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Wo die Deutschen den Krieg üben

Digitale Ausbildung bei der Bundeswehr Wo die Deutschen den Krieg üben

Das Handwerk des Krieges wird digitaler. Und wer es erlernt, lernt im virtuellen Raum. In Simulatoren. Aber sind Verteidigen, Kämpfen und Töten deshalb weniger wirklich? Besuch in den Kaderschmieden der Bundeswehr.

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Oder einfach geradeaus?

Bei der Schießausbildung an der Marineschule Stralsund fliegt keine Patrone durch die Luft – ein Rückstoß per Druckluft sorgt für möglichst reale Verhältnisse.

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Das Boot nähert sich auf Peilung 091, es kämpft sich durch die Wellen, wird von einer schweren See verdeckt, dann taucht es wieder auf.

Es ist nicht klar, wie viele Menschen an Bord sind. Aber man kann ahnen, was sie wollen. Ein Piratenboot, das rasch näher kommt.

„Batterie eins gefechtsbereit“, meldet Obermaat Daniel Voll, 23 Jahre alt.

„Drei Feuerstöße“, lautet der Befehl, den er in seinen Kopfhörern hört. Stange blickt starr auf den Bildschirm, die rechte Hand am Joystick, so verfolgt er das Boot mit dem kleinen Tracker auf dem Monitor. Dann, als er es genau im Visier hat, drückt er den roten Knopf an seiner Konsole. Drei Mal. Man hört Maschinengewehrfeuer, Einschläge.

„Meldung Feuer durch, Ziel zerstört“, sagt Voll ins Mikro seines Headsets.

Wo eben noch das Boot war, steigt Rauch auf. Aber war das jetzt echt? Sinkt da jetzt wirklich ein Schiff vor der Küste des ostafrikanischen Somalia? Oder ist das ein Spiel?

Für Spiel spricht der Joystick. Und auch, dass Daniel Voll die Schiffe und Flugzeuge, die er abschießt, nur auf einem Bildschirm sieht, und dass überhaupt alles wirkt wie bei einem Videogame mit schlechtem Sound und körnigem Bild. Es gibt kein Schaukeln, kein Schwanken, keine Maschine, die das Schiff vibrieren lässt. Für Ernst wiederum spricht, dass alles ganz genauso abläuft wie auf einem richtigen Kriegsschiff. Dass das Schießen dort ganz genauso funktioniert.

Daniel Voll sitzt nicht auf einer Fregatte am Horn von Afrika, sondern in der Marineschule in Parow bei Stralsund. Schwarze Wände, gedämpftes Licht, vier Konsolen mit Bildschirm, an der Seite die Bildschirme der Ausbilder: So sieht er aus, der Simulator, an dem die jungen Soldaten lernen, wie man sich mit der Maschinenkanone MLG 27, dem Standardgeschütz der Marine, gegen angreifende Schiffe, Boote oder Helikopter wehrt. Alles hier ist wie an Bord, bis hin zu der Klappe über dem Feuerknopf, die verhindert, dass jemand aus Versehen schießt. Selbst das grobkörnige Bild auf den Bildschirmen, deutlich schlechter als bei jedem Computerspiel, ist eine Annäherung an die Realität. Technisch gesehen, sagt Daniel Hasterok, militärfachlicher Offizier am Simulator, wäre es kein Problem, die Darstellung naturgetreuer zu machen. „Aber dann wäre das Bild besser als an Bord.“ Dort sind es Wärmekameras und Nachtsichtgeräte, mit deren Hilfe die Soldaten das Meer absuchen.

In der Welt, in der Daniel Voll gerade auf das Piratenboot geschossen hat, ist es stockdunkel. Als jetzt die Tür aufgeht, fällt das Sonnenlicht eines vorpommerschen Frühlingstages in den Raum.

