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Top-Thema Sonnige Grüße aus dem Elend
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20:05 29.01.2016
Ignorant oder einfach aufrichtig? Mit ihren Selfies aus den Slums von Cartagena hat Carmen Geiss einen Shitstorm ausgelöst. Quelle: Carmen Geiss / Fotolia
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Es sind nur ein paar Schnappschüsse, aber sie haben Deutschlands Moralwächter und einen Reisesender in Wallung gebracht. Zugegeben, die Bilder waren grenzwertig, die Carmen Geiss bei Facebook veröffentlichte. Auf Urlaubsfotos aus Kolumbien präsentiert sich die Superreiche mit rosa Sonnenhütchen und Strahlelächeln mitten in einem Slum, posiert mit einem offenbar berauschten Bettler in Lumpen.

Prompt prasselt auf die Millionärsgattin in den sozialen Netzwerken ein sogenannter Shitstorm ein. "Ihr seid asozial", ist da zu lesen, oder "Ihr habt weniger Anstand als ein Hartz-IV-Empfänger". Und der Reisesender Sonnenklar.TV kündigte einen lukrativen Werbevertrag mit der Jetset-Familie "Die Geissens" fristlos.

Carmen Geiss hat mit ihrem wohl sehr naiven kleinen Ausflug in ein Elendsviertel große Emotionen geweckt. Jenseits der Geschmacksfrage aber wirft die Empörungswelle die spannende Frage auf: Wie viel Elend (v)erträgt der Tourist?

Wieviel Elend ist (v)erträglich?

Nicht viel, scheint man bei Sonnenklar.TV zu glauben. Die Geissens sollen Abbitte leisten. Sogar eine Art Entschädigungszahlung soll von dem Sender gefordert worden sein, ein Beitrag zur Wiedergutmachung an Kolumbien. Als ob eine Zahlung von 10 000 Euro etwas an den Verhältnissen vor Ort ändern würde. Auch zur Sonnenklar-Party in der Münchner Nobeldisco "P1" wurden die Geissens ausgeladen. Das Motto des exklusiven Clubs heißt übrigens "Meet Me behind the Door".

Was wäre wohl passiert, wenn der Bettler aus dem kolumbianischen Elendsviertel plötzlich vor der Tür des "P1" gestanden und Einlass begehrt hätte? Hätte ihn der Gastgeber Sonnenklar.TV, der doch so auf einen korrekten Umgang mit armen Menschen bedacht ist, hereingelassen? Wir kennen die Antwort. Es ist die gleiche wie bei jedem anderen Bettler, egal ob aus der Münchner Innenstadt oder aus den Slums Cartagenas.

Sonnenklar.TV ist ein Unternehmen, zu dessen Angeboten nicht nur, aber auch "All-inclusive-Reisen" zählen, in denen sich die Touristen von den Einheimischen und deren Realität abschotten. Ob sich der Sender die Mühe gemacht hat, einmal vor Ort nachzufragen, was die Menschen tatsächlich über die Aktion von Carmen Geiss denken, ist nicht bekannt. Aber die Befindlichkeiten der Menschen vor Ort spielen in diesem Skandal ohnehin keine Rolle. Sie werden ja auch sonst kaum gehört.

Bloß kein Blick hinter die Kulissen

Europas und Nordamerikas Reiseanbieter überbieten sich mit Dumpingpreisen, das freut die Verbraucher. Für die Zimmermädchen und Kellner in Cartagena, Bangkok oder Rio de Janeiro hat das allerdings verheerende Folgen, denn sie stehen am Ende der Nahrungskette. Sie werden erbärmlich bezahlt.

Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Carmen Geiss bei ihrem nächsten unbedarften Ausflug in ein Elendsviertel – vielleicht in Dubai oder in Kuba – auch jene Menschen trifft, die für die Partner von Sonnenklar.TV und anderen Reiseanbietern arbeiten und ihr das Klo putzen oder Zahnpastareste aus ihrem Waschbecken entfernen.

