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Haben Sie auch Sehnsucht nach Stille?

Ruhe, bitte! Haben Sie auch Sehnsucht nach Stille?

Kaum irgendwann ist die Sehnsucht nach Stille größer als in der betriebsamen Weihnachtszeit. In einer immer urbaneren Welt, in der sich Geräusche zu einem fortwährenden Grundrauschen verdichten, bleiben kaum noch Orte zum Innehalten. Wenn die Stille doch unverhofft einkehrt, ertragen wir sie kaum.

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Die Sehnsucht nach Stille: In unserer immer lauter und schneller werdenden Welt bleibt immer weniger Raum zum Innehalten.

Quelle: dpa

Der Kantor tritt vor das Orchester und die festlich gekleideten Choristen. Er hält inne, den Kopf gesenkt, die Augen geschlossen. Es ist jener kurze Moment andächtigen Innehaltens, in dem sich Musiker und Publikum sammeln, ganz im Hier und Jetzt ankommen sollen, ehe es anhebt, das trompetenumglänzte "Jauchzet, frohlocket" des bachschen Weihnachtsoratoriums, das bis Epiphanias landauf, landab Hunderte Kirchen mit himmlischem Schall erfüllt.

Doch statt spannungsgeladener Stille dringt – nicht laut zwar, aber durchaus enervierend – das Grundrauschen des kommerzialisierten Advents durch die mächtigen Gemäuer: das Geplapper und Gelächter der Besucherschar, die sich über den angrenzenden Weihnachtsmarkt schiebt. Das Gebimmel eines Kinderkarussells, ein überdrehter Weihnachtsschlagermix vom Glühweinstand, das jähe Aufheulen eines vorüberziehenden Notarztwagens. Schriller Krach statt stiller Nacht. Wie soll das getriebene Gemüt da zur Ruhe kommen?

Verdichtete Geräuschkulisse

"Vor allem in den Städten sind wir zunehmend einer Kakofonie ausgesetzt", sagt Brigitte Schulte-Fortkamp, Professorin für Psychoakustik an der TU Berlin. Die permanente Gleichzeitigkeit vieler unterschiedlicher Geräusche führe dazu, dass sich unsere Wahrnehmung kaum noch auf jedes einzelne konzentrieren und das Gehörte sinnvoll ordnen könne.

"Diese Verdichtung von Klängen erleben viele Menschen als beschleunigend, als einen unterschwelligen urbanen Sound, der ihnen buchstäblich Beine macht – was etwa erklärt, warum auf dem Berliner Ku’damm, der New Yorker Fifth Avenue oder der Londoner Oxford Street eigentlich nie einfach nur geschlendert wird."

New York / Symbolbild

Eine Geräuschkulisse, die Beine macht: In Städten ist die Verdichtung des Lärms am stärksten zu spüren.

Quelle: dpa

Straßenverkehrslärm, Schienenverkehrslärm, Fluglärm, Industrielärm, Kinderlärm, Hundelärm, Lärm von Nachbarn: Die Vielfalt potenziell störender Geräusche ist nahezu unbegrenzt. Einer Erhebung des Umweltbundesamts zufolge fühlen sich 68 Prozent der Deutschen dauerhaft von Lärm belästigt, rund zwei Drittel davon gleich aus zwei oder mehreren Geräuschquellen.

Die EU macht es für ihre Mitgliedsstaaten seit 2002 zur Pflicht, flächendeckend Lärmkarten zu erstellen. Sie geben Aufschluss über die Lärmbelastung größerer Städte und zeigen, wo sich sogenannte Hotspots befinden – Gegenden, in denen sich der Schall aus mehreren Quellen überlagert und die Geräuschemissionen gesundheitsrelevante Dimensionen erreichen.

Demnach sind in Deutschland 1,8 Millionen Menschen tagsüber dauerhaft Pegeln von mehr als 65 Dezibel ausgesetzt, was in etwa der durchschnittlichen Lautstärke in einem Großraumbüro entspricht. Nachts müssen 2,1 Millionen Menschen mehr als 55 Dezibel aushalten – eine Geräuschkulisse, die beispielsweise ein laufender Geschirrspüler produziert.

