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Projekt Leine-Bogen Vorstellung des See-Projekts „Leine-Bogen“
Thema Specials Projekt Leine-Bogen Vorstellung des See-Projekts „Leine-Bogen“
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11:32 22.09.2010
Von Conrad von Meding
„Wir investieren hier viel Arbeit in den Umweltschutz“: Robin Witte vom Volksbad Limmer spaziert nahe des Stockhartwegs auf dem Gebiet des geplanten Freizeitsees. Quelle: Nico Herzog

Es gibt Sachen, die gehören einfach nicht in ein norddeutsches Landschaftsschutzgebiet. Indisches Springkraut zum Beispiel. Das bis zu zwei Meter hohe Kraut wuchert inzwischen in Massen in den hannoverschen Leineauen, und auch wenn ihre Blütenkelche in prächtigen Lilatönen leuchten und Kinder sie wegen ihres Schnappeffekts lieben, so verdrängen sie doch die einheimischen Pflanzen. Aber muss man deshalb gleich alles unter Wasser setzen?

In Herrenhausen, Limmer und Ahlem, also am innenstadtnahen Teil des geplanten großen Seeprojekts „Leine-Bogen“, staunt man nicht schlecht über die Ideen, die für das große Naturgebiet derzeit diskutiert werden. „Wir investieren hier viel Geld und Arbeit in den Umweltschutz, und dann kommt da einer und sagt, dass er zwischen Linden und Havelse alles fluten will“, sagt Robin Witte. Der 28-Jährige ist ehrenamtlicher Betriebsleiter beim Volksbad Limmer und sozusagen ein waschechtes limmersches Gewächs. Schon sein Großvater hat in den Leineauen gespielt. Deshalb weiß Witte auch, dass im westlichen Teil des sogenannten „Süd-Sees“ eine alte Deponie schlummert. „Mein Opa hat davon erzählt“, sagt er: „Die wurde irgendwann abgedeckt und liegt seitdem im Boden.“

Das Volksbad, mit 85 Jahren eines der ältesten Freibäder der Stadt, wird derzeit technisch aufgefrischt. Idyllisch liegt es leicht erhöht im Randbereich des Auengebiets, Teile der Liege- und Spielwiesen werden regelmäßig bei Hochwasser geflutet. „Letztes Jahr haben wir die Pumpen komplett erneuert“, sagt Betriebsleiter Witte, „jetzt soll eine Solaranlage installiert werden.“ Das Bad ist im Eigentum der Wasser- und Schwimm-sportvereine Waspo und HSV. „Wir halten strenge Umweltauflagen ein – da kann ich mir nicht vorstellen, dass rundherum alles unter Wasser gesetzt werden darf.“

Gepflegte Radwege führen durch die Leineauen. Hunderte Radfahrer nutzen im Spätsommer die kurzen Wegeverbindungen zwischen den Stadtteilen im Nordwesten Hannovers, Spaziergänger führen ihre Hunde aus. Hier könnten der visionären Idee des Architekten Peter Grobe zufolge irgendwann Segelboote anlegen, Liebespaare sich in Ruder- oder Tretbooten über sanfte Wellen schaukeln lassen und ein Touristendampfer Ausflügler zu neuen Ufern schippern. Derzeit wuchern hier undurchdringlich Brombeerbüsche, stehen Pappeln und andere wasserliebende Bäume, aber tragen auch Mirabellenbäume und andere Obstgehölze reiche Früchte – zur Freude der Spaziergänger.

Und natürlich stehen hier auch Bauer Völxens Kühe. Die Huftiere, die immer wieder Schlagzeilen machen, wenn sie ausbüxen oder in die Leine fallen, wissen nichts von den Plänen für ihr Weideland. Ruhig grasen sie auf einer Anhöhe, im Hintergrund erhebt sich der große Gärturm des Klärwerks Herrenhausen. Sattgrüne Wiesen stehen hier, die Böden sind von den regelmäßigen Überflutungen gut genährt. Denn die Leine hat mitnichten so klares Wasser wie etwa der benachbarte Stichkanal. Braun und träge fließt sie dahin, und nach starken Regenfällen trägt sie zuweilen auch mal Toilettenpapier und andere menschliche Hinterlassenschaften mit sich. In Hannovers Innenstadt liegt noch die alte Mischkanalisation im Boden, wo das Abwasser der Häuser gemeinsam mit dem sauberen Regenwasser Richtung Kläranlagen geführt wird. Wenn zu viel Regen fällt und die Kanalisation überläuft, landet der ganze Dreck in der Leine. „Wie man das mit einem Badesee vereinbaren will, ist uns völlig unklar“, sagt eine Naturschützerin.