Der 5 Millionen Euro teure Simulator steht seit zwei Jahren in der Marineschule in Parow. Aber er ist bei Weitem nicht die einzige Anlage, an der die Soldaten das Handwerk des Krieges in der Imitation erlernen. Die Luftwaffe trainiert ihre Eurofighter-Piloten unter anderem in Nörvenich an Simulatoren, in Wunstorf bei Hannover lernen seit Kurzem die Piloten des A400M ihre Maschine zunächst am Simulator kennen. Beim Heer üben die Besatzungen des Kampfhubschraubers Tiger am Simulator im nordhessischen Fritzlar. Die Drohne Luna, die Panzer Leopard und Marder, für alles gibt es inzwischen Simulatoren. Selbst Pistolenschüsse müssen Soldaten nicht mehr real geben. Jedes Waffensystem, so heißt es im Verteidigungsministerium, könne grundsätzlich auch in Simulatoren nachgebildet oder in Simulationssysteme eingebunden werden.

Es ist im Grunde logisch: Wenn der echte Krieg immer digitaler wird, dann kann auch das Digitale immer kriegerischer werden. Wenn Drohnenpiloten ihre Waffen aus Tausenden Kilometern Entfernung per Joystick steuern und nur auf dem Bildschirm sehen, was passiert ist, dann nähern sich Simulation und Krieg einander immer mehr an. Ist das ein Vorteil, weil sich der Krieg jetzt so viel leichter trainieren lässt? Und sind die Bedingungen wirklich so realistisch, wie sie scheinen? Oder ist es eine Gefahr, weil der Krieg so immer virtueller wirkt? Vielleicht auch: unwirklicher?

Die neue Technik macht den Krieg, den echten Krieg, sicherer. Wer von Drohnen töten lässt, setzt sich selbst keiner Gefahr aus. Wenn sich Piratenboote oder feindliche Hubschrauber Schiffen wie der Korvette „Magdeburg“ nähern, dann steht kein Soldat an Deck. Menschen wie Daniel Voll sitzen irgendwo im Inneren und steuern die Kanone per Kamera und Joystick. Es gehört zur Geschichte der Kriegsführung, dass Technik die Distanz zwischen feindlichen Kräften vergrößerte. Auch der Bomberpilot sieht nicht, wen er tötet. Aber ist es etwas anderes, wenn sich Krieg und Simulation nicht wesentlich von dem unterscheiden, was junge Männer schon tausendfach am heimischen Laptop durchgespielt haben?

Im Halbdunkel des Simulatorraums sprechen gedämpfte Stimmen immer wieder die gleichen Befehle und Bestätigungen. „Seeziel Peilung 149“, „rechtes Ziel“, „richtiges Ziel“, „Feuerbereitschaft herstellen“, „drei Feuerstöße“, dann die Meldung „Feuer durch, Ziel zerstört“. Im Minutentakt erfassen die Soldaten neue Ziele, die Kommunikation dabei wirkt wie Drill. Drei Wochen dauert die Schulung zum Batterieleiter, an diesem Tag geht es um das Einschärfen dieser Sprache, das Einhalten der Meldekette, sagt Kapitänleutnant Stefanie Schattschneider, die Ausbilderin. Die 31-Jährige war zuletzt zwei Jahre auf Patrouillenschiffen im Einsatz, die im östlichen Mittelmeer im Rahmen der Unifil-Mission den Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon kontrollieren sollten. Der Alltag dort waren allerdings Segelboote, deren Skipper auf Funksprüche nicht reagierten. Schießen mussten sie nicht. Dafür sind hier, in Parow, nun pausenlos Maschinengewehrsalven und Explosionen zu hören. „Man merkt“, sagt Schattschneider, „wer Erfahrung mit Computerspielen hat.“ Das Zielen fällt dann leichter. Nur dass es hier keinen High­score gibt. Und keine Extraleben.

Die Simulatoren haben aus Sicht der Bundeswehr nur Vorteile. Wer nur auf dem Bildschirm schießt, verballert keine teure Munition. Wer den Eurofighter nur virtuell fliegt, verbraucht kein Kerosin. Schädigt nicht die Umwelt. Und statt wie früher einmal zu schießen und dann wieder den Heimathafen anzusteuern, können sich die Soldaten am Maine-Leichtgewehr-Simulator in einer Stunde mehr als einem Dutzend Zielen widmen. „Die Ausbildung ist intensiver und effizienter“, sagt Fregattenkapitän Arne Baggesen, Hauptfachbereichsleiter an der Marineschule in Parow. Baggesen arbeitet jetzt an einer „vernetzten Ausbildung“: Nebenan, wo in einem anderen Raum ein echtes Geschütz steht, würden die Soldaten dann zugleich das Laden üben, die Befehle kämen von einem Leitstand, der einer echten Brücke nachgebildet ist. Es würde alles noch realistischer.

