Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Top-Thema Verschwendet eure Zeit!
Sonntag Top-Thema
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:39 17.04.2016
Von Imre Grimm
Ein ausgefüllter Terminkalender hat nichts mit einem ausgefüllten Leben zu tun. Wir müssen aufhören, immer das Maximale aus unserer Zeit herauszuholen. Quelle: Shutterstock
Anzeige

Guten Tag! Bitte nehmen Sie sich etwas Zeit, diesen Text zu lesen. Ich kann nicht garantieren, dass Sie die etwa sieben Minuten, die sie dafür benötigen werden, nicht noch effizienter und sinnfälliger nutzen könnten. Was Ihnen dabei helfen würde, wäre ein Seelenzustand, den etwas Gestriges umweht, seit das permanente Optimieren der Lebenszeit als Ideal gilt.

Es geht um Muße. Schon das Wort klingt altmodisch. Muße. Müßiggang. Wie ein belächelnswerter Anachronismus. Wie ein überkommenes Konzept in einer modernen Leistungsgesellschaft. Wie Hagestolz, Faktotum, Minnesang, Muhme, Leumund und Scharmützel. Dabei ist Muße ein schützenswertes Luxusgut.

Eine Welt unter dem Diktat von Effizienz und Ergiebigkeit hat die Menschen darauf getrimmt, die 8700 Stunden jedes Jahres optimal zu nutzen. Vom ersten Blinzeln am Morgen bis zur letzten Sekunde des Tages. Effizienz ist ein Fetisch der Gesellschaft. Effiziente Firmen, effiziente Motoren, effiziente Menschen. Effizienz wird in Leistung pro Zeiteinheit gemessen. Wie schnell scannt die Kassiererin bei Aldi ihre Waren? Wie viele Patienten schafft der Arzt pro Stunde? Wie viele Autos baut VW?

Wir sind Controller unserer selbst

Menschen optimieren auch ihr Privatleben inzwischen, als wären sie alle kleine, dampfende Biokraftwerke und müssten alle drei Monate einen Quartalsbericht abgeben. Dabei sind Uhren und Kalender ja nichts Natürliches. Menschen waren es, die das, was da seit Ewigkeiten fließt, in Millisekunden zerhackt haben. Robinson Crusoe hat sich einen Kalender gebastelt, um nicht zum Wilden zu werden. Die durchgetaktete Leistungsgesellschaft hat Crusoes Zivilisierungsmaßnahme seither auf die Spitze getrieben.

Die genaueste Uhr der Welt misst in jeder einzelnen Sekunde eine Billiarde Mal die Zeit. In 100 Billionen Jahren geht sie nur eine Sekunde falsch. Viele sind besessen von der Synchronisierung ihrer super­smarten Kalender-Apps zur permanenten Aktivitätsverdichtung. Wir sind Controller unserer selbst geworden. Tausende Planungswerkzeuge warten allein in Apples App Store.

Bis vor kurzem gab's eine Sat.1-Show mit dem Titel die "Die perfekte Minute". Das ist das Ideal, dem wir nachjagen: Leben ohne eine Sekunde Zeitverlust. Das Einzige, was wir nicht optimieren, ist unsere Fähigkeit zu erkennen, dass zwanghaftes Optimieren die Lebensqualität nicht etwa erhöht, sondern beschneidet.

Reich an Geld, arm an Zeit

Vor ein paar Jahren konnte man Banküberweisungen nur an drei Vormittagen und zwei Nachmittagen erledigen. Heute geht das rund um die Uhr. Man nennt das Flexibilität. Aber Flexibilität bedeutet meistens, dass Kunden irgendetwas, was vorher eine Dienstleistung war, selbst erledigen müssen.

Reich an Geld und arm an Zeit – das ist das aktuelle Erfolgsmerkmal. Die Angst, etwas zu verpassen, hat die Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft auf das gesamte Leben ausgedehnt. Bereitwillig unterwerfen wir uns Fremdinteressen im Tausch gegen die Illusion von mehr Komfort.

