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Sportbuzzer Die Kämpferin auf dem Court
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13:17 24.01.2018
IN AKTION: Sabine Ellerbrock in der Tennis-Base Hannover. Quelle: Florian Petrow
Hannover

Sie dreht am Rad, so unglaublich flink. Schon ist sie in der richtigen Position, holt aus und trifft den Ball exakt. Konstant und hart, mit ungeheurer Präzision und Konstanz schlägt Sabine Ellerbrock die Bälle übers Netz. Sie ist ein Ass in ihrem Sport. Die 42-Jährige gehört im Rollstuhl-Tennis seit Jahren zur Weltspitze.

Gerade hat sie das Finale in Sydney gespielt und verloren. Für nur fünf Tage musste sie zurück nach Deutschland an ihre Schule. Am vergangenen Sonntag gelandet, hat die Gymnasiallehrerin (Bio, Mathe, Sport) am Mittwoch eine Klausur nachschreiben lassen. Schon zwei Tage später flog sie dann ab zu den Australian Open, wo sie ab Mittwoch spielt. Ein straffes Programm, nach Melbourne fliegt man ja auch nicht mal eben wie nach Mallorca. 24 Stunden ist sie jeweils unterwegs. Das nimmt nur jemand auf sich, der sein Leben auf die Linien des Tennisplatzes ausgerichtet hat.

BEIM DOPPEL:: Nicolas Kiefer, Sabine Ellerbrock, Dirk Rossmann und Martin Kind. Quelle: Florian Petrow

Zwischen den Turnieren schlägt die aktuelle Nummer drei der Welt in der Tennis-Base in Hannover auf. Seit vier Monaten ist das ihre sportliche Heimat. Ex-Profi Ingo Herzgerodt ist ihr Trainer. Dass Sabine Ellerbrock alle Schläge beherrscht, spüren auch 96-Chef Martin Kind und Dirk Roßmann, die zu einem Show-Doppel in die Base gekommen sind. Die Unternehmer wollen den Rollis mehr Aufmerksamkeit verschaffen, sie sollen und wollen raus aus dem Schattendasein. Ex-Profi Nicolas Kiefer ist als Doppelpartner mit dabei. „Hochachtung vor der Leistung der Rollis“ hat die ehemalige Nummer vier der Tennis-Welt: „Bei den Matches kann man sehr gut zugucken, das ist sehr beeindruckend.“

Sabine Ellerbrocks Ge­schichte beginnt als die einer Sportbegeisterten: „Ich habe exzessiv Sport getrieben.“ Mit sechs Jahren greift sie zum Tennisschläger, noch „als Fußgängerin“, wie sie sagt. Sie läuft Marathon und ist „begeisterte Windsurferin“. Alles normal, bis mit 31 ihr Ärzte-Marathon be­ginnt.

In Sprint-Form: Sie erkrankt am Kompartment-Syndrom. Dabei führt erhöhter Gewebedruck zu Muskel- und Organschäden. Nach einer OP kommt es zu Komplikationen. „Da ist einiges schiefgelaufen“, sagt sie. Sie hat ungeheure Schmerzen im Fuß. „Weil ich es nicht mehr aushalten konnte, habe ich versucht, mir den Fuß abzusägen. Ich bin aber nur bis zum Knochen gekommen“, berichtet sie so, als würde sie ein Kuchen-Rezept erklären.

Schließlich wurde ihr rechter Unterschenkel amputiert. Sie muss jetzt ihre Grundlinie neu definieren und beginnt 2009 mit Rollstuhl-Tennis. Als an­griffslustige Einzelkämpferin, sie legt sich mit dem Deutschen Tennis-Bund (DTB) an und beklagt „viel Unehrlichkeit, Ab­sprachen werden nicht eingehalten“.

Doch mittlerweile fühlt sie sich besser aufgehoben. Micha­el Wenkel, Geschäftsführer des Niedersächsischen Tennis-Verbands, will das Thema Inklusion vorantreiben. Wie behinderte Schüler in normalen Klassen sollen auch behinderte Sportler mit Normalos spielen. „Vielen Tennis-Vereinen fehlt noch der Mut dazu“, sagt Wenkel, „die denken dann, der Rollstuhl macht die Plätze kaputt.“ Was Unsinn sei.

