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Was, wenn Trump US-Präsident wird?

Vor der Wahl Was, wenn Trump US-Präsident wird?

Ein Präsident namens Trump? Wäre ein Betriebsunfall der Geschichte, aber nicht das Ende der US-Demokratie. Im Spiegel der Popkultur zeigt sich: Die Selbstheilung gehört zum Gründungsmythos der USA. Auch Trump könnte das Gute an Amerika nicht zerstören.

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Angeschlagen, aber nicht tot: Es spricht vieles dafür, dass die USA auch einen Präsidenten Donald Trump überstehen würden – denn das Meistern von Krisen gehört zum Gründungsmythos des Landes.

Quelle: Montage: RND, Fotos: iStock/Fotolia

Sein Name ist Steve. Er kämpft für Freiheit und Demokratie gegen die Feinde Amerikas, seit 75 Jahren. Die Welt kennt ihn als Captain America, erfunden im Weltkriegsjahr 1941 als Propaganda-Superheld, gekleidet in den Farben der US-Flagge.

Ein Mensch aus Fleisch und Blut, aber stärker, ausdauernder und schneller als der Rest. Eisern sein Blick, eisern seine Muskeln. Das amerikanischste Spezifikum aber, über das Captain America verfügt, sind seine erstaunlichen Selbstheilungskräfte. Wunden schließen sich in Stunden. Brüche heilen in Tagen.

Selbstheilung. Erneuerung. Erholung. Tatsächlich ist der feste Glaube daran, aus jeder Krise gestärkt hervorzugehen, tief ins amerikanische Erbgut eingegraben. Das macht Captain America zur perfekten Symbolfigur für dieses Land, auf das die Welt wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl mit Sorge blickt.

Suhlen in selbst erzeugter Depression

Die USA machen es einem schwer in diesen Zeiten. Obamas Drohnenkrieg. Der tiefe Riss durch die Gesellschaft. Der eiskalte Turbokapitalismus seiner Konzerne. Der Datenhunger seiner Geheimdienste. Die moralische Bigotterie. Der Zorn der weißen Mittelschicht auf die vermeintliche Diktatur politischer Korrektheit. 19,4 Billionen Dollar Staatsschulden. 130 000 Obdachlose allein in Los Angeles. Überdrehte Medien, die Donald Trump viel zu lange nur als Partyclown und Quotenbringer sahen.

Und die bange Frage, was eigentlich passiert wäre, wenn während der Kubakrise 1962 ein hitzköpfiger Egozentriker im Weißen Haus gesessen hätte. Die USA wirken wie ein wankender Riese. Und sie machen es sich selbst nicht leicht. Das Land suhlt sich in selbst erzeugter Depression. Und Trump zeichnet apokalyptische Bilder eines verrotteten Amerikas, in dem nur einer der Retter sein kann: "I can fix it."

Große Medien fürchten um nicht weniger als Weltfrieden und Demokratie. Trump sei ein "Gegner der Demokratie" ("New York Times"), eine "Bedrohung der Demokratie" ("New York Magazine"), ein "Feind der Demokratie" ("Rolling Stone"). Trump nähere sich den Wahlen, "wie ein gewisser Zeppelin sich einst New Jersey näherte, in einem dunklen Himmel, blitzend vor Elektrizität", warnte die "Times" in Anspielung auf die "Hindenburg"-Katastrophe 1937.

Amerika hat schon mehr überstanden

Zweifellos wären ein pöbelnder US-Präsident, Millionen zorniger weißer Arbeiter, islamistische Terroristen und diverse komplexe Weltkrisen eine toxische Mixtur. Hinter der Angst aber, hinter dem Feuerwerk des Zirkuswahlkampfs und all den existenziellen Erregtheiten, gibt es auch Stimmen, die Gelassenheit anmahnen.

Die daran erinnern, dass die fast 230 Jahre alte amerikanische Demokratie mit all ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten schon ganz andere Ausnahmezustände gemeistert hat. Die Amerikanische Revolution. Einen Bürgerkrieg. Zwei Weltkriege. Die Große Depression. Vietnam. Die Bürgerrechtsbewegung.

"In historischen Dimensionen gedacht ist Trump einfach nicht wichtig genug, um Amerikas Demokratie zu gefährden", schreibt der in Venezuela geborene US-Journalist German Lopez. "Der Kollaps einer Demokratie sieht anders aus. Ich weiß das. Ich komme aus Venezuela."

