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Junge, komm nie wieder

Wetterchaos durch "El Niño" Junge, komm nie wieder

Wenn es im Ostpazifik zu heiß wird, kommt "El Niño" über die Welt und wirbelt das Wetter der Erde durcheinander. Der "Junge" bringt Dürre und Flut, riesige Brände und Wirbelstürme. Die Welt lebt seit Menschengedenken mit "El Niño" und seiner Zerstörungslust. Und kriegt ihn nicht in den Griff.

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Von dramatischen Dürren bis zu heftigen Überschwemmungen: "El Niño" wirbelt das Wetter auf der Erde durcheinander.

Quelle: RND

Zwei Hubschrauber der Küstenwache hatten sie zuerst gesichtet. Der Pilot des einen, Lieutenant Beau Belanger, war "verblüfft" von dem unfasslichen Anblick. Und von den Leuten beim Greater-Farallones-Meeresschutzgebiet konnte sich niemand erinnern, je etwas so Seltsames gesehen zu haben. Nicht einmal 100 Meter vom Strand entfernt, bei Pacifica, einer Stadt unweit von San Francisco, patrouillierten da am 16. Oktober 20 Weiße Haie im losen Verbund, der größte des Clusters ein Sechs-Meter-Fisch von Hollywood-tauglichen Ausmaßen.

Die meisten Surfer trauten sich nicht mehr ins Wasser an den folgenden Tagen. Spaziergänger hielten Ausschau nach den Rückenflossen der Haie. Es gab zu jenem Zeitpunkt keine toten Wal in der Gegend, was früher im Jahr schon mal ein paar der berüchtigten, gefräßigen "Großen Weißen" angelockt hatte. Der Meeresrand aber war so warm, dass sich Robben und Seelöwen in Strandnähe tummelten.

Und die weißgrauen Räuber, die zu dieser Jahreszeit immer aus den Tiefen des Ozeans auftauchen (weshalb man in der Bay Area auch vom "Sharktober- Fest" spricht), folgen ihrem Futter bis ins flache Wasser. Es ist ein Nebeneffekt von "El Niño", dem "Jungen" oder "Christkind". So haben peruanische Fischer die Strömungsanomalie getauft, die ihnen alle paar Jahre um Weihnachten herum leere Netze beschert. Noch nie hat "El Niño" so viel Schrecken verbreitet wie in diesem Jahr.

Was verändert sich in einem "El Niño"-Jahr?

Der Junge hat seine Kräfte systematisch aufgebaut. Fünf Monate in Folge muss das Meer im östlichen Pazifik nahe dem Äquator um 0,4 Grad wärmer sein – dann verändert sich das Klima im Ozean. Die sonst so verlässlichen Passatwinde flauen ab oder machen gar kehrt nach Osten. Die Winde, die in normalen Jahren warmes Wasser nach Asien pressen, lassen die Fluten stattdessen zurückschwappen nach Südamerika. Laues Wasser legt sich vor Peru über das nährstoffreiche kalte, das Plankton stirbt, die Fischschwärme wandern ab, Seevögel und Robben verhungern.

Alle zwei bis sieben Jahre geschieht dieser Umkehrschwung im Klimasystem bisher, berechenbar ist er indes nicht. In den vergangenen vier Jahren hatte die amerikanische National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) in jedem Frühjahr einen "El Niño" vorhergesagt – und lag immer daneben, sodass die "Washington Post" spottete, es käme ohnehin wieder nur "La Nada", ein Nichts. Aber in diesem hat die Menschheit den heißesten "El Niño" ihrer Geschichte erlebt. Bis zu sechs Grad über den Normalwerten lagen in einigen Äquatorgewässern die Temperaturen.

Manche tauften "El Niño" schon in "Godzilla" um, nach dem alles zertrampelnden, wolkenkratzergroßen Kinodrachen aus Japan: Der fürchterliche Zyklon "Chalapa" im bürgerkriegsgebeutelten Jemen, der Jahrhunderthurrikan "Patricia" vor Mexiko, die Dürren in Indonesien, Brasilien und am Horn von Afrika, die alles verschlingenden australischen Buschfeuer, Überschwemmungen und Ausnahmezustand in Ecuador, Schlammlawinen in Südkalifornien – all diese und noch viele andere unheil- und todbringende Phänomene gelten als Auswirkungen des Ausnahme-"Niño".

