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Abschied vom „Voß’schen Haus“

Barsinghausen Abschied vom „Voß’schen Haus“

1883 wurde das „Voß’sche Haus“ an der heutigen Osterstraße erbaut. Es war Hotel, Gaststätte, Fotostudio und Wohnhaus. Nun ist das alte Gebäude verschwunden. Was auf dem Grundstück entstehen soll, ist noch unklar. 

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Das ehemalige Bahnhofshotel in der Osterstraße 1 um 1885 auf einer Postkarte.

Quelle: Stadtarchiv Barsinghausen

Barsinghausen.  Häufig wird einem erst zu spät deutlich, dass es sich beim Abschied um einen Verlust handeln könnte. Vor einigen Tagen wurde das Haus an der Osterstraße 1 abgerissen. Das Gebäude fristete seit Jahren ein trauriges Dasein, verfiel zusehends, verlor seine letzten Bewohner und war irgendwann in einem Zustand, der eine Sanierung nicht mehr lohnenswert erscheinen ließ. Dabei war die Osterstraße 1 nicht einfach irgendein Gebäude. 

Das ehemalige Bahnhofshotel an der Osterstraße 1 vom Kaiserhof aus fotografiert

Das ehemalige Bahnhofshotel an der Osterstraße 1 vom Kaiserhof aus fotografiert.

Quelle: Stadtarchiv Barsinghausen

Das ehemalige Hofgebäude Nummer 315 wurde nach Informationen des Stadtarchivs Barsinghausen vermutlich im Jahr 1883 errichtet. Erbauer des „Voß’schen Hauses“ war offenbar der Bauunternehmer, Politiker und Funktionär August Voss. Das Gebäude stellt eine Besonderheit dar, da es ursprünglich als Bahnhofshotel und -gaststätte fungierte. 1884 erhielt Carl Mahlke die notwendige Konzession. Im Februar 1886 erteilte der königliche Landrat sogar die Genehmigung für den Bau einer Bierbrauerei, die in einem Hinterhaus des Hotelgebäudes entstand. Eine Anzeige aus der Provinzial-Deister-Leine-Zeitung vom Juli des Jahres warb damit, dass zukünftig zweimal in der Woche frisches Bier ausgeschenkt werde. Kein schlechter Ort für ein Hotel samt Gastwirtschaft, war doch der Eisenbahn-Bahnhof in Sichtweite und Endstation der Straßenbahn direkt vor der Tür. 

Um 1980

Um 1980: Im Erdgeschoss ist noch das alte Hutgeschäft zu sehen.

Quelle: Stadtarchiv Barsinghausen

Für die Schließung des Bahnhofshotels im Januar 1898 gab es einen gewichtigen Grund: Mahlke hatte bereits im Mai desselben Jahres das Grundstück Marktstraße Ecke Bahnhofstraße - also schräg gegenüber seines Hotels – vom Kleinbauern und Kaufmann Moses Philippsohn gekauft. Hier hatte Mahlke den notwendigen Platz, seinen Traum von einem Hotel inklusive Gaststätte und Saal zu verwirklichen. So entstand in Etappen das spätere „ Hotel Kaiserhof“, das erste Haus am Platz. Das Bahnhofshotel war überflüssig geworden. Die Brauerei verpachtete Mahlke. 

Das Haus an der Osterstraße wurde nach dem Neubau des Kaiserhofs in einer Volkszählungsliste für das Jahr 1900 als „unbewohntes Wohnhaus“ bezeichnet. Womöglich fand bereits in diesem Jahr sein umfassender äußerer und wohl auch innerer Umbau zu einem Wohn- und Geschäftshaus statt. Das Aussehen, welches das Haus nun erhielt, sollte bis zum Abriss nahezu unverändert bleiben. Zu erwähnen sind die wunderschönen hölzernen Balkone und Wintergärten, die sich auf der rückwärtigen Seite des Hauses befanden. 

