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Was von der Kohle übrig bleibt

Schmutziges Bergbaugeschäft Was von der Kohle übrig bleibt

Mountaintop Removal – so nennt sich eine besonders rücksichtslose Methode des Kohleabbaus in den USA. Ganze Berge werden in die Luft gesprengt, damit der Brennstoff möglichst einfach ausgebeutet werden kann. Ausgerechnet deutsche Banken und Energiekonzerne investieren in den schmutzigen Bergbau.

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Ganze Berge werden in den Appalachen in die Luft gesprengt, damit die Kohle darunter möglichst kostengünstig abgebaut werden kann. Zurück bleiben Mondlandschaften – und Tausende schwer erkrankte Menschen.

Quelle: dpa

Eine malerische Landschaft. Als wären die Berge der Appalachen von unsichtbarer Hand modelliert, erheben sie sich in immer gleiche Höhe, in immer gleichem Abstand. In diesen sonnigen Frühlingstagen leuchten ihre Kuppen in diversen Blau-, Grau- und Brauntönen, dazwischen schimmert junges Grün. Ein besonderer Zauber liegt über der Natur hier unten tief im Süden von West Virginia, zu jeder Zeit, nicht nur im weltberühmten, prachtvollen "Indian Summer".

Die Schönheit der Region lässt die Umweltkatastrophe fast vergessen: Der Bergbau zerstört und vergiftet weite Gebiete dieses Paradieses. Wer in Ortschaften wie dem 17 000-Seelen-Städtchen Beckley zu Hause ist, lebt gefährlich. Als Ureinwohner von Beckley bezeichnet sich Chuck Nelson. Der Bergarbeiter war fast 30 Jahre in der heimischen Kohleindustrie tätig, ebenso wie sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater.

Gesundheitlich ist Nelson stark angeschlagen. Dass er gerade erst 59 Jahre alt geworden ist, würde wohl kaum jemand vermuten. Äußerlich erscheint Nelson wie ein Greis. Seine Bewegungen sind langsam, Kurzatmigkeit lässt selbst die kleinsten Wege zur Herausforderung werden. Den ersten Bypass erhielt der Frührentner mit Anfang vierzig, vor wenigen Wochen kam er wieder unters Messer. Die Diagnose: Staublunge.

Bergkuppen werden weggesprengt

Ungeachtet seiner schlechten Gesundheit zeigt sich Nelson überaus kämpferisch und protestiert gemeinsam mit alten Freunden und Bekannten gegen die brutalste Form des Bergbaus – das sogenannte Mountaintop Removal. Das Verfahren könnte man ebenso gut auch als das Köpfen von Bergen bezeichnen: Um sich den aufwändigen Bau von Stollen und Schächten zu sparen, sprengen die Rohstoffkonzerne die Bergkuppen kurzerhand weg, kippen den Abraum in die Täler und fördern die Kohle im wirtschaftlicheren Tagebau.

An diesem Vormittag fährt Nelson mit seinem altersschwachen Geländewagen den Pax-Berg unweit von Beckley hinauf. Der verschlungene Weg gleicht eher einem Trampelpfad als einer Straße. Über die Verkehrssicherheit macht sich hier offenbar kaum jemand Gedanken. Auf der einen Seite des Weges fällt das Gelände steil ab, auf der anderen Seite erhebt sich der Berg mit schroffem Felsgestein.

Gefährlich sind vor allem die Stellen, an denen sich das Regenwasser tief in die Trasse gräbt und Bodenspalten hinterlässt, die so manchem Fahrer den Atem stocken lassen. Über die Sorgen seines Begleiters kann Nelson nur herzhaft lachen: "Wir brauchen ordentlich Schwung, dann kommen wir da schon rüber."

Chuck Nelson (rechts stehend) hat 30 Jahre als Bergmann gearbeitet.

Chuck Nelson (rechts stehend) hat 30 Jahre als Bergmann gearbeitet. Heute ist seine Gesundheit durch Staub und Gifte ruiniert. Mit anderen Einwohnern der Bergbaustadt Beckley will Nelson auf die dramatischen Folgen des Mountaintop Removals aufmerksam machen.

Quelle: dpa

Nach einer viertelstündigen Auffahrt lässt Nelson den Wagen auf einer kleinen Lichtung stehen und geht langsamen Schrittes bis zur letzten Anhöhe. Zuerst scheint es, als wolle er den höchsten Punkt erreichen, um die schöne Aussicht zu genießen. Doch dann ändert sich die Landschaft abrupt: Sie gleicht einem Berg, der mit einem scharfen Messer halbiert worden ist.