Missernten, Hunger und Seuchen

Der wird noch bis ins Frühjahr hinein alles durcheinanderbringen: Wer trockenes Wetter erwartet, bekommt Regen, wer viel Wasser braucht, erhält Trockenheit. Kaffeeernten in Vietnam gehen mangels Niederschlags verloren, Bananenplantagen in Südamerika werden nass, die Früchte sind – kommt Pilzbefall hinzu – zum Verrotten verurteilt. Die Zerstörungslust des "Jungen" kann dann auch der rosa und purpurne Flor der sonst knochentrockenen Atacamawüste nicht ausgleichen und auch nicht die Prognose eines milden (indes schneereichen) Winters für Kanadas Nordosten. Missernten, Hunger und Seuchen treffen Millionen Menschen.

Wie lange "El Niño" schon existiert, weiß niemand. Vermutet wird zwar, dass es in der Eiszeit zu kalt war, um die für "El Niño" nötige Wasserwärme zu erzeugen. Andererseits ist an der plötzlichen Blüte der chilenischen Wüste zu sehen, dass sich die Natur längst auf ihn eingerichtet hat. Was auf eine Existenz von zumindest mehreren hunderttausend Jahren schließen lässt. Die Inkas kannten das Ereignis, viele mittelamerikanische Kulturen litten unter seinem Einfluss, das Volk der Moche, das vom 1. bis 8. nachchristlichen Jahrhundert an der peruanischen Nordküste eine Hochkultur hatte und die höchsten Pyramidenbauten des alten Südamerikas schuf, verdankt wahrscheinlich einer durch "El Niño" verursachten Hungersnot seinen Untergang.

Die Atacama-Wüste blüht

Die Atacama in Chile gilt sonst als trockenste Wüste der Welt. Jahrelang in der Erde schlummernde Samen werden durch "Niño"-Regen zu Blumen.

Quelle: El Guille / CC BY 2.0

Manchem spielt "El Niño" auch in die Hände – zumindest vordergründig. In Indonesien beispielsweise werden immer mehr Anbauflächen für Akazien, Eukalyptus (zur Papier- und Zellstoffherstellung) und vor allem für die Ölpalme (Palmöl für Lebensmittel und Kosmetika) benötigt. Das illegale, aber behördlich geduldete Brandroden ist in normalen Jahren, wenn der Regenwald von Borneo in vollem Saft steht, nahezu unmöglich. Hat aber "El Niño" den Dschungel ausgezehrt, brennt er wie Zunder.

Schnell werden neue Anbauflächen geschaffen – schnell auch wird ein Fluch daraus. So hat sich 2015 die Katastrophe von 1997/98, dem Jahr des letzten großen "Niño", wiederholt. Die von Menschen gemachten Rodungsfeuer gerieten außer Kontrolle. 17 000 Quadratkilometer Land verbrannten bisher, ein Gebiet so groß wie Sachsen. Eine halbe Million Menschen bekam unter der gigantischen Rauchglocke lebensbedrohliche Atemwegsprobleme. Mehr als 1,7 Millionen Tonnen CO2 wurden ausgestoßen.

Hitzestau in den Meeren

Wie die offenbar immer stärker werdenden Ausnahme-Niños mit der Erderwärmung zusammenhängen, ist bislang nur wenig erforscht. "El Niño" wird nicht durch Erhitzung von oben ausgelöst, sondern durch Tiefenströmungen. Ein Herdplatteneffekt: 90 Prozent der Energie des Klimasystems stecken in den oberen 700 Metern Ozean, nur 10 Prozent in der Atmosphäre. Sicher aber ist, dass auf besonders starke "El Niños" zumindest eine zeitweilige globale Erwärmung der Atmosphäre folgt.

Denn die milde Oberflächenströmung kann die Wärme aus der Atmosphäre nur schlecht aufnehmen. Ein messbar größerer Teil der Energie bleibt so in der Luft – einer der Gründe, weshalb 1998 nach dem Super-"Niño" von 1997/98 das bis dahin wärmste Jahr auf Erden wurde. 2015 hat gerade nach diesem wärmsten Oktober aller (meteorologisch ausgewerteten) Zeiten gute Chancen, den Rekord zu brechen.

Dazu trägt derzeit ein ungewöhnlicher Hitzestau in vielen anderen Meeren bei. An der amerikanischen Westküste ist der Pazifik diesmal bis hinauf nach Kanada wärmer als sonst; das Nordpolarmeer, das europäische Nordmeer, das Mittelmeer, der Indische Ozean – alle sind sie viel zu warm für die Jahreszeit. Die Auswirkungen einer solchen nie zuvor erlebten Parallelität sind ungewiss. Als sicher gilt aber, dass auch sie das Wetter verändern werden. Der Deutsche Wetterdienst rechnet für die Zukunft mit einer "Verschärfung bestehender Anomalien".

