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Platz 2: "FREMD"

Schreibwettbewerb: Klasse 10 bis 13 Platz 2: "FREMD"

Der zweite Platz beim Schreibwettbewerb 2015/2016 geht an Medea Sieben von der Freien Waldorfschule Hannover am Maschsee. Die Jury lobt ihre sehr intime und doch analytische Perspektive auf das Thema.

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Medea Sieben

„FREMD“ von Medea Sieben

Ein Begriff den wohl jeder kennt. Für jeden war irgendetwas schon einmal fremd. Dieses Gefühl von Fremdheit kann bereichernd, aber auch erdrückend sein. Für manch einen mag es ein Mensch sein, ein neues Land, das Leben oder sogar die Welt. Für meinen Opa war es sein Leben, in dem er sich nie richtig angekommen fühlte, fremd eben. Der Grund war sein Doppelleben, welches er bis zu seinem Tod führte.

Mein Opa wurde noch vor dem Krieg geboren und wuchs mitten auf dem Land auf, außerdem war er ein sehr gläubiger Mensch. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er auf dem kleinen Hof seiner Eltern mit vier Geschwistern, wo er sich seine Zeit mit Schafehüten vertrieb. Mit dem Anfang der Pubertät merkte er, dass er anders war als die Jungen in seinem Alter. Diese fingen an sich für Mädchen zu interessieren, er fand sein Interesse jedoch bei Männern wieder. Mein Opa dachte, dass er der widerwärtigste Mensch dieser Welt sei, da es in der damaligen Zeit keine Aufklärung bezüglich Homosexualität gab und sie bis 1968 sogar verboten war. Er konnte sich niemandem anvertrauen und in seiner Verzweiflung suchte er als junger Erwachsener einen Pastor auf, da er eine starke Bindung zum Glauben hatte. Opa schilderte dem Gottesmann seine unglückliche Lage, dieser riet ihm jedoch nur schnellstmöglich zu heiraten.

Meine Oma lernte er auf einem Hof kennen, auf dem er in der Landwirtschaft arbeitete. Sie war acht Jahre jünger als er und sie kannten sich sehr lange, bevor sie sich schließlich verlobten. In dieser Zeit – so erzählte er es viele Jahre später seinen Kindern – hoffte er immer, dass irgendwas passieren würde, damit er nicht heiraten müsse. Doch schließlich ging er die Ehe ein, im gleichen Jahr, in dem er in der Schwulenszene sein Coming-out hatte.

Meine Oma erfuhr erst von seiner Ausrichtung, als sie kurz vor der Geburt ihrer ersten Tochter stand. Damals wusste sie jedoch gar nicht, dass es so etwas gibt und war furchtbar erschüttert. Sie verließ ihn aber nicht und konzentrierte all ihre Kräfte auf die bevorstehende Geburt. Trotz allem hatten meine Großeltern eine sehr besondere und eher freundschaftliche Beziehung zueinander. Beide teilten die gleichen Interessen sowie Vorlieben und schätzten einander sehr. Sie bekamen zwei weitere Töchter und führten ein harmonisches Familienleben.

Somit begann sein Doppelleben. Einerseits war er Familienvater, anderseits suchte er die wahre Liebe als homosexueller Mann. Diese Teilung zweier Lebensbereiche führte dazu, dass er sich in keinem der beiden Leben ganz Zuhause fühlte, ja fast schon fremd. Mein Opa hatte diverse Affären, wurde damit jedoch auch nicht glücklich.

Mit 60 Jahren lernte er schließlich seine große Liebe kennen. Dies vergrößerte seinen inneren Konflikt, führte aber nicht dazu, dass er seine Familie und sein dörfliches Leben verlassen hätte.

Mit seinem Gefährten teilte er unter anderem die Leidenschaft für die Oper und bereiste die Welt. Die Liebe zwischen den beiden war sehr innig, obwohl sie 1000 Kilometer voneinander entfernt wohnten. Niemand wusste von dem großen Geheimnis meines Opas, außer seiner Frau, zwei engen Freundinnen und seinen drei Töchtern. Diese hatten es aber auch erst im Erwachsenenalter erfahren, als ihr Vater wegen einer Blutvergiftung im Krankenhaus um sein Leben bangte.

Meine Oma hat, während ihr Mann mit seinem Geliebten eine schöne Zeit verbrachte, für Gäste oder Verwandte immer eine Geschichte erfunden, um zu erklären, wo ihr Mann gerade unterwegs war. Mal war es eine Kur, ein anderes Mal war er mit dem Kegelklub auf einer Reise. Auch wir Enkelkinder wussten nichts von der Situation, obwohl wir viel Zeit bei unseren Großeltern verbrachten. Opas große Liebe kannten wir nur als seinen besten Freund, mit dem er jeden Tag telefonierte und viel Zeit verbrachte. Niemand sollte etwas von seiner Homosexualität erfahren und die, die es wussten, akzeptierten das Schweigen und behielten das Geheimnis für sich.

Somit vergingen die Jahre und mein Opa erkrankte an Parkinson. Durch diese Krankheit verlor er schließlich auch sein Leben. Seine Beerdigung war ein wunderschönes Fest. Es kamen sehr viele Freunde und Bekannte, auch aus der Schwulenszene waren einige gekommen. Mein Opa wurde von jedem gemocht, hatte viele ehrliche Freunde und war immer nett und offen für alles, außerdem auch für jeden Spaß zu haben. Nach seinem Tod erfuhren alle nahestehenden Menschen, von seiner Ausrichtung zum gleichen Geschlecht. Meine Oma hatte sich zu der Zeit entschieden, gerade mit diesem Thema offen umzugehen und nicht weiter mit einer Lüge zu leben.

Doch in dieser Generation ist Homosexualität etwas total Fremdes und nicht so selbstverständlich wie in der heutigen Zeit. Somit lebte mein Opa sein ganzes Leben in Fremde, da er sich nie in einer Welt angekommen fühlte. Sicherlich hätte er sich frei zu seiner Homosexualität bekennen können, doch durch seine Herkunft und Prägung blieb ihm dies sein Leben lang unvorstellbar.

Ich denke, jeder sollte sich frei und ganz ausleben und das tun, was er wirklich fühlt. Gerade um sich dem Gegenteil von fremd, dem Gefühl von Zuhause, ganz hingeben zu können.

Das Leben ist nun mal zu kurz um eine fremde Rolle zu spielen!

Das sagt die Jury:

  • spannende Perspektive aufs Thema
  • sehr intim und doch analytisch
  • am Ende fast kommentierend
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