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Barsinghausen Kirchdorfer kämpften bis zuletzt gegen Eingemeindung
Umland Barsinghausen Kirchdorfer kämpften bis zuletzt gegen Eingemeindung
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13:56 03.07.2018
Zeitzeuge: Friedrich Wissel, ehemaliger Vorsitzender des TSV Kirchdorf, erinnert sich noch gut an die Vorbehalte, die die Kirchdorfer vor 50 Jahren gegen den Zusammenschluss mit den Nachbargemeinden hatten. Quelle: Mirko Haendel
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Egestorf/Kirchdorf/Barsinghausen

 

Fast auf den Tag genau vor 50 Jahren hat Barsinghausen den ersten Schritt in Richtung Stadtgründung vollzogen. Von der Eingemeindung der Nachbargemeinden Kirchdorf und Egestorf am 1. Juli 1968 waren allerdings längst nicht alle Betroffenen begeistert. Es gab harte Widerstände, und am Ende musste der Landtag in Hannover die drei Orte per Gesetz zu ihrem Glück zwingen.

Wer heute von Barsinghausens Kernstadt aus gen Osten über die Egestorfer- und die Stoppstraße fährt, der fragt sich, wo die Ortsgrenzen denn überhaupt verlaufen. Die Bebauung ist lückenlos, die Flurgrenzen verschachtelt, und der Kirchdorfer Bahnhof steht auf Egestorfer Grund. Teilweise wissen sogar Hausbesitzer nicht genau, ob sie in Barsinghausen oder Kirchdorf, in Kirchdorf oder Egestorf gebaut haben.

Das war vor 50 Jahren noch ganz anders. Jeder der drei Orte hatte seine eigene Verwaltung mit eigenem Bürgermeister. Zwar arbeiteten viele Egestorfer und Kirchdorfer in den Barsinghäuser Betrieben, doch war der persönliche Austausch zwischen den Orten noch deutlich geringer als heutzutage – und die Bewohner Kirchdorfs und Egestorfs waren stolze Kirchdorfer oder Egestorfer und eben keine Barsinghäuser.

Walter Theil war in der Zeit von 1964 bis 1980 Barsinghäuser Bürgermeister und begleitete die Eingemeindung von Egestorf und Kirchdorf im Jahr 1968. Quelle: Archiv

Kirchdorf war gemessen an Einwohnerzahl und räumlicher Ausdehnung der kleinste der drei Orte, doch ist er auch deutlich älter als Barsinghausen und Egestorf. Diese Tatsache und seine eingezwängte Lage zwischen den Nachbarn sorgte bei den Kirchdorfern zum einen traditionell für ausgeprägtes Selbstbewusstsein, andererseits aber auch für großes Misstrauen insbesondere gegenüber den, aus ihrer Sicht, „Emporkömmlingen“ aus dem relativ jungen, aber stark wachsenden Barsinghausen. „Disharmonien zwischen zwei benachbarten Dörfern sind ja nicht unüblich. Und Barsinghausen war ja Mitte des 19. Jahrhunderts auch nur ein Bauerndorf“, sagt Friedrich Wissel, Ehrenvorsitzender des TSV Kirchdorf. „Doch dann ist Barsinghausen ganz anders gewachsen als wir. Das hat es nicht besser gemacht.“

Und Barsinghausen sollte weiter an Bedeutung gewinnen. Die Landesplaner wollten ab Mitte der 1960er Jahre aus dem ehemaligen Bergarbeiterort mithilfe von Eingemeindungen ein Mittelzentrum mit rund 30.000 Einwohnern, schlagkräftiger Verwaltung, wachsendem Gewerbe sowie einem umfassenden Bildungs-, Kultur- und Freizeitangebot formen. Ihre Pläne basierten auf der Idee von der kommunalstrukturellen Neuordnung des Landes Niedersachsen, im Zuge dieser zahlreiche bisher eigenständige Gemeinden zu größeren Einheiten kommunaler Selbstverwaltung gebündelt werden sollten.

Der Großteil der Barsinghäuser Ratsmitglieder war von den Plänen begeistert. Im Egestorfer Rat wehrte sich – ohne Auswirkungen – lediglich die CDU-Fraktion gegen die Eingemeindung. Egestorf hatte bereits 1966 eine Verwaltungsvereinbarung mit dem großen Nachbarn aus dem Westen abgeschlossen. Barsinghausen erledigte fortan auch die Verwaltungsaufgaben des finanziell und personell überforderten Egestorf und gestattete dessen Bewohnern zugleich die Nutzung seiner Einrichtungen wie Kindergärten, Turnhallen, Schulen und dem Lehrschwimmbecken. Zudem hatte man eine gemeinsame Wasserversorgung. Nur die Kirchdorfer stellten sich quer – parteiübergreifend. Friedrich Wissel meint, die Gründe zu kennen. In Kirchdorf habe es früher geheißen: „Die Barsinghäuser wollen immer bevormunden“, und „Die Barsinghäuser wissen alles besser.“ Davor habe ihn schon seit Vater gewarnt, sagt der 91-Jährige schmunzelnd.