Dauerlärm macht krank

Dass Dauerlärm krank macht, ist unstrittig. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erachtet Lärm nach der Luftverschmutzung als das zweitgrößte Gesundheitsrisiko. Permanenter Lärm schädigt nicht nur das Gehör, er gilt auch als Stresserzeuger und damit als Mitverursacher von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck und Depressionen.

Die bislang umfassendste Erhebung zu den gesundheitlichen Auswirkungen von Verkehrslärm, die im Einzugsbereich des Frankfurter Flughafens durchgeführte NORAH-Studie, legt zudem nahe, dass Lärm die Fortschritte von Schülern beim Lesenlernen bremsen kann. Allerdings zeigt die Untersuchung auch, dass manche Lärmreaktion womöglich Einstellungssache ist. So litten entschiedene Fluglärmgegner signifikant häufiger an Schlafstörungen als Anwohner, die die Flugzeuggeräusche bereitwillig akzeptierten.

Subjektives Lärmempfinden

Derartige Erkenntnisse deuten an, wie individuell das Lärmempfinden ist. "Für Lärmschutzmaßnahmen spielt lediglich der in Dezibel gemessene Schalldruck eine Rolle", kritisiert Psychoakustikerin Schulte-Fortkamp. "Wir kennen indes weitere, mindestens ebenso relevante Parameter – etwa die Rauigkeit, Schärfe oder die Tonalität eines Geräuschs." Eigenschaften also, die den Klangcharakter definieren, ihn unabhängig von seiner Lautstärke schmeichelhaft oder schrill, sanft oder aggressiv, harmonisch oder penetrant erscheinen lassen.

Zu dieser psychologischen Komponente der Geräuschwahrnehmung treten gesellschaftliche Normen, die ebenfalls beeinflussen, inwiefern ein Geräusch als lästig empfunden wird: "Obgleich markerschütternd laut, wird das Martinshorns von den meisten Menschen positiv bewertet, weil es Menschenrettung und Verbrechensbekämpfung signalisiert", sagt Brigitte Schulte-Fortkamp.

Doch gleich, wie viel Gutes man selbst dem penetrantesten Geräusch auch abzugewinnen vermag, Lärm erzeugt vor allem eines: die Sehnsucht nach Stille. Rund die Hälfe der Städter wünscht sich laut einer Forsa-Befragung ein dauerhaft ruhigeres Umfeld, mehr als ein Drittel würde gern öfter Vogelgezwitscher hören. Ein nur allzu verständlicher Wunsch, denn mit der Industrialisierung hat sich das Lärmprofil der Welt radikal gewandelt.

Permanente Alarmbereitschaft

Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein stammten mehr als zwei Drittel aller Geräusche aus der Natur, heute ist ein vergleichbar großer Anteil des uns umtosenden Klangstromes zivilisationsbedingt. Daraus zu schließen, dass die Welt seit Beginn des Maschinenzeitalters automatisch lauter geworden wäre, ist allerdings eine irrige Annahme: Ohrenbetäubendes gab es bereits in den engen Gassen des Mittelalters, die den mal dröhnenden, mal dumpfen Lärm aus den Schmieden und Zimmereien schalltrichterartig verstärkten.

Als in New York in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts die ersten Lärmmessungen durchgeführt wurden, zeigte sich, dass die rückständigen Pferdefuhrwerke mehr Lärm verursachten als die neuen Automobile. Es ist also weniger ein Zuwachs an Krach, den der technische Fortschritt der Welt beschert hat, als vielmehr eine Zunahme, Beschleunigung und Intensivierung der Klangereignisse bis an die Grenze des Erträglichen. Der Begriff Lärm entspringt dem Wort "Alarm", das seinerseits auf das italienische "all’arme" ("zu den Waffen") zurückgeht. Permanenter Lärm verursacht permanente Alarmbereitschaft.