SIE SCHLAGEN AUF: Sabine Ellerbrock mit Martin Kind. Quelle: Florian Petrow

Sabine Ellerbrock freut sich jedenfalls über ihren „Deal mit der Base“ in Hannover. Zwei- bis dreimal trainiert sie hier in der Woche – und zahlt auch dafür. Sie fährt dazu von ihrem Wohnort Lage bei Bielefeld hin und zurück. Sie investiert viel Zeit und Kraft – und spielt auf eigene Kosten: „Durch die Erfolge kann ich die Ausgaben so refinanzieren, dass ich etwa bei plus-minus null lande.“ Der Aus­tralien-Trip kostet sie jetzt etwa 6000 Euro, Sie zahlt nicht nur ihren Flug und ihr Hotel, sondern auch für ihren Schlagpartner Gerrit Strehl. Der Landestrainer begleitet sie.

Etwa 35 000 Euro gibt Ellerbrock pro Saison aus, die Preisgelder bei den vier Grand-Slam-Turnieren (Melbourne, Paris, Wimbledon, New York) gleichen das aus. 2013 und 2014 war sie die Nummer eins in der Welt. 2013 hat sie in Paris gewonnen, 2014 in Aus­tralien. 2012 in London bei den Paralympics war sie Vierte: „Mein Ziel ist, noch in Wimbledon und die US Open zu gewinnen.“

Bei allen sportlichen Höhen hat sie wichtige Matches im Leben verloren. „Viele depressive Phasen“ und „ein versuchter Suizid“ vor Olympia 2016 in Rio – „Gott sei Dank bin ich von Leuten umgeben, die mir in Krisen helfen“.

Vor allem aber auch mit Hilfe des Sports hat sie sich immer wieder herausgezogen aus den Tälern. Sie kämpft auch weiter engagiert um mehr Anerkennung. Sogar Branchengrößen wie Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic versuchen mit gemeinsamen Show-Auftritten, den Rollis zu helfen. Auch 96-Chef Kind ist nach der kleinen Doppel-Show begeistert: „Sie spielt super, ihre Rückhand ist ja unglaublich.“ Ex-Profi Kiefer sieht auch einen Lerneffekt für die 14- bis 16-jährigen Talente, die in Hannover an ihrer Profikarriere feilen. „Da wird manchmal viel gejammert“, weiß Kiefer, „sie sollen sich alle mal ein Beispiel an Sabine nehmen und merken, wie gut es ihnen eigentlich geht.“

Dittmar will zu den Paralympics

Mit Anthony Dittmar trainiert ein zweiter Rollstuhltennisspieler in Hannover. Der 23-Jährige leidet seit der Geburt an der Glasknochen-Krankheit.

2010 hat er bei einer Reha eine Rollstuhltennis-Spielerin kennengelernt. „Ich kannte den Sport bis dahin gar nicht“, erzählt er. Schnell hat er gemerkt; „Ich bin ganz talentiert.“ Dann ging’s schnell, seit 2012 spielt er Turniere.

DURCHGESCHWUNGEN: Anthony Dittmar trainiert auch in Hannover. Quelle: Privat

Seit drei Jahren wohnt er in Hannover und trainiert „zwei- bis dreimal die Woche“ in der Tennis-Base. Fitnesstraining kommt extra. Das alles muss er mit der Ausbildung zum Büro-Kaufmann koordinieren, die er gerade beim Niedersächsischen Tennis-Verband begonnen hat. In Deutschland gehört er zu den Top drei im Rollstuhltennis – im Doppel war er schon deutscher Meister. In der Weltrangliste steht er auf Rang 180. „Mein Ziel ist, in die Top 100 zu kommen“, sagt Dittmar, „und 2024 und 2028 möchte ich zu den Paralympics.“

So läuft Rolli-Tennis

Einzige Änderung zum Normal-Tennis der Fußgänger – beim Rollstuhltennis darf der Ball zweimal aufspringen, beim zweiten Mal auch außerhalb des Feldes. Das kommt aber nicht oft vor.

Sabine Ellerbrock startet als Nummer drei der Welt ab heute bei den Australian Open. Eine Wild-Card erhielt die querschnittsgelähmte Katharina Krüger aus Berlin. Aufgeschlagen wird auf den Außenplätzen in Melbourne, die nach der ersten Woche von den Profis bei den Damen und Herren nicht mehr be­spielt werden. Das Teilnehmerfeld ist auf acht Spielerinnen be­grenzt. 2014 hat Sabine Ellerbrock die Aus­tralian Open bereits gewonnen.

Der Tennis-Rollstuhl ist leichter und beweglicher, er hat zusätzliche Stützräder. Der Rolli kostet zwischen 2500 und 5000 Euro.

Von Andreas Willeke

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