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Warum Erwachsene lieber in eine WG ziehen

Wohntrend Erwachsenen-WG Warum Erwachsene lieber in eine WG ziehen

Einst waren Wohngemeinschaften ein Lebenskonzept für Studenten – für Menschen eben, die sich noch keine eigene Wohnung leisten konnten. Heute ist die WG bei alleinstehenden Berufstätigen beliebt: Weil Singlewohnungen Mangelware sind und weil geteilter Wohnraum Nestwärme und Ersatzfamilie bietet.

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Nicht nur beste Freunde – in wechselnden Konstellationen auch eine Erwachsenen-WG: Die Hauptakteure aus der TV-Serie "How I Met Your Mother".

Quelle: 20th Century Fox International Television

Sonnabendmorgen, halb elf, sie treffen sich in der Küche. Eine Mitbewohnerin drängt sich in Wollsocken und Bademantel zum Kühlschrank, vorbei an drei gestandenen Männern, die vor der Espressomaschine warten. "Na, war wohl spät gestern", feixt einer von ihnen, Ende vierzig, grauer Schopf, kleinkariertes Hemd. "Genau", sagt Tanja Grimmel. "Der Spätdienst ging bis Mitternacht, danach habe ich noch die nächste Woche vorbereitet."

Der Grauhaarige lädt die Gemeinschaft für den Abend ein, er will kochen: Thai-Curry, vegetarisch. "Wird scharf, wie immer", sagt er. „Wein und Bier haben wir ja noch genug“, meint Tanja Grimmel und schielt hinüber zu den Resten der Hausparty vom vergangenen Wochenende.

Sie sind zu sechst. Genauer gesagt sind sie sechseinhalb, der achtjährige Sohn eines Mitbewohners ist an den Wochenenden auch noch da. Sie haben eine Berufstätigen-WG gegründet. Vier Männer, zwei Frauen, zwischen 35 und 50 Jahre alt, beschäftigt in der Medizin- und in der Kommunikationsbranche, bis auf den zweifachen Master-Absolventen, dessen Miete noch vom Staat bezahlt wird. Ihr gemeinsames Haus im Kaffeemühlenstil kann jedem Single-Appartement die Schau stehlen: Knapp 300 Quadratmeter auf drei Etagen.

Neun Zimmer, Garten, Putzfrau

Neun Zimmer, zwei Duschbäder, zwei Gästetoiletten, zwei Garagen, in bevorzugter Lage Berlins, direkt am Stadtwald, aber doch zentrumsnah. Kosten: 3400 Euro warm, dazu kommen WLAN-Anschluss und das Geld für eine Putzfrau. "Für Alleinlebende, aber selbst für viele berufstätige Paare ist derart schönes Wohnen unerschwinglich", sagt Tanja Grimmel und blickt aus dem Fenster in den weitläufigen Garten.

Mit der Gründung ihrer Berufstätigen-WG sind die sechs längst keine Exoten mehr. Vor allem in den Großstädten wird das Lebensmodell immer beliebter. Das zumindest belegen die Zahlen des Immobilienportals wg-gesucht.de. Jüngst hat die Online-Plattform Alter und Wohnform seiner Inserenten verglichen. Das Ergebnis: Innerhalb von drei Jahren ist der Anteil an WGs mit mindestens einem Berufstätigen um knapp 6 Prozent gestiegen – von 28,4 Prozent im Jahr 2012 auf 34,2 im vergangenen Jahr.

Spitzenreiter ist Hamburg mit 40 Prozent, gefolgt von Frankfurt, München und Berlin. Professor Michael Voigtländer, Immobilienökonom am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln, hat für den Trend eine nüchterne Erklärung: "Eigentlich suchen viele eine Singlewohnung. Doch die sind gerade in den Metropolen stark nachgefragt und entsprechend rar und teuer."

Mehr als eine Notlösung

In Hamburg und Frankfurt gibt es Ein- und 1,5-Zimmer-Wohnungen lediglich für jeden siebten Single, in Köln und München für jeden sechsten. Dabei beträgt der Anteil der Alleinstehenden in vielen deutschen Großstädten inzwischen 30 Prozent und mehr. "Vielen bleibt da gar nichts anderes übrig, als sich eine größere Wohnung zu mieten oder gleich in eine WG zu ziehen."

