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Neues von der Schatzinsel

Kulturbaustelle Museumsinsel Berlin Neues von der Schatzinsel

Spiegel der Nation, globales Gedächtnis, Touristenhotspot: Berlins Museumsinsel ist vieles gleichzeitig. Vor allem aber ist die nördliche Spitze der Spreeinsel die größte Kulturbaustelle Deutschlands. Besuch an einem Ort, an dem die Geschichte zu Hause ist. Aber noch lange nicht zu Ende erzählt.

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Die Berliner Museumsinsel soll bis 2025 zu einem glanzvollen Zentrum für Geschichte und Kunst werden – und die Frage beantworten, wie Kulturen heute miteinander umgehen können.

Quelle: SPK / ART+COM

Es war nicht so sehr Kunstbeflissenheit, die Jonathan Fine dazu gebracht hat, im Museum zu arbeiten. Eher schon sein Bedürfnis, die Geschichte anders zu erzählen. Umfassender, ehrlicher. Nicht nur aus europäischer Sicht. Früher hat der Amerikaner für Nichtregierungsorganisationen gearbeitet und als Anwalt für die Rechte ehemaliger Guantanamo-Häftlinge gekämpft. Irgendwann aber glaubte er, "im kulturellen Feld mehr bewirken zu können".

Und so kommt es, dass Jonathan Fine, inzwischen im zweiten Bildungsgang Ethnologe, heute eines der spannendsten Projekte rund um die an Neuem und Spannendem überreiche Berliner Museumsinsel inszeniert: eine gerechte Darstellung der Welt. Mit den geraubten, gekauften, geschenkten Schätzen der Kolonialzeit – und den Fragen von heute.

Jonathan Fine gehört zu der jungen Generation von Museumskuratoren, die historische Sammlungen im British Museum, dem Pariser Louvre oder eben auf der Berliner Museumsinsel ganz anders als ihre Vorgänger befragen. Historische Objekte dienen ihnen als Ausgangspunkte, von denen sie Linien in die Gegenwart ziehen zu Themen wie Migration, Globalisierung oder Neokolonialismus. Museumsmauern werden gewissermaßen von innen gesprengt, Objekte herausgenommen aus Geschichtsschubladen.

Neue Formen des Erzählens

Ein Modellprojekt für solche neuen Formen des Geschichte(n)-Erzählens verspricht das Humboldt Forum im rekonstruierten Stadtschloss zu werden. Zwei Sammlungen, die im Südwesten Berlins im Dornröschenschlaf liegen, ziehen um in das neue Megamuseum: das Museum für Asiatische Kunst und das Ethnologische Museum.

Mit dem Humboldt Forum, dessen Eröffnung für 2019 geplant ist, ziehen Nofretetes schwarzafrikanische Geschwister aus Bronze und Ebenholz auf die Museumsinsel. "Ich denke, wir haben die Möglichkeit, eine neue Museumsform zu schaffen, die sich mit außereuropäischer Kultur beschäftigt", sagt Jonathan Fine.

Der Ethnologe plant die Afrika-Räume und schreibt derzeit seine Dissertation über eines der Glanzstücke des Forums: den Großen Perlenthron des Stammesfürsten Njoya. Um den sagenumwobenen Thron "Mandu yenu" des Königs aus dem Stamm der Bamum war Anfang des 20. Jahrhunderts, nachdem die Zeitschrift "Globus" ein Foto des Herrschers auf dem Stuhl veröffentlicht hatte, ein internationaler Wettlauf von Museen und Privatsammlern entbrannt.

Der Große Perlenthron aus Kamerun

Der Große Perlenthron aus Kamerun: Eine der schönsten Chefsessel der Welt. Ein Geschenk von Njoya, dem König von Bamun im heutigen Nordwest-Kamerun, an Kaiser Wilhelm II.

Quelle: SPK

Den Zuschlag bekam der deutsche Kaiser. "Ein Geschenk im Sinne von 'Ich mache dir eine Freude' war das gewiss nicht", sagt Fine. "Es war eine sehr komplizierte Geste. Es ist nicht auszuschließen, dass Njoya, der ein hochintelligenter und diplomatisch kluger Mann war, dachte, er trete mit dieser Geste dem deutschen Fürstenbund bei."

