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„Nicht nur
 Phrasen von 96“

Fanbeauftragte im Interview „Nicht nur
 Phrasen von 96“

Die beiden 96-Fanbeauftragten Johannes Seidel und Torsten Koar versuchen den Spagat zwischen Verein und unzufriedenen Anhängern – und setzen dabei auf ehrlichen Dialog. "Es braucht auch ernsthafte und wahrnehmbare Maßnahmen von Hannover 96 - und nicht nur Phrasen", sagen die beiden.

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„Das muss wieder wachsen – und es muss ehrlich sein“: Die beiden 96-Fanbeauftragten Johannes Seidel (li.) und Torsten Koar wollen vermitteln und bei den Anhängern Vertrauen zurückgewinnen.

Quelle: Michael Wallmüller

Herr Seidel, Herr Koar, Fanbeauftragter bei einem Bundesligisten: Das hört sich nach einem Traumjob an ...

Johannes Seidel: Zwischendurch ist es das auch immer wieder, es ist spannend und abwechslungsreich, aber auch anstrengend, da wir jedes Wochenende unterwegs sind.

Torsten Koar: Ich bin ja erst seit knapp zwei Wochen dabei. Für mich ist es ein Traumjob, auf den ich mich sehr freue.

In Hannover haben Sie allerdings als Fanbeauftragte derzeit den wohl schwierigsten Job der Liga.

Seidel: Es ist eine sehr herausfordernde Aufgabe. Man ist hin- und hergerissen, wird mit vielen Meinungen konfrontiert und muss immer wieder vermitteln. Im Hinblick auf die vergangenen Jahre müssen wir versuchen, viel Vertrauen zurückzugewinnen, was nicht von heute auf morgen geht. Da werden wir viel Geduld brauchen. Schließlich geht es uns um alle 96-Fans, also um viele verschiedene Gruppen.

Welche Aufgaben haben Sie als Fanbeauftragter?

Seidel: Wir sind die kommunikative Schnittstelle zwischen Fans und Verein sowie anderen Institutionen und den Sicherheitsbehörden. Es geht viel um Informationsbeschaffung und Informationsweitergabe. Der Spieltag ist nur noch ein Teil unserer Arbeit.

Stehen Sie vor und während des Spiels selbst in der Nordkurve?

Seidel: Da, wo wir gebraucht werden. Wir sind viel in den Hauptfanblöcken unterwegs, reden mit den Leuten, beantworten ihre Fragen, nehmen Stimmungen auf, schlichten, wenn es mal Ärger gibt, und vermitteln, wenn es nötig ist.

Wie empfinden Sie die aktuelle Stimmung in der Arena?

Seidel: Dass die Stimmung nicht gut ist, da gibt es keine zwei Meinungen. Es gab schönere Zeiten mit einer größeren Einheit. Da wieder hinzukommen, das müssen wir uns in den nächsten Monaten erarbeiten. Dafür brauchen wir Zeit und Geduld von allen Seiten.

Torsten Koar

Torsten Koar ist seit knapp zwei Wochen der zweite Fanbeauftragte bei 96. Der 39-Jährige arbeitet seit zehn Jahren beim Bundesligisten und war zuvor unter anderem für das Ticketing und den Datenschutz bei den „Roten“ tätig. „Ich habe schon einige Dinge im Club kennengelernt“, sagt Koar, der in Linden wohnt.

Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass die Atmosphäre so schlecht ist?

Koar: Da spielen viele Aspekte mit rein. Dass die Situation so ist, wie sie ist, ist ja nicht erst seit gestern, das hat ja eine Historie, die dahintersteckt. Das gehen wir an und arbeiten wir intensiv auf.

Besteht Kontakt zwischen Ihnen und den Ultras und dem Fan-Dachverband Rote Kurve?

Seidel: Wir sind, auch gemeinsam mit dem Fanprojekt Hannover, nicht nur in der Arena, sondern auch im Beekestadion in Ricklingen und bei den Auswärtsspielen der U23 und haben Kontakt mit allen Fangruppierungen und Mitgliedern des mittlerweile aufgelösten Fandachverbandes. Wir müssen jedoch versuchen, einen besseren Dialog zwischen Fans und Verein hinzubekommen und zu etablieren. Das ist sicherlich unsere Hauptaufgabe.

Es taucht immer wieder der Begriff „aktive Fanszene“ auf. Können Sie mal erklären, was genau das ist?

Seidel: Das ist ein weit verbreitetes Missverständnis in unserer Arena. Es geht nicht nur um 200 Ultras, die nicht in der Arena, sondern im Beekestadion sind. Zu der aktiven Fanszene gehört jeder, der sich über die 90 Minuten im Stadion hinaus einbringt, etwa durch soziales Engagement wie das Sammeln von Spenden für die Ebola-Hilfe. Die Mitglieder der IG Rote Kurve sind Teil dieser aktiven Fanszene. Das Problem betrifft folglich nicht die 200 Mann da oben in der Nordkurve, sondern die gesamte aktive Fanszene, deren Anzahl deutlich höher ist.