Tief unterhalb der Stelle, an der Nelson innehält, erstreckt sich ein Geröllfeld. Dort, wo eigentlich der nächste Berg aufragen müsste, ist nichts als eine graue flache Ebene. Als wäre der Anblick nicht bedrückend genug, sagt Nelson: "Wenn man hier zu Fuß unterwegs ist, lässt sich das eigentliche Ausmaß der Zerstörung höchstens erahnen." Eindrucksvoller sei es, das Areal mit einem Kleinflugzeug zu überfliegen.

Auch ein Blick auf "Google Earth" im Internet sei hilfreich, um zu erahnen, wie großflächig die Zerstörung inzwischen sei: Mehr als 500 Bergkuppen seien gesprengt und diverse Täler zugeschüttet worden. Mehr noch: Bergflüsse auf einer Länge von mehr als 3000 Kilometer wurden verschüttet, etwa 7000 Quadratkilometer Wald gingen verloren.

Mitverantwortlich: Eine RWE-Tochter

Die gewonnene Steinkohle wiederum dient angesichts der niedrigen Gaspreise in Amerika immer weniger der einheimischen Versorgung, sondern wandert zumeist in den Export. "Vielleicht sollten sich die Kunden aus Deutschland mal anschauen, wie sie zur Zerstörung der Appalachen beitragen", sagt Nelson.

Tatsächlich sind es nicht zuletzt deutsche Stromkonzerne, die sich inmitten der Energiewende mit den fossilen Rohstoffen aus West Virginia eindecken. So geht aus dem RWE-Geschäftsbericht hervor, dass der Essener Konzern weiterhin Miteigentümer ausgerechnet des Unternehmens ist, das als Hauptverantwortlicher des Mountaintop Removal gilt – Blackhawk Mining. Und in einer Studie des Wirtschaftsnachrichtendienstes Bloomberg wird ausdrücklich die Deutsche Bank als Kreditgeber für die umstrittenen Projekte aufgeführt.

Hohe Krebs- und Missbildungsraten

Die unmittelbaren Gefahren für die Bewohner von Beckley liegen auf der Hand: Aus dem Abraum fließt eine Brühe ab, die mit Blei, Eisen, Schwefel und anderen Schwermetallen belastet ist. Das vergiftete Wasser mündet ungefiltert in Flüsse und Grundwasser.

"Auf dem Land ist es ja eigentlich üblich, einen eigenen Brunnen zu betreiben. Aber wer diese Tradition fortsetzt, lebt gefährlich." Und mit einer gehörigen Portion Sarkasmus fügt Nelson hinzu: "Wir regen uns über die Chemiewaffen in Syrien auf und nehmen zu Hause die schleichende Vergiftung mit einem Schulterzucken hin."

Es mangelt nicht an entsprechenden Studien, die die Sorgen des einstigen Bergmanns bestätigen: Erst kürzlich zeigten Langzeitbeobachtungen der West Virginia University die hohen Krebs- und Missbildungsraten rund um die Abbaugebiete auf. Wer im Schatten der verwüsteten Berge lebt, leidet doppelt so häufig an schweren Krankheiten wie Menschen aus dem Norden des Bundesstaates. Die Wissenschaftler sehen die Ursache vor allem im Feinstaub, der durch die Sprengungen verursacht wird, und in den Schwermetallen, die in die Böden gespült werden.

Gefährliche Schwermetalle: Aus dem Abraum werden Gifte ins Grundwasser der umliegenden Gegend gespült.

Gefährliche Schwermetalle: Aus dem Abraum werden Gifte in Flüsse und Grundwasser der umliegenden Gegend gespült.

Quelle: National Memorial for the Mountains / CC BY 2.0

Nelson und seine Freunde sind angesichts dieser Erkenntnisse mit ihrem Widerstand nicht allein: So spendete der Geschäftsmann und frühere New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg vor vier Jahren 50 Millionen Dollar an die Umweltorganisation Sierra Club. Die renommierten Aktivisten stehen an vorderster Front im Kampf gegen die Kohle. Vor wenigen Monaten legte Bloomberg noch einmal nach und spendete weitere 30 Millionen Dollar. Nelson zeigt sich von diesen Zahlen allerdings wenig beeindruckt: "Seit Jahrzehnten werden die Menschen und deren Heimat ausgebeutet. Ich frage mich, warum dieses Drama so lange anhält."

Das Verhältnis zwischen den Einwohnern von West Virginia und der Bergbauindustrie ist nicht so leicht zu verstehen. In der strukturschwachen Region sind die gut bezahlten Jobs im Bergbau begehrt, die Umweltschützer erscheinen vielen Nachbarn als Querulanten. Gleichzeitig fließt der Löwenanteil der Profite in die Zentralen der Bergbaukonzerne fernab der Region, während West Virginia – neben Mississippi – als ärmster Bundesstaat der USA gilt.