Bei der Neuorganisation der Sammlungen im Humboldt Forum, aber auch in den fünf Stammhäusern der Museumsinsel spielen nicht nur neue Lesarten von Objekten eine Rolle, sondern es werden politisch und historisch wahrhaftige und angemessene Präsentationen angestrebt. Dabei rückt auch die Geschichte der überwiegend in der Kolonialzeit aufgebauten Sammlungen und der Museumsinsel selbst in den Blick: als Bühne wechselnder Geschichtsbilder.

In den Neunzigerjahren wurde darüber nachgedacht, die Berliner Museumsinsel von dem amerikanischen Stararchitekten Frank O. Gehry umgestalten zu lassen. Das Neue Museum war damals noch Kriegsruine. Gehry wollte der Zerstörungsgeschichte des Ortes Rechnung tragen und entwarf eine dekonstruktivistische Collage aus Ausstellungs- und Verbindungsgebäuden. Der damalige Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Peter-Klaus Schuster, verglich die Wirkung des Entwurfs – anerkennend – mit einem "explodierenden Schrapnell".

"Die teuerste Garderobe Berlins"

Doch nach heftiger Diskussion um das zukünftige Bild der Museumsinsel, die seit 1999 als Unesco-Weltkulturerbe gelistet ist, schlugen die Masterplaner in Berlin einen weniger explosiven, den historischen Bestand sorgfältig sanierenden und baulich nur behutsam ergänzenden Weg ein. Der Brite Sir David Chipperfield wurde Chefarchitekt. Mit gepflegtem Neoklassizismus – nicht zuletzt bei der sensiblen Rekonstruktion des 2009 wiedereröffneten Neuen Museums – unternimmt er das Kunststück, der Insel im formalen Rückgriff auf die Vergangenheit den Weg in die Zukunft zu bahnen.

Nun setzt Chipperfield mit einem zentralen Eingangsgebäude gewissermaßen ein Sahnehäubchen auf die Insel. Das neue Entré – eine helle Loggia mit eleganter Freitreppe auf einem 104 Meter langen Sockel – soll in zwei Jahren eröffnet werden. Weil die Kosten wegen Problemen beim Unterbau fast um das Doppelte gestiegen sind, auf derzeit rund 134 Millionen Euro, hat der Volksmund schon jetzt einen Spitznamen dafür: "Die teuerste Garderobe Berlins."

Optisch führt das neue "Tor zu Berlins Schatzinsel", wie Kulturstaatsministerin Monika Grütters den Eingangsbau beim Richtfest im April nannte, den historischen Kolonnadenhof fort. Funktional ist es mit der gläsernen Pyramide des Stararchitekten Ieoh Ming Pei in Paris vergleichbar, dem Eingangsgebäude des Louvre. Das Entré der Museumsinsel, die James-Simon-Galerie, wird Besucherverteilerstation, Ausstellungsfläche und Café in einem sein.

James-Simon-Galerie und das Neue Museum

Das Tor zur "Schatzinsel": Der abendliche Blick auf die im Bau befindliche James-Simon-Galerie und das Neue Museum umfasst Tradition und Moderne.

Quelle: SPK / ART+COM

Ihren Namen verdankt die Galerie dem jüdischen Mäzen James Simon. Und diesem wiederum verdankt die Museumsinsel ihre größten Highlights und Besuchermagneten, die blau gekachelte, mit Löwen verzierte Prozessionsstraße von Babylon, das der Muttergottheit geweihte Ischtar-Tor und die Nofretete. Das architektonische Facelift – auch das Pergamonmuseum ist gegenwärtig eine Baustelle – kündet vom Wandel. Die Museumsinsel wird neu erfunden.

In wilhelminischer Zeit wurde sie als imperiales Machtsymbol errichtet. Den Anfang machte Karl Friedrich Schinkels Altes Museum 1830. 1861 kam als Hochtempel die Alte Nationalgalerie dazu. Das "Preußen-Sparta" verwandelt sein Image sichtbar in ein "Spree-Athen". 1930 eröffnete das eigens für den spätantiken Pergamonaltar errichtete, in der NS-Zeit als Bühne für faschistische Machtperformance missbrauchte Pergamonmuseum.

Während der deutschen Teilung verwandelte sich der ganze Museumsdistrikt in eine Bühne für sozialistischen Realismus. Und gleich nach der Wende wurde begonnen, die im Ost- und Westteil der Stadt verstreuten Kulturschätze wieder auf der Insel zusammenzuführen.

Masterplan für 1,5 Milliarden Euro

1999 dann beschloss die Stiftung Preußischer Kulturbesitz einen "Masterplan Museumsinsel". 2025 soll er erfüllt sein. Bis dahin werden mindestens 1,5 Milliarden Euro auf der Insel verbaut worden sein, die halbe Milliarde Euro für das Schloss nicht mitgerechnet.