Bruder Rudolf Leichtfried

Bruder Rudolf Leichtfried führt die Gäste im Kloster Falkenburg in die Stille der Kontemplation.

Quelle: privat

So mancher sehnt sich angesichts dieses fortwährenden Außer-sich-Seins nach einem stillen, entschleunigten Raum, in dem er die rastlose Welt hinter sich lassen und zur Besinnung kommen kann. Zu sich. Und zu dem, was im Leben wirklich zählt. "Für manche, die zu uns kommen, ist das Gott", sagt Rudolf Leichtfried, einer von zwei Brüderm des Klosters Falkenburg bei Irdning in der Steiermark.

Rund 250 Seminargäste zählt das auf das frühe 16. Jahrhundert zurückgehende und seit 1711 vom Kapuzinerorden betriebene Kloster im Jahr. In malerischer Abgeschiedenheit zwischen Bergen und Almen gelegen, hat das Haus kaum etwas zu bieten, das Getriebenen Kurzweil und Zerstreuung bieten würde – zumal Smartphones und Laptops, selbst Bücher, unerwünscht sind.

Jene, die zu kontemplativen Exerzitien oder Tagen der Stille anreisen, wissen und wollen das. "Wir verstehen uns keineswegs als Wellnesseinrichtung oder als Ferienangebot", stellt Bruder Rudolf klar. "Wer zu uns kommt, weiß, dass ihn radikale Stille erwartet."

Ruhe erfordert Selbstdisziplin

Zehn Tage dauert das große Programm, die kontemplativen Exerzitien, die nach einem Tag des Innehaltens und Ruhigwerdens im weitläufigen Klostergarten vor allem aus Sitzmeditationen bestehen. Die Herausforderung dabei besteht weniger darin, viele Stunden am Tag still zu sitzen, sondern, wie Bruder Rudolf sagt, "die Gegenwart zu hüten", die Gedanken fahren zu lassen und alle Aufmerksamkeit auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Auf den eigenen Atem. Auf die in Gebetshaltung aneinandergelegten Handinnenflächen.

"Wer schon einmal probiert hat, auch nur fünf Minuten an nichts zu denken, ahnt, wie viel Selbstdisziplin dafür erforderlich ist", sagt Bruder Rudolf. Manche der Teilnehmer spürten in diesem Zustand äußerster Achtsamkeit die Anwesenheit Gottes und des Heiligen Geistes. Aber auch jene, "für die Gott nicht die erste Adresse" sei, empfänden nach ein paar Tagen tiefe Gelassenheit und eine Erneuerung ihrer Kräfte, die weit über bloße Erholung hinausgehe.

Buddhismus / Symbolbild

Stille als Quelle der Erleuchtung: Der Buddhismus fußt in vielen seiner Ausprägungen auf meditativer Versenkung – wie hier im berühmten Zengarten des Ryōan-ji in Kyōto.

Quelle: dpa

Die Erfahrung, dass in der Ruhe Kraft und ein Schlüssel zu tieferer Erkenntnis liegen, machen Menschen seit vielen Jahrhunderten über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg: Die Mönche des Kartäuserordens verbringen nahezu ihr gesamtes Leben in Abgeschiedenheit und Schweigen. Der Zenbuddhismus erachtet die innere Leere, das Freiwerden von der Begrenztheit des Ichs, als höchsten Zustand.

Der griechische Philosoph Diogenes wiederum, der der Legende nach in einer Tonne gehaust haben soll, fand sein Heil in bedürfnisloser Einsamkeit. Diese Beispiele zeigen, dass Stille seit jeher verschwistert ist mit Bescheidenheit, Selbstlosigkeit und Demut – und deshalb durchaus als Gegenkraft zum marktschreierischen Konsumzeitalter verstanden werden kann.

