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Schöner scheitern mit den "Fuck up Nights"

Misserfolg als Chance Schöner scheitern mit den "Fuck up Nights"

Wer scheitert, ist ein Versager. Dieses Denken ist typisch in einer Welt, die vor allem Gewinner und Verlierer kennt. Dabei ist Scheitern eine Voraussetzung persönlicher Weiterentwicklung – meinen immer mehr junge Menschen und treten eine kleine Bewegung los.

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Schöner scheitern mit den "Fuck up Nights": Jungunternehmer zwischen Steh-auf-Predigt, Pädagogikseminar und Popkonzert.

Quelle: Shutterstock

Im Publikum sitzen hip gekleidete Mittdreißiger, viele halten Limoflaschen in Händen, aber zum Trinken kommen sie an diesem Abend in einem Berliner Büroloft kaum, denn all ihre Aufmerksamkeit gilt den Speakern auf der Bühne. Die Speaker – das sind Gründer und Unternehmer, die als solche gescheitert sind. Hoteliers, die mit ihrer Geschäftsidee zur richtigen Zeit am falschen Ort waren. Entwickler von Musik-Apps, die zur falschen Zeit am richtigen Ort waren; Grafikdesigner, Werbeleute und sonstige Kreative mit vielen Ideen, von denen keine erfolgreich war.

Neben ihrem Scheitern eint die Speaker ihr Mitteilungsbedürfnis: Sie wollen über ihr Scheitern vor Zuhörern berichten, ihre Fehler und Lehren mit einer Powerpoint-Präsentation illustrieren und am Ende viel Applaus erhalten. So sieht es das Konzept der "Fuck up Nights" vor. Wer um zurückhaltende Ausdrucksweise bemüht ist, kann das englische Verb "to fuck up" mit "vermasseln" übersetzen, wodurch natürlich einiges an Drastik verloren geht. Große Gefühle stehen ja im Mittelpunkt der Veranstaltungsreihe, ein Taumeln zwischen Euphorie und Verzweiflung.

Scheitere und sprich darüber

"Fuck up Nights" treten gerade einen globalen Siegeszug an. Ihr Ursprung liegt in Mexiko, es gibt sie in weltweit 150 Städten, wobei Deutschland eine Hochburg ist, mit "Fuck up Nights" in Berlin, Hannover, Leipzig und vielen Orten mehr. Man kann dies als Indiz dafür deuten, dass Scheitern hierzulande die Runde macht; immerhin gingen allein im ersten Halbjahr dieses Jahres 11 558 Unternehmen pleite. Aber die zunehmende Verbreitung der "Fuck up Nights" hängt nicht so sehr mit der Anzahl von Insolvenzen zusammen. Sondern mit dem Bedürfnis, darüber frei zu sprechen.

"Fuck up Nights" auch in Hannover

Auch in Hannover findet in unregelmäßigen Abständen "Fuck up Nights" statt. Das nächste Treffen ist am 16. November um 20 Uhr im 16 Stockwerk des Bredero Hochhauses hinter dem Hauptbahnhof. Mit dabei sind auch Vertreter von Nexter, einer Gründerförderungs-Initiative der Hochschule Hannover. Dieses sogenannte Entrepreneurship-Center dürfte einiges zum Thema beizutragen haben: Es hilft Studenten und Absolventen der Hochschule dabei, sich mit eigenen Ideen selbstständig zu machen.

Einige verspotten diese Events als Selbsthilfesitzungen einer selbstbezogenen urbanen Mittelschicht. Und tatsächlich wirkt es mitunter seltsam, wie an solchen Abenden die Stimmung zwischen Predigt, Pädagogikseminar und Popkonzert oszilliert. Aber die Veranstalter treffen mit ihrer Absicht, das Scheitern raus aus der Tabunische zu holen, unleugbar einen Nerv.

Sie feiern die Stehaufmännchen da draußen, die sich nicht kleinkriegen lassen durch Niederlagen und im Rückschritt den Fortschritt erkennen. "Fuck up Nights" drücken aus, dass sich der gesellschaftliche Blick auf berufliches Scheitern allmählich verändert. Ein Wandel, der mehr mit Umwälzungen im Wirtschaftsleben zu tun hat, denn mit Lifestyletrends.