Noch viel umfassender aber ist die inhaltliche Neuorientierung, nicht nur im Humboldt Forum. Was erwarten Besucher von Museen des 21. Jahrhunderts? Wie muss Wissen aufbereitet werden, damit "Digital Natives" sich nicht langweilen? Wie sind das Globale und das Lokale miteinander verflochten und ineinander enthalten? Das sind zentrale Fragen, die heute alle großen Kultureinrichtungen betreffen und für die in Berlin gerade mit Eifer Lösungen gesucht werden. Die Museumsinsel könnte da Modellcharakter bekommen.

Es herrscht aber auch viel Skepsis und Kritik. Das NGO-Kampagnenbündnis "No Humboldt 21" befürchtet eine "koloniale Trophäenschau" im Schloss und fordert eine konsequente Rückgabe von Objekten. "Wie kann man die Distanz zu einer in ihrer Entstehungszeit triumphalen Ausstellungsform – dem Völkerkundemuseum – überwinden in einem Gebäude, das genau diese alte Form aufgreift?", fragt der renommierte Kunstwissenschaftler Hans Belting mit Blick auf die Rekonstruktion der barocken Preußenresidenz.

Der Pergamonaltar, eines der Glanzstücke der Museumsinsel

"Auf der Wegkreuzung zur Globalisierung": Der Pergamonaltar, eines der Glanzstücke der Museumsinsel, ist seit Herbst 2014 wegen der Sanierung des Pergamonmuseums nicht zugänglich. 2019 soll das altehrwürdige Haus mit modernem Innenleben wiedereröffnen.

Quelle: SPK

"Die Kritik ist in den gesamten langen Prozess immer schon eingeflossen. Sie ändert sich aber auch, weil sich die Welt um uns herum ständig ändert", hält die Direktorin des Ethnologischen Museums, Viola König, dagegen. Dass das Projekt Humboldt Forum heute aus zwei entgegengesetzten Richtungen kritisiert wird, nämlich von postkolonialistischer und von AfD-Seite, mache es "gerade so spannend", findet die Mesoamerika-Spezialistin.

Und wo steht Berlins Museuminsel gegenwärtig? "Auf der schwierigen Wegkreuzung zur Globalisierung", meint die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Tracy Graves, die am Beispiel der Museumsinsel untersucht, wie Deutschland seine Vergangenheit im Zeitalter der Globalisierung "vermarktet". Weltkulturerbe, Ort kritischer Selbstreflexion, Hotspot für den globalen Kulturtourismus: Die Kulturinsel ist vieles gleichzeitig. Mit der großen Flüchtlingswelle ist ihr noch eine weitere Aufgabe zugewachsen: Die Museumsinsel ist jetzt auch Migrationsmuseum.

"Die Hoffnung stirbt nicht"

Der Archäologe Baschar al-Mohamad al-Chanin ist daran beteiligt. Der 45-jährige Syrer hat eine Odyssee durch fünf Länder hinter sich. Vor dem Krieg war er in Damaskus bei der syrischen Antikenverwaltung angestellt. Nun gehört er zu den Guides des "Multaka"-Projekts, bei dem Geflüchtete Führungen über die Museumsinsel in arabischer und englischer Sprache anbieten.

Vor dem Krieg hätten in Syrien viele gesagt, europäische Museen sollten Objekte nach Syrien zurückgeben. "Seit der IS gekommen ist, fordert das niemand mehr." Wichtiger als der Aufbewahrungsort von Museumsschätzen sei ihre Sicherheit, meint der Syrer. "Mal sind die Kulturschätze in Damaskus sicher, mal in Berlin oder Paris, je nach Weltlage." Viele syrische Objekte seien bei Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg in Berlin verloren gegangen, sagt al-Chanin in fließendem Deutsch. "Aber die Hoffnung stirbt nicht. Sie steigt wie ein Phönix aus der Asche."

Von Johanna di Blasi

Museum für Islamische Kunst

Gehört der Islam zu Deutschland? In gefühlt jeder zweiten Talkshow wird diese Frage derzeit debattiert. Berlin hat diese Frage längst mit einem klaren Ja beantwortet. Das dortige Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum zählt zu den bedeutendsten und ältesten Museen seiner Art überhaupt, gleich nach dem Museum für Islamische Kunst in Kairo.

