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Top-Thema Raus aus der Anpassungsfalle!
Sonntag Top-Thema
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10:22 18.12.2015
Individualität als Angriffsfläche: Der moderne Mensch hetzt durchs Leben, für das Hinterfragen bleibt keine Zeit.
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Die Betriebswirtin Jana Klein (26) holte tief Luft, ehe sie in der Karriereberatung die entscheidende Frage stellte: "Wie wirkt es sich auf meinen Lebenslauf aus?" Davon wollte sie abhängig machen, ob sie ein Jahr ins Ausland ging oder nicht. Immer mehr Menschen fragen nicht mehr: Was wäre gut für mein Leben? Sie fragen nur: Was wäre gut für meinen Lebenslauf?

Je nach Antwort heuern sie im Internet-Business oder in der Stahlbranche an, gehen sie nach China oder an den Chiemsee, fangen sie ein Zweitstudium in Wirtschaftsinformatik an oder lesen Omis im Altersheim Fontane vor (weil sich ein "soziales Engagement" im Lebenslauf angeblich gut macht).

Die Schere im Kopf

Wir leben nicht im Zeitalter der Individualität, wie immer behauptet wird, sondern im Zeitalter der Anpassung. Eine Schere im Kopf schneidet die eigenen Wünsche ab. Wir lesen dieselben Bestseller, tragen dieselben Kleidermarken, lachen über dieselben Witze, pfeifen dieselben Hits, nutzen dieselbe Suchmaschine, tummeln uns im selben "sozialen Netzwerk" und leiden unter demselben Erreichbarkeitswahn, weshalb wir den eigenen Verstand grundsätzlich vor dem eigenen Handy ausschalten.

Und natürlich sehen wir im Fernsehen dieselbe Werbung, die Millionen Menschen individuelles Glück verspricht, sofern diese – aufgepasst! – alle das gleiche Duschgel, die gleiche Versicherung oder die gleiche Schlaftablette kaufen. Da weiß man, was man hat: ein Reihenleben im Reihenhaus.  

Und doch weigert sich das Glück, bei uns einzuziehen. Denn tief innen fragen sich viele: "Was hat dieses Leben eigentlich mit mir zu tun?" Immer mehr Menschen fühlen sich im falschen Film. Vier von zehn Deutschen geben an, die Qualität ihres Lebens nehme ab. Hinter hektischer Aktivität, hinter lächelnden Gesichtern gähnt ein Abgrund aus Sinnlosigkeit und kranken Seelen. Weltweit leiden 350 Millionen Menschen unter Depression, bis ins Jahr 2020 wird es die zweithäufigste Volkskrankheit sein.

Vorauseilender Gehorsam

Wir haben im Zeitalter des Konsums, der Mediengesellschaft und des virtuellen Lebens unser Selbstvertrauen verloren. Wir globalisieren unsere Körper und Seelen. Wir sehen Individualität nicht mehr als Auszeichnung, sondern als Angriffsfläche. Aus lauter Angst, von anderen mit der Schablone der Norm gemessen zu werden und nicht zu passen, tun wir es in vorauseilendem Gehorsam selbst. Wir wollen so sein, wie der Trend es vorgibt.  

Wie kann es sein, dass unser Funkkontakt zum eigenen Herzen heute so schnell abreißt? Dass die Erwartungen der Gesellschaft in unseren Köpfen mehr Raum einnehmen als die eigenen Sehnsüchte? Dass so viele Menschen ihr Leben verlieren, obwohl sie noch nicht gestorben sind?

Hier liegt ein großer Widerspruch: Wir haben eine Armada technischer Geräte erfunden, um Zeit fürs Eigentliche zu gewinnen. Statt monatelang mit einer Postkutsche durchs Land zu hoppeln, zischen wir mit dem Flugzeug durch die Lüfte. Statt uns jeden Tag mit dem Abwasch herumzuschlagen, drücken wir den Knopf der Spülmaschine. Doch der scheinbare Fortschritt entreißt uns einem stimmigen Leben.

Keine Zeit für Entspannung

Nicht die Technik dient uns, sondern wir dienen ihr. Wie Getriebene hetzen wir durchs moderne Leben, surfen gegen die Brandung der Informationsflut an, stürzen uns in Chats, twittern Banalitäten in Echtzeit um den Globus und skypen uns ans andere Ende der Welt (während wir unseren Nachbarn seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen haben).

Der moderne Mensch hat keine Zeit für Entspannung, keine Zeit für die Familie und vor allem: keine Zeit für sich selbst! Und doch würden viele in ihrem Bett eher auf den Liebespartner verzichten als auf Smartphone, Tablet oder Laptop. Und doch sitzt der durchschnittliche Deutsche jeden Tag vier Stunden und zwei Minuten vor seinem Fernseher.

Wir bringen unser Auto regelmäßig zur Inspektion, aber unser Leben bleibt ungepflegt. Sehnsüchte rosten, Träume springen nicht mehr an, der Lack des Individuellen platzt ab und wird ersetzt durch die Modefarben des Massengeschmacks.

Erkenne dich selbst

Den Rückweg in ein stimmiges Leben weist uns Reflexion. Über dem Tempel der alten Griechen in Delphi stand: "Erkenne dich selbst!" Wir brauchen stille Momente, um uns zum Beispiel zu fragen: Ist die Meinung, die ich vertrete, wirklich meine eigene? Ist der Beruf, den ich ausübe, wirklich meine Berufung? Ist die Beziehung, in der ich lebe, wirklich meine Liebe? Ist das Leben, das ich führe, wirklich von mir und für mich gemacht?

Und angenommen, ich hätte nur noch sechs Monate zu leben: Was würde ich dann noch tun? Kaum jemand wird antworten: "Ich will unbedingt noch ein paar Überstunden machen, damit mein Chef zufrieden ist." Nicht: "Ich will mehr Geld sparen, damit ich ein größeres Auto kaufen kann." Und schon gar nicht: "Ich will mir noch die Nase operieren lassen, damit ich den Topmodels ähnlicher sehe."

Herzenwünsche statt Herdenwünschen

Solche Herdenwünsche, die an uns kleben wie der Hundekot am Schuh, weichen den echten Herzenswünschen, sobald das eigene Ende nah scheint. Dafür richten wir den Scheinwerfer nach innen: auf unser Wollen, auf unser Sehnen, auf unsere Kraft der Intuition. Jeder Mensch weiß selbst am besten, was gut für ihn ist; er muss nur auf sein Herz hören.

Als Jana Klein sich in der Karriereberatung vorstellte, sie hätte nur noch ein halbes Jahr zu leben, war ihr sofort klar: "Ich würde unbedingt noch mal ins Ausland gehen, um mehr von der Welt zu sehen!" Der Glanz in ihren Augen verriet: Es war die richtige Entscheidung, schon jetzt. Sie hat sich von ihrem Lebensgefühl leiten lassen – und nicht nur von ihrem Lebenslauf.

Zur Person

Martin Wehrle ist Karriereberater und Bestsellerautor. Dieser Artikel lehnt sich an sein neues Buch "Sei einzig, nicht artig! – So sagen Sie nie mehr Ja, wenn Sie Nein sagen wollen" an.

Mosaik, 384 Seiten, 14,99 Euro

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