Das Haus an der Osterstraße 1 kurz vor seinem Abriss

Das Haus an der Osterstraße 1 kurz vor seinem Abriss.

Quelle: Malecha

1903 wird als Hauseigentümer ein W. Windhorn genannt, ab 1910 betrieb ein Albert Windhorn ein „Photografisches Atelier“, das laut Zeitungsanzeige eine „reelle Bedienung“ und „normale Preise“ bot. Wann Martha Windhorn, die das Atelier 1927 betrieb, mit ihrem Betrieb in die Bahnhofstraße umzog, ist nicht geklärt. Ein Adressbuch des Jahres 1955 listet allerdings die Geschäftsinhaberin Agnes Mühlberg auf, von der bekannt ist, dass sie im Erdgeschoss ein Geschäft für Hüte und Mützen betrieb und wohl auch selbst Kopfbedeckungen anfertigte. Stadtarchivar Gerald Bredemann hat zudem herausgefunden, dass im Jahr 1980 eine Gisela Stiera das Hutgeschäft führte. 

Als vor einigen Jahren bereits alle Bewohner ausgezogen waren, existierte in dem ehemaligen Hutgeschäft ein kleiner Gebrauchtwaren-Basar. Die Erlöse aus dem Verkauf flossen dem Tierschutzverein Barsinghausen und Umgebung zu.

Was passiert mit dem Grundstück?

Wirklich einladend sieht es hier nicht aus. Seit an der Osterstraße/Ecke Bahnhofstraße die Abrissarbeiten eines alten Hauses begonnen haben, wirkt das Eingangstor ins Stadtzentrum alles andere als schön. „Als langjähriger Barsinghäuser wünsche ich mir, dass wir hier an dieser Stelle mit zentralem Blick eine zeitnahe Lösung finden“, sagt Karl-Heinz Neddemeier, der auch im Rat der Stadt Barsinghausen sitzt. Von einem Schandfleck möchte er zwar nicht sprechen. „Aber so ist es eben, wenn alte Gebäude verschwinden. Dann sieht es leider so aus, zumal man den Eigentümern ja auch nicht ständig auf die Finger schauen kann“, sagt Neddermeier. Bezüglich der Historie des Gebäudes ist er sozusagen ein Mann vom Fach. Er ist Geschäftsführer des Bauunternehmens Voss. Haus und Grundstück gehören früheren Voss-Generationen, damit einer Erbengemeinschaft. „Der Sanierungsstau des Hauses war so groß. Das wären, auch wegen der heutigen energetischen Vorgaben, enorme Kosten geworden. Von daher war es aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoller, das Haus abzureißen“, sagt Neddermeier, „im oberen Stockwerk konnte man schon gar nicht wohnen“. 

Wie geht es also weiter? Florian Jürgens von der Abteilung Planen und Bauen der Stadt Barsinghausen weist darauf hin, dass es sich bei dem Objekt um privates Eigentum handelt. Daher habe die Stadt nicht, wie bei öffentlichen Gebäuden, die komplette Entscheidungshoheit. „Wir werden als Stadt aber nicht vor vollendete Tatsachen gestellt. Denn es liegt in unserem Interesse, dass sich das, was dort irgendwann entsteht, ins Stadtbild einfügt.“ Noch steht jedoch kein Zeitplan fest, geschweige denn ein Bebauungsplan. Der Einfluss der Verwaltung liegt auch darin begründet, „weil die Osterstraße ohnehin Sanierungsgebiet ist, das packen wir demnächst an, daher haben wir ein Mitspracherecht für das neue Gebäude “, so Jürgens. 

Von Stephan Hartung

An der Osterstraße steht nach dem Abriss nicht mal mehr eine Ruine

An der Osterstraße steht nach dem Abriss nicht mal mehr eine Ruine.

Quelle: Stephan Hartung

Von Mirko Haendel

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