Denn das ist der zweite große Fetisch unserer Zeit: Sparen. Überall sind wir am Sparen. Wir sparen Zeit. Wir sparen Energie. Wir sparen Kalorien. Wir gehen auf klimaneutrale Konzerte und essen fettfreien Wurstsalat. Wir twittern beim Fernsehen. In Wahrheit belügen wir uns selbst. Denn wir verbringen Unmengen Zeit damit, unsere Zeit zu planen.

Muße ist nicht Nichtstun

Man spricht fälschlicherweise von "Freiräume schaffen". Aber es ist kompletter Wahnsinn, anzunehmen, dass ein ausgefüllter Terminkalender gleichbedeutend ist mit einem ausgefüllten Leben. Das Smart­phone verschafft uns die Illusion, das Leben im Griff zu haben, im Wortsinne. In Wahrheit zwingt es uns permanente Gegenwart auf. Ein verführerischer Reiz jagt den anderen. Daueraktivität ist das Leitbild der Stunde. Wer schweigt, gilt als nichtssagend. Wer nichts tut, gilt als faul.

Bewohner von Millionenstädten wie Tokio oder New York gehen und reden im Schnitt doppelt so schnell wie griechische Bauern. Das liegt nicht an den griechischen Bauern. Das liegt daran, dass die Spielregeln der industrialisierten Welt uns zur Eile zwingen. Der moderne Mensch hat längst vergessen, dass Zeit kein seltener Luxus ist, den man rationieren muss wie den letzten Apfel im Rettungsboot, sondern der Urstoff des Lebens selbst.

In manchen Naturvölkern gibt es gar keine Wörter für kleinere Zeiteinheiten als "heute", "morgen" oder "bald". Muße ist nicht das Gleiche wie Nichtstun. Muße öffnet den Raum für ungeplante Ideen. Muße ist zielloses Flanieren in den Katakomben des Bewusstseins. Freiraum ist Voraussetzung für kreatives Denken.

Zeit ist relativ

Natürlich gibt es äußere Zwänge. Sie können jetzt nicht zu Ihrem Chef gehen und sagen: "In der Zeitung stand, ich brauche mehr Zeit – ich bin für heute raus." Es hat ja auch Vorteile, wenn der Bus wirklich so fährt, wie es im Fahrplan steht. Wenn Arbeit planbar bleibt. Wenn eine gewisse Verbindlichkeit einen strukturierten Rahmen schafft. Es ist die falsche Angst vor Zeitverschwendung, die Stress erzeugt. Stress macht krank. An Stress kann man sterben. Das heißt: Die irreale Sorge, keine Zeit zu haben, kann das Leben ganz real verkürzen.

Was tun? Die Relativitätstheorie von Albert Einstein ist gerade 100 Jahre alt geworden. Seine revolutionäre Erkenntnis: Die Zeit vergeht unterschiedlich schnell. Und zwar nicht nur gefühlsmäßig. Sondern eiskalt physikalisch. Sie ist elastisch, instabil und manipulierbar. Und sie ist ein gemeiner Lump. Wenn es uns gut geht, vergeht sie wie im Flug. Wenn es uns schlecht geht, zerdehnt sie sich wie Kaugummi.

"Jede Stunde erschien mir wie ein Jahr", hat Nelson Mandela über seine Haftzeit gesagt. Einstein selbst erklärte seine Erkenntnis mit einem berühmten Gleichnis: "Wenn man zwei Stunden lang mit einem Mädchen zusammensitzt, meint man, es wäre eine Minute. Sitzt man eine Minute auf einem heißen Ofen, meint man, es wären zwei Stunden. Das ist Relativität." Das Glück dauert Sekunden, das Leid ewig.