Doch das Leben in der Wohngemeinschaft ist fast immer mehr als eine Notlösung. Clemens Albrecht, Professor für Soziologie an der Universität Koblenz, sagt: "Es ist eine uralte Lebensform, dass neben der Kernfamilie auch andere Menschen, Verwandte und Gesinde in einem Haus leben." In den heutigen Wohngemeinschaften gehe es um die ideale Balance zwischen dem Anspruch auf individuelles Leben und dem Streben nach Gemeinschaft: "Man hat sie, wenn man es möchte – sonst macht man die Tür zu."

Für Albrecht sind Berufstätigen-WGs vor allem ein Phänomen gehobener Schichten: Die Bewohner sind oft hochmobile, gut ausgebildete Menschen, die häufig fern ihrer Heimat arbeiten und Gemeinschaft nicht ohne Weiteres in der Familie oder einem festen Freundeskreis haben. Damit sie abends nicht in eine leere Wohnung kommen, ziehen sie in eine WG“, sagt Albrecht.

"Familienleben", aber unkonventionell

Auch der Berliner Berufstätigen-WG geht es vor allem um Gemeinschaft. Die Bewohner genießen es, abends gemeinsam zu kochen, einen Feierabendwein zu trinken und sich das Neueste vom Tag zu erzählen, ohne dafür erst Gesellschaft außer Haus suchen zu müssen. Zumal die meisten anderen Freunde kaum noch Zeit haben, weil sie sich für Familie und Reihenhaus auf der grünen Wiese entschieden haben. "Ich will zeigen, dass so etwas wie Familienleben auch auf unkonventionelle Art geht", sagt Tanja Grimmel.

Doch wie familiär geht es in der Beruftstätigen-WG tatsächlich zu? Schon bald nach dem Einzug fragt sich Grimmel, ob man eigentlich immer miteinander reden muss, nur weil man im selben Haus wohnt. Muss man immer gute Laune haben, wenn man sich in der Küche, der Diele oder im Garten über den Weg läuft? Und warum eigentlich sind Geräusche aus dem Bad so störend, wenn sie nicht von einem sehr vertrauten Menschen stammen? Damals, in der Studenten-WG, hatte Grimmel so etwas lockerer gesehen.

Rund 20 Jahre später muss sie erkennen, dass eine gewisse Festgefahrenheit, ihr Bedürfnis nach Ruhe und Regelmäßigkeit, auch ein wenig im Widerspruch zum WG-Leben steht. Schließlich hat jeder der Bewohner seinen eigenen Lebensrhythmus: Morgens um sieben poltert der erste durchs Haus, nachts um eins der Letzte. Es gibt unterschiedliche Frischluft- und Heizbedürfnisse, unterschiedliche Ansichten über Reinlichkeit und Ruhe, über Rücksichtnahme und Respekt.

Senioren-, Künstler- und Business-WGs

Je weniger homogen eine Wohngemeinschaft ist, desto größer das Risiko von Misshelligkeiten. Um die Diskrepanzen klein zu halten, haben viele WGs ein enges Raster: Auf den einschlägigen Internetplattformen finden sich Mid-Ager-, Senioren- und Mehr-Generationen-WGs. WGs für Kinderlose und solche für Alleinerziehende. Frauen-, Männer- und schwul-lesbische WGs. Vegane WGs, Künstler- und Raucher-WGs sowie Business-WGs für Pendler und Wochenend-WGs auf dem Land.

Doch egal, in welcher Form: Soziologe Albrecht geht davon aus, dass die Berufstätigen-WG für viele Bewohner eine zeitlich begrenzte Option ist – zumeist, bis die Betroffenen eine eigene Familie gründen.

Wechselnde Besetzung

Auch die Wohngemeinschaft im Kaffeemühlenhaus existiert längst nicht mehr in ursprünglicher Besetzung. Nach wenigen Monaten zog der Master-Absolvent aus, weil er einen Job in München gefunden hatte. Anfang des Jahres verließ ein weiterer Mitbewohner das Haus, weil es ihm im Souterrain zu laut wurde. Auch Tanja Grimmel zieht, weil sie sich "einen echten Rückzugsort" wünscht, aus ihrem Erdgeschosszimmer in eine eigene kleine Wohnung.

Neue Mitbewohner für die WG mit Waldblick waren schnell gefunden. Tagelang klingelte das Telefon, Dutzende E-Mails trafen ein. Von berufstätigen, ungebundenen Menschen in der Mitte ihres Lebens. Menschen, die sich gegen ein Leben von der Stange entschieden haben. Und gegen das Alleinsein.

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