Brandrodung in Indonesien

Die monatelange Dürre macht Brandrodungen auch im Regenwald möglich: 17 000 Quadratkilometer Land sind bisher in Indonesien verbrannt.

Quelle: dpa

Können Menschen da etwas tun? Könnte man einen Super-"Niño" zum Beispiel frühzeitig abkühlen? Das klingt nach einer Aufgabe für die stets im Großen denkenden Klimaingenieure. Die würden beispielsweise zur Eindämmung des Treibhauseffekts die Stratosphäre gern mit Unmengen Schwefels impfen, was Sonnenstrahlen reflektieren und darunter liegende Luftschichten abkühlen soll, ähnlich einem vulkanischen Winter. Der Einfluss auf das Meer und "El Niño" wäre allerdings eher gering. Und an den gewaltigen Meeresströmungen in 200 bis 700 Metern Tiefe Abkühlungsprozesse vorzunehmen ist nach heutigem Stand der Technik unmöglich. Wäre es machbar, müsste man allerdings auch Sorge haben, was die Eingriffe anderswo im noch längst nicht verstandenen Klimasystem der Erde auslösen.

Die Weißen Haie von Pacifica werden sich spätestens Ende des Jahres zurück in die Tiefen des Meeres verzogen haben. Die sanften Orang-Utans von Borneo und Sumatra dagegen sind für längere Zeit von "El Niño" gezeichnet. Sie husten, sind krank, abgemagert und traumatisiert. In seiner Auswilderungsstation auf Sumatra füttert Dr. Peter Pratje von der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt seine Schützlinge mit Honig, um ihr Immunsystem zu stärken.

Tierschützer auf Borneo holten in den Monaten der schlimmsten Brände Woche für Woche Orang-Utans aus der Feuerzone. "Es hat ausgesehen wie an Tagen in Deutschland mit dichtem Nebel", sagte Pratje in einem Pressegespräch. Auf die einheimischen Behörden vertraut er nicht. Die würden nur wegen der kranken Menschen etwas tun, sagte er in einem Pressegespräch. "Das schleichende Verschwinden der Wälder wird nicht thematisiert." Vor Kurzem hat Regen eingesetzt, den Helfern eine Atempause verschafft. Aber die Torfwaldfeuer, die bis zu 20 Meter in die Tiefe gehen, sind nur schwer zu löschen. Die Welt der Nebelparder und des Sumatra-Nashorns in Südostasien ist noch immer gefährdet.

Kommt nächstes Jahr "La Niña"?

Wie es weitergeht mit "Niño" 2015/16? Gerade in diesen Tagen scheint es, als könne sich der vermeintliche Godzilla als Fafner erweisen, immer noch ein sehr, sehr großer Drache, aber nicht größer als sein Vorgänger vor 17 Jahren. Der hat immerhin Schäden in Höhe von 34 Milliarden Euro angerichtet und 24 000 Menschen das Leben gekostet. Ein zweites Maximum im Frühjahr scheint eher nicht wahrscheinlich. Sechs der acht globalen Klimamodelle gehen davon aus, dass "El Niño" sich gerade jetzt, in den letzten Novembertagen, auf dem Höhepunkt seiner Kraft befindet und dass er sich in den kommenden Wochen austoben und bis Weihnachten leicht abschwächen wird.  

Der US-Wetterdienst "Weather Trends International" allerdings greift schon vor – mit einem neuen Schreckensszenario. Er prophezeit auf seiner Website im Gefolge von "El Niño" für 2016 die Ankunft eines Mädchens: "La Niña", das seltenere Gegenstück zu "El Niño", das – ausgehend von einer deutlichen Abkühlung des äquatorialen östlichen Pazifiks – die in normalen Jahren herrschenden Wettererscheinungen deutlich verstärkt. Alles wird möglich: neue Dürren, neue Überschwemmungen, neue Hurrikans in den USA. Eine "Niña" ist nicht ganz so schlimm wie der Junge, der ihr vorangeht. Sie gibt sich aber alle Mühe.

Von Matthias Halbig

Interview
Frank Böttcher

Frank Böttcher (47) ist Geschäftsführer des Instituts für Wetter- und Klimakommunikation in Hamburg, Wettermoderator und Buchautor. Soeben erschien die aktualisierte Neuausgabe seines Buchs „Klimafakten“ (mit Sven Plöger).

