Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Top-Thema Weiß wie Schnee
Sonntag Top-Thema
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:38 23.12.2017
Weihnachtskarte aus der Sammlung Günther Hunger. Quelle: RND
Anzeige
Hannover

Leise schleicht er um die Häuser, sachte, ganz sacht. Er schaut in die Ställe und Schlafzimmer. Er stellt der Katze Milch hin. Die Sterne funkeln am Himmel, der Schnee leuchtet weiß. In einer solchen Nacht geben die Menschen Acht, dass das Feuer im Herd nicht erlischt. Und am Morgen finden die Kinder seine Fußstapfen im Schnee.

Laternenlicht über verschneiten Feldern. Ein Männlein mit weißem Bart und roter Mütze. Hoch liegt der Schnee in Astrid Lindgrens Bilderbuchklassiker „Tomte Tummetott“. Es sind Geschichten wie diese vom uralten Wichtel, der auf dem kleinen Bauernhof in Schweden den Frieden bewacht, die unser Ideal vom Winter prägen. Von tanzenden Flocken in einer Puderzuckermärchenwelt, von Kindern, die in warmen, geschmückten Häusern Geschenke auspacken, während der Frost draußen silbrige Kristalle auf die Fensterscheiben zaubert. Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?

Schnee. Ein Schalldämpfer aus gefrorenem Wasser für die laute Welt. Ein Mantel aus Licht für alles Schrundige und Hässliche, so weiß und rein wie unbeschriebenes Papier, wie ein wärmendes Federbett. Viele Trillionen Wassermoleküle verhaken sich um ein Staubkörnchen zu bizarren Eiskristallen, zu Nadeln, Plättchen oder Schneesternchen und schweben als Flocke zur Erde, leise wie menschlicher Atem: zehn Dezibel. Das Ticken einer Armbanduhr ist doppelt so laut wie fallender Schnee. Und auf der Erde verschluckt dann der frische Pulverschnee die Schallwellen. Sie finden aus dem Kristalllabyrinth nicht mehr heraus. Die Folge ist wunderbare Stille. Nur noch das Geräusch des eigenen Atems. Eishauch vor den Mündern.

Sei keusch wie Eis, sei rein wie Schnee, schrieb Shakespeare. Es liegt ein Zauber auf einer verschneiten Welt. Gerade zu Weihnachten ist der Wunsch nach Schnee groß. Denn die Sehnsucht nach Eindeutigkeit ist tief verankert in der menschlichen Seele. Eindeutig Sommer. Eindeutig Winter. Eindeutig Weihnachten. Und eindeutig bedeutet im kollektiven Bewusstsein eben nicht Nieselregen, sondern Schnee. Meteorologen sprechen von weißer Weihnacht, wenn an allen drei Festtagen morgens um 7 Uhr ein Zentimeter Schnee liegt. Und war das nicht früher immer so? Erzählten unsere Großeltern nicht, wie sie an Heiligabend zu Glockengeläut über knirschenden Schnee in die Kirche gingen? Und wird die Welt nicht immer wilder, wärmer und verrückter? Weit verbreitet ist der subjektive Eindruck, dass die Winter einst kälter und die Weihnachtsfeste der Nachkriegsjahre stets prachtvolle Buddenbrook-Idyllen voller Schneeballschlachten und klingenden Schlittenfahrten waren. Die Statistik sagt etwas anderes. Weiße Weihnachten? Höchstens alle fünf bis zehn Jahre mal. Der einzige deutsche Ort, an dem in den letzten 50 Jahren zu Weihnachten verlässlich Schnee lag, ist die Zugspitze.

Erinnerungen aber scheren sich nicht um Fakten. Je älter die Menschen sind, desto mehr gefühlter Schnee lag früher. Wintermomente verschmelzen im Gedächtnis zu einem Traum in Weiß. Eine Rodeltour im Februar 1971 mischt sich mit einem Schneemannbau 1976. In Werbung, Film und Fernsehen sind weiße Weihnachten die Regel, nicht die Ausnahme. Auch der Ski-Massentourismus hebt die Erwartungen an die heimische Winterpracht. Und über die Tatsache, dass Schnee auch Opfer fordert, dass Winter für Rettungsdienste und Autofahrer auch Stress und Gefahr bedeuten kann, legt sich ein beschönigender Schleier. Zauberbilder aus Märchenklassikern (Frau Holle!) mischen sich mit realen Erinnerungen, Erzählungen, Wunschträumen. Das Gehirn ist keine Kamera mit Speicherkarte. Es ist ein kraftvoller Manipulator der Wirklichkeit. Aus Erinnerungen macht es, was es will. Es korrigiert reale Erfahrungen nach Gutdünken – ein Effekt, der mit steigendem Alter zunimmt.

Wenn Tomte Tummetott also durch das stille Winterweiß stapft, dann stapft er durch unseren Traum vom perfekten Weihnachtsfrieden. Leise, ganz leise. Viele Winter und viele Sommer sah ich kommen und gehen. Geduld nur, Geduld! Der Frühling ist nah.

