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Warum Urlaub um die Ecke am schönsten ist

Mehr Nähe wagen Warum Urlaub um die Ecke am schönsten ist

Wie Getriebene jetten wir in den Ferien um die halbe Welt. Die Suche nach dem Urlaubsglück gerät zum Stressfaktor – dabei wollen wir doch eigentlich durchatmen. Hatten unsere Großmütter doch recht, als sie uns die schönen Ecken im eigenen Land ans Herz legten? Ein Plädoyer für die Sommerfrische.

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Einerseits sehnen sich viele nach Entschleunigung, andererseits boomen Fernreisen mit Langstreckenflug und maximaler Erlebnisdichte: Warum nicht mal am Badesee Urlaub machen statt auf Bali?

Quelle: iStock

Es ist noch keine Ewigkeit her, da kamen Reisewarnungen vor allem von besorgten Großmüttern: "Kinder, warum fahrt ihr um die halbe Welt? Deutschland hat doch auch so schöne Ecken!" Urlaub in Deutschland? Wir dachten unverzüglich an miefige Fremdenzimmer mit Häkeldeckchencharme, an abgezählte Jagdwurst- und Goudascheiben auf dem Frühstücksteller, an FKK-Kolonien mit vereinsmäßig organisierter Gruppenbespaßung. Gruselig.

Die Großmutter hingegen fürchtete, den Kindern würden im ach so fernen Fernen Osten Heuschrecken und junge Hunde aufgetischt und die gerade volljährige Enkelin könnte auf dem Interrail-Trip ihre Unschuld an einen südländischen Fremden verlieren.

Heute jetten die Großmütter selbst um die Welt. Und wir, auch nicht mehr so jung, sprechen immer häufiger davon, dass wir wahnsinnig gerne mal wieder so richtig langsame, altmodische Sommerfrischeferien machen würden. Im Alpenvorland oder am Ostseestrand. Im Harz oder im Schwarzwald. Wir sprechen über unsere Sehnsucht nach kurzen Wegen und nahen Zielen – nach Großmutters netten Ecken.

Schwärmen von der Stille

Wir schwärmen von der Hütte im Allgäu, von Stille, Natur, einem Sprung in den kühlen, klaren Bergsee vor der Tür. Von beglückender Ereignislosigkeit, Zeit für ein Buch, für ein Schwätzchen mit dem Bauern nebenan oder einfach für wohlverdiente Faulenzerei. Wir träumen von einem ehrlich-erdigen Wellnessgefühl, das uns kein Fünf-Sterne-Spa auf Bali bescheren kann. Und fahren dann doch wieder ganz weit weg.

Heutzutage kommen die Reisewarnungen aus dem Auswärtigen Amt, und sie haben weitaus Gravierenderes zum Gegenstand als eine vage Furcht vor fremden Menschen, anderen Sitten und exotischem Essen. Sie warnen vor Terroranschlägen, vor dem Risiko, Opfer einer Entführung oder sexueller Gewalt zu werden. Das betrifft auch Ferienparadiese wie Ägypten, Tunesien oder die Türkei. Und selbst im Herzen Europas, in Paris, Brüssel und an Sonnenzielen wie der Côte d’Azur scheint sich der Reisende seiner Unversehrtheit längst nicht mehr sicher sein zu können.

Nicht, dass Terrorangst den Deutschen das Reisen vermiesen würde. "Zumeist normalisieren sich die Buchungen ein halbes bis ein Dreivierteljahr nach einem Anschlag wieder", sagt der Tourismusexperte Professor Bernd Schabbing. Terrorismus sei kein Phänomen, das Reisen in betroffene Regionen grundsätzlich und dauerhaft infrage stellen würde.

Terrorangst und neue alte Lieblingsreiseziele

"Problematisch wird es allerdings, wenn der Terror ein Land nicht mehr zur Ruhe kommen lässt", gibt Schabbing, der an der International School of Management in Dortmund lehrt, zu bedenken. "Das kann das Image einer Ferienregion so sehr beschädigen, dass die gesamte Wirtschaft eines Landes in Mitleidenschaft gezogen wird, wie wir es derzeit etwa in Ägypten erleben."

Während Ägypten, Tunesien und in diesem Sommer vor allem die Türkei mit terrorbedingtem Gästeschwund zu kämpfen haben, zieht die massentouristische Karawane weiter: Allzeitfavorit Spanien erfreut sich neuer Buchungsrekorde und wird einmal mehr beliebtestes Reiseziel der Deutschen. Auch Italien und Portugal sind gefragt wie selten und griechischen Inseln sind wieder rege nachgefragt. Jedenfalls jene, wo es eher unwahrscheinlich ist, dass direkt neben der eigenen Strandliege ein Boot mit verzweifelten Flüchtlingen anlandet.

Wettrennen um die Ultralangstrecke

So richtig weit weg läuft sogar noch besser. Exotische Ziele wie die Karibik und Ostasien sind längst nicht mehr nur für Wohlhabende erschwinglich. Thailands Höhepunkte in 23 Tagen für 1600 Euro (all-inclusive, versteht sich), zehn Tage abschalten auf Mauritius für 1200 Euro: Bei solchen Konditionen werden Traumziele auch für Durchschnittsverdiener zur erwägenswerten Option.