Es mangelt an Überraschung

Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Zeit mit fortschreitendem Alter schneller vergeht. Warum ist das so? Weil Dinge, die wir zum ersten Mal erleben, sich länger anfühlen als Dinge, die wir schon hundertmal erlebt haben. Deshalb erscheint die Hinfahrt in den Urlaub viel länger als die Rückfahrt. Der Hinweg führt auf unbekannten Straßen ins Ungewisse. Der Rückweg führt dann zurück ins vertraute Leben. Je älter der Mensch wird, desto vertrauter wird ihm sein Leben. Und desto schneller vergeht die Zeit.

Von der Geburt bis zum siebten Geburtstag dauert es eine Ewigkeit. Aber zwischen dem 60. und 70. Geburtstag kriegen Sie kaum die Geschenke ausgepackt. Wäre die Zeit eines Kindes ein Vogel, dann flöge er langsam, würde links und rechts am Weg pausieren, fände hunderttausend Gründe für einen Umweg.

Der erwachsene Vogel Zeit dagegen schießt rasend schnell dahin. Der Unterschied ist, dass im Kopf und Herzen des Kindes jeden Tag tausend neue Erlebnisse explodieren. Erwachsene dagegen haben einfach zu viel erlebt, als dass sie das Leben noch überraschen könnte.

Spielplatz der Möglichkeiten

Es gibt einen Trick, diesen etwas traurigen Mechanismus zu durchbrechen: Unvertrautes tun, erste Male finden. Winzige Kleinigkeiten. Zum Beispiel: einen anderen Weg zur Arbeit nehmen, sooft es geht. Jedes Mal im Restaurant ein neues Getränk ausprobieren. An unbekannte Orte reisen.

Nirgends steht, dass erste Male ein Privileg der Jugend sind. Je älter Menschen werden, desto mehr verblasst die Gegenwart und die früheste Kindheit taucht in der Erinnerung auf. Und warum? Weil diese Erinnerungen aus einer Zeit stammen, in der das Gehirn begierig war und frisch, ein perfekter Ort des Lernens.

Das schnelle Vergehen der Zeit ist der Preis dafür, dass wir lernende Wesen sind. Aber die Zeit ist kein Raubtier, das uns verfolgt und uns an den Kragen will. Sie ist ein Spielplatz der Möglichkeiten. Sie will verschwendet werden. Es ist, wie John Steinbeck mal gesagt hat: "Man verliert am meisten Zeit damit, Zeit sparen zu wollen."

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Top-Thema Liebe, Arbeit, Abenteuerlust - "Neues Land - neues Glück?"

Alle reden von Einwanderung. Dabei wandern jedes Jahr Zehntausende Deutsche aus. Heute kaum noch aus nackter Not, sondern aus Abenteuerlust, der Liebe wegen oder weil ein attraktiver Job lockt. Ein Neuanfang in der Fremde ist schwer. Gespräche mit Menschen, die auszogen, um das Glück zu finden.

Thorsten Fuchs 16.04.2016

8,5 Millionen Menschen leben und arbeiten in London. Sie alle kämpfen mit überhöhten Mieten, überfüllten U-Bahnen und dem täglichen Dauerstau. Jetzt will die Stadt Abhilfe schaffen: Herzstück des riesigen Projekts ist eine unterirdische Eisenbahnlinie. Ein Besuch auf Europas größter Baustelle.

08.04.2016
Top-Thema Personalisierung von Produkten - Gibt es kein normales Shampoo mehr?

Die Warenregale biegen sich unter einer Fülle von Produkten. Der Online-Handel setzt nach und treibt die Individualisierung des Konsums auf die Spitze: mit Turnschuhen, Müslis oder Möbeln, die der Kunde nach eigenem Gusto gestalten kann. Macht so viel Wahlfreiheit wirklich glücklich? Oder anders herum: Gibt es noch Produkte für normale Menschen?

Daniel Behrendt 09.04.2016
Anzeige