Stille birgt Unbehagen

Doch Stille birgt auch stets ein Unbehagen, das sich nicht so einfach mit psychologischen oder kulturkritischen Argumenten wegwischen lässt. Denn sie könne auch Tod bedeuten, etwas Endgültiges, das uns verständlicherweise ängstige, sagt Brigitte Schulte-Fortkamp: "Kennzeichen des Lebens ist Bewegung – und jede Form der Bewegung erzeugt Resonanz, also Schall."

Selbst Situationen, die wir buchstäblich als totenstill empfinden – sogar das Labor der Akustiker, den mitunter fälschlicherweise als "schalltot" bezeichneten reflexionsarmen Raum, sind stets von kaum wahrnehmbaren Geräuschen erfüllt. Von einer unterschwelligen Atmosphäre, die uns in Spannung hält und so lange trägt, bis uns ein vernehmbarer Laut aus dem akustischen Beinahevakuum erlöst.

Schall im Weltall

Anders als Licht, das sich über elektromagnetische Wellen verbreitet, bewegt sich Schall durch die Kompression eines Mediums wie Luft oder Wasser fort. Deshalb galt es lange als unumstößliche Gesetzmäßigkeit, dass im nahezu materielosen Weltraum keine Schallwellen entstehen können. Bis in unser Jahrtausend hinein galt das All als Hort makelloser Stille. Dann, im September 2003, wurden Astronomen aus Cambridge in nahezu unendlicher Ferne allerdings doch fündig.

Rund 240 Millionen Lichtjahre von der Erde entfernt, am Rande eines riesigen Schwarzen Lochs im Sternbild Perseus, registrierten die Forscher den tiefsten jemals gemessenen Ton: ein kosmisches Brummen, bestehend aus einem sehr, sehr tiefen B, 57 Oktaven unter dem eingestrichenen C. Der Grundton der Stille?

Interview mit Dr. Helmut Schaaf, Leitender Oberarzt der Tinnitus-Klinik Bad Arolsen

Hyperakusis: Wenn selbst ein Flüstern die Seele peinigt

Dass wir unwillkürlich zusammenzucken, wenn Reifen quietschen oder eine Sirene aufheult, verwundert kaum. Allerdings gibt es eine wachsende Anzahl von Menschen, die derartige – und heftigere – Reaktionen selbst bei Geräuschen zeigen, die ihre Mitmenschen als harmlos oder gar angenehm bezeichnen würden. Ein Gespräch mit Dr. Helmut Schaaf, Leitender Oberarzt der Tinnitus-Klinik Bad Arolsen.

Professor Schaaf, ab wann sprechen Sie bei einer Geräuschempfindlichkeit von einer Krankheit?
Dass sich uns beim berüchtigten Quietschen der Kreide auf der Schultafel oder der schrillen Rückkopplung eines Mikrofons die Nackenhaare aufstellen und wir uns sehr wahrscheinlich reflexhaft die Ohren zuhalten, ist eine völlig normale Reaktion auf unangenehme Geräusche. Von Hyperakusis – also von krankhafter Empfindlichkeit gegen Schall – betroffene Menschen zeigen derartige und weitaus heftigere Reaktionen schon bei Geräuschen, die Normalempfindliche weder als laut noch lästig wahrnehmen. Da kann das Geklapper einer Computertastatur, ein Plausch unter Kollegen im Großraumbüro, selbst das Brummen eines Kühlschranks zu starken körperlichen und seelischen Reaktionen führen: Erschrecken, eine Veränderung des Blutdrucks, Schweißausbrüche, Kopf- oder Ohrenschmerzen, starke Gereiztheit. Auch ein verspannter Nacken ist bei übermäßig Geräuschempfindlichen keine Seltenheit: Sie gehen mit eingezogenem Kopf durchs Leben, nehmen unbewusst eine Schutzhaltung ein, gehen buchstäblich in Deckung.