Für alle anderen All-inclusive-Gäste heißt es dagegen "Meet me behind the Door". In der gepflegten Hotelanlage gibt es dann nichts mehr zu sehen von dem, was an die bisweilen brutale und grausame Realität der sogenannten Dritten Welt erinnert. Büfett vom Feinsten, Animation am Schwimmbad und bloß kein Blick hinter die Kulissen. Aus Ignoranz? Oder verbietet es der Respekt beim Reisen womöglich, die Menschen in den "pittoresken" Armenvierteln auch noch zur Attraktion auf Urlaubsfotos zu machen?

Raus aus der Komfortzone

Tourismus-Experte Rafael Castillo hat dazu eine überraschende Meinung. Der katholische Priester arbeitet in der Küstendiözese Cartagena, also dem Schauplatz des Fotoskandals. "Padre Rafael", wie ihn die Menschen in Cartagena rufen, spricht sich genau für solche Besuche aus.

"Ich will, dass die Reichen nicht nur in den historischen Vierteln und in den teuren Hotels bleiben", sagt er und fordert: "Sie sollen nicht nur ins Hard Rock Café oder in den Havanna Club gehen." "Padre Rafael" wünscht sich Gespräche auf Augenhöhe und wenn es nur 20 Minuten während eines ganzen Urlaubs sind.

Der Botschafter des kirchlichen Hilfswerkes Adveniat nimmt die Reiseveranstalter aus der Ersten Welt am Beispiel seiner Heimatstadt in die Pflicht: "Humaner Tourismus ist, wenn er so konzipiert ist, dass er sich nicht nur auf die Altstadt und die Küstenstraße konzentriert, sondern auch die Dörfer und die Armenviertel einbezieht – und seine Beschäftigten anständig entlohnt."

TV-Tourist auf Frauenschau

Und wie ehrlich gehen wir als Publikum mit dem um, was uns eine Carmen Geiss da geboten hat? Ein anderer deutscher "Tourist" bewegt sich unbehelligt durch die Slums dieser Welt und wird dafür bewundert. Wer die Auswandererserie "Goodbye Deutschland" in den letzten Monaten verfolgte, konnte sehen, wie der ehemalige "Richter gnadenlos" Ronald Barnabas Schill "sein süßes Leben am Zuckerhut" ("Focus Online") verbringt.

Umgeben ist er dabei stets von jungen, hübschen Frauen, die sich offensichtlich nichts sehnlicher wünschen, als ihre besten Jahren mit einem Endfünfziger zu verbringen. "Hier wackeln die Frauen selbst beim Einkauf mit dem Po", berichtet der einstige Hamburger Innensenator stolz in die Kameras.

Die Quoten waren ordentlich, an der Selbstdarstellung des Protagonisten in den Elendsvierteln Rio de Janeiros hat das Publikum bis heute nichts auszusetzen. Liegt es womöglich daran, dass Carmen Geiss eine "dumme, blonde" Frau und Ronald Schill ein "toller Aufreißertyp" ist?

Armut als Staffage

Der "Fall Carmen Geiss" hat noch eine weitere Dimension: Fast alle modernen Benefizaktionen bedienen sich in ihren Kampagnen ähnlicher Bilder von Arm und Reich. Mal ist es Oscar-Preisträger Sean Penn, der publikumswirksam in Haiti an der Seite von Einheimischen beim Säckeschleppen fotografiert wird.

Oder es ist die brasilianische Fußballlegende Pelé. Pelé wirbt mit treuem Hundeblick ausgerechnet um Spenden für eine Großbank in den Armenvierteln seines Heimatkontinents. Auch hier als Statisten mit dabei: eine Handvoll möglichst armer, trauriger Kinder oder Greise. Die gestellten Bilder suggerieren, dass wir Wohlhabenden uns mit einer Spende freikaufen können vom Elend dieser Welt. Und niemand regt sich darüber auf, dass es die Armen sind, die als Staffage dienen.

Carmen Geiss ist da vielleicht unbedarfter, aber letztlich auch aufrichtiger. Sie war weder auf Spenden aus, noch wollte sie für irgendeine Firma aus der Helferindustrie werben, noch war sie gar auf der Suche nach käuflicher Liebe. Sie war offensichtlich einfach nur neugierig, wie das Leben so ist. Nicht hinter, sondern vor den Türen, die so oft verschlossen bleiben. Eine Begegnung mit der Realität – das darf ruhig einen Urlaubstag wert sein.

Von Tobias Käufer

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