Zu welcher Gruppe gehören die Zuschauer, die „Kind muss weg“ rufen?

Seidel: Das sind einzelne Personen und kleine Gruppen, die mit der Stimmung unzufrieden sind und so ihren Unmut über das Stadionerlebnis nach außen schreien. Es ist nach unserer Einschätzung nicht nur ein Ausruf gegen den Präsidenten, sondern ein allgemeiner Ruf der Unzufriedenheit über die Stimmung.

Lässt sich dagegen etwas tun?

Koar: Das können wir nur angehen, indem wir das Gespräch mit den Leuten suchen. Jeder kann seine Meinung äußern, das gehört zur Fußballkultur dazu. Wir müssen die kritischen Meinungen aufsammeln und hinterfragen. Es braucht aber auch ernsthafte und wahrnehmbare Maßnahmen von Hannover 96 - und nicht nur Phrasen. Daran wird man uns messen. Es geht schließlich um die Mannschaft und den Club Hannover 96. Denn unterstützen wollen sie alle. Da sind sich alle Fans von 96 einig.

Johannes Seidel

Johannes Seidel ist seit Sommer 2012 bei 96 als Fanbeauftragter angestellt. Zuvor war der 32-Jährige beim 96-Fanprojekt aktiv und hat beim Institut für Sportwissenschaft in Hannover gearbeitet. An sein erstes 96-Spiel kann sich Seidel noch genau erinnern. „Das war in der Saison 1993/1994 gegen den 1. FC Saarbrücken. 96 hat mit 4:1 gewonnen durch zwei Tore von Niclas Weiland“, sagt Seidel, der in Hannover wohnt.

Gibt es für Sie verbindliche Ansprechpartner bei den Fangruppen?

Seidel: Wir haben Kontakt zu einzelnen Personen, die auch für eine Gruppe sprechen können. Es ist nicht so, dass alle Gespräche abgebrochen sind. Der Kontakt und Austausch ist immer da. Man muss jetzt aber auch dafür sorgen, dass sich im Verein etwas entwickelt und das Problem ernsthaft angegangen wird. Das ist sicherlich der Mittelpunkt unserer aktuellen Arbeit.

Es gibt auch Fans, die gegen die schlechte Stimmung etwas unternehmen wollen. Was macht 96, um diese zu unterstützen?

Seidel: Es gab zum Beispiel eine Initiative, die nur als virtuelle Gruppe im Internet bestand. Mit denen habe ich natürlich auch gesprochen und ihnen den Ratschlag gegeben, sich erst einmal zu positionieren und feste Ansprechpartner zu benennen, damit das Ganze auch nachhaltig wird. Beim ersten Gruppentreffen waren von den 400 Leuten dann nur sieben da. Aber natürlich helfen wir und geben Tipps und Ratschläge.

Lassen sich die Fans, die 96 den Rücken zugekehrt haben, wieder zurückgewinnen?

Seidel: Das betrifft nur die Profimannschaft. Aber natürlich wollen wir alle zurückgewinnen, es bringt ja nichts, wenn sich die Fans immer weiter aufteilen und der Riss durch die gesamte Fanszene geht.

Viele Fans haben einen regelrechten Hass auf Clubchef Martin Kind. Das dürfte es nicht einfacher machen, den Riss wieder zu kitten.

Koar: Ich würde nicht von Hass sprechen. Die Leute sind betroffen und emotional angefasst. Das muss wieder wachsen - und es muss von unserer Seite offen, verlässlich und ehrlich sein. Deshalb wird es auch keinen blinden Aktionismus geben.

Die Reaktionen auf den offenen Brief, den 96 vor dem Spiel gegen den FC Bayern München veröffentlichte, waren zum größten Teil negativ. Mussten Sie viele Wogen glätten?

Seidel: Ja. Wir haben viele Zuschriften und Reaktionen erhalten, auch weil der Brief Raum für Spekulationen ließ.

Kann man es allen Fans recht machen?

Koar: Es geht ja nicht nur um die Nordtribüne. Und es 45 000 Menschen im Stadion recht zu machen, das funktioniert nicht. Es wird immer Leute geben, die mit etwas nicht einverstanden sind. Das ist ja auch okay. Das Entscheidende ist doch, wie man mit dieser Kritik umgeht. Die Kritik aufzunehmen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen, das ist der richtige Weg. So kann es gehen.

Interview: Norbert Fettback und Christian Purbs

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