Startseite HAZ
Volltextsuche über das Angebot:

Ohne Russland geht es nicht

Vorsichtige Annäherung Ohne Russland geht es nicht

Nie seit dem Kalten Krieg hatte sich das Verhältnis zwischen Ost und West so abgekühlt wie im vorigen Jahr. Erst seit dem Terror in Paris gibt es eine neue Nachdenklichkeit. Inzwischen häufen sich Anzeichen für ein Auftauen der vereisten Positionen.

Voriger Artikel
Alles wird gut!
Nächster Artikel
Die verlorene Revolution

Politisches Tauwetter: Die EU und Russland nähern sich nach den Anschlägen in Paris wieder vorsichtig an.

Quelle: Shutterstock

Das nennt man wohl einen Überraschungserfolg. Mit der Ausstellung "Russland und Deutschland - von der Konfrontation zur Zusammenarbeit" feierte der Berliner Martin-Gropius-Bau kurz vor dem Jahreswechsel hohe Besucherzahlen. Man sollte meinen, das renommierte Haus habe sich ein wenig in der Zeit vertan. Hätte der Titel nicht eher umgekehrt lauten müssen?

Zum Beispiel: Vom regen Handel zu harten Sanktionen? Angesichts von Wladimir Putins Abenteurertum auf der Krim und in der Ostukraine fällt es nicht leicht, einen wirklich entspannten Blick auf das Riesenreich im Osten zu werfen.

Gemeinsame Geschichte

Aber vielleicht lag der Gewinn der Präsentation ja gerade darin, dass sie so aus der Zeit gefallen schien. Sie erinnerte an die Tiefe der Beziehungen zwischen den beiden Ländern. An die Pflichten, die sich aus der tragischen Geschichte ergeben; an die jahrhundertelange gegenseitige Bereicherung in Musik, Literatur und bildender Kunst; an die unzähligen zwischenmenschlichen Kontakte.

Immerhin leben mehr als drei Millionen Menschen aus der früheren Sowjetunion in der Bundesrepublik. Und unzählige Reisende aus Deutschland erleben es spätestens seit der politischen Wende vor 25 Jahren selbst, überaus warmherzig in den kalten Regionen des Ostens empfangen zu werden. Russland ist eben mehr als der Kreml.

Dennoch geraten auch wohlmeinende Russland-Versteher derzeit immer wieder ins Schleudern. So unterzeichnete Putin eben erst ein Gesetz, wonach nun auch Religionsgemeinschaften Finanzquellen offenlegen müssen, wenn sie außerhalb Russlands liegen. Damit verstärkt sich eine unheilvolle Tendenz, da sich schon seit Jahren Nichtregierungsorganisationen als "ausländische Agenten" zu registrieren haben, wenn sie Zuschüsse aus Europa oder aus den USA erhalten.

Sorge vor Isolation

Ljudmila Alexejewa, die Grande Dame der russischen Bürgerrechtsbewegung, warnt vor einer immer weitergehenden Isolierung Russlands. Die 88-jährige Wissenschaftlerin befürchtet: "Die Obrigkeit will alle ausländischen Organisationen loswerden, damit wir im eigenen Saft schmoren."

Ob sich die rückwärtsgewandte Strategie des Kremls auf Dauer durchhalten lässt, ist allerdings keineswegs ausgemacht. Das Ende der Sowjetunion liegt bereits ein Vierteljahrhundert zurück. Für die junge Generation ist "das feindliche Ausland" eher ein Kapitel fürs Geschichtsbuch oder die Erzählungen von Eltern und Großeltern.

Viel, aber nicht nur Propaganda

Die Selbstbeschränkung im digitalen Zeitalter gestaltet sich ohnehin schwierig. Die Russen sind nicht nur reisefreudig, sie gelten auch als überaus internetaffin. Facebook und Twitter haben nicht deshalb in Russland einen schweren Stand, weil sie in Kalifornien betrieben werden, sondern weil es eigene populäre soziale Netzwerke wie "vk.com" gibt.

Die russische Regierung gibt sich alle Mühe, die Menschen in den Einflussbereich ihrer eigenen Informationsmaschinerie zu bringen. Schicke Moderatorinnen und moderne Studios sollen den Eindruck unterstreichen, dass ein Umschalten etwa auf den Sender CNN aus den USA völlig unnötig ist.