Passend zum Fernreiseboom liefern sich die Flugzeugbauer Boeing und Airbus einen Wettstreit um Reichweite. Längst gehört es für viele zum Urlaub, sich für einen Zehn- oder Zwölf-Stunden-Flug in die Holzklasse zu zwängen. Die Reiseavantgarde erprobt derweil schon mal die sogenannte Ultralangstrecke, auf der Boeing mit dem "Worldliner" 777-200LR die Nase vorn hat. Knapp 17 500 Kilometer kann diese Spezialversion der "Triple Seven" ohne Zwischenlandung zurücklegen.

Die arabische Fluggesellschaft Emirates will mit dem ausdauernden Jet demnächst die rund 13 800 Kilometer lange Route Dubai-Panama City nonstop bedienen, die australische Airline Qantas ab kommendem Jahr gar die noch längere Strecke Sydney–London. Rund 19 Stunden wird dieser dann längste Nonstopflug der Welt voraussichtlich dauern. Eine deutliche Zeitersparnis gegenüber den bisherigen Umsteigeverbindungen, aber auch eine beträchtliche Herausforderung an Geduld und Sitzfleisch der Passagiere.

Urlaubsstress statt Entschleunigung

Was Reisende nicht alles auf sich nehmen, um ihren Hunger nach beständig neuen Urlaubsabenteuern zu stillen! Es sind womöglich nicht wenige darunter, die sich "weniger Stress" und "mehr Zeit für mich, meine Familie und meine Freunde" wünschen. 62 Prozent der Deutschen haben sich laut einer Forsa-Umfrage für dieses Jahr Entschleunigung und Besinnung auf sich und ihre Nächsten verordnet.

Beißen sich derartige Vorsätze nicht mit einer stundenlange Anreise, einem ambitionierten Besichtigungsprogramm, nächtlichem Strandpromenadenlärm, etwaigen Sprachbarrieren, klimabedingten Kreislaufbeschwerden und dem täglichen Kampf um die besten Bissen am Büffet? Verführerisch gestaltete Lifestyle-, Genuss- und Entschleunigungsmagazine wollen den Weg aus diesem Dilemma weisen. Sie propagieren schon seit Jahren den sanften, naturverbundenen und kerosinfreien Tourismus "um die Ecke".

Blättert man in solchen Zeitschriften, schwelgt in den so hinreißend wie klischeehaft bebilderten Dossiers, macht man Bekanntschaft mit romantischen Gutshäusern in Mecklenburg-Vorpommern, Käseseminaren im Karwendel, Wanderungen über den Harzer Hexenstieg oder Radtouren entlang des "Grünen Bandes", der weitgehend naturbelassenen einstigen innerdeutschen Grenze.

Sonne, Strand – und möglichst billig

Tatsächlich jedoch scheint Deutschland für das Gros der Deutschen noch keine wirkliche Alternative zu fernen Sehnsuchtszielen zu sein. Abgesehen von den boomenden Feriengebieten an Nord- und vor allem Ostsee sowie den allzeit beliebten bayerischen Alpen gingen die Inlandsbuchungen 2015 gegenüber dem Vorjahr bundesweit zurück: von 37 auf 32,2 Prozent. "Das wundert mich nicht, schließlich ist Urlaub in Deutschland vergleichsweise teuer – zumindest gemessen an so manchem All-inclusive-Angebot im Mittelmeerraum", meint Tourismusexperte Bernd Schabbing.

Dem Einwand, dass sich hinter derartigen Schnäppchen oftmals nichts als touristische Massenabfertigung verbirgt, misst der Reisefachmann nicht allzu viel Bedeutung bei: "Die meisten erwarten von ihrem Urlaub die altbewährte Kombination Sommer, Sonne, Strand und Meer. Das alles finden sie bei solchen Pauschalreisen zu unschlagbaren Preisen."

Kleine Fluchten zu Badesee und Biergarten

Wer notfalls auch ohne Strand und Schönwettergarantie auszukommen imstande ist und sich außerdem nicht der Erwartung unterwirft, dass die Urlaubswochen um jeden Preis die außergewöhnlichsten und aufregendsten des Jahres zu sein haben, findet Momente des Innehaltens und Durchatmens womöglich noch preisgünstiger und unkomplizierter am Badesee oder im Biergarten um die Ecke – und kulturelle Offenbarungen bei einem Besuch des örtlichen Kunstmuseums.

Nicht, dass derart kleine Fluchten das Abenteuer einer großen Reise ersetzen sollten und könnten. Aber sie können das Bewusstsein schärfen. Dafür, wie wenig mitunter genügt, um wieder mal ganz bei sich anzukommen und das Dasein entspannt und in vollen Zügen zu genießen. Denn die fruchtbarste Reise findet im Inneren statt. Es ist die Reise zum Ich. Sollen sich doch andere überbieten im Wettstreit um zurückgelegte Kilometer, abgehakte Sehenswürdigkeiten und maximal imposante Urlaubsschnappschüsse.

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