Die Sammlung ist eine Enzyklopädie der Kunst und des Kunsthandwerks islamisch geprägter, multikultureller Gesellschaften seit der Spätantike: Sunnitische finden sich neben schiitischen Objekten, jüdisch-samaritanische Hausnischen neben maurischen Gebetsteppichen, christliche Kunstwerke aus dem Irak neben großen Mauerresten der jordanischen Wüstenfestung Mschatta, in der sich Symbolik aus Orient und Okzident kreuzen.

Selbst an Wochentagen ist das Museum bestens besucht. "Seit der Islam zum großen gesellschaftlichen Thema unsere Zeit geworden ist, haben sich die Besucherzahlen fast verdoppelt, auf
900 000 im Jahr," sagt Stefan Weber, der Direktor des Museums für Islamische Kunst. "Die Leute kommen, nicht weil wir so tolle Arbeit machen, sondern weil sie Fragen haben. Sie sagen: 'Ich gehe mal hin, es tut ja nicht weh, es ist ein staatlicher Raum, da kann man sich das mal ansehen und muss nicht unbedingt Stellung beziehen.'"

Das "Multaka"-Projekt

Expertenrunde: Am Projekt "Multaka" beteiligte Flüchtlinge erklären Kulturstaatsministerin Monika Grütters die Kunst ihrer Heimatländer.

Quelle: SPK

Weber freut sich, dass die Fläche seines Museums im Zuge der Neugestaltung der Museumsinsel fast um das dreifache wächst. Der Islamwissenschaftler ist spezialisiert auf Syrien und Experte für das "Aleppo-Zimmer" auf der Museumsinsel. Er hat das Projekt "Multaka" (arabisch für "Treffpunkt") angeregt, bei dem Geflüchtete die Schätze ihrer Heimat auf der Museumsinsel erklären.

In den Neunzigerjahren lebte Weber selbst sechs Jahre in Damaskus. "Ich habe Syrien als einen Ort des kulturellen und religiösen Pluralismus erlebt, wie es ihn im Westen zu keiner Zeit gegeben hat. Neben Sunniten, Schiiten, Drusen und Aleviten prägten allein 14 christliche Gruppen das Leben in Damaskus mit." Vor dem israelisch-palästinensischen Konflikt lebten dort auch alte jüdische Familien: "Man muss sich klarmachen, dass da gerade etwas unwiderruflich zerbricht. Das ist eine große Katastrophe, viel größer noch als die Sprengung der Objekte in Palmyra."

Auf islamische Kultur stößt man auf der Museumsinsel aber nicht nur in diesem Haus, sondern auch in verschiedenen anderen Bereichen. Auch im Humboldt Forum wird der Islam eine Rolle spielen. Als sich Neil MacGregor, der kürzlich als Gründungsdirektor hinzugezogene britische Museumsmann, Anfang des Jahres über Pläne für das Humboldt Forum beugte, schien er ihm aber unterrepräsentiert. "Wo ist hier der Islam?", fragte er.

Ein Raum für Besucherfragen

Die Frage ist berechtigt, meint Stefan Weber. Der Islam sei derzeit auf der Museumsinsel "ein bisschen verstreut". Das hänge aber auch damit zusammen, dass islamische Kultur eben in der Welt weit verstreut sei. "Weil sich die islamische Kultur auf der Museumsinsel immer wieder findet, sind wir dabei, eine Strategie zu entwickeln, um das für Besucher klarer nachvollziehbar zu machen."

Zu den geplanten Neuerungen im Museum für Islamische Kunst gehört ein großer Raum, in dem eine neue Art des Ausstellungsmachens getestet wird, das sogenannte "partizipatorische Kuratieren". Der Raum wird ganz den Fragen der Besucher gewidmet sein. Besucher fragen: Wie ist es mit der islamischen Moderne? Wie sieht zeitgenössische Kunst in islamisch geprägten Gesellschaften aus? Wie leben Muslime heute?

Es sind Fragen, um die sich Museen bisher kaum gekümmert haben. Vor islamistischen Selbstmordattentaten stehen Islamwissenschaftler allerdings genauso ratlos wie der Rest der Gesellschaft. "Dafür gibt es keine Vorläufer. Man kann nicht sagen, das leitet sich aus dem Islam ab. Das ist ein ganz modernes Phänomen", sagt Stefan Weber. "Unsere Objekte erzählen eher die gegenteilige Geschichte: Sie zeugen von einem kulturellen und religiösen Pluralismus, auf den die islamische Welt stolz sein kann."