Thema für einen Grisham-Roman

Es ist die beispiellose Vergewaltigung von Mensch und Natur, die sich auch der Bestsellerautor John Grisham zum Thema gemacht hat. Eng an die Faktenlage angelehnt, zeichnet der Schriftsteller und Jurist in seinem neuen Roman "Anklage" (mit dem Originaltitel "Gray Mountain") ein bedrückendes Bild von den Machtverhältnissen in dieser menschenarmen Region. Grisham wird nicht müde zu betonen, dass Politik und Kapital im Süden von West Virginia eine unselige Allianz eingegangen seien.

In der Hauptstadt von West Virginia will man von derartigen Vorwürfen nichts wissen. Angehörige der republikanischen Partei sprechen von einem Krieg gegen die Kohle: Mit immer strengeren Umweltschutzauflagen würde der demokratische Präsident Barack Obama die Menschen in die Armut treiben. "Wir denken, diese Regeln sind eine Katastrophe für die Verbraucher", sagt Patrick Morrisey.

Der 48-jährige Justizminister von West Virginia hält den Streit um das "Mountaintop Removal" für einen Propagandafeldzug der Washingtoner Regierung. Gemeinsam mit mehreren anderen Bundesstaaten reichte Morrisey Klage ein, um eine Anhebung der Emissionsgrenzen zu erreichen. "Es wird Zeit, dass wir uns gegen die Agenda von Präsident Obama wehren", sagte der Justizminister zu Beginn des Prozesses.

"Rückgrat unserer Staatlichkeit"

Der ehrgeizige Politiker ist für seine harte Haltung bekannt. Als Sohn eines Managers aus der Stahlindustrie wuchs Morrisey mit Protesten von Aktivisten auf. Der Einfluss von Umweltschutzgruppen und Politikern, die sich gegen die Konzerne stellten, sei ihm schon damals zuwider gewesen: "Amerika ist ein Land der Macher und nicht ein Land der Verhinderer."

Obwohl West Virginia eher zu den kleineren Bundesstaaten zählt, liegen die Konflikte in den Kohlegruben für Morrisey relativ weit weg. Sein Amtssitz in Charleston erscheint Außenstehenden eher wie eine Idylle. Das Gebäude, in dem der "Attorney General" residiert, bietet einen herrlichen Blick: In Richtung Süden ist der breite Kanawha-Fluß zu sehen, der sich gemächlich durch die Metropole zieht. Und im Osten erhebt sich das eindrucksvolle Kapitol – erbaut im italienischen Renaissancestil mit vergoldeter Kuppel.

Gern spricht Morrisey, der selbst erst vor zehn Jahren in diese Bergwelt zog, über die Besonderheiten der amerikanischen Geschichte. West Virginia war der einzige Bundesstaat, der während des Bürgerkriegs entstand. Die Unionstruppen hätten damals erbittert um die Region gekämpft, da die hiesige Kohle für die Rüstungsindustrie von enormer Bedeutung gewesen sei. Für Morrisey steht daher fest: "Damals wie heute sind die Rohstoffe das Rückgrat unserer Staatlichkeit."

Vor allem im Herbst, beim "Indian Summer", entfaltet das waldreiche Mittelgebirge seinen Zauber. Doch der Bergbau verwandelt die Höhenzüge zunehmend in Ödland.

Vor allem im Herbst, beim "Indian Summer", entfaltet das waldreiche Mittelgebirge seinen Zauber. Doch der Bergbau verwandelt die Höhenzüge zunehmend in Ödland.

Quelle: Cameron

Zu den Verteidigern des "Mountaintop Removal" zählt auch der langjährige Senator Mitch McConnell aus dem Nachbarstaat Kentucky: "Obamas Plan wird Arbeitsplätze vernichten und Familien, die es jetzt schon schwer haben, ihre Rechnungen zu zahlen, in den Ruin treiben." Die Kohleschätze, die im Erdreich von Kentucky, West Virginia und Wyoming schlummern, seien ein Schatz Gottes, den es zu heben gelte. Angesichts der ungewöhnlich niedrigen Preise, die zurzeit für Öl und Gas gezahlt werden, dürfe es den Kohlearbeitern nicht zusätzlich schwer gemacht werden.