Das russische Fernsehen liefert viel, aber nicht nur Propaganda. Westliche Beobachter nehmen in jüngster Zeit einen neuen, nachdenklichen Unterton wahr, etwa in der Debatte über Islamismus und Terrorabwehr: Anstatt wie üblich dem Westen Fehlverhalten vorzuhalten, stellte das russische Fernsehen der erstaunten Öffentlichkeit Frankreich als neuen Partner im Anti-Terror-Kampf vor.

Politisches Tauwetter

Auch von Putins Gesprächen mit Angela Merkel und Barack Obama am Rande des Klimagipfels in Paris berichteten die russischen Staatsmedien in auffallender Ausführlichkeit. Sind das, nach dem Frost der Ukraine-Krise, die ersten Zeichen eines Tauwetters?

Bislang legt der Westen Wert darauf, die Konflikte in der Ukraine und im Nahen Osten nicht zu vermengen. Die Sanktionen gegen Russland seien weiterhin notwendig, um der Ukraine beizustehen. Hinter vorgehaltener Hand ist aber sowohl in Berlin als auch in Washington zu hören, dass sich die Strafmaßnahmen wohl kaum über lange Strecken aufrechterhalten lassen. Eine vorsichtige Kehrtwende deutet Außenminister Frank-Walter Steinmeier an, der empfiehlt, Russland bei Gelegenheit wieder in den G-8-Gesprächskreis aufzunehmen.

Wie weit die Wiederannäherung führt, lässt sich noch nicht abschätzen. Aber unter Berliner Diplomaten am Werderschen Markt ist die Meinung fest verwurzelt, dass es ohne Russland eben nicht geht. Eine Erkenntnis, die bereits Otto von Bismarck den Deutschen ins Stammbuch schrieb: Nach seiner Zeit als preußischer Gesandter im Zarenreich sprach er gern vom "unzerstörbaren Reich russischer Nation". Das ungemein große Land sei mal ein Verbündeter, mal ein Kontrahent, müsse aber immer respektiert werden.

Herausforderung für Autokraten

Ohnehin ist das Bedürfnis, mit der anderen Seite einen Ausgleich zu finden, auch auf russischer Seite regelmäßig zu beobachten. Das gilt auch für Putin. Viele westliche Politikexperten bezweifeln, dass der Kremlherr von Beginn an auf eine Konfrontation mit dem Westen gesetzt habe. Und in Russland erinnert man noch heute gern an Putins Interview, das er unmittelbar vor seiner Wahl zum Präsidenten im Jahr 2000 der britischen BBC gegeben hatte: Russland sei fester Bestandteil der europäischen Kultur, ließ er damals wissen.

Dennoch ist unverkennbar, dass es 2002 zum Bruch kam als Bulgarien, Estland, Lettland, Litauen, Rumänien, die Slowakei und Slowenien in die NATO aufgenommen werden wollten. Mit der Allianz hielten schließlich nicht nur Soldaten Einzug. Auch Bürgerrechte, Meinungsfreiheit und unabhängige Beobachter wurden gestärkt. Putin dürfte die eigentliche Herausforderung für sein autoritäres Herrschaftssystem schnell erkannt haben.

Krisen auf beiden Seiten

Seine Gegenreaktionen mögen der Kanonenbootpolitik des 19. Jahrhunderts entsprungen sein, erweisen sich aus Moskauer Sicht aber als wirkungsvoll: Heute ziehen sich entlang der russischen Landgrenzen "eingefrorene Konflikte", die wie eine Brandmauer gegen die freiheitlichen Ideen des Westens wirken. Es stellt sich allerdings die Frage, wie lange sich die Spannungen durchhalten lässt.

Die russische Wirtschaft ist längst in eine schwere Rezession geschlittert. Und auch im Westen geht es turbulent zu: Die EU ächzt unter der Währungs- und Flüchtlingskrise, die USA sind weit von einem kraftvollen Wachstum entfernt. Vielleicht hatten die Kuratoren im Berliner Martin-Gropius-Bau bei der Planung der Ausstellung all diese Zusammenhänge im Blick. Vielleicht beherzigen sie auch nur ein altes Sprichwort: Ein guter Nachbar ist mehr wert als ein ferner Freund.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Top-Thema