Lässt sich mit Hyperakusis ein einigermaßen normales Leben führen?
In besonders starken Fällen nicht. Die Betroffenen meiden angesichts ihrer heftigen, oftmals angstbesetzten Reaktionen auf eigentlich leicht erträgliche Geräusche etliche soziale Bezüge, weil Geselligkeit ja immer in irgendeiner Form mit Geräuschen verbunden ist. Menschen mit Hyperakusis sind mitunter derart auf die Geräuschvermeidung fixiert, dass sie unbewusst gewissermaßen mit gespitzten Ohren "auf der Lauer" liegen – mit der Folge, dass sie immer lärmempfindlicher werden. Das wiederum führt dazu, dass zunehmend auch immer leisere Geräusche vermieden werden. In vielen Fällen mündet Hyperakusis in einen regelrechten Teufelskreis, der zur weitreichenden Isolation der Betroffenen führt.

Was sind das für Menschen, deren Gehör derart übersensibel ist?
Zum einen sind das Personen in Not, die an Depressionen oder Angsterkrankungen leiden, dies aber "nur" über das körperliche Empfinden wahrnehmen. Es können aber auch besonders leistungsbereite, extrem aktive Personen die Hyperakusis entwickeln. Nicht nur, dass sie im Job hochtourig laufen, auch ihre Freizeit takten sie extrem eng durch. Obwohl jeder Teilaspekt des Arbeits- und Freizeitverhaltens für sich genommen unproblematisch ist, kann die Gesamtmenge dann zur Überanstrengung und Erschöpfung der körperlichen und nervlichen Reserven führen, die wiederum eine Geräuschempfindlichkeit bei ansonsten völlig gesunden Ohren nach sich ziehen. Unsere "Mikrofone" zur Außenwelt laufen zwar auf vollen Touren, aber unsere Aufnahmestationen im Gehirn und im Körper bekommen die dabei einströmende Fülle nicht mehr sortiert und "entsorgt".

Haben extrem Geräuschempfindliche ein besonders feines Gehör?
Viele haben tatsächlich ein sehr gutes Gehör. Aber auch wenn es paradox erscheinen mag: schwerhörige Menschen sind oft von Hyperakusis betroffen. Dabei konzentriert sich die Geräuschempfindlichkeit auf die Töne und Frequenzen, in denen der Hörverlust am größten ist. Das kommt daher, dass das Ohr nicht nur in seiner Hörleistung eingeschränkt ist, sondern zudem innerhalb der geschädigten Frequenzen nicht mehr ausreichend gut filtern kann. Die dabei zu beobachtende spezielle Form von Geräuschempfindlichkeit wird Recruitment genannt, grob übersetzt "fehlender Lautheitsausgleich". Ein Phänomen, das etwa auch bei Altersschwerhörigen zu beobachten ist. Leise Gesprochenes verstehen sie nicht. Wenn das Gegenüber daraufhin die Stimme moderat anhebt, nehmen sie das aufgrund ihres mangelnden Vermögens, stärkeren Schall zu dämpfen, als unverhältnismäßig laut wahr und antworten: "Warum schreist du so?"

Hyperakusis macht indirekt auf eine der größten Gefahren unserer Zeit aufmerksam: die Lärmbelastung, die laut WHO nach der Luftverschmutzung das größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko ist. Ist die Hyperakusis also vor allem das Symptom einer heillos übersteuerten Epoche?
Ja – und zudem der Ausdruck eines Unbehagens. In gewisser Hinsicht nehmen Lärmempfindliche überdeutlich etwas wahr, was ein schwerwiegendes Problem, ein tieferes Leiden unserer Zeit sein könnte: die Angst vor der Stille. Schon der Psychoanalytiker C. G. Jung witterte im Zivilisationslärm eine Flucht in die Betriebsamkeit, in ein Getöse, das unsere inneren Abgründe, die Angst vor der Leere überdecken und uns in Sicherheit wiegen soll. "Es gibt viel mehr Menschen, als man ahnt, die vom Lärm nicht gestört sind, denn sie haben nichts, in dem sie gestört sein könnten; im Gegenteil, der Lärm gibt ihnen etwas" – so brachte es Jung auf den Punkt.

Interview: Daniel Behrendt

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