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07:21 30.06.2014
Von Imre Grimm
Die Begeisterung der Fans auf den Rängen ist echt, die Bilder sind es nicht immer. Quelle: dpa
Sao Paulo

Zwölf schwarze Buchstaben hat Werá Jeguaka Mirim auf sein Plakat gemalt: „DEMARCAÇÃO JÁ“. „Grenzziehung jetzt“. Stumm hält es der 13-Jährige auf dem Rasen des Corinthians-Stadions in São Paulo in die Höhe – ein leiser Protest für die territorialen Rechte der Guaraní-Indios vor 60 000 Stadionzuschauern, vor der Weltpresse, vor FIFA-Präsident Sepp Blatter. Gerade hatte Werá mit zwei anderen Kindern drei weißen Tauben die Freiheit geschenkt, er trug Federschmuck auf dem Kopf. Die Botschaft der Organisatoren an die hunderte Millionen Zuschauer der WM-Eröffnungsfeier: Seht her, es herrscht Eintracht zwischen den größten Bevölkerungsgruppen Brasiliens, alles prima, alle haben sich lieb.“

Aber die Indios hatten eine andere Botschaft. Werá stammt aus dem Dorf Krukutu, zwei Autostunden südlich von São Paulo, seine Leute kämpfen gegen Armut, die Agrarlobby, politische Willkür. Das Plakat hatte er in seiner Hose versteckt. Doch die hunderte Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt sahen von seinem Protest: nichts. Noch bevor er den Rasen verließ, nahmen FIFA-Sicherheitsleute ihm das Transparent ab. Die globale TV-Regie schnitt die Szene aus der Übertragung. Und wieder: Ausgrenzung. Das FIFA-TV-Team sendet mit Zeitverzögerung – wirklich „live“ ist eine Fußball-WM schon lange nicht mehr. Aber die Bilder von Werás Protests verbreiteten sich schnell über Facebook und Twitter. In seinem Dorf ist er jetzt ein Held.

Medialer Betriebsunfall

Für die FIFA war Werás Plakat nur ein kleiner medialer Betriebsunfall. Ansonsten hat der Weltfußballverband die Kontrolle über die Bilder vom größten Sportereignis der Welt perfektioniert. Keimfrei, seltsam steril, komplett auf die Bedürfnisse der Sponsoren zugeschnitten ist das sogenannte TV-„Weltbild“ aus Brasilien. Es wird im Auftrag der FIFA von der Firma Infront Sports & Media produziert und an alle Vertragspartner – auch ARD und ZDF – weiterleitet. Infront wird von Philippe Blatter geführt, Neffe des FIFA-Paten Sepp Blatter. Den Bau der Stadien wiederum, in denen die Infront-Teams drehen, überwachte im FIFA-Auftrag der Schweizer Architekt Charles Botta, Ehemann von Blatters Bürochefin und FIFA-Direktorin Christine Salzmann-Botta. Es bleibt alles in der Familie.

„See more detail“ – so wirbt FIFA-Werbepartner Sony bei jedem Spiel auf der Stadionbande. Erkenne mehr Details. Aber von wegen. Mit der Wucht autokratischer Regimes wacht die Blatter-Clique über ihr Bildermonopol. Alles, was nicht ins möglichst fröhliche, porentief reine Selbstbild passt, wird ausgeblendet. Infront-Chef Philippe Blatter sagt ganz offen: „Die Sportregeln können wir natürlich nicht ändern. Man kann eine Sportart aber fernsehgerechter und sponsorenfreundlicher machen.“

In Brasilien geht die FIFA-Weltregie voll auf Nummer sicher. Und produziert ein antiseptisches Konsensbild, das gleichermaßen die Werbekundschaft, muslimische Sittenwächter und Sportfunktionäre befriedigen soll: mit vielen Totalen – soll heißen: viel Bandenwerbung – und wenig emotionaler Nähe zu den Fans. Außer einzelnen Ego-Jublern, die – unabhängig vom Spielstand – in Ekstase ausbrechen, sobald sie sich auf der Videowand im Stadion entdecken, sind praktisch keine Fanbilder zu sehen. Inszenierter Jubel also im doppelten Sinne. Selbst die La-Ola-Welle wird kaum gezeigt. Porentief rein und fleckenfrei, bloß kein Risiko – das ist das mediale Motto. Es könnte sich ja ein unerwünschtes „FIFA MAFIA“-Plakat oder gar eine weibliche Bikinibrust ins Bild schummeln.

