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Barsinghausen Samaneh aus Afghanistan erzählt ihre Geschichte
Umland Barsinghausen Samaneh aus Afghanistan erzählt ihre Geschichte
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13:54 28.09.2018
Samaneh Khavari hofft, dass sie und ihr Sohn Michael sowie der Rest der Familie in Barsinghausen eine neue Heimat gefunden haben. Quelle: Malecha
Barsinghausen

Ihre Brüder durfte Samaneh Khavari nur kurz kennenlernen und auch an ihren Vater erinnert sich die 23-jährige Afghanin nicht. „Sie sind in Afghanistan gestorben, als ich noch ein Baby war“, sagt die junge Frau und ihr Blick wird traurig. Gemeinsam mit ihrer Mutter flüchtete Khavari damals zum ersten Mal, als 20-Jährige machte sie sich erneut auf den Weg – das Ziel dieses Mal: Deutschland. Mittlerweile lebt sie mit ihren beiden Kindern und ihrem Ehemann in Kirchdorf und hofft hier auf ein besseres Leben für ihre Söhne.

Noch vor einigen Jahren lebte die junge Afghanin im Iran. Dort sah ihr Alltag ganz anders aus, als hier. Eine Schule hat Khavari als Kind nie von innen gesehen. „Als Afghanin durfte ich den Unterricht nicht besuchen“, sagt die 23-Jährige. Denn wer sich weiterbilden oder legal arbeiten will, der braucht die iranische Staatsbürgerschaft. Schon mit zehn oder elf Jahren fing sie an zu arbeiten. „Zuerst habe ich Teppiche geknüpft, dann habe ich als Schneiderin gearbeitet“, sagt sie. Mit dem Geld unterstützte Khavari ihre Familie. Ihre Mutter hatte inzwischen erneut geheiratet, ihr Stiefvater brachte sechs weitere Kinder mit in die Patchworkfamilie. „Eine richtige Kindheit hatte ich nicht.“

Mit 17 heiratete sie ihren Mann, Mohammed Danesh. „Er war der Nachbar einer Freundin. Ein lieber Mann.“ Bald kam ihr erster Sohn Mahdi zur Welt. Doch dann folgten erneut schwere Zeiten für Khavari und ihre junge Familie. Mahdi ist gerade Mal drei Jahre alt, als die Familie flüchten muss. „Mein Mann sollte nach Afghanistan abgeschoben werden – dort konnten wir nicht leben“, sagt sie. Denn den Krieg und die damit verbundene Angst und Gefahr habe sie ihrem kleinen Sohn nicht zumuten wollen.

An ihren Weg nach Deutschland mag sie kaum denken. Größtenteils zu Fuß legten die drei die Balkan-Route zurück, landeten schließlich in Griechenland in einem großen Auffanglager. „Schrecklich“, fasst sie die sieben Tage inmitten zig weiterer Flüchtlinge zusammen. „Es hat ununterbrochen geregnet, die Zelte waren nicht dicht“, beschreibt sie die Zeit. „Einmal wurde sogar Tränengas im Camp eingesetzt – auch mein kleiner Sohn hat das abgekommen.“

Und auch nach der Ankunft in Deutschland blieb es zunächst sehr schwer für die junge Familie – immerhin konnten sie sich kaum verständigen. „Mein Mann spricht zwar Englisch, aber auf den Deutschkurs mussten wir sechs Monate warten“, sagt sie. Nach langem suchen habe sie endlich einen Kurs mit freien Plätzen in der St. Barbara-Gemeinde entdeckt. Mittlerweile kann sie sich sehr gut verständigen und auch ihr Mann hat so gut deutsch gelernt, dass er eine Ausbildung bei Sprengel als Bäcker beginnen konnte. Khavari selbst hätte am liebsten wieder angefangen Hochzeitskleider zu schneidern, doch das sei in Deutschland schwierig. „Ich könnte mir auch vorstellen, einen Pflegeberuf zu erlernen“, sagt sie. Für die Dauer der dreijährigen Ausbildung ihres Mannes hat die Familie einen sicheren Aufenthaltsstatus in Deutschland. Danach droht ihnen bei einem abgelehnten Asylantrag die Abschiebung.

Diese Unsicherheit macht Khavari sehr zu schaffen. „Ich denke jeden Tag daran, in meinem Kopf male ich mir das schlimmste aus“, sagt sie. Denn im Iran habe ihre Familie keine Zukunft, in Afghanistan erst recht nicht. „Ich mag nicht daran denken, was mit uns passiert, wenn wir abgeschoben werden“, sagt die 23-Jährige, deren jüngster Sohn Michael vor etwas mehr als einem Jahr in Deutschland geboren wurde.

Momentan lebt die Familie in der Gemeinschaftsunterkunft an der Max-Planck-Straße – eine nicht gerade optimale Lösung. „Freunde von weiter weg können nicht bei uns übernachten“, sagt sie. Zudem lerne man kaum Deutsche kennen, weil in dem Heim nur Flüchtlinge wohnen. Am schlimmsten sei die Situation allerdings für den sechsjährigen Mahdi, der die Kita besucht und kommendes Jahr eingeschult wird. „Seine Freunde dürfen uns nicht besuchen, weil die Eltern sich Sorgen machen“, sagt Khavari. Das mache den Jungen natürlich traurig.

Den Iran vermisse sie nicht. Nur ihre Mutter, die noch dort lebt, fehle ihr sehr. „Aber im Iran entscheidet der Mann, was die Familie macht – und mein Stiefvater lässt sie nicht gehen“, sagt sie. Dass der Mann das Sagen hat, das kennt Khavari auch noch. „Aber jetzt leben wir in Deutschland“, sagt sie und fügt lachend hinzu: „Ich habe meinem Mann schnell klar gemacht, dass das hier anders läuft.“

Von Lisa Malecha

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