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Platz 1: „Geflüchtete im Drehkreuz Hannover “

Schreibwettbewerb: Klasse 10 bis 13 Platz 1: „Geflüchtete im Drehkreuz Hannover “

Der erste Platz beim Schreibwettbewerb 2015/2016 geht an Anna Wera Wilms von der Käthe-Kollwitz-Schule Hannover. Für die Jury eine dichte, atmosphärisch sehr gut gestaltete Reportage, die dezent Ansätze zur Diskussion setzt.

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Platz 2: "FREMD"
Quelle: Schaarschmidt

„Geflüchtete im Drehkreuz Hannover“ von Anna Wera Wilms

Die Verteilung der Flüchtlinge auf die niedersächsischen Gemeinden wird in der Landeshauptstadt von routinierten HelferInnen organisiert

Messebahnhof Laatzen. Kalt und ungemütlich ist es, früh am Morgen. Dennoch sind ehrenamtliche Helfer schon dabei, Biertische und -bänke mit Snacks und Kaffeekannen in der leeren Eingangshalle aufzustellen. Derweil sammeln Herr Blume und sein Team die Einsatzstab-LeiterInnen der DB Sicherheit, der Bundeswehr, des DRK und der freiwilligen DolmetscherInnen in der Kommandozentrale um sich. Die Ankunft des Zuges mit etwa 370 Geflüchteten sei heute für 6.56 Uhr angesetzt. Routine für die rund 60 Beteiligten: Seit Oktober vergangenen Jahres kommen hier täglich Flüchtlinge an und steigen in Reisebusse um, die sie auf verschiedene Unterkünfte in Niedersachsen verteilen werden. Die Organisation dieses Umsteigens hat das Land an die Technische Einsatzleitung Hannover für die Gefahrenabwehr und den Katastrophenschutz übertragen.

Kinder und Alte auf der Flucht

„Der Zug ist angekommen!“, tönt es um kurz vor 7 Uhr aus den Funkgeräten. Alle machen sich auf zu ihren Posten. Aus einem Fenster des Zuges lehnen sich zwei junge Männer und schauen zu, wie sich SoldatInnen, DolmetscherInnen und SanitäterInnen auf dem Gleis verteilen. Sie tragen Mundschutz und Latexhandschuhe. Die ersten Reisenden steigen aus dem vordersten Abteil aus. Es sind erstaunlich viele Kinder und alte Menschen dabei, mit müden Gesichtern, auf denen sich aber auch Erleichterung abzeichnet. In kleinen Gruppen steigen sie die Treppen nach oben. Ein Junge trägt einer alten Frau die Tasche, sie stützt sich auf das Geländer. All ihr Hab und Gut findet Platz in Rucksäcken und Plastiktüten. Andere besitzen nur noch die Kleidung, die sie am Körper tragen. Ich fröstele, als ich sehe, wie ein Vater seinen Sohn aus dem Zug hebt und auf den Arm nimmt, denn der Junge ist barfuß.

Eine Fahrt mit unbekanntem Ziel

Abteil für Abteil steigen Menschen aus, Lautsprecheransagen der DolmetscherInnen weisen ihnen den Weg. Als der Zug leer ist, wird er von SoldatInnen kontrolliert. Oben in der Eingangshalle können die Geflüchteten kurz verschnaufen, es gibt Kaffee für die Großen und Schokoladenriegel für die Kleinen. Rettungswagen stehen bereit für den Notfall, auch heute sind ein Säugling und ein Junge mit Fieber dabei gewesen. Wie gut, dass sie hier erst einmal versorgt werden können, denn ihre Reise ist noch nicht zu Ende. Sie wissen nicht einmal, wo sie sich befinden. Es wird ihnen auch nicht erzählt, wohin sie weitergebracht werden, damit es keinen Tumult gibt. Fragen sie nach, heißt es, nur noch zwei Stunden Fahrt würden vor ihnen liegen.

Es ist ein routinierter, ruhiger Ablauf, der nun schon seit Wochen funktioniert. Insgesamt wurden hier 43000 Menschen in Empfang genommen und weitergeleitet, davon 9200 in diesem Jahr. Heute waren es 375, ein Drittel davon Kinder. Sie alle sind dank der Technischen Einsatzleitung, der Bundeswehr, dem DRK, der DolmetscherInnen und der Freiwilligen gut umgestiegen. Das Team wird auch am Montag wieder früh auf den Beinen sein, denn dann ist der Zug für 5.23 Uhr angekündigt ...

Das sagt die Jury:

  • atmosphärisch sehr gut gestaltet
  • eine dichte Reportage, die nah dran ist
  • alle W-Fragen geklärt
  • Ansätze zur Diskussion dezent gesetzt
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