. Drei bis sechs Monate sollte man auch ohne Einkünfte überbrücken können.

Und wer zurückkommt, ist gescheitert?
Das ist ein schrecklicher Irrtum. Die Rückkehr ist ein ganz normaler Schritt, sie gehört zum Auswandern gleichsam dazu. Wir raten deshalb auch dazu, nie sämtliche Brücken ganz abzubrechen. Im Moment kommen zum Beispiel viele zu uns, die wegen der Wirtschaftskrise in Südeuropa ihren Job verloren haben. So etwas kann immer passieren, das lässt sich nie absehen.

Interview: Thorsten Fuchs

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