Fest steht: Die Konflikte reichen lange zurück. So kam es 1921 im Blair Mountain zu den größten Arbeiteraufständen in der amerikanischen Geschichte. Mehr als 10 000 Bergarbeiter streikten damals für menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Polizei und Armee verteidigten die Unternehmen und schossen mit Maschinengewehren auf die Bergleute, um den Widerstand zu brechen. Solche Methoden gehören glücklicherweise der Vergangenheit an. Von einem vernünftigen Dialog zwischen Bergbaufirmen und Anwohnern ist West Virginia aber immer noch weit entfernt.

Ein Lied von diesen Auseinandersetzungen kann Vivian Stockman singen. Die 52-jährige Bürgerrechtlerin ist bereits seit zwei Jahrzehnten in Umweltschutzgruppen aktiv, und wie es aussieht, dürfte dieses Engagement auch so schnell nicht enden. Als Koordinatorin der "Ohio Valley Environmental Coalition" (OVEC) ist sie regelmäßig kreuz und quer in den Appalachen unterwegs, um den Konzernen die Stirn zu bieten. Unzählige Demonstrationen, Sitzblockaden und Gerichtsverfahren liegen hinter ihr. Zu ihrem größten Helfer könnte sich nun ausgerechnet die Industrie selbst entwickeln: Angesichts der dramatisch gefallenen Preise für Erdöl und Erdgas erscheint der Kohleabbau vielen Unternehmen zurzeit nicht als profitabel.

Die Klimaziele sind vorerst vom Tisch

Mehrere Firmen meldeten im vergangenen Jahr Insolvenz an, und diverse Projekte wurden gestoppt. Von Zufriedenheit ist bei Stockman dennoch wenig zu spüren: "Es ist nur ein kleines Trostpflaster. Sobald die Preise wieder steigen, steigt auch wieder die Kohleproduktion." Zumindest gebe es eine Atempause, die die Menschen vielleicht zum Umdenken bewegen könnte. So viel Optimismus bringt der frühere Grubenarbeiter Nelson nicht auf: "In früheren Jahrzehnten wurden wir Bergarbeiter ausgebeutet. Heute rauben Konzerne und Politiker uns unsere Zukunft – und die unserer Kinder."

Tatsächlich sind die ehrgeizigen Klimaschutzziele, für die Präsident Obama 2015 beim Klimagipfel in Paris so engagiert gekämpft hatte, zumindest in den USA vorerst vom Tisch. Der Oberste Gerichtshof in Washington gab kürzlich Morriseys Klage statt: Bis auf Weiteres dürfen die Kohlekraftwerke von den Umweltschutzbehörden nicht gezwungen werden, ihren Kohlendioxidausstoß deutlich zurückzufahren. Es wird wohl noch so mancher imposanter Appalachen-Gipfel enthauptet werden.

Interview mit Sebastian Rötters, Klima- und Energieexperte
Sebastian Rötters

Sebastian Rötters ist Klima- und Energieexperte des Umweltschutzvereins PowerShift, der unter anderem den "schmutzigen" Kohleabbau in den Appalachen anprangert.

Quelle: privat

"Auch die Stromkunden sind schuld"

Herr Rötters Anwohner der Bergbauregionen in West Virginia werfen deutschen Stromkonzernen vor, zu wenig nach der Herkunft ihrer Rohstoffe zu fragen. Was halten Sie von diesen Vorwürfen?
Deutschland ist nicht verantwortlich für das umstrittene Moutaintop-Removal-Verfahren. Aber deutsche Stahlerzeuger und Stromkunden besitzen eine Mitveranwortung für die Produktionsbedingungen. Vor allem die Stromanbieter stehen in der Pflicht, sich über die Abbaumethoden zu informieren. Sie müssen sicherstellen, dass ihre Lieferkette sauber ist.

Steht Ihre Organisation in Kontakt zu den Betroffenen in den Bergbauregionen?
Wir arbeiten seit einigen Jahren mit den Organisationen Keepers of the Mountains und Rainforest Action Network zusammen und haben bereits mehrfach Betroffene aus den Appalachen eingeladen. Darüber hinaus stehen wir in regelmäßigem Austausch mit anderen Organisationen, die zum Thema Mountaintop Removal arbeiten. Alle sind überrascht, dass gerade Unternehmen aus dem Energiewendeland Deutschland in solche Geschäfte verwickelt sind.