Udo Mientus, ehemaliger SPD-Landtagsabgeordneter aus Barsinghausen und Ende der 1960er Jahre gerade am Beginn seiner politischen Karriere, erklärt das Interesse Barsinghausens an Kirchdorf: „Barsinghausen wollte Stadt werden. Schon dafür brauchte man Kirchdorf, denn alleine ging das nicht.“ Und auch bildungspolitisch habe man Visionen gehabt und wollte in einer Stadt Barsinghausen einen Bildungscampus mit Gymnasium und andere Einrichtungen wie ein Hallenbad entstehen lassen, die zentral liegen sollten. „In Kirchdorf war dafür noch Platz, und es war dank der Bahnhaltestelle verkehrstechnisch gut angebunden“, sagt Mientus.

Udo Mientus erinnert sich noch gut an die Eingemeindung der Barsinghäuser Nachbarorte. In dieser Zeit startete er seine Laufbahn als SPD-Landes- und Kommunalpolitiker. Quelle: Mirko Haendel

Das interessierte die Kirchdorfer nur wenig. Trotz mehrmonatiger Verhandlungen der Gemeinderäte kam es zu keiner Einigung. Gegen eine Eingemeindung von Egestorf und Kirchdorf habe es eigentlich keine sachlichen Gründe gegeben, sagt Mientus. Zum selben Ergebnis kam auch der Innenausschuss des Niedersächsischen Landtags im Mai 1968: „Bei diesem Gemeindezusammenschluss haben in der Tat alle überzeugenden Argumente nicht dazu führen können, zustimmende Mehrheitsbeschlüsse aller drei beteiligten Gemeinden zu erreichen, obwohl alle sachlichen Gesichtspunkte für den Zusammenschluss sprechen.“

In Kirchdorf blieb man dickköpfig, obwohl die Mitglieder des Innenausschusses sogar – laut Mientus „total unüblich“ – in der Gaststätte Emma-Quelle an der Landstraße in Kirchdorf tagten, um die Kirchdorfer von ihrem Ansinnen zu überzeugen. Es half nichts. So kam die Landesregierung aus SPD und CDU zu der Überzeugung, dass die Eingemeindung per Gesetz beschlossen werden müsse. Doch auch in Niedersachsens Hohem Haus waren die Mehrheitsverhältnisse bei diesem Thema äußerst unsicher. Viele befürchteten, Entscheidungen per Gesetz gegen die Mehrheitsverhältnisse in einer Kommunalvertretung herbeizuführen, könnten den Politikverdruss und die außerparlamentarische Opposition stärken.

Nach zwei erfolglosen Abstimmungsversuchen konnte nur noch der sogenannte Hammelsprung helfen. Zur Abstimmung über den Gesetzentwurf mussten die Abgeordneten den Saal verlassen und anschließend über eine Ja-, eine Nein- und eine Enthaltungs-Tür wieder betreten. Nur so konnte im Abstimmungschaos eine genaue Zählung garantiert werden. „Das ist schon ein ziemlich besonderes Ereignis“, bestätigt Mientus. 72 Abgeordnete stimmten mit Ja, 50 Abgeordnete mit Nein, zwei Abgeordnete enthielten sich. Somit war die Eingemeindung per Gesetz beschlossen.

Zu einem Festakt anlässlich der Eingemeindung kam es übrigens nie. „Das hätte sich wohl auch niemand getraut“, mutmaßt Mientus, der sich erinnert, dass viele Kirchdorfer Politiker auch Jahre später noch „immer ziemlich verschnupft“ reagierten. „Heute nimmt diese Rivalität ja kaum noch jemand wahr“, ist der Barsinghäuser überzeugt. Doch feiern will man den Zusammenschluss der Gemeinden auch 50 Jahre später nicht. Auf Anfrage bestätigte die Verwaltung lediglich: „Da im nächsten Jahr sich das Stadtrecht Barsinghausens zum 50. Mal jährt, gehen die Überlegungen dahin, die Eingemeindung im nächsten Jahr mitzufeiern.“

Kirchdorf (hier rot markiert) war zwischen den beiden viel größeren Nachbarn Barsinghausen und Egestorf eingezwängt. Quelle: Archiv

Von Mirko Haendel

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