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Und wie geht’s weiter?

Die Angst vor der Ungewissheit Und wie geht’s weiter?

Die Sehnsucht, die Zukunft zu kennen, ist groß. Ungewissheit ist schwer auszuhalten. Das gilt nicht nur in der Politik. Dabei ist ein solcher Zustand ganz normal.

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Wenn es eine Versicherung gegen zukünftige Unbill gäbe, würden viele Menschen gerne dafür zahlen – dabei hat Unsicherheit auch ihr Gutes.

Quelle: Stone Sub

Hannover. Nein, es brennen keine Mülltonnen in Berlin. Es ziehen keine marodierenden Banden durch die Straßen. Keine ölverschmierten Plünderer, keine Milizionäre mit Patronengurten und Kopftüchern suchen fluchend nach den letzten Tropfen Benzin und Schnaps. Das öffentliche Leben in Deutschland ist nicht zusammengebrochen. Straßenbahnen fahren. Kinder gehen zur Schule. Autos rollen vom Band. Beim Schlachter gibt es eine Scheibe Wurst. Alles wie immer. Das Land wird nicht plötzlich zu einem Ort der Finsternis, nur weil es beim Übergang von einer Regierung zur nächsten mal ein bisschen holpert.

Alles wie immer? Etwas ist anders. Es ist keine existenzielle Angst, die sich breitmacht, eher ein sanftes, diffuses Unwohlsein. Eine kleine Irritation. Der Deutsche hat die Dinge gern geregelt. Erledigt. Abgehakt. Er mag es zum Beispiel ganz gern, wenn er schnell weiß, wer ihn regieren wird. Man hat hierzulande nichts dagegen, am Wahlabend mit dem Gongschlag um 18 Uhr zu hören, wer in den nächsten vier Jahren in welcher Funktion in der “Tagesschau“ zu sehen sein wird.

Plötzlich aber muss das Land mal ein paar Wochen Ungewissheit ertragen. Das fühlt sich fremd an. Ungewohnt. Eine geschäftsführende Regierung. Strenge Machtworte des sonst so harmlosen Bundespräsidenten. Verfassungsexperten auf allen Kanälen. Auffällig demonstrative Zuversicht bei den Noch-Regierenden. Hochnervöse Medien, die nach Einigung, Staatsräson und Ergebnissen verlangen, als habe es zähe politische Vorfühlphasen in der Vergangenheit nie gegeben. Verwirrend, das alles.

Emotionaler Extremsport

Ein Land, dessen Kanzlerin seit zwölf Jahren für Kontinuität und Stabilität steht, wird zwischenzeitlich zum politischen Provisorium. Haben wir uns nicht sonst mit genüsslicher Häme über das Chaos in Belgien oder Italien amüsiert? Lief das bei uns nicht immer alles reibungslos?

Natürlich: System und Grundgesetz sind stabil genug, ein paar Momente der Ratlosigkeit auszuhalten. Auf einem soliden Fundament richten kleine Erdbeben keine Schäden an. Aber Ungewissheit zu ertragen gehört nicht zu den klassischen deutschen Tugenden. Das gilt weit über die Politik hinaus. Hasardeure und Gefahrensucher, die es geradezu genießen, nicht zu wissen, was als Nächstes passiert, sind dem Deutschen suspekt. Das Risiko ist seine Sache nicht. Ohne Fahrplan auf Reisen? Ohne Tagesordnung ins Meeting? Nicht so gern. Ein Wort wie Zwischenlösung klingt in deutschen Ohren viel mehr nach “zwischen“ als nach “Lösung“.

Psychologisch gesehen ist Ungewissheit emotionaler Extremsport. Sie kann heftige Ängste auslösen bis hin zur Krankheit. Mangelnde Kenntnis über die künftige Entwicklung ist in allen Lebensbereichen einer der wirkmächtigsten Stressfaktoren überhaupt. Wird das Baby gesund sein? Wird die Firma schließen? Bekomme ich den Job in der Entwicklungsabteilung? Bestehe ich das Abitur? Zahlt die Versicherung? Wovon werde ich im Alter leben? Schlägt das Medikament an?

Geschichte kennt keine Istzustände

Martin Luther empfand den menschlichen Zustand des Nochnichtwissens als “jämmerlich“. Für Anton Tschechow gab es überhaupt keine Sicherheit, “nur verschiedene Grade der Unsicherheit“. Sich hin und her geworfen zu fühlen wie eine Feder im Wind, fremdbestimmt von anderen oder Zufällen und Willkür, widerspricht dem tiefen menschlichen Bedürfnis nach Sicherheit. Denn „die einzigen Menschen, die Veränderungen mögen, sind Babys in nassen Windeln“ (Mark Twain).

Die Wahrheit aber ist: Die Geschichte kennt keine Istzustände. Ungewissheit ist der Normalzustand, im Leben wie in der Politik. Krieg, Hunger, Epidemien, Völkermord, Sklavenhandel, Militärputsche – das alles war Alltag über Jahrtausende und ist es vielerorts bis heute. Die letzte fundamentale politische Umwälzung liegt im Osten erst 27 und im Westen 68 Jahre zurück.