Von Johanna di Blasi

Interview mit SPK-Präsident Hermann Parzinger
Hermann Parzinger

Hermann Parzinger, 1959 in München geborener Prähistoriker, ist seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Quelle: SPK / Götz Schleser

Herr Parzinger, wissen Sie eigentlich, wie viele Räume das Schloss hat?
Ich habe sie ehrlich gesagt nie gezählt. Für uns sind die Flächenmaße entscheidend und was die Besucher zu sehen bekommen. Wir haben rund 24 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche für unsere Museen im Humboldt Forum zur Verfügung.

Es gibt Menschen, die sich im Schloss auch Dürer und Rembrandt vorstellen können, also die Präsentation der Berliner Gemäldegalerie, die Weltgeltung besitzt. Was meinen Sie?
Man kann sich natürlich vieles in einem Gebäude wie diesem Schloss vorstellen. Teil des Bundestagsbeschlusses von 2002 für die Rekonstruktion aber war, dass dort mit den Sammlungen außereuropäischer Kulturen über unser Verhältnis zur Welt nachgedacht werden soll. Ein hochaktuelles Thema. Unser zentrales Anliegen ist es, Wissen über die Welt zu vermitteln und zu zeigen, wie verflochten Kulturentwicklungen sind.

Während die fünf klassischen Häuser auf der Museumsinsel zu einem Weltkulturerbe-Kontinuum verschmolzen werden, verbunden durch einen unterirdischen Gang, stehen die Skulpturen Afrikas, die asiatischen Preziosen und die Kunst Ozeaniens hinter barocker Fassade im Schloss isoliert daneben. Wäre es nicht reizvoll, zu mischen, statt zu trennen?
Eine komplette Vermischung wäre sicherlich wenig förderlich für das Verständnis der Kulturen. Und wir werden die verfügbaren Flächen brauchen, um die hochkarätigen Sammlungen aus Afrika, Asien, Amerika und Ozeanien angemessen zu präsentieren. Aber es wird durchaus auch einzelne Interventionen geben, die den großen Bogen schlagen von der Museumsinsel zum Humboldt Forum und umgekehrt. Beide sollen als Orte der großen Weltkulturen erlebbar werden.

Wie reagieren Sie auf Kritiker, die sagen, vieles sei gar kein rechtmäßiges Erbe sondern Raubgut und müsse zurückgegeben werden?
Das ist eine Pauschalkritik, die ich für unangemessen halte. Man kann nicht sagen, alles, was in der Zeit des Kolonialismus in europäische Museen gelangt ist, sei automatisch unrechtmäßig hier. Die Geschichte ist viel komplexer.

Wie vermitteln Sie "Shared Heritage", also geteiltes Erbe?
Dabei geht es um die Einbindung von Vertretern der Herkunftsgesellschaften. Im Humboldt Forum wird es eine webbasierte Plattform geben, wo das Publikum den Wissensaustausch zu Sammlungsobjekten zwischen Museum und Indigenen unmittelbar nachverfolgen kann. Darüber hinaus ist geplant, dass die Besucher mit Menschen in Amazonien direkt in Kontakt treten, Informationen austauschen und Fragen beispielsweise über das heutige Leben stellen können.

In einem Grundsatzpapier Ihrer Stiftung zu den außereuropäischen Sammlungen heißt es, die Geschichten der Objekte würden "ganz neu erzählt". Ist das ein Eingeständnis, dass bisher falsch erzählt wurde?
Beide Museen, das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst, werden sich im Humboldt Forum anders präsentieren als in Dahlem. Im 21. Jahrhundert haben wir ganz andere Fragen, wenn wir uns mit der Sammlung beschäftigen als früher. Und es geht darum, die rein eurozentrische Sichtweise zu vermeiden. Europa ist nicht mehr das Weltdeutungszentrum.

Ins British Museum strömen jährlich 6,7 Millionen Besucher, auf Berlins Museumsinsel nur 2,5 Millionen. Wie erklären Sie sich das?
Momentan ist die Museumsinsel eine riesige Baustelle und trotzdem ein Besuchermagnet. Wir haben unsere Zahlen im Wesentlichen gehalten. Wenn alles fertig ist, samt Eingangsgebäude und Archäologischer Promenade, werden die Zahlen deutlich steigen. So viele Besucher wie das British Museum aber werden wir vermutlich nie erreichen, ganz einfach, weil wir keinen freien Eintritt haben.

Interview von Johanna di Blasi

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