Es gebe allerdings auch eine Gefahr: die „negativen Trainingseffekte“, wie Baggesen sie nennt. Der negative Effekt wäre, dass die Soldaten vergessen, dass dies nicht die Realität ist. Dass sie dann womöglich im Einsatz so viel schießen, als sei dies nur die virtuelle Welt.

„Irgendwann muss man wieder Öl an den Händen haben“, meint Baggesen. Soll heißen: Auch der beste Simulator hat seine Grenzen.

Die Grenze bei einer Pistole ohne echte Munition ist, dass sie eben auch keinen Rückschlag bildet, weswegen die P 8 am Schießsimulator in der Marineschule an einem Schlauch hängen, der mittels Druckluft eine Art künstlichen Rückstoß erzeugt. „Dafür kann ich jedem sofort sagen, wie er die Waffen bedient“, erklärt Schießlehrer Marcus Bauer. Wie lange sein Finger am Abzug verweilt, wie schnell er ihn drückt, alles das verraten ihm die Bildschirme – nicht nur, wie gut der Schütze trifft.

Und wahrscheinlich haben die Simulatoren manchmal noch einen weiteren Vorteil gegenüber der Wirklichkeit: Jedenfalls gibt es Modelle, bei denen die Nachbildung besser funktioniert als das Original. Der Airbus A400M, das neue Transportflugzeug der Bundeswehr, ist erst im Realbetrieb mit dem Beinamen „Pannenflieger“ bekannt geworden.

Acht Exemplare sind am Fliegerhorst in Wunstorf bei Hannover stationiert – und ein 20 Millionen Euro teurer Simulator.

Die Pilotenkabinennachbildung ist auf hydraulischen Stützen gelagert, die die Kapsel bei Steig- und Sinkflug in Schräglage bringen. Fünf Projektoren lassen auf der Cockpitscheibe Landschaften und Flughäfen erscheinen. In der Halle nebenan steht ein Laderaum im Originalformat. Die Ladungsmeister dirigieren Schützenpanzer hinein oder verstauen Paletten, die sie im echten Einsatz im Flug hinausgleiten und an Fallschirmen zu Boden schweben lassen.

Oberstleutnant Thomas Fälber, 47 Jahre, ist Pilot des Transportgeschwaders, er fliegt auch den A400M. Wenn er von seinen realen Einsätzen erzählt, dann kommen Drohnen darin vor, die seine Maschine beim Landeanflug umschwirren, es geht um die Unsicherheit, ob ihn die Flugabwehr erfasst hat, aber es geht zum Beispiel auch um den Ehrgeiz, trotz allem zu landen, weil es vielleicht einen schwerverletzten Kameraden abzuholen gilt.

Ist es zu gefährlich für eine Landung, sind die Bedingungen zu widrig? Das ist die Entscheidung, die er immer wieder treffen muss, in Afghanistan oder in Mali. Fälber sagt aber auch: „Beim Simulatorflug ist der Stresspegel höher.“ Weil der Flug im Simulator immer eine Prüfungssituation ist. Und weil der Simulator ihn mit allen Problemen eines echten Einsatzes geballt konfrontiert.

Der A400M, sagt Fälber, ist ein digitales Flugzeug. Der Vorteil ist, dass es sich deshalb gut und leicht digital simulieren lässt. Der Nachteil ist, dass das Digitale viele Tücken birgt. An diesem Tag, am Tag des Besuchs auf dem Fliegerhorst Wunstorf, hebt auch der nachgebaute A400M nicht ab. Und in den nächsten Tagen auch nicht. Eine Software-Umstellung, die neue Windows-Version wird aufgespielt. Das dauert.

Die Nachbildung, könnte man sagen, ist so gelungen, dass sie die Tücken des Originals voll und ganz übernimmt.

Von Thorsten Fuchs

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