Aber die Veränderungstoleranz hat sich schleichend reduziert. Die Beharrungskräfte in saturierten Gesellschaften sind groß, denn die Erfahrung zuletzt scheint ja zu zeigen: Je weniger sich ändert, desto weniger kann schiefgehen. Mit großem Erfolg knüpfte auch Merkel lange an das alte Adenauer-Laudanum von 1961 an: “Keine Experimente“ (und alles andere wird sich dann finden). Je schneller sich die Welt zu drehen scheint, desto größer sind die Fliehkräfte – und desto fester klammert man sich an das Vertraute. Das ist psychologische Physik.

Schlimme Gewissheiten sind leichter auszuhalten

Der Wunsch, die Zukunft zu kennen, um ihr nicht unvorbereitet zu begegnen, war zu allen Zeiten groß. Es ist der Wesenskern von praktisch allen Weltreligionen, eine Idee für die größte Ungewissheit überhaupt anzubieten: den Tod. Über Jahrhunderte schlugen Kristallkugelleserinnen, Kaffeesatzdeuter und diverse Scharlatane Kapital aus der Sehnsucht nach dem Wissen über das Kommende. Diese Sehnsucht zieht sich wie ein roter Faden vom Orakel von Delphi über Nostradamus und Paracelsus bis zu den Trendforschern und TV-Astrologen der Gegenwart. “Wir blicken so gern in die Zukunft“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe, “weil wir das Ungefähre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten möchten.“

Mit anderen Worten: Wir erliegen der Illusion, Macht über die Zukunft zu haben, wenn wir sie bloß kennen würden. Die Geschichte der Zukunft zeigt: Wenn es eine Versicherung gegen kommende Zumutungen gäbe – nicht wenige schlössen sie ab. Tatsächlich sind schlimme Gewissheiten oft leichter auszuhalten als ein Leben zwischen Hoffnung und Angst. Psychologen haben die Erfahrung gemacht, dass sich Kriegswitwen nach heftigem Verlustschmerz irgendwann von ihrem Leid erholten, während Frauen von Soldaten, die vermisst wurden, aus dem zermürbenden Zustand der Ungewissheit zwischen Hoffnung und Angst nicht mehr herausfanden.

Ein Kokon aus Sicherheiten

Dem modernen Menschen wird viel Ungewissheit zugemutet. Braucht mich meine Firma in zehn Jahren noch? Wird meine Abteilung geschlossen? Wird die Rente reichen? Flexibilität ist ein Fetisch unserer Zeit. Arbeitgeber verlangen Anpassung, Geschmeidigkeit, Lernbereitschaft. In der Wirtschaft gibt es nur einen größeren Gegner als die Konkurrenz: den Status quo. Bloß nicht den Istzustand zementieren, bloß sich nicht im Gewohnten einrichten.

Umso mehr wächst das Bedürfnis, sich wenigstens privat einen kuscheligen Kokon aus Sicherheiten zu spinnen. Und so wird gekocht, gebacken, gehäkelt, getischlert nach alter Väter und Mütter Sitte. So werden Kerzen gezogen, Tische gedeckt, Kinderhäuser bemalt und naturnahe Speisen gekocht. Denn wenn schon die Welt kein Tempel des Wahren, Guten und Schönen ist, in dem am Ende das Richtige siegt, dann soll es wenigstens in den eigenen vier Wänden angstfrei und friedlich zugehen.

Über der Suche nach Gewissheiten im Leben freilich gerät aus dem Blick, dass auch Ungewissheit etwas Positives sein kann. Sie ist heute fast ausschließlich angstbesetzt. Dabei ist sie die zaghafte Schwester der Neugier. Denn auch einer positiven Überraschung geht ja Ungewissheit voraus, etwa beim Kitzel des Geschenkeöffnens zu Weihnachten.

Ungewissheit als Antrieb für Neues

Über Jahrhunderte war Ungewissheit, nicht Gewissheit, ein starker Antrieb für Entdecker und Erfinder. Die Ungewissheit hielt Alexander von Humboldt nicht davon ab, die Schönheiten und Gefahren der Welt zu erkunden. Sie drängte Vasco da Gama nicht zurück in den Hafen – obwohl er fürchten musste, am Rande der Welt auf Monster, Menschenfresser und tödliche Strudel zu treffen. Sie trieb Marco Polo nach Osten und Kolumbus nach Westen.

Aber Ungewissheit, Unwissenheit und Unsicherheit sind so schwer zu ertragen, dass wir heute lieber mit ungeheuren Massen vermeintlichen Wissens in Suchmaschinen und Datenbanken die Tatsache verschleiern, dass wir weiterhin sehr viel mehr nicht wissen als wissen. “Wissen nennen wir jenen kleinen Teil der Ungewissheit, den wir geordnet und klassifiziert haben“, sagte der amerikanische Schriftsteller Ambrose Bierce. Das bedeutet: Nicht Gewissheit ist die Normalität, sondern Ungewissheit. Nicht Wissen, sondern Unwissen.

Die neuen Erfahrungen bei der deutschen Regierungsbildung könnten dabei aber etwas Gutes in sich bergen: die Erkenntnis nämlich, dass politisch-gesellschaftliche Ungewissheiten aushaltbar und überwindbar sind. Nur “die eigene Erfahrung hat den Vorteil vollkommener Gewissheit“, schrieb Arthur Schopenhauer. Eine in Routine erstarrte Gesellschaft aber, die sich aus Angst vor Ungewissheit jeder Möglichkeit beraubt, Erfahrungen zu machen, kann sich nicht entwickeln.

Von Imre Grimm

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