Und doch ist es wahr, dass weiße Weihnachten einst häufiger gewesen sein dürften – allerdings lange vor der Kindheit der heutigen Großelterngeneration: während der kleinen Eiszeit vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Den kraftvollen Mythos von weißen Weihnachten schufen die Träumer und Melancholiker der Romantik – in einer Zeit, die für den Kulturwissenschaftler Thomas Macho „ein viel intensiveres Verhältnis zum Winter hatte als andere Epochen“, wie er dem „Spiegel“ sagte. Bis um 1850 waren Weihnachtsmotive eher herbstlich geprägt. Ab 1860 wurden dann massenhaft Postkarten mit weißen Winterwunderwelten gedruckt; man feierte den Schnee, wie die Schweizer Dichterin Franziska Stoecklin, lyrisch als „zärtliches Grüßen der Engel“.

Die Ursachen für den Winterkult sind vielschichtig: Auswanderer schickten Grüße aus den Rocky Mountains, erste Touristen erkundeten die Alpen, Caspar David Friedrich malte berstende Eisschollen und reifweiße Baumgerippe. Und Gustave Flaubert seufzte, die „bleiche Wintersonne“ sei traurig „wie eine glückliche Erinnerung“. Das Idealbild vom schneereichen Winter prägt die europäische Folklore – bis heute.

Keine Symbolfarbe löst im kollektiven Bewusstsein der westlichen Kulturen so positive Assoziationen aus wie Weiß. Das Brautkleid. Das Taufkleid. Sauberkeit. Heiligkeit. Unbeflecktheit. Sachlichkeit. Klarheit. Das Licht der Aufklärung. Die weiße Flagge. Die weiße Taube. Frieden. Reinheit. Zauber. Neubeginn. Schnee als poetische Metapher für eine Verpuppung und Neuerfindung der ganzen Welt.

Die Erde in einen besseren Ort zu verwandeln – das ist ja die Grundidee des christlichen Weihnachtsfestes. Der Heilige Geist zeigte sich als weiße Taube, ein weißes Lamm steht symbolisch für Christus. Und unter der Schutzhülle des Schnees kann das Leben neue Kraft sammeln. Es wächst viel Brot in der Winternacht, / weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat; / erst wenn im Lenze die Sonne lacht, / spürst du, was Gutes der Winter tat. (Friedrich Wilhelm Weber).

Dabei ist Weiß, physikalisch gesehen, gar kein reines Nichts. Im Gegenteil: Weiß ist alles. In weißem Licht sind sämtliche Farben des Spektrums enthalten. Es ist die Summe des Regenbogens. In der Kunst hilft die „unbunte Farbe“, die Dinge auf das Wesentliche zu reduzieren. „Je enger unsere Beziehung zum Weiß, desto leuchtender wird unsere Welt“, sagt der japanische Grafikkünstler Kenya Ha. Die Farbe erlebt einen Boom in Kunst, Grafik und Indus-triedesign. Nur 3 Prozent aller Autos auf deutschen Straßen waren 1992 weiß. Heute sind es 30 Prozent. Weiß hat Silber als Trendfarbe der Neunzigerjahre fast völlig abgelöst. Der erste iPod, das iPhone 2007, Küchen, Trainingsanzüge, Kopfhörer – alles weiß. Je wärmer und schneefreier die Winter zu werden scheinen, desto weißer wird die Welt.

Doch die Sehnsucht nach Schnee bleibt bestehen. Nach den kleinen Flocken, diesen fragilen Mimosen der Natur, die sofort schmelzen, wenn menschliche Haut sie berührt. Niemand unterschätze die friedensstiftende Wirkung einer Schneedecke. Frost, friere mir ins Herz hinein / Tief in das heißbewegte, wilde! / Daß einmal Ruhe mag da drinnen sein / Wie hier im nächtlichen Gefilde, wünschte sich Nikolaus Lenau in seiner „Winternacht“. Es ist das, was den Zauber des Schnees ausmacht: die Möglichkeit der Ruhe. Eine Welt, in der nicht viel zu hören ist und nicht viel zu sehen außer Weiß. Und vielleicht, ganz selten mal, den Fußstapfen von Tomte Tummetott.

Von Imre Grimm

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Top-Thema Gehälter und Gleichberechtigung - Frauen verdienen mehr

Lohngleichheit gilt als Schlüssel zur Gleichberechtigung: In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg bekommen Frauen sogar mehr Gehalt als Männer. Ist der Osten hier Vorbild für die ganze Bundesrepublik?

15.12.2017
Top-Thema Debatte um Fleischverzicht - Es geht nicht um die Wurst

Wenn sich unsere Autorin in der Öffentlichkeit als Pescetarierin outet, muss sie sich meist dafür rechtfertigen. Das nervt nicht nur: Denn die Diskussionen über Fleischverzicht und Ersatzprodukte gehen am eigentlichen Thema vorbei.

16.12.2017
Top-Thema Die Arbeit der “Cold Case“-Ermittler - Der Kommissar der kalten Akten

Schon sein Vater war bei der Mordkommission – jetzt übernimmt Steven Baack Fälle, die über Jahrzehnte ungelöst blieben. Der 37-Jährige leitet die Ermittlungsgruppe “Cold Cases“ der Hamburger Polizei und kommt Tätern auf die Spur, die sich längst in Sicherheit wähnten.

08.12.2017
Anzeige