Zu TV-Pannen kam es aber trotzdem:

Vor dem Spiel Deutschland gegen Ghana ließen übereifrige Ordner Plakate deutscher Fans entfernen, selbst solche mit harmlosen Aufdrucken wie „Wir sind da!“ – angeblich, weil sie die „falsche Größe“ hatten. Minutenlang hallten „FIFA raus!“-Rufe durchs Stadion, natürlich war nichts davon zu sehen und zu hören.

Im Spiel Kroatien gegen Mexiko (1:3) zensierte die FIFA „unerwünschte“, als homophob interpretierte kroatische Gesänge auf den Rängen und drehte minutenlang den Stadionton („crowd feed“) herunter.

Im Spiel Brasilien gegen Kroatien (3:1) skandierten kroatische Fans, die eine Bevorzugung des Gastgebers witterten, „FIFA Mafia!“ – ausgeblendet von der TV-Regie.

Man kann von der FIFA kaum erwarten, dass sie über Zwangsumsiedlungen und brennende Favelas berichtet. Wenn sie aber nicht mal ihr eigenes Produkt Fußball fair und vollständig transportiert, geht der letzte Fetzen Glaubwürdigkeit flöten. Die desinfizierte Bilderflut aus Brasilien ist das Gegenteil von unabhängiger Sportberichterstattung. Makellos heißt eben auch: seelenlos. Denn auch die Szenen im Abseits gehören zu einer Weltmeisterschaft. Die Dramatik und spielerische Brillanz dieser WM auf dem Rasen täuscht darüber hinweg, dass die schleichende Sterilisierung des Weltfußballs weitergeht.

Das inzestuöse Verhältnis der FIFA zu ihren Medien- und Werbepartnern – da bekommt das Wort „Bandenwerbung“ eine ganz neue Bedeutung – sorgt dafür, dass die mediale Vermarktung ein geschlossenes System bleibt. Und ARD und ZDF machen überraschend bereitwillig mit bei der Partypublizistik, seit der Ball rollt. Statt FIFA-kritischer Analysen rutscht ARD-Kommentator Gerd Gottlob gar ein „Wir“ heraus, wenn es um die deutsche Nationalmannschaft geht. Da wirkt das öffentlich-rechtliche Fernsehen wie der verlängerte Arm des Deutschen Fußball-Bundes.

Eiskalte Perfektion

Mit eiskalter Perfektion vertreten die Monopolisten des Weltfußballs ihre Interessen, allen Transparenzbeteuerungen zum Trotz. Etwa elf Milliarden Euro hat die brasilianische Regierung in die WM gesteckt. Allein die nagelneue Arena da Amazônia in Manaus im brasilianischen Regenwald kostete 224 Millionen Euro. Für vier WM-Vorrundenspiele. Das bedeutet: 622 000 Euro für jede Minute WM-Fußball. Die FIFA zahlt angeblich zwei Milliarden Euro – bei einem erwarteten Profit von vier Milliarden Euro. Das rechnet sich. Also darf nichts die Laune der Sponsoren trüben.

Der Grund für die wachsende Kontrollwut der FIFA ist schnell gefunden: Unter den Sponsoren herrscht Unruhe, nicht erst seit dem Confed Cup, als wütende Protestierer Fahrzeuge des FIFA-Sponsors Hyundai/Kia demolierten. Das Image der FIFA als mafiös organisierter Staat im Staate überträgt sich auf die globalen, fußballaffinen Sponsoren wie Coca Cola, Visa oder Adidas, denn sie werden als Teil des Systems wahrgenommen. Eine Umfrage der deutschen Markenberatung Prophet ergab, dass 44 Prozent der Deutschen meinen, die Konzerne werfen mit dem millionenteuren Sponsoring Geld zum Fenster hinaus – daher würden sie diese Marken künftig meiden. Coca Cola, seit 1978 offizieller Sponsor der FIFA, registrierte 2010 noch einen Jahreszuwachs von elf Prozent in Brasilien. 2013 schrumpfte das Absatzvolumen seiner Brause um zwei Prozent. Auch in anderen Schwellenländern nimmt die Lust auf Coca Cola ab.

„Wenn der erhoffte positive kommunikative Imagetransfer am Ende zum Bumerang wird, verliert das Sponsoring seinen Sinn und wird zum Imageschaden“, sagt Werbestrategieexperte Felix Stöckle. Eine gefährliche Entwicklung für die Firmen. Und für die FIFA. Und damit auch für Sepp Blatter, Herrscher in diesem Imperium, das sich gern als gemeinnütziger Schweizer Verein verkauft, in Wahrheit aber ein korruptionsverseuchter Weltkonzern mit Milliardenumsatz ist. Umso hartnäckiger bekämpft die FIFA alles, was an den Hochglanzbildern von der WM kratzt. Und sei es ein 13-Jähriger mit einem Spruchband, der Angst um sein Volk hat.

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