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Will Papa wirklich wickeln?

Vollzeitväter bleiben Exoten Will Papa wirklich wickeln?

Gibt es sie wirklich, die neuen, häuslichen Väter? Eher nicht. Zehn Jahre nach Einführung des Elterngeldes, bleibt die Familienarbeit weitgehend Müttersache – und die Männer glauben, dass zwei Monate Auszeit vom Job schon ein echter Beitrag zur Gleichberechtigung sind.

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"Viele Väter möchten sich gerne mehr um ihre Kinder kümmern", ist sich Familienministerin Manuela Schwesig sicher. Die Frage ist nur: Warum tun die meisten Männer das nicht, allen Anreizen zum Trotz?

Quelle: Getty Images

Ulf ist einer, der schon immer eigene Wege ging. Als wir anderen in die Fahrschule gingen, um pünktlich am 18. Geburtstag den Führerschein zu haben, blieb er zu Hause und las Bücher. Als wir in den Ferien zum ersten Mal mit dem Auto gen Süden aufbrachen, fuhr Ulf mit dem Rad nach Holland. Und als wir zum Studieren in alle möglichen Städte und Länder zogen, blieb Ulf daheim und machte eine Lehre.

Ulf fand dann eine Azubi-Stelle beim größten Mercedes-Händler der Stadt. So wurde er einer der ersten Kfz-Mechaniker, der die edlen Autos, die er reparierte, offiziell nicht mal fahren durfte. Es war noch nie ganz einfach zu entscheiden, ob Ulf nun Außenseiter oder Avantgarde war, Sonderling oder Vorreiter. Aber es ist sicher nur konsequent, dass Ulf der Einzige aus unserem alten Kreis ist, der wirklich Ernst gemacht hat mit der Vätersache.

Es war vor zwei Jahren, da kündigte Ulf seinen – er hatte dann doch noch studiert – gut bezahlten Job an der Hochschule, um sich um die Kinder und die Familie zu kümmern. Er war nicht mehr zufrieden. Nicht mit dem Job und nicht damit, abends um sieben per Whatsapp ein Bild von zwei winkenden Mädchen im Schlafanzug ins Büro geschickt zu bekommen. "Nach der Kündigung haben viele gesagt, sie fänden meinen Schritt mutig", sagt Ulf. "Dabei fand ich das gar nicht mutig. Ich fand das einfach nur logisch."

Der Hausmann bleibt Exot

Tatsächlich jedoch ist Ulf mal wieder ein Exot. Die alten Rollen zu tauschen, sich für ein Leben als Hausmann und Vater zu entscheiden, das ist im deutschen Männerbild nach wie vor nicht vorgesehen. In der großen Familienstudie, die das Allensbach-Institut im vergangenen Jahr für die Bundesregierung erstellt hat, sind es gerade mal 4 Prozent aller Männer, die nach dem ersten Kind überhaupt auch nur "in längerer Teilzeit" weiterarbeiten.

Die sich also zu dem gewaltigen Schritt durchringen, von 40 auf vielleicht nur noch 25 Stunden zu gehen. Mehr geht nicht. Es ist ein interessantes Gedankenexperiment, sich vorzustellen, was die Freunde gesagt hätten, wenn Ulf eine Frau wäre. "Mutig" wäre wohl eher nicht das Wort der Wahl gewesen. Eher schon: "logisch". Oder: "konsequent".

Man könnte ja manchmal meinen, es habe in den letzten Jahren eine Revolution geben. Eine Väterrevolution. "Sind Väter die besseren Mütter?", "Die neue Vaterrolle" oder "Ich will nicht mehr der 15-Minuten-Papa sein", so und ähnlich steht es über vielen Artikeln. Es klingt, als hätten die deutschen Männer kollektiv ihre Liebe zu Feuchttüchern und Fläschchenwärmern entdeckt, statt im Konferenzraum die Umsatzcharts für das letzte Quartal zu erklären. "Viele Väter möchten sich gerne mehr um ihre Kinder kümmern", ist sich Familienministerin Manuela Schwesig sicher. Die Frage ist nur: Warum tun sie das dann eigentlich nicht?

Jeder Dritte wird "Zweimonatsvater"

Am 1. Januar hat das Elterngeld Geburtstag. Es wird dann genau zehn Jahre alt. Das Elterngeldgesetz regelt, dass Mütter oder Väter nach der Geburt bis zu 1800 Euro im Monat bekommen, während sie sich ausschließlich um ihr Kind kümmern. Zu dem Gesetz gehört eine Art pädagogische Klausel zur Erziehung der Väter: Für die volle Dauer von 14 Monaten erhält man das Elterngeld nur, wenn sich auch die Väter für mindestens zwei Monate um den Nachwuchs kümmern. Zwei Monate. Um mehr geht es erst mal gar nicht.

In diesen zehn Jahren ist der Anteil derer, die den Schreib- für ein paar Wochen gegen den Wickeltisch eingetauscht haben, beständig gestiegen. Während zu Beginn nur jeder fünfte Vater Elternzeit nahm, ist es jetzt immerhin schon jeder dritte. Aber soll das wirklich schon ein Grund sein, die Männer zu feiern?