Immer wieder haben deutsche Banken versichert, bei der Kreditvergabe an Bergbauunternehmen auf den Umweltschutz zu pochen. Auch die deutschen Stromkonzerne haben sich zur Energiewende verpflichtet. Sehen Sie weiteren Handlungsbedarf?
Tatsächlich sind mehrere große Geldhäuser aus der Finanzierung von rücksichtslosen Abbaumethoden ausgestiegen. Bei der Deutschen Bank ist aber zu beobachten, dass dieses Umdenken halbherzig ist. Nach unseren Informationen werden Unternehmen wie Blackhawk Mining, die maßgeblich am Moutaintop Removal beteiligt sind, weiterhin mit Krediten ausgestattet. Auch die hauseigenen Richtlinien der Deutschen Bank lesen sich windelweich. An Blackhawk Mining ist übrigens auch RWE beteiligt – wenn auch nicht mehr in dem Ausmaß wie vor einem Jahr.

RWE hat jüngst betont, besonders umweltgerecht zu produzieren. Wie passt das zusammen?
Im Ankündigen ist RWE ziemlich weit vorne, das zeigen schon die Werbeslogans der letzten Jahre. Aber wenn es um die Fakten geht, ist der Konzern noch immer der größte Klimakiller Europas, der einzige europäische Energiekonzern, der direkt an Mountaintop-Removal- Firmen beteiligt ist, und das Unternehmen, das bei Fragen zur Lieferkette immer auf den undurchschaubaren Weltmarkt verweist.

In den USA befindet sich die Kohleindustrie in der Krise. Wie kann Blackhawk Mining dann expandieren?
Angesichts der Konkurrenz durch Fracking-Erdgas und rapide sinkender Marktpreise mussten viele US-Kohlefirmen Insolvenz anmelden. Blackhawk nutzte den Niedergang und kaufte die Pleiteunternehmen für einen Schnäppchenpreis auf. Der Konzern spart sich die Verpflichtungen aus den Pensions- und Krankenversicherungen für die Mitarbeiter und setzt auf eine Markterholung. Das Geschäftsmodell ist eine Wette auf die Zukunft mit einem Energieträger von gestern.  

Wie kann Blackhawk inmitten der Kohlekrise das Geld für all die Zukäufe auftreiben?
Mitverantwortlich ist die Deutsche Bank. Mehr als eine Milliarde Dollar hat sich Blackhawk laut dem Nachrichtendienst Bloomberg seit 2012 geliehen, um zu expandieren – unter anderem von dem deutschen Geldhaus.

Sind die Selbstverpflichtungen der Unternehmen nur unverbindliche Absichtserklärungen?
Nein. Es gibt durchaus ein Umdenken. Die Bank of America, die Schweizer UBS oder BNP Paribas aus Frankreich haben erklärt, sich aus der Finanzierung des Mountaintop Removal Mining zurückzuziehen. Und einer der größten deutschen Kohleabnehmer, der Essener Stromversorger Steag, verzichtet vollständig auf derart produzierte Kohle.

Interview von Stefan Koch

Ein teurer Brennstoff: Deutschlands größte Kohlelieferanten
Kohletagebau in Kolumbien

Gewaltige Mondlandschaften: Kohletagebaue in Kolumbien.

Quelle: Google Maps

Kolumbien

Die Mine "El Cerrejón" ist der größte Kohletagebau der Welt, ein fast 70 000 Hektar großes Loch. Die Förderung der Steinkohle ist in australisch-britisch-schweizerischer Hand. Zehntausende Menschen wurden vertrieben, aus der fruchtbaren Region in Dürreregionen ohne sauberes Wasser. Tausende starben. Kolumbien ist Deutschlands größter Kohlelieferant.

Südafrika

Mit staatlichen Krediten sind 19 deutsche Unternehmen am Bau zweier Kohlekraftwerke am Kap beteiligt. Die Menschenrechte auf Wasser, Gesundheit und Nahrung werden dabei zum Teil erheblich gefährdet, hat das katholische Hilfswerk Misereor in einer Studie jüngst festgestellt.

Russland

Europa ist der größte Abnehmer russischer Kohle. Zum Alltag in den Abbaugebieten gehören Katastrophen wie die im westsibirischen Kemerowo: Der Bergbau hat den Fluss Mras-su in eine Kloake verwandelt. Das indigene Volk der Schoren kann nicht mehr von Fischfang und Jagd leben. 2013 brannten die Häuser von Familien nieder, die sich weigerten, zu Billigpreisen an die Bergbaugesellschaft zu verkaufen.

Polen

In Deutschland wird immer mehr Braunkohle verfeuert – und die kommt zum großen Teil aus Polen. An der Grenze zu Brandenburg sollen nun 13 Dörfer mit 3000 Menschen den Kohlebaggern weichen. Mehr als 10 000 Hektar groß ist der vom Energiekonzern PGE geplante Tagebau. Das richtige Signal in Zeiten des Klimawandels? Immerhin verursacht Braunkohle mehr Treibhausgase als jeder andere Brennstoffträger.

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