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Damals in Hannover Wilhelm Hauschild im Porträt
Thema Specials Damals in Hannover Wilhelm Hauschild im Porträt
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16:32 16.03.2018
Quelle: HAZ-Redakteur Klaus Partzsch beschreibt Wilhelm Hauschild, den Mann mit der Fliege.
Hannover

Die Verabredung lautete auf 8.30 Uhr, also eine für viele Journalisten absolut unmögliche Stunde, doch Wilhelm Hauschild kam sofort im blütenweißen Hemd an die Tür seiner Wohnung und war bereit zum Interview. Er hatte überhaupt noch nicht geschlafen; irgendwelche Briefe waren spät in den Nachtstunden zur Post zu bringen gewesen. Kaffee stand auf dem Tisch im Wohnzimmer, das zugleich auch Büro ist. Roth-Händle wurden gebracht. Natürlich klingelt auf der Stelle das Telefon. Ein Mann von einer Versicherungsgesellschaft wollte mit dem Fotografen über den Abschluss einer Kameraversicherung sprechen, ließ sich aber auf später vertrösten. „Ich habe einfach zu viele Kameras“, sagte Hauschild. „Wenn ich alle versichern lasse, kann ich die Prämien nicht bezahlen. Wenn ich nur diese oder jene versichern lasse, geht mir garantiert eine nicht versicherte flöten.“

Eine seiner Leicas hatte übrigens mal ein halbes Jahr im Maschsee gelegen, war dann aber wieder heraufgeholt und gereinigt und in Betrieb genommen worden. Die Voigtländer Avus 9 mal 12, Hauschilds Kamera von 1924, lag auch noch irgendwo. In Benutzung waren weiter fünf Hasselblads, etliche neue Leicas, eine japanische Superweitwinkelkamera namens Widelux (nebenbei: ein persönliches Geschenk von Dr. Erich Madsack), eine Plaubel Makina, eine Voigtländer Bessamatic mit Gummilinse sowie eine Sonnenblende aus Gummi, die sich der findige Hauschild einmal aus einem Gipstopf zurechtgeschnitten hatte.

In diesem Augenblick rief eine Beatband an, die sich Punkt 11 Uhr vor dem Standesamt aufzubauen gedachte, um die Heirat ihres ehemaligen Sologitarristen zu feiern. Für 11 Uhr stand auch schon die Einweihung einer Niederlassung in Laatzen. Tochter Viola Hauschild hatte einen ganz eiligen Term in mit einer Pferderennbahn. Das Gespräch kam mit Mühe wieder zurück auf die Pressefotografie. Wilhelm Hauschild suchte gerade noch in seinem Gedächtnis hartnäckig nach dem Adelstitel einer Italienerin, von der er 1935 eine gebrauchte Leica IIIa gekauft hatte. Eine Marquise? Ja, so ähnlich.

Um 1930 herum habe er sich, sagte Wilhelm Hauschild, auf Kleinbild umgestellt. Vorher habe er die großen Kameras benutzt, „weil man damit eher aussah wie ein Pressefotograf.“ Das Bild sei heute zur Schwemme geworden, sagte er mit einem Seitenblick auf ein Stilmöbel in der Ecke, das offenbar den Fernsehapparat verbarg – denn jeder, der nur halbwegs den Auslöser zu drücken verstehe, könne ja Pressefotograf sein.

An Nachwuchs für Bildjournalisten sei jedenfalls kein Mangel, fügte er hinzu. Immer noch verärgert. Hier bei ihm melde sich jeden Monat einer, der Pressefotograf werden möchte, mindestens einer! „Aber nicht Laborant, das keinesfalls. Wenn ich ihm sage, dass er zunächst bei uns im Labor arbeiten kann, ist er direkt beleidigt.“ Das Telefon klingelt wieder; eine Dame vom Schwedenheim in Isernhagen fragte zaghaft an, ob sie noch den Abzug einer Aufnahme bekommen könne, die am 1. Dezember vorigen Jahres erschienen sei. Hauschild sagte zu, erbat sich jedoch ihren Besuch für den nächsten Tag, 9 Uhr (dies trug er in sein Terminbuch ein), und fragte, wo er stehen geblieben sei.

„Ob man gut ist oder schlecht“; nahm er den Faden wieder auf, „ist wie in jedem anderen Beruf eine Frage der Routine. Jetzt komme ich auch zu dem gelegentlichen Vorwurf, ich fü hre bei allen Aufnahmen Regie und verfälsche so die Wirklichkeit. Aber mein Gott, ich muss! Eine Situation in den Kasten zu kriegen ohne Arrangement, das ist Zufall, Glück, das passiert nur alle Jahre einmal. Sehen Sie sich doch im Fernsehen an, wie lange sich die Minister in Bonn die Hände schütteln, damit auch alle Fotografen ihr Bild in den Kasten kriegen. Ich selber ...“ Er wurde durch den fünften Anruf unterbrochen; die Ingenieursschule wollte ein bestimmtes Foto gemacht haben, auf dem irgendweIche katastrophalen Verkehrsverhältnisse in Ricklingen beweiskräftig dargestellt sein würden. Das Gespräch drohte auszuufern.