Auch an den Stammtischen und in Vereinsrunden in den umliegenden Stadtteilen schütteln die Leute eher den Kopf über die Idee. „Bei uns im Vorstand kann sich keiner vorstellen, dass hier ein großer See entsteht“, sagt Volksbad-Betriebsleiter Witte. Insbesondere, da ja seit Jahren schon an der benachbarten Wasserstadt Limmer gebaut werde: „Will man da wirklich noch mal lahrzehntelang Erde ausbuddeln?“, fragt Witte.

Das Gebiet des geplanten „Süd-Sees“ bietet durchaus Überraschendes, was wegen seiner eher versteckten Lage in der öffentlichen Aufmerksamkeit eher verborgen ist. Ganz im Osten befindet sich der Ernst-August-Kanal an der Herrenhäuser Wasserkunst, zu dem immerhin eine der ältesten erhaltenen Schleusen Europas gehört. Das 1760 errichtete Bauwerk (der Vorgängerbau von 1721 funktionierte nicht) mit den riesigen Schleusentoren aus Eichenholz wurde erst zur Expo saniert.

Das Schwimmbad am Stockhardtweg, die Gaststätte des Turnvereins TSG an der Dorotheenstraße und das technische Klärwerk am Dünenweg wären „Landmarken“, die am See weiterhin Bestand haben müssten. Noch kann sich das hier keiner vorstellen. Die geplante Machbarkeitsstudie soll nun zeigen, ob die Idee überhaupt umsetzbar sind.


Das geplante Projekt "Leine-Bogen" in Hannover auf einer größeren Karte anzeigen

Eine neue Straße zwischen den Seen

Kürzere Wege trotz Großsee – oder sogar eher deswegen: Wer sich den Entwurf des Architekten Peter Grobe für den „Süd-See“ des geplanten, 905 Hektar großen Kunstsees genau anschaut, findet eine neue Straßenverbindung. Grobe hat die nie gebaute Verlängerung der Trasse des Niedersachsenrings zu Ende gedacht und damit auf dem Plan eine Verbindung von Herrenhausen nach Ahlem geschaffen. „Eine echte Verbesserung der Verkehrsbeziehungen“, sagt Grobe. Tatsächlich ist der Weg mit dem Auto von Ahlem oder Limmer in die nördlichen Stadtteile bislang sehr beschwerlich: Entweder fährt man westlich über Letter und die manchmal überschwemmte Klappenburgbrücke, oder man wendet sich östlich, muss aber dann mindestens über Limmerstraße und Westschnellweg oder sogar über den Königsworther Platz fahren. Im eigentlich dichten Netz der nach dem Krieg „autogerecht“ ausgebauten Stadt klafft hier seit 60 Jahren eine Lücke – wenn das Jahrhundertprojekt des Großsees „Leine-Bogen“ tatsächlich realisiert werden sollte, will Grobe dieses Manko gleich mitbeheben – „Ost-West-Tangente“ tituliert er die neue Schnellstraße.

Grobe weist aber auch darauf hin, dass bislang alles nur Ideen sind. Eine Machbarkeitsstudie soll zeigen, ob das Großprojekt hydraulisch, von der Wasserqualität und den Umweltauflagen aus überhaupt machbar ist. Auch zur häufigen Sorge der Anwohner, dass der geplante Großsee möglicherweise bei Hochwasser Probleme machen könnte, gibt es noch keine endgültigen Aussagen. Allerdings ist nicht so sehr geplant, den See durch Aufstauen von Wasser herzustellen, sondern vor allem durch Ausbaggern von Boden – eine Hochwassergefahr würde allein dadurch nicht entstehen.

An die neuen Ufer des Großsees hat Grobe phantasievolle Gebilde gestellt. Dem Volksbad am Stockhardtweg hat er ein „Kleines Strandbad“ in Form einer Insel zur Seite gestellt, am Südufer des „Süd-Sees“ Wasserhäuser der „Ahlemer Spange“ und vier „Wassertürme“ aufgereiht, bei den Sportplätzen des Turnvereins TSC schlängelt sich der Uferweg am Wasser entlang. Am Klärwerk soll eine Schleuse dafür sorgen, dass die drei Einzelseen des Großprojekts unterschiedliche Wasserhöhen haben – immerhin verfügt die Leine in diesem Bereich über ein Gefälle von 4,5 Metern. Und am Ostende des Sees will Grobe nahe beim Ernst-August-Kanal mit der historischen Schleuse einen Kunstpark anlegen. Schöne neue Seen-Welt – auf dem Papier ist sie schon bis ins Detail ausgefeilt.

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