Zur Wahrheit gehört eben auch, dass zwei Drittel der Männer das Elterngeld einfach verfallen lassen. Vom anderen Drittel der Väter beschränkt sich wiederum die deutliche Mehrheit, rund 80 Prozent, auf das Minimum von zwei Monaten. Die "Zweimonatsväter" sind längst ein stehender Begriff in der Familienforschung. Ist das schon ein Grund, sich zu feiern?

Wenig Interesse an dauerhafter Teilzeit

Tatsächlich sieht die väterliche Wirklichkeit recht trübe aus. Selbst nach den zwei Monaten verfassen die Väter euphorisch Erlebnisberichte, als hätten sie gerade acht Wochen auf einem anderen Stern überlebt. Anschließend sind die meisten Männer in vielen Studien überzeugt, dass sie jetzt aber wirklich einen stattlichen Anteil der Hausarbeit übernehmen – während die Frauen zu Protokoll geben, dass ein noch größerer Teil als vor der Geburt bei ihnen hängen bleibt.

Und die eigene Vollzeitstelle ein wenig reduzieren? Ernst machen mit der immer wieder bekundeten Sehnsucht, sich Arbeit und Familie zu teilen? Nicht doch. Mit dem Elterngeld Plus will die Familienministerin neuerdings genau dies fördern: Beide, Mutter und Vater, gehen in Teilzeit – und erhalten dafür länger Elterngeld. Das Interesse daran ist bislang überschaubar: Im ersten Quartal 2016 haben sich nur 17,4 Prozent dafür entschieden. Gleichberechtigung: bislang Fehlanzeige.

Ulf, der alte Freund aus Schulzeiten, arbeitet jetzt vormittags ein paar Stunden in der Werkstatt. Dann geht er nach Hause, kocht Mittag, fährt die Kinder zum Sport, macht die Wäsche. Er verdient jetzt weniger als seine Frau. Ein Ego-Problem? Nein, sagt Ulf. "Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens."

Handfeste finanzielle Nachteile

Nur sind die Bedingungen für ihn, das sagt er selbst, vielleicht nicht repräsentativ. Schließlich gibt es bei ihm: eine Frau, die als Ärztin ohnehin mühelos aufstocken konnte. Die ihn für jedes Essen und jedes korrekt zusammengelegte T-Shirt lobt und nichts für selbstverständlich nimmt. Und dann ist da natürlich noch seine Übung im Gegen-den-Strom-Schwimmen.

Ulf kommt aus einer konservativen Familie. Um anzuecken, reichte es schon, bei der Hochzeit den Familiennamen seiner Frau anzunehmen. "Mein Mädchenname", so nennt er jetzt seinen ursprünglichen Nachnamen. Er hat längst aufgehört, sich an alten Konventionen zu stören.

Wenn die meisten Väter sich gegen Elternzeit und Teilzeit entscheiden, hat das ein paar handfeste finanzielle Gründe. Nirgendwo gehen zum Beispiel so wenige Männer in Elternzeit wie in Bremerhaven – einer Stadt, in der es viele gibt, denen ein paar Hundert Euro weniger im Monat ziemlich wehtun.

"Hausmänner erfahren eine Abwertung"

Aber wenn die Geschlechterrollen nach der Geburt eines Kindes doch immer noch ziemlich fünfzigerjahrehaft wirken, dann liegen die Gründe eben doch vor allem in den Köpfen der Männer. 38 Prozent von ihnen jedenfalls sagen, dass sie "berufliche Nachteile" befürchten und deshalb auf die Elternzeit verzichtet hätten. Gibt es diese Nachteile wirklich? Wohl kaum, sagen die meisten Studien.

Zur Wahrheit gehört wohl eher, dass manche Väter spätestens bei Anbruch der zweiten Stunde auf dem Spielplatz hinter vorgehaltener Hand zugeben, sich darauf zu freuen, am nächsten Tag wieder im Büro zu sein. Und als Partner einer erfolgreicheren oder mehr verdienenden Frau sind die meisten Männer eben noch immer schwer damit beschäftigt, sich weiter für einen Mann zu halten. "Hausmänner erfahren eine Abwertung", sagt die Soziologin und Paarforscherin Tomke König. Das muss man aushalten. Das kann nur leider nicht jeder.

Ulf hatte damit wenig Mühe. Als er die Nachmittagsbetreuung der Kinder übernahm, musste er unter anderem regeln, in den Mailverteiler für den Reitunterricht aufgenommen zu werden. "Liebe Reit-Mütter", stand bislang darüber. Er sei jetzt die neue Reit-Mutter, schrieb Ulf, und hätte auch gerne die Mails. "Liebe Reit-Eltern", steht jetzt darüber. Manchmal, sagt Ulf, muss man die Welt nur ein bisschen in die Richtung schubsen, in die man sie gern haben möchte.

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