Wilhelm (keinen weiteren Vornamen) Hauschild wurde am 16.1. 1902 als 11. Kind einer Familie in Breslau geboren; zwei Schwestern und er überlebten. Sein Vater starb 1907, seine Mutter 1912. Der Vollwaise wurde von der ältesten Schwester, die damals schon 18 Jahre alt war, nach Glatz mitgenommen und bis zum 14. Lebensjahr aufgezogen. Danach ging der junge Wilhelm auf die Unteroffiziersschule nach Northeim, brachte sich dort in der Freizeit aus Langeweile Stenographie und Maschinenschreiben bei und schickte Gedichte an Zeitschriften. Der „Allgemeine Wegbote“ und der „Gebirgsbote“ in Glatz veröffentlichten welche; es sollen Gedichte auf die Liebe und das Vaterland gewesen sein. „Ich bin ein Hansdampf in allen Gassen geworden“, sagte Hauschild, „ich lernte ja auch auf der Unteroffiziersschule nichts, was ich fürs Leben gebrauchen konnte.“ In einer Zeitung fand er ein Buch über Schauspielkunst für Anfänger inseriert. Er bestellte es. Er erhielt das Buch „Schachspielen für Anfänger“.

Seitdem kann Wilhelm Hauschild auch Schach spielen. Er kann auch Billard spielen; erlernt im Deutschen Café am Steintor in Hannover um 1923. Er kann Maschineschreiben: drei Jahre auf einer alten Adler praktiziert bei der Landschaftlichen Brandkasse in Hannover zwischen 1922 und 1925. Er kann hübsche, blonde Frauen glücklich machen: bewiesen mit der ehemaligen Kontoristin Margarete bis zu ihrem Tod im Jahr 1961. Er kann nicht reiten: bitter erfahren 1921 als Schreiber im 100 000-Mann-Heer, wo er reiten lernen sollte und beim Springen jedes Mal auf die Nase fiel. Übrigens rief jetzt jemand an und bat um Farbnegative von der Pferdebahn, aber da musste sich die Viola wohl schon selber helfen. Wilhelm Hauschild war wieder beim Thema angelangt.

Die ersten Fotos von ihm entstanden 1913 in einer Box (mit Kassette, nicht mit Film) für 0,95 Mark; sie sind verloren. Die ersten vier oder fünf Pressefotos von ihm wurden 1924 zusammen mit einem eigenhändig getippten Text im „Anzeiger“ veröffentlicht; sie sind im Archiv des Anzeiger-Hochhauses verwahrt. Sie zeigen die Marienburg. Das Honorar betrug pro Stück sieben Reichsmark, ein sehr hohes Honorar im Vergleich zum „Hannoverschen Tageblatt“ und zum „Hannoverschen Kurier“, die fünf Reichsmark zahlten, vom „Volkswillen“ ganz zu schweigen. Hauschild schrieb auch, zu einem Stückpreis von zwei Reichsmark, Meldungen über gestürzte Motorradfahrer oder gestürzte Pferde. Als er 1928 seine letzte hauptberufliche Stelle verlor, war er bereits gut als freier Mitarbeiter beim „Hannoverschen Anzeiger“ im Geschäft. Er hatte in nahezu jeder Ausgabe der illustrierten Beilage des „Anzeigers“ Bilder, so lange, bis sie von den Nationalsozialisten verboten wurde. Er fotografierte die junge Yvonne Georgi und den jungen Harald Kreutzberg, die alte Pferderennbahn und das alte LuftschiffHindenburg“, Pat & Patachon, Sven Hedin, Benito Mussolini, Friedel Mumme, Adolf Hitler, alle – bloß nicht J. W. Stalin, der die Sowjetunion leider nicht verließ, um sich von Wilhelm Hauschild in Hannover blitzen zu lassen.

Dann klingelte abermals das Telefon. Die Anzeigenabteilung war am Apparat wegen einer Dame, die in der Sauna fotografiert werden müsste. Wilhelm Hauschild sah erst auf die Uhr (es war zehn Minuten vor elf, und die Beatband wie die Niederlassung in Laatzen warteten auf ihn), dann in den Terminkalender. Er wollte gern noch aufgeschrieben haben, dass er 1964 Dozent an der hannoverschen Volkshochschule wurde, aber sein Helfer, der Rentner Fischer, schleppte ihn erbarmungslos zum Auto... Die Sache mit Hauschild ist nie zu Ende. Muss noch erzählt werden, dass das junge Brautpaar seinetwegen keine Sekunde in der wirklich eisigen Kälte vor dem Standesamt warten musste? Dass der Festredner in Laatzen noch lange nicht beim Schlusswort war, als Hauschild ihn blitzte? Es ist überflüssig, denn beide Aufnahmen sind bereits am vergangenen Mittwoch in der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ erschienen. Weitere werden folgen. Wilhelm Hauschild hat jetzt gerade erst die fünfte Million Fotos vollgemacht.

Aber das Atelier, das wartet noch auf eine kurze Beschreibung. Es ist sauber und aufgeräumt. In einem Regal stehen beschriftete Kartons: „Muttertag“, „Ostern/Schafe“, „Polizei/Wasser/beritten/mit Hunden“, „Naturkatastrophen/Sturm“ und so weiter. Aus diesen oder anderen hat Wilhelm Hauschild in aller Eile die Fotos auf dieser Seite herausgesucht. Und ganz, ganz spät erst natürlich.

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