Zweigeteiltes Weltbild

Die Vorstellung, dass Scheitern schlecht und endgültig ist, gilt hierzulande vielen als Selbstverständlichkeit.  Es herrscht ein zweigeteiltes Weltbild von Sieg und Niederlage vor, wir unterscheiden nach Gewinnern und Verlierern – beim Blick auf die Geschichte, auf den Sport, die Börse; oft genug auch aufs Arbeits- und Liebesleben. Aus Schaden wird man klug, sagt der Volksmund, aber wie das bei Redensarten so ist: Es finden vor allem jene oft Erwähnung, die der Alltagserfahrung widersprechen.

Jedenfalls tauchen bei uns, sobald etwas schiefgelaufen ist, die drei V-Fragen ganz schnell auf: Wer zahlt den Verlust? Wer trägt die Verantwortung? Wer hat versagt? Ökonomisches Scheitern wird gleichgesetzt mit moralischem Versagen. Und wer versagt, der muss mit Schadenfreude rechnen.

Für diese Empfindung haben die US-Amerikaner keinen eigenen Begriff. Das mag auch daran liegen, dass bei ihnen eine weitaus positivere Einstellung gegenüber dem Scheitern vorherrscht. Amerika – dessen "Entdeckung" ja auch bloß der kolossale Irrtum eines Seefahrers war – pflegt sein Image als Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und wo keine Garantien, sondern bloß Möglichkeiten sind, können sie auch schnell verfehlt werden. Aber hey, einen Versuch war‘s wert.

Fuck up Night in Berlin

Veranstalter Patrick Wagner spricht am 15.01.2015 im Rainmaking Loft in Berlin bei der "Fuck Up Night".

Quelle: dpa / Patrick Wagner

Diese Haltung ist prägend für den American Way of Life, selbst heute, vielleicht sogar prägender denn je. Denn auf dem Prinzip "Versuch und Irrtum" fußt die Ideologie des Silicon Valley – der IT-Tüftler an der US-Westküste, die mit ihren digitalen und mikroelektronischen Erfindungen gerade dabei sind, die Welt nach ihren Vorstellungen und Algorithmen zu formen.

Der Gründergeist aus den USA beflügelt viele junge Menschen in Deutschland. Früher wollten Jugendliche später mal Manager werden, heute wollen sie Start-ups gründen. Keine deutsche Großstadt, die nicht schon längst ein supermodernes Großraumbüro in ihrem Zentrum aufweist, wo junge Leute Apps entwickeln. Die große Zahl dieser Pioniere, ihr Selbstbewusstsein und Einfluss in den Medien ist mit ein Grund für das neue Image des Scheiterns.

Scheitern als Chance

Man muss diese Entwicklung nicht glorifizieren, schon gar nicht ist sie als Befreiungsschlag der vereinigten Verlierer zu deuten. Denn nicht zuletzt ist die soziale Akzeptanz des Scheiterns ja eine plausible Reaktion auf eine Arbeitswelt ohne Garantien. Wer – wie die meisten Kreativarbeiter – ohne den wohlfahrtsstaatlichen Schutz und Komfort einer Festanstellung auskommen muss, der tut schon aus Gründen des Selbstschutzes gut daran, wenn er Scheitern als Chance verklärt.

Und doch erweist die Bewegung des "Schöner Scheiterns" der Gesellschaft einen Dienst, indem sie stur und munter darauf verweist, dass es ja doch irgendwie weitergeht. Diese simple Erkenntnis ist wichtig in einer Zeit, in der angesichts von Kriegen, Krisen und Flüchtlingsfragen Angst und Verzagtheit um sich greifen, die nicht selten in Endzeitfantasien münden. Das große Wort vom Scheitern birgt die Illusion eines unwiderruflichen Endes. Dem aber widerspricht alle bisherige Menschheitserfahrung. Nach jedem Ende geht es ja doch irgendwie weiter.

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Von Redakteur Marina Kormbaki