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WM 2010 Deutsches Team sucht nach Gründen für die Halbfinalniederlage
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21:31 08.07.2010
Die Trauer nach dem Spiel: Innenverteidiger Per Mertesacker lässt seinen Tränen freien Lauf. Nationalmannschaftmanager Oliver Bierhoff versucht gar nicht erst, ihn zu trösten. Quelle: afp
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Wenn in ein paar Tagen die großen WM-Rückblicke im Fernsehen laufen und die Zeitungen die Bilder des Turniers abdrucken, dann werden ein jubelnder Bastian Schweinsteiger, ein freudetrunkener Thomas Müller oder der Salto von Miroslav Klose das eine Motiv sein, das für die deutsche Nationalmannschaft und ihre vielen Glücksmomente in Südafrika steht. Bilder, aufgenommen in den wundervollen Fußballspielen gegen England (4:1) und Argentinien (4:0). Das andere Stimmungsbild der Mannschaft, stellvertretend für die 0:1-Halbfinalniederlage gegen Spanien in Durban, wird Per Mertesacker zeigen. Zu sehen sein wird ein 1,98 Meter-Riese, der eine Viertelstunde nach dem Abpfiff auf der Trainer- und Spielerbank des Moses-Mabhida-Stadions sitzt, sich unendlich klein fühlt und mit den Tränen kämpft. Rechts neben ihm Oliver Bierhoff, der Nationalelfmanager, der gar nicht versucht, den Verteidiger zu trösten, weil er weiß, dass in solchen Momenten kein Wort das kann.

In den Minuten nach dem Spiel und am Tag danach lässt sich die Enttäuschung nicht einfach ausschütteln wie müde Beine. Sie steckt im Kopf. Und sie holt einen immer wieder ein wie ein lästiger Verfolger, der sich nicht abschütteln lässt. Zum Beispiel, wenn man im Mannschaftshotel Velmore Grande in Erasmia das südafrikanische Fernsehen einschaltet und zum 100. Mal zu sehen ist, wie der Spanier Carles Puyol in der 73. Minute des überraschend einseitigen Halbfinales hochsteigt und den Ball zum Tor des Tages einköpft. „In diesem Moment ist die Enttäuschung sehr groß“, sagte Torwart Manuel Neuer.

Es ist die Enttäuschung, wie vor vier Jahren den Schritt vom Halbfinale ins Finale nicht geschafft zu haben. Die Enttäuschung, am Sonntagabend im Flugzeug zurück nach Frankfurt zu sitzen, wenn nicht weit entfernt vom Flughafen in Johannesburg Spanien und die Niederlande um den WM-Titel spielen. „Ich bin schon enttäuscht, dass es nichts wird mit dem

WM-Titel“, sagte Stürmer Miroslav Klose. Es sind Sätze von Spielern, die „wissen, dass wir ein gutes Turnier gespielt haben“ (Neuer), denen aber gleichzeitig klar ist, dass das Spiel um Platz 3 am Sonnabend in Port Elizabeth gegen Uruguay (20.30 Uhr, live in der ARD) immer ein Duell der Verlierer bleiben wird.

Dazu gesellte sich mit ein paar Stunden Distanz zu der Niederlage der Frust, unerwartet chancenlos gegen eine spanische Mannschaft gewesen zu sein, deren Trainer Vicente del Bosque später zugab, „dass die Deutschen schwächer waren als eigentlich gedacht“. Del Bosque fand sogar, dass „wir gegen Paraguay und Chile mehr unter Druck waren – auch wenn das vielleicht überraschend klingt“. In keinem Augenblick gegen Spanien war zu erkennen, was die junge deutsche Mannschaft vor allem im Achtelfinale und im Viertelfinale ausgezeichnet hatte: ihr Mut, ihre Unbekümmertheit, ihre Entschlossenheit. „Man ist schon verärgert, wenn man kurz vor dem Finale steht und dann nicht so spielt, wie man es vorhat“, sagte Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger, erneut einer der Besten und doch im Schatten des spanischen Ballverschiebebahnhofs mit Xavi, Andres Iniesta und Xabi Alonso.

Bundestrainer Joachim Löw sagte zu dem Leistungsabfall gegenüber der Viertelfinalgala gegen Argentinien einen bemerkenswerten Satz: „Wir konnten die Hemmung, die wir hatten, nicht ablegen.“ Und ergänzte gleich, dass ihm selbst keine richtigen Erklärungen für diese passive Spielweise einfallen. Dass mit Müller der frechste der jungen Profis gesperrt fehlte, ist gewiss ein kleines Teilchen im Erklärungspuzzle, auch wenn Löw das nicht erwähnte.

Man kann also nur Vermutungen anstellen, was die Mannschaft, die keine Angst vor dem argentinischen Weltfußballer Lionel Messi oder dem englischen Klassestürmer Wayne Rooney besaß, derart eingeschüchtert hatte. „Wir haben vorher in fast jedem Spiel in der 1. Halbzeit Tore gemacht, dadurch stieg unser Selbstbewusstsein. Das war diesmal anders“, sagte Torwart Neuer. Vielleicht braucht eine junge Elf in wichtigen Spielen diese Ermutigung durch einen Treffer, um wachsen zu können. Gegen Spanien gab es die Möglichkeit dazu nur einmal in der 69. Minute für Toni Kroos – vier Minuten später schlug Puyol zu. Vielleicht ist es aber einfach so, dass dieser Mannschaft noch fehlt, was Spanien sich in den vergangenen Jahren erarbeitet hat: die Fähigkeit, den Ball derart in den eigenen Reihen zu bewegen, dass der Gegner nicht zum Zug kommt. „Wenn wir mal in Ballbesitz kamen“, sagte Klose, „waren wir zu kaputt und müde zum Umschalten.“ Der Satz war Ausdruck der eigenen Ohnmacht an diesem Abend in Durban. Und ein Riesenkompliment für die Spanier, von denen Bundestrainer Löw sicher ist, „dass sie auch das Finale gewinnen“.

Heiko Rehberg

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