Quelle: www.wetterspiegel.de

"Wetter spüren wir, Klima ist Statistik"

Herr, Böttcher, das "Christkind" alias "El Niño" bringt allen was. Auch uns in Deutschland?
Für Deutschland ist die Wirkung schwach. Im Norden sind die Niederschläge in Wintern mit "El Niño" stärker als üblich. Gleichzeitig zeigen unsere Auswertungen, dass es in "El-Niño"-Jahren bei uns weniger häufig normal temperierte Winter gibt. Es wird häufiger deutlich zu mild oder deutlich zu kalt. Der zu kalte Nordatlantik stützt diese Kipplage. Kalte Winter kommen immer dann, wenn Sibirien und Nordosteuropa früh einwintern – also schon im Dezember tief verschneit sind – und wenn die Atlantiktiefs in Richtung Mittelmeer ziehen. Dann kann sich ein kalter Ostwind einstellen.  

Wird’s 2015/16 eher zu kalt oder eher zu warm?
Es gibt Computerprogramme, die die Entwicklung für die Wintermonate schon berechnet haben. Die Ergebnisse der letzten Wochen kommen zu dem einhelligen Ergebnis, dass uns ein sehr milder Winter bevorsteht. Das ist plausibel, aber keinesfalls sicher. Zünglein an der Waage werden vielleicht die Schneemengen in Nordosteuropa sein.

Jeder redet übers Wetter, der Klimawandel aber ist vielen egal. Wie kommt das?
Fast jeder, mit dem ich spreche, weiß inzwischen, dass sich unser Klima verändert. Klima ist aber ein abstraktes Thema. Wetter können wir sehen und spüren. Klima ist Statistik, ein Trend. Ein Grad mehr in 30 Jahren kann ich nicht spüren. Das macht es für Menschen sehr schwer zu verstehen, dass da draußen gerade große Veränderungen stattfinden.

Tornados, Supersommer – ist das Klimawandel?
An einem einzelnen Tornado kann die Wissenschaft den Klimawandel ebenso wenig festmachen wie an einem einzelnen Sommertag über 30 Grad. Gibt es aber plötzlich 20 statt zehn Tage mit 30 Grad, dann passt auch dieser eine Tag ins Gesamtbild. Da ändert sich offenbar das Wetter und damit auch das Klima.

Macht die Natur das mit?
Viele Pflanzen und Tiere haben es schwer: Seit der letzten Eiszeit sind die Wälder in Mitteleuropa im Schnitt um 100 Meter pro Jahr nach Norden "gewandert". Um mit der aktuellen Erwärmung in ihrem "Wohlfühlbereich" zu bleiben, müssten sie drei Kilometer pro Jahr nordwärts wandern. Sie können aber ihre Wurzeln nicht in die Hand nehmen. Viele Arten geraten unter Druck, manche sterben aus. Das Klima ist wie ein Haus, aus dem wir immer mehr Wände herausnehmen, ohne zu wissen, wann alles zusammenbricht. Was wir erleben, ist der schnellste CO2- und Temperatur-Anstieg in den letzten 1,2 Millionen Jahren.

Der Mensch kann seine Wurzeln in die Hand nehmen. Kommt eine Klima-Völkerwanderung?
Ja. Das wird geschehen. Auf den flachen pazifischen Inseln kann man zusehen, wie der Meeresspiegel steigt. Die Völkerwanderungen des Mittelalters wurden ja auch oft von Umweltfaktoren ausgelöst. Man wird sich dann oft fragen: Sind das Klima- oder Wirtschaftsflüchtlinge? Das wird aber Wortklauberei sein.

Was geschieht bei der Klimakonferenz in Paris?
Schwierig wird sein, die CO2-Ziele verpflichtend für die Staaten festzuschreiben. Mein Vorschlag: Für jede emittierte Tonne CO2 muss der Verursacher, also die Fabrik oder wir Autofahrer, eine gleiche Gebühr entrichten. Überall auf der Erde muss das gleich teuer sein. Das Geld fließt dann in einen internationalen Fonds, aus dem Klimaschutzprogramme finanziert werden. Dann muss sich der Betreiber eines Aluminiumwerkes auch nicht mehr Gedanken darüber machen, ob das Werk vielleicht von Deutschland nach Brasilien umzieht. Klar ist, dass aus der Klimakonferenz längst eine politische Wirtschaftskonferenz geworden ist. Die Verantwortung ist allen bewusst. Ich erwarte einen Geist der Verständigung zum Wohle der Menschheit. Jede Regierung kann jetzt positiv in die Geschichte eingehen.

Interview: Matthias Halbig

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