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Die Wulff-Affäre „Wulff hat das ihm anvertraute Amt entwürdigt“
Thema Specials Die Wulff-Affäre „Wulff hat das ihm anvertraute Amt entwürdigt“
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20:48 03.01.2012
Hannover

Von einer Entwürdigung des Amtes schreibt die „Süddeutsche“ in ihrer Online-Ausgabe: „Christian Wulff hat nicht nur sich selbst, sondern auch das ihm anvertraute Amt entwürdigt. Dafür trägt er die Verantwortung – aber er trägt sie nicht allein: Wulff ist Bundespräsident, weil Angela Merkel es so wollte. Die Kanzlerin muss nun endlich selbst den Schaden begrenzen, den sie angerichtet hat. Sonst wird aus der Affäre Wulff eine Causa Merkel.“

Der „Kölner Stadtanzeiger“ hält den Bundespräsidenten für überfordert: „Die Vorfälle zeichnen das Bild eines Menschen, der überfordert ist. Befreiungsschläge gelingen nicht, Entlastendes wird belastend, immer neue Details zeichnen ein immer neues Gesamtbild. Wer an dieser Stelle die Kritiker Wulffs kritisiert, gerät leicht in den Ruch, die falsche Partei zu ergreifen. Und doch trägt all die Empörung, nun auch über den Anruf des Staatsoberhauptes bei einem Chefredakteur, pharisäerhafte Züge, hat man den Eindruck, in einem Land zu leben, in dem Christian Wulff als schwarzes Schaf unter ausnahmslos weißen absticht.“

Die „Westdeutsche Zeitung“ glaubt, dass die Kanzlerin in der Wulff-Affäre nüchtern abwägen wird: „Natürlich wäre der Rücktritt Wulffs ein herber Rückschritt, nachdem Horst Köhler erst vor 20 Monaten aus dem Amt floh. Auf der anderen Seite geht Deutschland erneut in ein schweres Jahr. Die Euro-Krise ist bei weitem nicht ausgestanden, keiner kann so richtig einschätzen, wie es mit der Wirtschaft weitergeht. Die Rolle einer erfahrenen und pragmatischen Krisenmanagerin ist mit Merkel bestens besetzt, für den Part der moralischen Instanz, der über das Tagesgeschäft hinaus durch die Vermittlung bürgerlicher Werte Halt gibt, kommt Wulff nach den Affären nicht mehr infrage. Wulff will seine persönliche Krise womöglich aussitzen. Doch die Kanzlerin wird entscheiden - nüchtern und pragmatisch.“

Die „Nürnberger Nachrichten“ schreiben: „Dass der politische Druck noch nicht das Maß erreicht hat, das Wulff aus dem Amt katapultieren müsste, hat zwei Gründe. Merkel und die anderen schwarz-gelben Granden wissen erstens, dass sie in der Bundesversammlung nur noch eine hauchdünne, arg wackelige Mehrheit haben. Hinzu kommt zweitens, dass fast alle Parteien eine gewisse Scheu verspüren, das höchste Amt im Staate weiter zu entwerten. Denn ernstlich demoliert wurde es schon, als Wulffs Vorgänger Horst Köhler beleidigt hingeschmissen hatte. Dem Ansehen der Institution Bundespräsident hat Köhler damit schweren Schaden zugefügt - Wulff ist dabei, es endgültig zu ruinieren. An diesem Präsidenten festzuhalten hieße, ein Verfassungsorgan dem Verfall und der Verachtung durch seine Bürger preiszugeben. Wenn Christian Wulff seinem Land noch einen Dienst erweisen kann und will, dann muss er zurücktreten - besser heute als morgen.“

Eine Parallele zum Fall zu Guttenberg sieht die Berliner Zeitung: „Merkel verfährt mit Wulff nach derselben Methode wie im Fall Guttenberg. Sie überlegt täglich neu: Nutzt er noch oder schadet er schon. Derzeit nutzt er noch. Die Kanzlerin wird alles tun, um nicht den zweiten Bundespräsidenten zu verlieren. Die Kollateralschäden nimmt sie in Kauf. Aus der Affäre Guttenberg ist Merkel ohne große Blessuren rausgekommen. Aber Wulff ist Bundespräsident. Lässt Merkel zu, dass er nicht nur Anstand, sondern auch Recht verletzt, hat sie dem Land unwiderruflich Schaden zugefügt.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung" schreibt zu Wulff: „Wie oft kann sich ein Bundespräsident entschuldigen, bevor auch die Meinungsumfragen zu dem Schluss kommen, dass ihm das Format für das Amt fehlt? Diese Frage treibt inzwischen sogar die SPD um: Die Schonfrist gehe zu Ende. Einsame Koalitionspolitiker rufen Wulff zunehmend verzweifelt zur Aufklärung seiner Ausflüge in immer neue Grenzbereiche auf, offenbar nicht wirklich wissend, was sie da von ihm verlangen. Und danach? Dem Mann, der nicht Kanzler werden wollte, gelingt es auch nicht, Präsident zu sein. Es liege ihm, aus der Tiefe des Raumes zu kommen - so begründete Wulff einmal, warum er sich "als Bundespräsident wohler fühlen würde denn als Bundeskanzler". Der Raum, der diesem Bundespräsidenten noch geblieben ist, hat keine Tiefe mehr.“Die Stuttgarter Zeitung widmet sich der Affäre Wulff mit folgenden Worten: „Christian Wulffs Rückhalt im Regierungslager schwindet. Sein Verhalten verträgt sich nicht mit bürgerlichen Ehrvorstellungen. Und wie sollte der Christdemokrat auch weiter amtieren? Worüber will er noch reden? Über Unabhängigkeit? Vertrauen? Redlichkeit? Das Vokabular ist durch Wulffs eigenes Zutun vergiftet. Moralische Appelle, die zu den Obliegenheiten eines Bundespräsidenten gehören, würden sich für ihn verbieten. Wenn Wulff bleibt, ist sein Amt verloren.“r.

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