Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Top-Thema Nichts ist gefährlicher als der Alltag
Sonntag Top-Thema Nichts ist gefährlicher als der Alltag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:05 27.05.2016
Von Daniel Behrendt
Statistisch betrachtet sterben deutlich mehr Menschen an ungesundem Lebenswandel als bei Terroranschlägen oder an exotischen Krankheiten. Unsere Ängste vor Ausnahmesituationen sind unrealistisch – doch sie halten sich hartnäckig. Quelle: iStock

Ganz sicher ist im Leben nur eins: Dem Tod entkommt keiner. Damit hat es sich aber auch schon wieder mit der Verlässlichkeit. Denn wann und wie uns das Ende ereilt, ist nicht vorhersehbar. Es ist eine Frage, die sich allenfalls in vagen Wahrscheinlichkeiten beantworten lässt.

Extrem unwahrscheinlich ist etwa, dass es einen erwischt wie 1997 eine Autofahrerin aus Denver, die bei einer jähen Vollbremsung ihren Lippenstift verschluckte und daran erstickte. Auch das Schicksal eines Rettungsschwimmers, der 1985 in New Orleans bei einer Poolparty ertrank, obwohl die anderen Gäste fast durchweg Berufskollegen waren, wird wohl so schnell keinen Zweiten ereilen. Ebenso wenig wie ein Blitzschlag, dem 2012 in Nordhessen gleich drei Golfspielerinnen zum Opfer fielen.

Vernunftbegabte Menschen wissen um die gen null gehende Wahrscheinlichkeit derart außergewöhnlicher Todesumstände. Trotzdem können solche raren Vorkommnisse die Fähigkeit, Risiken angemessen einzuschätzen, erstaunlich nachhaltig trüben. Der Tod der Golferinnen hat zu einer Diskussion über die Risiken von Blitzeinschlägen geführt. Mit der Folge, dass die Gefährlichkeit von Gewittern von vielen Menschen schlagartig höher eingeschätzt wurde als noch vor dieser Tragödie, weiß Ortwin Renn.

Der Alltag ist der wahre Killer

Der wissenschaftliche Direktor am Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam untersucht mit Akribie, wovor die meisten Menschen lieber die Augen verschließen: den Unwägbarkeiten, die unsere Existenz infrage stellen. Der Risikoforscher stellt dabei immer wieder fest, dass es offenbar allzu menschlich ist, seltene, aber spektakuläre Risiken für bedrohlicher zu halten als ganz alltägliche Gefahren – obgleich letztere die wahren "Killer" sind.

Was nicht wirklich überrascht, denn diese Risiken liegen zumeist in unserem eigenen Verhalten begründet und damit in unserer Verantwortung. "Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, mangelnde Bewegung und ungesunde Ernährung: 40 bis 60 Prozent aller vorzeitigen Todesfälle gehen auf das Konto allein dieser vier Faktoren", sagt Ortwin Renn.

Eine Größenordnung, die ebenfalls nicht überraschen sollte. Denn die möglichen Folgen eines risikoreichen, eines ungesunden Lebenswandels bekommen wir im Zeitalter von Clean Eating, Self-Tracking und Shaped-Fit-Klamotten praktisch in allen Lebensbereichen unter die Nase gerieben.

Abgestumpfte innere Alarmglocke

Wie kann es also sein, dass wir sehenden Auges unsere Lebenszeit verkürzen? Risikoforscher Renn macht vor allem zwei Faktoren verantwortlich: zum einen die Illusion, selbst gewählte Risiken steuern zu können, zum anderen die verhängnisvolle Neigung, den Lustgewinn über nüchterne Risikoabwägung zu stellen. "Jeder Raucher findet in seinem Umfeld irgendeinen 90-jährigen Onkel Herbert, der sich bester Gesundheit erfreut, obwohl er täglich mindestens ein Päckchen Zigaretten qualmt", meint Renn.

Onkel Herbert sei gewissermaßen der Kronzeuge, der gegen das Risiko ins Feld geführt wird – "mit der Folge, dass der eigene Nikotinkonsum verharmlost und das gesundheitsschädliche Verhalten beibehalten wird". Nicht, dass wir unsere Verhaltensrisiken mutwillig unterschätzen würden. Sie sind vielmehr so selbstverständlich, so sehr Teil unseres Lebens, dass sie unsere innere Alarmglocke nicht ständig schrillen lassen.

Dramatik brennt sich ins Gedächtnis

Ganz anders als etwa die Terroranschläge von Paris oder Brüssel, das verheerende Erdbeben in Nepal, der Ausbruch von Ebola und Zika in weit entfernten Ländern, der Absturz von EgyptAir-Flug MS804 über der Ägäis, das mysteriöse Verschwinden von Malaysia-Airlines-Flug MH370 oder das Wüten multiresistenter Krankenhauskeime in den Universitätskliniken in Kiel und Leipzig.

Derartige Vorfälle bleiben ob ihrer Dramatik und des medialen Rummels, den sie entfachen, im Gedächtnis haften, oftmals für Jahre. Entsprechend wird das Risiko, einem Terroranschlag, einem Flugzeugabsturz, einer Naturkatastrophe oder einer seltenen Infektion zum Opfer zu fallen, mitunter um ein Vielfaches überschätzt.