Die USA als Korrektiv ihrer selbst

Und mehr noch: Die Selbsterneuerung gegen alle Widerstände, das magische Meistern von Krisen gehören zum US-Gründungsmythos. Der Pionier im Ochsenkarren, der sich gegen Sturm und Dürre über die Rocky Mountains gen Westen quält. Der US-Soldat, der sich über den Strand der Normandie robbt. Die "Okies", die 1935 ihre im Staub versunkenen Farmen in der "Dust Bowl" zurücklassen und barfuß nach Kalifornien aufbrechen, von John Steinbeck in "Früchte des Zorns" verewigt.

Der Mythos vom Helden, der fällt und wieder aufsteht, ist das Grundgestein der Nation. Der im Nirgendwo ein Haus errichtet und sofort nach dem Hurrikan wieder Hammer und Nagel ergreift. Auch der Hurrikan Trump würden diesen Can-Do-Spirit nicht zerstören.

Denn was für den Einzelnen gilt, gilt erst recht für die Nation. "Es ist nichts falsch an Amerika", sagte Bill Clinton in seiner Rede zur Amtseinführung 1993, "was nicht mit dem geheilt werden kann, was richtig ist an Amerika." Auf lange Sicht hat sich Amerika stets als potentes Korrektiv seiner selbst erwiesen. Resilienz heißt die Fähigkeit, Krisen in Vorwärtsenergie zu verwandeln. "Wir sind größer als unsere Anführer. Wir sind besser als unsere Politik. Wir sind weiser als unsere Kultur. Wir sind smarter als unsere Ideen", schreibt Lopez.

Popkultur als Spiegel der Gesellschaft

Amerika ist eben immer auch das Gegenteil seiner selbst. "The best and the worst", immer dicht nebeneinander. Nirgends spiegelt sich das so deutlich wie in Literatur und Popkultur. Als die zuckersüße Kino-Glückspropaganda der Fünfziger mit ihren pastellfarbenen Musicals mit der Lebenswirklichkeit nicht mehr viel zu tun hatte, sezierte das "New Hollywood" mit erbarmungsloser Schärfe die bürgerlichen Lügen.

Dennis Hopper und Peter Fonda jagten in "Easy Rider" einem ganz anderen amerikanischen Traum nach. Als George W. Bush nach dem 11. September 2001 Amerikas Ansehen verspielte, belohnte das kulturelle Establishment Bushs schärfsten Kritiker Michael Moore mit dem Oscar. Und selbst auf Fox News, dem erzkonservativen TV-Kanal, ließ Moderatorin Megyn Kelly jüngst dem früheren Republikanerführer Newt Gingrich scharf und präzise die Luft ab.

Werden ist wichtiger als Sein

Die US-Kultur ist besessen von der Adoleszenz, vom Zustand des Menschen zwischen Jugend und Erwachsensein – in J. D. Salingers "Fänger im Roggen", in Richard Linklaters Film "Boyhood". Mit anderen Worten: Dieses Land interessiert sich mehr für das Werden als für das Sein.

Es gehört eben nicht nur Joseph McCarthys Kommunistenjagd zu Amerika, Watergate, Ku-Klux-Klan, Vietnam und Waterboarding. Es gehört auch Martin Luther King dazu, Jimi Hendrix' Version der US-Hymne, Bob Dylans näselnde Poesie der Menschlichkeit und das Hoffnungslied "We shall overcome", das Joan Baez zur Gegenkulturhymne machte.

Es wäre nicht das Ende der Welt

New York City am vergangenen Mittwoch: Im Nieselregen schiebt sich eine Schlange von Menschen ins unterirdische 9/11 Memorial Museum in Downtown Manhattan. Im Innern: verbogene Stahlträger, ein zerstörtes Feuerwehrauto. Am Eingang eine Broschüre "für Besucher mit Kindern". Darin der Satz: "Seien Sie ehrlich. Es ist okay, nicht auf jede Frage eine Antwort zu haben." Und: "Vermeiden Sie Stereotype und Vereinfachungen."

Hier, am Ort der schlimmsten Verletzung der nationalen Seele, ist Amerika um Fairness und Objektivität bemüht. Es ist das Gegenteil von Trumps Amerika. Auch Trump würde es nicht gelingen, das System von "Checks und Balances", vom ausgleichenden Machtspiel der Kräfte, aus den Angeln zu heben.

"Amerika ist kein fragiles Ding", sagt Barack Obama. Kein US-Politiker hat sich Trumps aggressive Rhetorik zu eigen gemacht. Trump hat den Grundkonsens nicht fundamental verändert. "Amerika könnte sich einen Präsidenten namens Trump leisten", schreibt der Autor Ryan Bohl. Es wäre nicht das Ende der Welt. Es wäre nicht einmal das Ende von Amerika, wie wir es kennen.

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