Das zeigt auch eine 2015 veröffentlichte Studie des Risikoforschers Klaus Heilmann. Tatsächlich wird statistisch "nur" einer von 27,3 Millionen Menschen durch Terrorakte getötet. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, liegt bei etwa 1 zu zehn Millionen. Gemessen an derart niedrigen Wahrscheinlichkeiten sollte man die Gefahr, beim Radfahren (1 zu 140 000) oder nach einem Sturz (1 zu 15 000) zu sterben, zumindest auf der Rechnung haben.

Warnungen aus "zweiter Hand"

Aber sogar diese Risiken sind zu vernachlässigen gegenüber der Wahrscheinlichkeit, vor dem 65. Lebensjahr einen Schlaganfall zu erleiden (1 zu 250) oder an Krebs zu erkranken (1 zu 160). Beide Volkskrankheiten werden in besonderem Maße mit einem ungesunden Lebenswandel in Verbindung gebracht.

Dennoch dürfte die Zahl der Menschen, die sich angesichts derart handfester Risiken von ihren Lastern verabschieden, nicht annähernd so groß sein wie die 20 Millionen Menschen starke Lottospieler-Gemeinde, die sich von der eigentlich unberechtigten Hoffnung auf den Jackpot (1:140 Millionen) zu unsinnigen Ausgaben verleiten lässt. Was zeigt: Rechnerische Größen, mögen sie wissenschaftlich noch so fundiert sein, haben kaum Einfluss auf unser höchstpersönliches Risikomanagement.

Womöglich fällt uns ein nüchterner Umgang mit vielen Gesundheitsrisiken aber auch deshalb so schwer, weil sie sich unserer sinnlichen Erfahrung entziehen. Das Ozonloch, Handystrahlung, Radioaktivität, Pestizide: Das alles sind unsichtbare Gefahren, von denen wir stets nur "aus zweiter Hand" erfahren – über Medienberichte, Studien und Expertenstatements.

Wir leben immer sicherer

"Unter diesen Voraussetzungen werden Risiken zu einer reinen Vertrauensfrage, denn ein 'Foodwatch'-Vertreter wird Ihnen zur Gefährlichkeit von Pestizidrückständen etwas ganz anderes erzählen als ein Agrarlobbyist", gibt Soziologe Ortwin Renn zu bedenken. Beides, die Unsichtbarkeit vieler moderner Risiken und die Abhängigkeit von Experten, die uns erklären, was wir wie sehr zu fürchten haben, trägt laut Renn dazu bei, dass unsere Unsicherheit noch zunimmt – und damit auch die Angst vor den (vermeintlichen) Risiken.

Dabei spricht manches dafür, ein paar Ängste abzulegen. Denn tatsächlich ist das Leben in vielen Bereichen weniger gefährlich geworden – so unter anderem im Straßenverkehr oder am Arbeitsplatz, bedingt etwa durch immer sicherere Fahrzeuge und gestiegene Standards bei der Arbeitssicherheit. Zu verdanken ist dies vor allem dem technischen Fortschritt, dem dennoch viele Menschen mit Argwohn begegnen.

Auch wenn wir es nicht recht glauben wollen: Zumindest hierzulande leben wir immer sicherer. Es gibt also durchaus gute Gründe, ein wenig unbeschwerter zu sein und das Leben einfach mal zu genießen – ab und an gerne bei einem Gläschen Wein. Das gönnt sich gelegentlich sogar ein so risikobewusster Mensch wie Ortwin Renn: "Klar, rechnerisch verkürzt es mein Leben um drei Tage. Aber das ist es mir wert", gesteht der Risikoforscher. Neudeutsch und für Nichtwissenschaftler ließe sich diese entspannt Grundhaltung auch so auf den Punkt bringen: No risk, no fun.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Top-Thema Kulturbaustelle Museumsinsel Berlin - Neues von der Schatzinsel

Spiegel der Nation, globales Gedächtnis, Touristenhotspot: Berlins Museumsinsel ist vieles gleichzeitig. Vor allem aber ist die nördliche Spitze der Spreeinsel die größte Kulturbaustelle Deutschlands. Besuch an einem Ort, an dem die Geschichte zu Hause ist. Aber noch lange nicht zu Ende erzählt.

27.05.2016
Top-Thema Exoplaneten und die Suche nach Leben - Die Planetenjäger

Es ist eine der großen Fragen für Wissenschaftler, Philosophen und Theologen: Ist der Mensch einzigartig? Oder gibt es im Universum anderes intelligentes Leben? Vor 21 Jahren wurde der erste Exoplanet entdeckt, Anfang Mai waren es auf einen Schlag 1300, auf denen theoretisch Leben möglich ist.

20.05.2016
Top-Thema Bärte im Wandel der Zeit - Die Freibartsaison beginnt

Der Bart war das Markenzeichen von Göttern, Herrschern und Hipstern. Heute gehört er allen. Kurz und kantig, voll und bauschig, als akkurate Linie über der Oberlippe – der Bart dient nur dem einen Zweck: dem natürlichen Beweis des Männlichen. Steckt wirklich immer ein ganzer Kerl dahinter?

20.05.2016